Menü

In love with your company

Es gibt sie natürlich: Die „rosarote Brille der Verliebtheit“ in der ersten Phase, in der man neu an Bord ist, eben gerade einen Job neu angetreten hat. Alles ist neu, alles ist aufregend, man ist hochmotiviert, bringt sich voll ein und möchte „den anderen und zugleich sich selbst neu entdecken“.

Je nachdem, wie man selbst und das Unternehmen, für das man arbeitet, aufgestellt ist, dauert diese Phase länger oder kürzer. In der Regel führt sie aber zu einer nachhaltigen Ernüchterung, wenn nicht sogar in eine bittere Enttäuschung und in stabilen Zynismus, anstatt in eine dauerhaft liebevolle Beziehung mit natürlichen Auf- und Abs des wechselseitigen Engagements. Wir leben in einer Zeit der unglücklichen Arbeits-Ehen, die die Zahl der ebenso viel zu häufigen unglücklichen privaten Ehen noch weit übersteigt.

Und das, so möchte ich hier argumentieren, hat viel damit zu tun, worüber wir in unseren Unternehmen sprechen – und worüber wir in unseren Unternehmen nicht sprechen.

Worüber wir in unseren Unternehmen sprechen: Leistung, Ziele, deadlines, Marktbewegungen, Strategische Neuausrichtungen, die Konkurrenz, nervende Kunden, das neue Auto, das wir uns geleistet haben, 3-Jahres-Pläne, das Essen in der Firmenkantine, Gehaltswünsche, Karrierepfade, den neuen Kollegen, der es nun wirklich nicht bringt, den bevorstehenden und den absolvierten Urlaub, den neuen Chef, der nun wirklich ein echtes Arschloch ist und den Kollegen X, der seine letzte Beförderung nun wirklich gar nicht verdient hat, sondern sie allein seiner Arschkriecherei beim Abteilungsleiter Y verdankt. – Gemeinsam haben diese Themen, wenn sie in dieser Form verhandelt werden, dass sie 1A-Beziehungskiller sind.

Worüber wir in unseren Unternehmen nicht-sprechen: „Das Wir“, das uns verbindet, den tieferen Sinn und „lebenserhaltenden Zweck“ (M.Miyashiro) unseres gemeinsamen Unternehmens, die immer neu auszutarierende Spannung zwischen unserer gemeinsamen Unternehmensidentität (wer wir sind und woher wir kommen) und sich verändernden Kundenbedürfnissen, denen wir weiterhin und wenn möglich immer besser gerecht werden wollen (wohin wir gehen). Wir reden außerdem nicht oder möglichst wenig über unsere persönliche Geschichte und über unser Innenleben und darüber wie sie unsere Präferenzen und Entscheidungen im Job beeinflussen. Wir reden nicht über unsere Gefühle, nicht über unsere Bedürfnisse, weder über unsere individuellen, noch über die Unternehmensbedürfnisse, mit denen wir uns untereinander und mit unserem gemeinsamen Unternehmen verbinden. Wir fragen auch andere nicht ihren Gefühlen und Bedürfnissen und wir fragen nicht nach ihrer persönlichen Geschichte, denn all das wäre ja „unprofessionell“ bzw. es fühlt sich im Unternehmen ziemlich gefährlich an.

Bei gemeinsamen Entscheidungen in unseren Meetings reden wir nur über Inhalte, nicht aber darüber, welche unserer Bedürfnisse dahinter stecken, warum wir eine Richtung bevorzugen und mit einer anderen Probleme haben. Wir reden auch nicht darüber, welche Gefühle es in uns auslösen würde, wenn unsere gemeinsame Entscheidung in diese oder in jene Richtung ausfallen würde. – Wir verbinden uns nicht systematisch miteinander, sondern streiten über Inhalte und verlieren so den Kontakt zueinander.

An anderen Stellen in diesem Forum habe ich das Bild vorgeschlagen, dass wir alle gemeinsam Mitunternehmer und als solche gemeinsame Väter und Mütter eines gemeinsamen Kinds (unseres gemeinsamen Unternehmens) sind, das aus unserem Zusammenschluss hervorgeht, erwächst und von uns gemeinsam gepflegt wird.

Das unterscheidet sich deutlich von der patriarchalen Auffassung, wie sie auch heute noch in manchen Inhabergeführten Unternehmen gepflegt wird, und in der es genau einen Unternehmer/Unternehmerin gibt, der ganz allein die Vater/Mutter-Rollen übernimmt und in der alle anderen „Mitarbeiter“ systematisch in eine Kind-Position gerückt werden (ohne dass das Unternehmen selbst als eigentliches Kind auftaucht).

Solche Unternehmen sind zwar im großen und ganzen immer noch besser dran als jene vollkommen seelenlose Geldvermehrungsmaschinen, in denen letztlich kein einziger Beteiligter (Investoren, Manager, Mitarbeiter, Kunden) eine echte Beziehung zum Unternehmen eingeht, so dass diese „Unternehmen“ eher selbstbedienungsläden gleichen, in denen jeder schaut, wo er bleibt und angstvoll und neidvoll versucht, sich ein möglichst großes Stück vom Kuchen zu ergattern. Und das gilt in solchen Fällen für Investoren/Eigner, Manager, Mitarbeiter und Kunden gleichermaßen, so dass es im Grunde keinen echten Grund für wechselseitige Vorwürfe gibt. Was in solchen Unternehmen aber natürlich niemanden davon abhält, solche moralischen Vorwürfe als effektives Mittel im permanenten Machtkampf um ein größeres Stück vom Unternehmenskuchen zu verwenden.

