Augenhöhe – Ein Vorführ-Effekt

Nach einem heutigen Gespräch (…ich verschweige mal, dass es sich rein zufällig um ein Gespräch mit meiner heißgeliebten Frau handelte…), kamen mir Gedanken, dass ein Film wie „Augenhöhe“, der Vorzeige-Unternehmen unseres nicht mehr ganz so jungen 21. Jahrhunderts zeigt, in zahlreichen Zuschauern ganz bestimmte Gedanken und Gefühle auslösen könnte…

…Gefühle und Gedanken, die sich vielleicht ähnlich den bekannten „Trauer-Phasen“ in einer typischen Reihenfolge anordnen lassen. – Here we go:

1.) Hin und her gerissen zwischen Opferhaltung (Gerettet-Werden) und Opferhaltung (Verfolgt-werden)

Phase 1 besteht im Träumen – Man fragt sich ganz unmittelbar: Warum arbeite ich eigentlich in keinem solchen Unternehmen?

Man wünscht sich also: „Die Erlösung von Außen“ – Ein tolles Unternehmen soll kommen, wie einst der strahlende Prinz auf dem weißen Pferd, soll einen mitnehmen ins Wunder-Business-Traumland, wo alle Rosen duftiger blühen, alle Äpfel reifer sind, die Wiesen grüner, die Chefs empathischer, die Kollegen kollegialer, die Kommunikationswege direkter, die Entscheidungen schneller, die Spielräume größer, die Kunden zufriedener, das Business menschlicher …und, und, und…

Und denkt sich zugleich: Blöde aktuelle Firma, blöder aktueller Chef, blöde aktuelle Kollegen, warum die im Film, warum nicht ich, womit habe ICH das verdient…?

Beide Gedanken sind typische Formen von Opferhaltungen: Sie sehen keinerlei Möglichkeiten und Aktivitäten bei einem selber.

Von dort aus, geht es ganz von allein und auf direktem Weg hinein in Gedanken und Gefühle der Phase 2…

2.) In die Spannung geworfen, die man gewöhnlich zu vermeiden versucht

Sieht man „Augenhöhe“ und mehr noch: trifft man Menschen aus solchen „guten Unternehmen“ und kann sich direkt mit ihnen unterhalten, merkt man in der Regel also überdeutlich, wie scheiße man sich fühlt dort, wo man eben gerade ist. – Man fühlt sich also deutlich schlechter. Erfolgreich hatte man sich arrangiert, hatte man seine Nische gefunden. „Die Arbeitswelt ist eben so“ und „der Feierabend kommt so sicher wie das Amen in der Kirche“.

Nun wird einem das – nur für den Moment – einen großen Deut schwerer gemacht. Nun, da so ein komisches „Sollen“ im Raum steht, wird einem das aktuelle „Sein“ vermiest. – Mitten in einer Seins-Sollens-Differenz zu stehen, jene Spannung auszuhalten, ist auf jeden Fall nicht gerade ein schönes Gefühl…

– Und darauf haben wir in der Regel keinen Bock. – Daher hat man in der Regel auch gar keine große Lust, sich mit irgendwelchen wundertollen Unternehmen irgendwo da draußen in der großen weiten Welt auseinanderzusetzen, wenn es einem grade nicht ganz so gut, aber doch irgendwie okay im eigenen aktuellen Unternehmen geht…

„Was hat das mit mir zu tun!?“ denkt man sich und das Gefühl dazu ist einfach: NIXALSVERDRUSS. (nicht zu verwechseln mit jenem Zenturio, der bei Asterix den Legionär „Haudraufundschluss“ befehligt…)

Es spricht also viel dafür, „in Phase 2“ einfach stecken zu bleiben und sich von dort aus ganz allmählich wieder in „Phase 0“ (= vor dem Sehen des Films) zurückfallen zu lassen. Das ganz natürliche Vergessen ist ein großer Freund des Menschen, wenn der Business-Schuh grad arg zu sehr an der Seele scheuert…

3.) Die „Der Fuchs und die Trauben“-Phase

Diese Phase erreicht man, wenn das mit dem Vergessen und Verdrängen aus kontingenten Gründen grade irgendwie nicht klappen will… 😉

Diese Phase haben offensichtlich einige Menschen bereits erreicht, die über den Film Augenhöhe bloggen und für Zeitungen schreiben…

Sie ist recht einfach zu beschreiben: Um die Spannung aus Phase2 für sich selbst abzubauen (sie fühlt sich auch einfach zu scheiße an, diese Spannung…), erklärt man das Wahrgenommene Gute in jenen Unternehmen zum „nicht mehr ganz so Guten“.

