Der Tag, an dem ich das Management bei mir einführte

…war der Tag, an dem ich mir in den Kopf setzte, meinen Kopf komplett alle meine Körperfunktionen überprüfen und steuern zu lassen:

  • Auf Effizienz.
  • Auf „Könnte man das nicht vielleicht noch besser machen!?“
  • Auf Effektivität.
  • Und überhaupt: Wir brauchen mehr Controlling, hergottnochmal!

Der Kopf befand: Die Verdauungstätigkeit gehörte also aber mal sowas von optimiert. – Er recherchierte am Markt und fand auch bald die zugehörigen Medikamente, die die Sache beschleunigten. Daraufhin verbrannte ich nicht mehr gar so viel Energie für diesen weitgehend banalen Vorgang. Alles ging schneller, irgendwie auch effizienter.

Auch in der Nahrungsaufnahme war Prozessoptimierungen dringend nötig. Wir feuerten also die zugehörigen Mitarbeiter. Denn: „Das kann der, der diese Texte hier schreibt, ja auch nebenher tun.“ – Daraufhin hatten wir viel mehr Zeit und andere Ressourcen frei, um wirklich wichtige Dinge zu tun.

Beim Thema Bewegung hatten wir eine Grundsatzdebatte. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Einer der Vorstände musste daraufhin seinen Hut nehmen. Und zwar derjenige Vorstand, der der völlig vorsinntflutlichen Meinung war, dass Fußball spielen mit den Kumpels meines Sohnes die beste Art für mich sei, um körperlich in Schuss zu bleiben.

Die Mehrheit im  neu gegründete Management-Board war natürlich der weitaus fortschrittlicheren Ansicht, dass solche Spirenzchen eine ungute Mischung der Kompetenzen seien, die Verantwortungsunklarheiten im System Tür und Tor geöffnet hätten („hier geht es nicht um Spaß haben oder Kontakt mit dem Sohnemann – dafür haben wir jetzt doch jeweils ein eigenes Departement! – hier geht es einzig und allein um körperliche Fitness!!!!“).

Als nächstes wurden meine Beziehungen optimiert. Zu diesem Zweck wurden meine Freunde, Bekannte und Verwandten einem internen Audit unterzogen, das sie eindeutig und für alle Beteiligte transparent in A-/B- und C-Kontakte rankte.

Den C-Kontakten wurde „als konsequente Maßnahme“ unmittelbar nach dem Audit ein formelles Schreiben zugestellt, mit dem ich ihnen – in rechtlich einwandfreier Form – die Beziehung aufkündigte.

Den B-Kontakten wurde mitgeteilt, dass sie unter Beobachtung stünden, inklusive eines Kriterienkatalogs, was sie tun könnten, um für mich nützlicher zu werden.

Die A-Kontakte bekamen einen Blumenstrauß und einen Obstkorb via Internet-Bestellung ausgeliefert, verbunden mit dem herzlichen und highly appreciative Kommentar: „Für Deine besonderen Verdienste an meiner Person. – Der Vorstand.“

Eine notwendige, aber natürlich nur vorübergehende Verwirrung in meinem System entstand, als das Management-Board kurzfristig durch das Lesen eines Lebensratgebers ausgetauscht wurde. Dies hatte zur Folge, dass vollkommen neue Ideen von oben ins System eingespeist wurden, inkl. neuer Ernährungs-, Schlaf-, und Beziehungsgewohnheiten. – U.a. veränderte sich dadurch auch die Einordnung meiner Beziehungen und ihre Verteilung auf die A/B/C-Töpfe. – Umfangreiche Entschuldigungsbriefe waren die Folge, auf die leider nur die wenigsten meiner Beziehungspartner reagierten.

Gründe für dieses enttäuschende Verhalten dieser Stakeholder waren leider nicht zu eruieren. Auch nicht durch einen umfangreichen Survey, den sie von meinem neuen Management-Board zugeschickt bekamen. Auch der gezielt gesetzte Anreiz neuer Obstkörbe-Auslieferungen hatte merkwürdigerweise keinen Effekt auf ihre Bereitschaft, den Survey ausgefüllt an mich zurück zu schicken.

Zwischenzeitlich wurde auch bemerkt, dass sich viele Körperteile nicht wirklich an die bereits mühevoll eingeführten Prozessoptimierungen hielten. Darauf wurde gerade bei Ernährungsprozessen („kein Zucker!“) und Ausscheidungsprozessen („2 Minuten auf der Toilette sind definitiv das oberste Limit!“) ein wesentlich strikteres Performance-Review-System eingeführt, inklusive desjenigen Micromanagements, nach dem die betroffenen Körperteile offensichtlich verlangten, da es ihnen in der Vergangenheit ohne detaillierte, sekündliche Anweisungen offenbar eben nicht möglich war, den an sich völlig eindeutigen Prozessanweisungen zu folgen, wie ein schonungsloser Bericht der eigens zu diesem Zweck gegründeten internen Compliance-Taskforce „Mindfuck“ ans Licht brachte.

Um dieses verbesserte Prozesscontrolling durchziehen zu können, wurden zusätzliche Controller und Manager eingestellt. – Dafür konnten mehrere Körperteile entlassen werden („warum 2 Nieren, wenn es eine auch tut?“). Dem schon länger auffällig gewordenen Herz-Departement wurde mittels technischer Optimierungen auf die Sprünge geholfen (aktuellste High-Tech-Lösungen auf dem Herzschrittmacher-Gebiet).

Darüber hinaus wurden natürlich auch viele weitere neue Dinge in Angriff genommen: Die Beine bekamen neue, deutlich verbesserte, weil deutlich klarere Zielvorgaben („exakte Schrittlänge, Schrittfrequenz pro Minute“ – minutiös und differenziert festgelegt für alle anfallenden Situationen und Gelegenheiten). – Der Prozess des Redens wurde in genau Teilabschnitte zerlegt und die einzelten Abschnitte genauer definiert, um eine verbesserte Rhetorik zu gewährleisten (Mund öffnen, Zungenbewegungen, Lippenbewegungen, Mund schließen). – Darüber hinaus wurde ein Memo für jede einzelne Zelle erstellt, die ihr ihre speziellen Aufgaben noch einmal deutlich vor Augen führte. – Weiße Blutkörperchen erhielten zudem nun besondere Benefits und einen Bonus in Form von Vitaminpräparaten, da das neue Management die Wichtigkeit ihrer Tätigkeit für den Gesamtorganismus deutlich klarer erkannt hatte als das zuvor der Fall war.

Eben wollte ich zum Next-Level unserer Management-Maßnahmen durchstarten und hatte dafür auch schon eine hochprofessionelle Consulting-Company mit viel Erfahrung auf dem Feld der analytisch gestützten Gesprächstherapie an Bord geholt (natürlich durch ein seriöses und aufwändiges Ausschreibungs-Verfahren ausgewählt), als ich leider feststellen musste, dass ich aufgrund akuten und für mein Management völlig überraschenden Organversagens verstorben war.

Ich hatte das Atmen vergessen.

…Kann ja mal passieren, wenn man eine stringente Strategie einführt und anspruchsvolle Ziele verfolgt.

– Jetzt ist mein Management frei gesetzt. Aber ehrlich gesagt ist auch das nicht tragisch, denn ich hab schon vom nächsten Unternehmen gehört, das darüber nachdenkt, es sich ins Haus zu holen.

So ist für alle gesorgt.

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2 Gedanken zu “Der Tag, an dem ich das Management bei mir einführte

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