Immerhin verwirklicht sich also in patrarchalisch/matriarchalisch geführten Unternehmen überhaupt irgendeine menschliche Seele, nämlich die des einen Unternehmers/der einen Unternehmerin. – Da aber alle anderen am Unternehmen beteiligten Menschen in eine Kind-Rolle gedrängt werden, ist diese „Lösung“ ziemlich suboptimal, und zwar vor allem für das Unternehmen selbst: Es könnte -zig, wenn nicht sogar hunderte oder tausende Väter/Mütter haben, die sich um es kümmern. Traurigerweise hat es aber nur eine(n) einzige(n). – Hier kann man an jenes afrikanische Sprichwort denken, dass sagt: „Um ein Kind groß zu ziehen, braucht es ein ganzes Dorf“.

Ich denke, dass jeder Mitunternehmer das Potential hat, zugleich eine „Mutter“ und ein „Vater“ des gemeinsamen Unternehmens zu sein. – Und dass es in jedem „Job“ sowohl mütterliche wie väterliche Qualitäten braucht, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Dabei spielt es eine weitgehend untergeordnete Rolle, ob wir selbst „Mann“ oder „Frau“ sind, denn wir alle vereinen weibliche und männliche Qualitäten in uns, die wir jeweils dann zum Einsatz bringen, wenn sie gerade gebraucht werden.

Unternehmerischen Erfolg, also ein organisch wachsendes und gedeihendes Unternehmen, das aus Lieblosigkeit hervorgeht, kann ich mir dagegen nur schwer vorstellen.

Natürlich kenne ich Unternehmen, die „seelenlos erfolgreich“ sind. Aber diese zehren entweder noch von einer Zeit, in der sie noch eine Seele (andere Eigner, andere Manager, andere Strukturen, eine Mission) hatten, oder sie sind vollgepumpt mit Fremdkapital, leben also nicht vom liebevoll Engagement der beteiligten Menschen, sondern aus einer kompensierenden Energie heraus. Beide Formen sind durch eine rein betriebswirtschaftliche Brille gesehen hochineffizient. Beide Arten von Unternehmen sind „Unternehmenszombies“: Innerlich leblos, ohne Seele, ohne Richtung, ohne Ausrichtung auf Kunden und Mitarbeiter, ohne lebendigen Wunsch, vorhandene menschliche Bedürfnisse zu befriedigen und dies zum Zentrum und zur Quelle der gemeinsamen Unternehmung zu machen.

Ich persönlichlich möchte sehr gern sehen, was passiert, wenn wir in dieser Hinsicht durchaus auch „streng“ sind (oder vielleicht besser: „klar“ oder „entschieden“) und aufhören, Lieblosigkeit in Bezug auf unsere Unternehmen zu dulden, egal wo und wann sie uns auffällt oder begegnet. An erster Stelle bei uns selbst, also wenn wir bemerken, dass wir selbst gerade lieblos handeln, unsere Seele unbeteiligt, abgeschottet ist und wir in einem unserer routinierten Selbst-Schutz-Modi unterwegs sind.

Aber ich möchte auch gern sehen, was passiert, wenn wir anfangen den Mut zu haben, es anzusprechen, wenn uns die Lieblosigkeit anderer in Bezug auf ihre eigenen Unternehmungen auffällt. – Denn ich glaube, wir alle brauchen solche Hinweise manchmal. Sicher nicht in der Form von „Kritik“ oder anderen demütigenden, kleinmachenden Formen der Kommunikation. Wohl aber in Form von Anteilnahme und Ermutigung, dass uns mehr und anderes möglich ist als das, was wir gerade realisieren. Und das heißt an erster Stelle: Dass wir eine andere, liebevollere Haltung zu dem einnehmen können, was wir gerade tun.

Nach meinem aktuellen Eindruck ist einer der unmittelbarsten Wege zu einer liebevollen Haltung zu eigenen Handlungen / Unternehmungen, darauf zu fokussieren, was sie in anderen Menschen auslösen. D.h. darauf zu fokussieren, was für einen tieferen Sinn diese Unternehmen haben und inwiefern sie eigene Bedürfnisse und zugleich die Bedürfnisse anderer Menschen befriedigen. Der letzte Sinn jeglichen Handelns / Unternehmens ist die Steigerung der Freude. Denn Freude entsteht ganz von allein, wann immer echte Bedürfnisse effektiv befriedigt werden.

Und Unternehmen mit so einem Bedüfnis-Fokus sind Unternehmen, die „als unsere Kinder“ durchaus unsere Liebe verdient haben.