Dafür gibt es viele Mittel: Alle Arten verbreiteter und sonst in vielen Fällen nützlicher Skepsis bieten sich dafür an:

Man kann z.B. annehmen, dass die Ausschnitte willkürlich sind, dass das auch vorhandene Negative „nur nicht gezeigt wird“ oder „nicht in Erscheinung tritt“.

Man kann annehmen, dass es sich um vorübergehende Phänomene handelt: „Diese Firmen werden schon noch sehen was sie davon haben…! – Sie werden über kurz oder lang scheitern oder sich normalisieren…“

Man kann in Frage stellen, ob das alles wirklich so gut ist, ob es nicht auch Nachteile hat.

Man kann „den Hype“ kritisieren.

Oder auf einer Meta-Ebene: Dass überzogene Erwartungen geweckt werden, die „die Menschen noch unzufriedener und anspruchsvoller machen“, d.h. man adelt und überhöht seine eigenen negativen Gefühle aus Phase 2 intellektuell, indem man sie anderen Menschen unterstellt…

Etc. etc. – Die Möglichkeiten, die Trauben für „eigentlich sauer“ zu erklären, weil sie einem unerreichbar scheinen, sind beinahe unbegrenzt…

4.) Man setzt das in seinem Unternehmen um und scheitert

Übersteht man die ersten 3 Phasen halbwegs heil, wird man schließlich und letztlich nicht drum herum kommen, IRGENDWAS zu machen.

Wenn man nun nicht gleich alles stehen und liegen lässt und sich ganz  direkt bei einem jener wenigen Unternehmen bewirbt, die ach so toll sind (Ausagieren der Gefühle aus Phase 1), wird man versuchen, im eigenen Unternehmen Dinge einzubringen, die in jene Richtung gehen, von der man sich im Film persönlich besonders angesprochen fühlte. – Von der man nun deutlicher wahrnimmt, dass sie für einen einfach RICHTIG SO sind.

Und in der Regel wird man: Damit scheitern. – Man wird nochmal deutlicher als jemals zuvor gespiegelt bekommen, was eigentlich so verdammt schwer daran ist, diese Dinge „ins Leben zu bekommen“, im eigenen Arbeitsalltag zu realisieren.

Und das ganz unabhängig davon, ob man das einfach für sich, „im eigenen Arbeitsbereich“ versucht, ob man es „für sein Team oder seine Abteilung“ zu adaptieren versucht, oder ob man in der seltenen Position ist, das in einem ganzen Unternehmen einzuführen…

Man bekommt von der Realität also eine schallende Ohrfeige. – Sie zeigt einem deutlich, wo aktuell der Hammer hängt, der Hund begraben ist, der Bartel den Most holt…

Das ist sozusagen „Phase2 in Aktion“. – Man nimmt durch die Unmittelbarkeit der Reaktionen und das unmittelbare Zerschellen der eigenen Träume und Pläne an der Unternehmensrealität die ganz realen Probleme im eigenen Arbeitsbereich und eigenen Unternehmen um so deutlicher und vor allem: um einiges direkter wahr als bisher. – Man erlebt einiges an Überraschungen. Und sieht einige Dinge so, wie man sie bisher so noch nie gesehen hat.

Von dieser Wahrnehmung aus hat man nun noch einmal die Wahl, sich auf eine der beliebigen anderen Phasen von 0 – 3 zurückfallen zu lassen. – Hier steht einem alles an Möglichkeiten offen…

5.) Realistisches Umsetzen nach eigener Art mit eigenen Zielen im eigenen Umfeld

…man kann aber auch den nächsten Schritt machen: Man löst sich vom Film und den „Vorbildern“ dort und fragt sich:

Was brauche ich eigentlich, um das hier und jetzt für mich in eine Richtung zu kriegen, die ich besser finde und die auch mir besser tut?