Zur Vielschichtigkeit des Begriffes „Liebe“ siehe u.a. auch hier: https://www.xing.com/communities/posts/mehr-agape-und-philia-und-weniger-eros-in-unternehmen-1002918084

[Dieser Artikel ist die unveränderte Neuveröffentlichung eines Beitrags, der erstmals am 19.04.2014 auf Xing erschienen ist.]

Advertisements

Die drei Formen der Selbstliebe – Im Business – Von Unternehmen

DIE DREI FORMEN DER SELBSTLIEBE

Trifft man die Unterscheidung der drei Formen der Liebe: Agape, Philia, Eros auch bei der Selbstliebe, so kann man dem Konzept und der Haltung der Selbstliebe vielleicht ein paar neue, spannende Seiten abgewinnen:

  • Agape: Die Liebe zu dem, was aus uns selbst hervorgeht, auch die sorgende oder „mütterliche“ Liebe (obgleich es durchaus männlich-väterliche Formen der Agape gibt).

Bei der Selbstliebe in der Haltung der Agape sind wir auf beiden Seiten der guten Selbstsorge: Als die Umsorgenden und die Umsorgten. Wir gehen aus uns selbst hervor und lieben uns als das, was aus uns hervorgeht und lassen uns von uns selbst umsorgen.

Was sich etwas abgehoben anhört, kann z.B. bedeuten, dass wir uns bewusst sind, was wir bereits geleistet und mit uns selbst geschaffen haben. Dass wir auf eine ganz unaufgeregte und unaufgeblasene Weise „stolz auf uns selbst“ sind. Dass wir auch nicht zulassen, dass wir uns schlechtes antun oder schlechtes von anderen antun lassen, weil wir dazu viel zu wertvoll sind.

Dass wir unsere Bedürfnisse achten, so wie wir die Bedürfnisse unserer realen Kinder achten. Und dass wir das Kind in uns selbst lieben, achten und umsorgen.

  • Philia: Der Klassiker. Findet sich in der Formulierung „mit sich selbst befreundet sein“. Denn Philia ist die freundschaftliche Liebe. Sie beruht im Grunde auf wahrnehmbarer Ähnlichkeit. „Selbstliebe“ im Sinne von philia kann also u.a. heißen: Selbstähnlichkeit pflegen, sich selbst treu bleiben und die eigene Identität bewahren, schätzen, wer man ist und es bewusst erhalten. – Auch gegen Widerstände, Kritik und Anfeindungen. Zu sich stehen wie zu einem guten Freund. Selbstkritik annehmen können, auf der Basis von Selbstschätzung (das Gute, das man schon ist), eben auch: Wie von einem guten Freund, von dem man weiß, dass er einen im Grunde schätzt, und der einem daher Dinge sagen darf, die man sonst von niemandem anzunehmen bereit ist.

  • Eros: Im Kontext von „Selbstliebe“ fast die spannendste Form von Liebe. Denn Eros ist die Liebe zu dem, was wir eben nicht sind und nicht haben. – Bei Selbstliebe kann das heißen: Liebe zum eigenen „höheren/besseren Selbst“, Liebe zu dem, der man sein könnte oder sein möchte. – Unpathetischer ausgedrückt: Ein tiefer Wunsch nach Weiterentwicklung, der einen mehr als alles andere dazu bringen kann, bisherige Grenzen zu überschreiten und alle Ängste, die einen sonst beherrschen, für den Moment zu vergessen.

Eros ist immer auch die „unvernüftigste“ oder „gefährlichste“ Form der Liebe. Sie kann leicht abrutschen in Gier, Maßlosigkeit oder ähnliches. Dann aber ist sie nicht mehr Eros, sondern hat die reine, nackte Angst als Wurzel.

Denn Eros – wie sehr schön in Platons „Gastmahl“ beschrieben – ist auch die Liebe zu dem, was ganz real erreichbar ist.

„Erotische Selbstliebe“, einmal getrennt von jenem verkürzten und engen „Erotik-Begriff“, den wir im Alltag und den Boulevard-Medien pflegen, bedeutet dann, angefixt von den eigenen Möglichkeiten zu sein, die man eben noch nicht realisiert hat.

Und daraus sehr viel Kraft und Energie zu ziehen. – Oder noch einmal hochtrabend: Sich, wie man so schön sagt, voll und ganz „selbst zu verwirklichen“. Und dadurch sein altes Selbst zu verlieren und abzustreifen und in neue Selbstaspekte hineinzugehen und dazuzugewinnen.

Alle, die ernsthaft damit beschäftigt sind, „anderes aus sich zu machen“, sind von Selbstliebe in der Eros-Version beseelt.

SELBSTLIEBE IM BUSINESS

Was kann das alles aber nun bei beruflichen Aktivitäten, „im Business“, im unternehmerischer Tätigkeit bedeuten?

Mal ein paar spielerische Versuche, was Selbstliebe im Business unter anderem heißen könnte:

  • Agape:

– Sich gut um all seine Bedürfnisse zu kümmern.

– Nicht von anderen zu erwarten, dass sie dafür da sind, dass es einem gut geht (Vorgesetzter, Kollegen, andere), sondern sich selbst für sein eigenes Wohlergehen im Beruf verantwortlich zu fühlen.

– Und daher rechtzeitig aktiv zu werden. Wünsche zu äußern und sich für die Realisierung dessen von sich aus einzusetzen, was man braucht, um einen guten Job machen zu können.

– Pausen zu machen.

– Nicht dauerhaft über eigene Grenzen gehen oder eigene Grenzen verletzen zu lassen.

– Sich selbst „zu hegen und zu pflegen“.

– Sich selbst als wertvolle Ressource betrachten; ohne Erwartung, dass diese Sichtweise von anderen geteilt werden muss.

– Die eigenen „Werke“: Was man geschafft und hervorgebracht hat, wertschätzen, sichtbar machen und sich auch bei Kritik offen vor sie stellen. – Keine falsche Bescheidenheit pflegen, sondern produktive Demut und unproduktives Sich-Klein-Machen differenzieren.

– Sich selbst loben, ermutigen und bestärken.

– Sich sich selbst bewusst liebevoll zuwenden, wenn man im Job gerade Angst hat (was bei jedem oft vorkommt, aber kaum von jemandem offen thematisiert wird).

– Die eigenen Gaben: Erworbene und natürliche Fähigkeiten schätzen und ausbauen. Dafür sorgen, dass sie erhalten bleiben.

  • Philia:

– Der letzte Punkt unter „Agape“ könnte auch unter „Philia“ fallen. Je nachdem, ob man sich selbst mehr elterlich oder freundschaftlich zuwendet.

– Im Unternehmen bewusst die Nähe derjenigen Menschen suchen, die einem gerade gut tun. Denjenigen nach Möglichkeit aus dem Weg gehen, die einen im Moment gerade völlig überfordern und die einen nur schwächen.

– Falsches Pflichtbewusstsein ablegen.

– Eigene Schwächen lieben. Innerlich zu ihnen stehen (getreu dem Motto: „Wir schätzen uns für unsere Stärken, aber wir lieben uns für unsere Schwächen“). – Sich nicht selbst fertig machen, sondern sich selbst den Rücken stärken: „Passt schon, ich bin überwiegend ganz okay.“

– Job- und Aufgabenangebote intern wie extern ablehnen, wenn sie einen weg von dem führen, was man will und was wirklich zu einem passt. – Auch dann, wenn sie mit Status- und finanziellen Zugewinnen verbunden sind. – Die emotionalen Tricks der davon Enttäuschten von sich abperlen lassen.

– Verantwortung übernehmen, die man wirklich haben will. Die sich in diesem Feld bietenden Gelegenheiten beherzt nutzen; ebenfalls intern wie extern.

– Wenn man von der Rolle ist: Sich die Zeit und die Räume nehmen, die man braucht, um zurück in die eigene Spur zu finden. – Sich selbst sein lassen. Motto: „Mein Unternehmen braucht mich so, wie ich wirklich bin und sein kann, nicht in denaturierter Form.“

  • Eros:

– Die eigene Weiterentwicklung nicht dem Belieben des zufällig „Vorgesetzten“ und der Personalentwicklung und ihrer Politik überlassen. – Sondern den eigenen Weg gehen und sich von ihm „ziehen lassen“.

– Sich grundsätzlich (egal wann, egal wo) als Unternehmer verstehen, der noch nicht realisiert hat, was er realisieren kann. – Nicht davon träumen, sondern daran arbeiten. Täglich.

– Sich mit Menschen zusammen tun, die etwas in einem zum Schwingen bringen.

– Sich an Menschen (in der Vergangenheit, in der Gegenwart) orientieren, die man ehrlich bewundert. DASS man sie bewundert als Zeichen dafür verstehen, dass man genau das, was man an ihnen bewundert, auch in sich hat.

– Sich jeglichen Fehler und jeglichen Rückschlag verzeihen. – Daraus lernen, Mund abputzen, und weiter geht’s…!

– Sich nicht von außen irritieren lassen, sondern den Blick auf das gerichtet halten, was für einen erreichbar ist.

– Die eigene Faulheit, Trägheit und Bequemlichkeit überwinden. – Nicht, weil andere es verlangen oder es anderen in den Kram passt, sondern weil man selbst am besten weiß, wie gut man wirklich sein kann.

Das alles nur als erste Ideensammlung…

SELBSTLIEBE VON UNTERNEHMEN

Jetzt wird’s richtig spannend: Sich selbst liebende Unternehmen? – Das soll erstrebenswert sein? Ist nicht „Selbstverliebtheit“ genau das, was man vielen Unternehmen vorwerfen muss, die nicht gerade nachahmenswerte Praktiken pflegen, die ihre Kunden melken, anstatt ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und ihren Nutzen als das Ziel aller gemeinsamer Anstrengungen zu verstehen?

Die Analyse kann aber auch ganz anders aussehen, wenn sie „Selbstliebe“ zum Dreh- und Angelpunkt macht: Diese Unternehmen lieben sich eben nicht, sondern sind ungeliebte Selbstbedienungsläden für alle Stakeholder, die jeweils „das meiste für sich herauszuholen versuchen“. – Will man das ändern, kann die für diese Unternehmen völlig neue Pflege von Selbstliebe ein inspirierender Ansatzpunkt sein.