Wie mache ich das, dass ich etwas bewege, ohne mir einfach nur eine deftige Ohrfeige von der Realität abzuholen und ohne einfach nur irgendwelchen feuchten Business-Träumen nachzuhängen…?

Was auch immer man dann tut: Mutiger zu sein, Verschlagener zu sein, sich besser vorzubereiten, gezielt nach Verbündeten innen wie außen Ausschau zu halten, etc….

…vielleicht hilft es zu wissen, was im Film nur teilweise gezeigt wird: Fast alle, die ab den Punkt hingelangt sind, an dem der Film „Augenhöhe“ sie zeigt, haben auf ihrem Weg dorthin etwas gewagt, was sie wirklich MUT gekostet hat und was (zumindest „gefühlt“) IHR ENDE IN DIESEM UNTERNEHMEN hätte sein können:

Ob es Lohmann von Allsafe Jungfalk ist, der als Minderheitseigener und Geschäftsführer dem Kontrollgremium von Allsafe mitteilte, dass er in Zukunft keine Forecasts mehr machen werde (worauf er durchaus der GF-Position hätte enthoben werden können…)

Ob es die beiden „Macher“ von HHP Berlin sind, die durchaus noch den Firmeneigner „im Laden“ hatten, als sie als von außen geholte GF begannen „den ganzen Laden auf links zu drehen“…

Ob es die Konzern-Recken von Adidas und Unilever sind, die „von unten“ und „weitgehend auf eigene Faust“ jene Veränderungen anstießen, die schließlich zu jenen Ergebnissen führten, die man im Film Augenhöhe „mit den Augen und Ohren greifen kann…“

…Oder ob es jene zahlreichen im Film nicht auftauchenden, unbekannten Menschen sind, die ICH persönlich kennen lernen durfte in den letzten 3 Jahren, die in ihren Unternehmen Dinge wagen, bei denen mir allein schon beim Zuhören das Herz in die Hose rutscht…

Ihnen allen ist etwas gemeinsam: Sie nutzten Spielräume, die vorhanden waren. Die andere vielleicht nicht sahen. Die andere vielleicht nicht wagten zu sehen. Aus Angst davor, was sie DANN vielleicht tun könnten…

…Denn DIESE Spielräume nutzt man auf eigene Gefahr. Meist: Auf Gefahr der eigenen Position im Unternehmen. Eine Position, die man sich meist „hart erstritten“ und für die man möglicherweise „jahrelang gelitten“ hat.

Die Frage ist immer auch: Ob man das rein subjektive Gefühl hat, „Alternativen zu haben“. Nicht nur: Dinge anders zu machen in Unternehmen. Sondern auch: Dass die Welt nicht untergehen und man nicht sterben wird, wenn das Ding hier schief geht…

Das völlig grundlose Gefühl, scheitern zu dürfen, scheitern zu können, ist eine entscheidende Voraussetzung für den Mut, Neues zu wagen, das durchaus schief gehen und durchaus drastische Konsequenzen für einen haben kann.

„Leben heißt: Nicht zu wissen, was als Nächstes kommt“, steht auf einer Karte, die mir meine Frau einmal zum Geburtstag geschenkt hat. – Und ich möchte bekennen: Ich habe erst mal schwer geschluckt, als ich das gelesen habe…

Phase 5 könnte man daher auch nennen: Man lebt wieder. Man unternimmt wieder etwas. Man unternimmt wirklich etwas. Nicht, weil andere damit so einen wundertollen Erfolg hatten, der nun in irgendeinem Doku-Film gefeiert wird. Sondern weil die Alternative dazu, also: Nichts zu unternehmen, wirklich schrecklich wäre für einen…

Und ich denke, damit hat man den Punkt von Augenhöhe ganz gut erwischt: Man ist wieder auf Augenhöhe mit sich selbst…

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