Doch was heißt das konkreter? – Auch hier hilft möglicherweise der gehaltvollere Fokus der „3 Liebesformen“, um ein klein weniger klarer und praktischer zu werden:

  • Agape:

– Wir kümmer uns im Unternehmen um einander. Ganz altmodisch. So, wie das früher mal in einigen Handwerksbetrieben so war und wie man es dort auch heute noch vereinzelt beobachten kann. – Nicht patriarchalisch à la Trigema, sondern jeder um jeden. Auf Augenhöhe.

– Wir kümmern uns darum, was aus unseren Kunden und was aus unseren Produkten wird. Auch nach dem Vertragsabschluss, auch nach dem Verkauf. – Wir betrachten auch das als „unsere Sache“. Wir externalisieren keine Kosten, sondern übernehmen Verantwortung für das, „was aus uns hervorgeht“.

– Wir lieben unsere Produkte. Wir lieben zufriedene Kunden. – Und daher suchen wir auch den möglichst menschlichen, möglichst unmittelbaren Kontakt mit ihnen. – Wir verlieren NICHT aus den Augen, wofür wir all das tun, was wir tagtäglich tun, woraus unserer Business-Alltag besteht. – Für dieses „Uns-unsere-Effekte-lebhaft-vor-Augen-führen“ finden wir konkrete Formen, die zu uns passen, die uns selbst beflügeln und die wir nicht als leeren Business-Selbst-Beweihräucherungs-Blabla empfinden.

  • Philia:

– Wir achten darauf, dass wir uns als Unternehmen treu bleiben. – D.h. wir prüfen regelmäßig gemeinsam, wie gut es um unser Unternehmensbedürfnis „Identität“ bestellt ist. – Wir stellen uns unseren Märkten – Aber auf unsere Weise. Wir lassen uns weder von der Konkurrenz noch von den Medien kirre machen. Wir gehen unseren Weg. Und unsere auch sehr guten Mitbewerber sollen den ihren gehen und mit ihm glücklich werden. – Benchmarking ist kein Thema für uns. Wir lernen lieber von uns selbst: Aus unseren eigenen Erfahrungen mit unseren eigenen Kunden und aus unserer sehr guten und engen Beziehung zu ihnen. – Wir lernen aus Liebe zu unseren Produkten, Dienstleistungen und Kunden, nicht aus Angst vor Verlust von Marktanteilen.

– Wir pflegen freundschaftliche Kontakte zu vielen unserer Stakeholder und zu ähnlichen Unternehmen wie dem unseren. Kontakte, die uns gut tun. – Sie helfen uns, auf unserem Weg zu bleiben.

– Wir prüfen immer mal wieder, ob wir noch „bei uns“ sind, oder ob wir uns im operativen Business und im Jagd nach dem schnellen Erfolg verloren haben. – Bemerken wir, dass es bei uns in diese Richtung geht, dann bagatellisieren wir das nicht, sondern ändern was. – Selbst. Denn DAFÜR brauchen wir ganz sicher keine „Unternehmensberater“.

– Wir pflegen systematisch die Augenhöhe in unserem Unternehmen: Jeder hat Wertvolles beizutragen, jeder muss sich ohne großen Aufwand Gehör verschaffen können: Es könnte wertvoll für unser Unternehmen sein und es könnte nur für DIESEN Mitunternehmer wahrnehmbar sein. – Auch dadurch bleibt unser Unternehmen „mit sich selbst befreundet“.

  • Eros:

 – Wir sprechen im Arbeitsalltag ganz natürlich immer mal wieder darüber, wo wir gemeinsam hinwollen und was wir gemeinsam erreichen können. – Unabgehoben, unaufgesetzt.

– Wir achten bei Neuankömmlingen darauf, dass wir ihnen unser „life affirming purpose“ klipp und klar vor Augen führen. – So dass sie eine Chance haben, für sich zu erkennen, ob sie wirklich ein Teil DAVON werden und wirklich DARAN Tag für Tag arbeiten wollen.

– Wir sind achtsam gegenüber sich spontan bietenden Möglichkeiten, dem, was uns als Unternehmen wichtig ist, noch besser gerecht werden zu können. – Dafür schaffen wir Räume im Alltag. Gesprächsräume, Reflexionsräume. – Und weil Chancen nunmal spontan auftreten, warten wir nicht auf Ausnahmezustände, sondern schaffen Strukturen, in denen immer Raum dafür da ist, darauf ebenso spontan reagieren zu können.

– Wir machen unseren Lebenserhaltenden Zweck sichtbar: Für uns, für die Kunden, für andere beteiligte Menschen. – Wir schämen uns nicht dafür, als Unternehmen „so idealistisch“ daherzukommen. Wir haben keine Scheu vor „Sinn“. Und wir haben keine Angst, dass wir dem im Alltag nicht gerecht werden können. Genau daran arbeiten wir ja. DAS ist die Herausforderung, die wir uns auf die Fahne geschrieben haben, und eben die Herausforderung, die wir täglich neu annehmen und er wir uns täglich neu stellen. – Wenn wir daran mal scheitern: Was soll’s? Auch dann stehen wir wieder auf, lernen daraus und werden genau dadurch immer besser. – Und das macht uns nicht so leicht einer nach. Denn wir messen uns nicht an anderen, sondern an uns selbst und an dem, was WIR sein können.

Auch das nur als eine erste Ideensammlung.

Was Liebe in unserem Unternehmen verloren hat – Was unser Unternehmen an Liebe gewinnt

„Liebe“ ist im Kern die wiederholte Bezugnahme auf etwas, bei dem wir jeweils das Gefühl der Freude empfinden, weil unser Bewusstsein „ja“ zu diesem etwas sagt, so wie es ist, weil wir es affirmieren mit einem „das ist gut so, das ist schön so, das ist richtig so“.

Liebe geht über das rein Momentane der Freude hinaus und stellt eine beinahe identifikatorische, jedenfalls dauerhafte Bindung her zu jenem etwas. Und sie führt dazu, dass wir an jenem „etwas“ immer neue Details und Aspekte entdecken, die wir ebenfalls bejahen und an denen wir uns ebenfalls freuen.

Der menschlichen Liebesfähigkeit sind daher im Grunde kaum Grenzen gesetzt. Wir können alles mögliche lieben: Bestimmte Aktivitäten, Gegenstände, lebende Wesen, Dinge, natürliches, künstliches, Abstraktes, Komplexes, Kompliziertes, Einfaches, Orte, Situationen, usw. usf.

Es gibt laute und leise Formen der Liebe, solche die mit einer Form äußerer Aktivität verbunden sind und scheinpar passive, die ohne auskommen. Es gibt manchmal den Wunsch von Fürsorge für „das Objekt der Liebe“, den Wunsch, etwas zu seinem Wohlergehen beizutragen, vielleicht auch: alles, was man kann, zu seinem Wohlergehen beizutragen, aber auch das ist keine Notwendigkeit, damit es sich um Liebe handelt.

Liebe hat auch viel mit Betroffen-Sein, Verletzlichkeit und Mitgefühl zu tun. „Es macht etwas mit mir“, wie es um das, was ich liebe, gerade bestellt ist. Es lässt mich nicht kalt, es bewegt mich. – Und das obwohl wir eigentlich getrennt sind, obwohl es nichts mit mir machen müsste, weil da eben eine Trennung ist, die bedeutet, dass es mich kalt lassen könnte, nicht bewegen müsste.

Denn dies ist ein weiterer zentraler Aspekt der Liebe: Ihre völlige Freiwilligkeit und Ungezwungenheit. In der Liebe gehe ich eine Bindung ein, ich übernehme Verantwortung („etwas in mir antwortet auf das, was ich ‚da draußen‘ vorfinde, nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder“). Aber ich tue es nicht aus Zwang oder aus der Not heraus. Ich könnte es immer auch nicht tun und wäre dann ungebundener und (oberflächlich gesehen) freier. Auf jeden Fall viel weniger verletztlich. Nicht mehr zu lieben bedeutet Sicherheit, „jetzt kann mir nichts mehr etwas anhaben“, ich schütze mich. Liebe ist daher auch Wahnsinn: Völlig freiwillig mache ich mich noch verletzlicher als ich ohnehin schon bin, in dem ich mich mit etwas anderem verbinde, mit dem vielerlei der Fall sein kann, was dann auch mich berührt.

Aufgrund unserer prinzipiell unbegrenzten Liebesfähigkeit heraus sind wir ganz selbstverständlich auch in der Lage, ein bestimmtes Unternehmen zu lieben. Die Liebe zu einem Unternehmen ist sogar leichter und naheliegender als die Liebe zu vielem Anderen. Denn hier wird ja produziert, hier entsteht täglich Neues und wird anderen Menschen zur Verfügung gestellt. Der Aspekt des „Gebens“ ist sehr lebendig in Unternehmen, auch wenn man vordergründig oft den Eindruck hat, es ginge nur ums (Ein-)Nehmen.

Wichtiger aber ist noch, was mit den Mitunternehmern eines Unternehmens passiert und ob sie  „in einer erkennbar bestimmten Liebe zusammenkommen“. – Sehr naheliegend ist im Fall von Unternehmen die Liebe zu bestimmten Kunden, bzw. die Liebe dazu, für andere Menschen etwas Bestimmtes zu leisten, zu liefern, zur Verfügung zu stellen, Menschen, die dann rückwirkend als „Kunden“ bezeichnet werden können. – Eine sehr abstrakte Liebe.

Denn da im Unternehmen die unterschiedlichen Mitunternehmer sehr unterschiedliches tun, kann man auch nur im übertragenen Sinn von einer „gemeinsamen Aktivität“ oder von der „Liebe zu einer gemeinsamen Aktivität“ sprechen. Ich kann auch die Geschäftsführerin, der Buchhalter, die Empfangsdame oder der ITler dieses Unternehmens sein. Und dennoch kann es sein, dass es mir nicht egal ist, wozu meine eigene spezifische Aktivität am Ende beiträgt. – WENN das so ist, dann haben wir als Mitunternehmer in unserem Unternehmen eine echte, dauerhafte Verbindung, eine echte Geschäftsgrundlage. Wenn nicht, dann haben wir im Grunde gar keine Verbindung und unser Unternehmen verkommt über kurz oder lang zu so etwas wie einer Räuberbande mit schöner Verpackung und Eintrag im Unternehmensregister.

Die Liebe zu einem Unternehmen und dass ein Unternehmen überhaupt liebesfähig und liebenswert ist, muss daher täglich gepflegt sein. – Ganz genauso wie jede andere Form von Liebe auch. Wir nehmen dann in unserem Unternehmen mehrmals an jedem Tag unserer gemeinsamen Arbeit aktiv Bezug auf das Wesentliche unseres Unternehmens, auf das, worum es in unserem Unternehmen eigentlich geht. – Wir verlieren uns nicht in den notwendigen Details, ToDos, Prozessen usw., sondern wir finden unsere gemeinsame Liebe in ihnen wieder. Wir lassen uns unsere Liebe nicht von den Anforderungen des daily business davonschwemmen, sondern tragen sie in dieses daily business hinein und formen es so, dass es zu einem einzigen Ausdruck unserer gemeinsamen Liebe wird.

Das klingt obsessiv und vielleicht ist es das auch. Aber es gibt eben auch stille, leise, unaufgeregte Formen der Liebe, die wenig mit dem zu tun haben, was uns in Medien, Werbung und Filmen verkauft wird. Formen, in denen man ganz bei sich ist und ganz bei der Sache und ganz beim Anderen.

Im Kern geht es im Unternehmertum darum, dass man etwas tut, was für andere von Wert ist, und sich DABEI nicht verliert. Eben dann wird unternehmerische Tätigkeit zum stimmigen Ausdruck von Liebe.

Und dann kommt ein weiterer wesentlicher Aspekt von Liebe zum Tragen: Die Selbstauflösung ohne Selbstauflösung. Man geht auf in etwas, „das größer ist als man selbst“, aber man bleibt bestehen, opfert sich nicht auf, geht darin nicht unter. „Liebe im Unternehmen“ hat mit dem Märtyrertum, das wir derzeit in vielen Unternehmen erleben, nichts zu schaffen. Dieses Märtyrertum lässt eine kaputte Gesundheit zurück und zerstört zwischenmenschliche Beziehungen. Es verarmt emotional und manchmal sogar geistig. Liebe ist – mit dieser Überspitzung sollte man vorher aufräumen, bevor man mit dem Begriff der Liebe auf Unternehmen losgeht 😉 – eben nicht Selbstaufgabe, ist nicht heroisch. Sie ist einfach die bestmögliche, erfüllendste Form des Zusammenkommens und Sich-aufeinander-Beziehens, in dem beide Seite so wie sie sind gefeiert werden: Das Liebende und das Geliebte. Wenn das Geliebte das Liebende auffrisst, dann kann es sich um alles möglich handeln, aber sicher nicht um Liebe.

Und es gibt eben auch sehr asymmetrische Formen der Liebe. „Unternehmen“ ist eine davon (die Liebe zur Erfüllung bestimmter Kundenbedürfnisse). Eltern-Sein eine andere.

Mehr Agape und Philia und weniger Eros in Unternehmen

In der klassischen Tradition gibt es nicht EINE Form der Liebe, sondern 3:
Agape, Philia und Eros.

Im Folgenden gebe ich meine Privatdeutung der Differenzierung zwischen diesen 3 Liebesformen wieder und setze sie dazu in Beziehung, was in unseren Unternehmen los ist. Meine generelle These ist: Agape und Philia sind heute in vielen Unternehmen stark unterrepräsentiert, Eros stark überrepräsentiert. Die „Liebesfähigkeit unserer Unternehmen“ ist in einem starken Ungleichgewicht, das nach Ausgleich strebt.

„Agape“ ist in meiner Deutung die „Mütterliche Liebe“: Es ist die Liebe der Eltern zu ihren Kindern, des Gärtners zu seinen Blumen, in der klassischen Tradition: Die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung. Es ist die Liebe zu dem, was nicht wir selber sind, was aber aus uns hervorgeht und von uns genährt wird. AGAPE ist daher AUCH die Liebe zum eigenen Werk. – Agape ist immer dann „in Form“ oder „in Aktion“, wenn wir „hegen und pflegen“, wenn wir eigene Bedürfnisse zum Wohl eines anderen zurückstellen, mit dem wir uns aus einer „elterlichen Haltung“ identifizieren.

„Philia“ ist (nicht nur) in meiner Deutung die „Freundschaftliche Liebe“. Es ist die Liebe zu etwas außerhalb von uns, das uns ähnlich ist. Häufig läuft die freundschaftliche Liebe über eine gemeinsame Tätigkeit. Mein persönliches Bild dafür sind zwei Männer, die gemeinsam an einem Fluss fischen, die sonst – außer dieser Tätigkeit – erst einmal nichts verbindet. Gemeinsame Hobbies, Leidenschaften: Sie können zur Philia führen. Philia ist dann in Vollform, wenn über das zunächst instrumentelle Interesse an einer Person oder Sache eine persönliche Bindung entstanden ist, die das äußerliche gemeinsame übersteigt. Und zwar so, dass diese Bindung auch dann noch Bestand hat, wenn die gemeinsame äußerliche Verbindung weggefallen ist. – Auch hier sind wir bereit eigene Bedürfnisse zum Wohl eines anderen zurückstellen. Allerdings im Fall der Philia nicht aus einer elterlichen Haltung, sondern auf GLEICHER EBENE, d.h. auf Augenhöhe, auf dem Niveau von „Peers“. Wie bei den anderen beiden Formen der Liebe geht es um eine Beziehung zu einem Anderen (außerhalb von uns), das nicht wir selbst sind. Hier ist es aber die angenommene Ähnlichkeit, die die Identifikation ermöglicht.

Um auf „Eros“ einzugehen, möchte ich etwas weiter ausholen, denn „die erotische Liebe“ wird häufig extrem reduziert verstanden:
Platon lässt in seinem „Gastmahl“ (Symposion), das den Eros zum Thema hat, als Vorletzten Lobredner auf den Gott Eros den antiken Komödiendichter Aristophanes auftreten. Dieser gibt den bekannten Kugelmenschen-Mythos zum Besten, der in der Regel den meisten Menschen, die das Gastmahl lesen, am Besten in Erinnerung bleibt. Dieser Mythos besagt grob verkürzt, dass wir alle einst perfekt waren („Kugel“ als Symbol der Perfektion und Mangelfreiheit), dann zerteilt wurden in 2 Wesen, weil wir Menschen gegen die Götter aufbegehrten (sozusagen eine Art griechischer Sündenfall) und heute herumlaufen und im Außen unser Gegenstück suchen, dass uns wieder perfekt machen soll. – Diese Geschichte ist zugleich der direkte Ausdruck dessen, was manchmal „die romantische Liebe“ genannt wird: Es gibt einen und genau einen Menschen „der für einen gemacht ist, der perfekt zu einem passt und einen daher wieder rund macht“. – Erst nach dieser Geschichte lässt Platon seinen Sokrates auftreten und SEINE Geschichte vom Eros erzählen. Dieser sokratische Mythos bleibt den meisten Lesern vergleichsweise schlechter in Erinnerung als „die schöne Geschichte“ des Aristophanes.

Als ich in der Deutung des Gastmahls unterrichtet wurde, sagte mein damaliger Lehrer: „Platon zeigt uns hier direkt nebeneinander zum Vergleich: Den Eros, wie wir uns wünschen, das er ist (Aristophanes), und den Eros, wie er wirklich ist (Sokrates)“.

Was ist nun aber die „sokratische Deutung“, was ist nun also „der Eros, wie er wirklich ist?“

Auch hier verkürze ich wieder grob: „Eros“ besteht laut diesem Mythos aus einem Zusammenkommen von „Mangel“ und „Findigkeit“.

Die erotische Liebe ist stets eine Liebe zu dem, was wir selbst (noch) nicht sind. Daher ihr Bezug zum Mangel. Ohne Mangelgefühl ist erotische Liebe nicht möglich. Die Götter als Sinnbild des Perfekten müssen so vorgestellt werden, das ihnen erotische Liebe nicht zugänglich ist, da sie keinen Mangel kennen. – Aber Mangel allein reicht nicht, denn Mangel allein ist nur Misere. Die erotische Liebe besteht in Mangel in Kombination mit der Hoffnung, das Vermisste durch eigene Tätigkeit (und Erfindergeist) erwerben zu können. – Daher auch die „explosive“ Form, in der wir den Eros häufig antreffen: Ein vom Eros ergriffener Mensch ist einer, der glaubt, in einem tiefen, dunklen Tunnel zu sitzen (Mangel) und der gerade das Licht erblickt, von dem er glaubt, dass es ihn aus diesem Tunnel in die Freiheit führen wird. Dieser „Tunnelblick“ ist maximale Unfreiheit (denn: „there’s only one way to go“), aber auch maximale Power hinter dem Versuch, an dieses Licht zu kommen. Aufgrund der Power, die er freisetzt, ist Eros auch so attraktiv für viele Unternehmen, v.a. für amerikanische… 😉 . Man kann aber wissen, was man sich einkauft, wenn man auf Eros setzt: Strukturelles Mangeldenken. Denn noch einmal: Ohne Mangel kein Eros.

Alle 3 Formen der Liebe haben also Folgendes gemeinsam:
1.) Sie beziehen sich auf etwas, das nicht wir selbst sind. Auf ein Äußeres.
2.) Sie bauen eine Identifikatorische und daher stark emotionale Bindung zu dieser Entität auf, die wir nicht selbst sind: Im Fall der Agape: „Zu unseren (körperlichen oder geistigen) Kindern“. Im Fall der Philia: Zu dem im Außen, was uns Ähnlich ist und in dem wir uns wiederfinden“. Die Philia sagt: „Du bist nicht allein mit dem, was Du verkörperst. Es sind noch andere da, die ähnlich sind wie Du.“ Im Fall des Eros: Zu dem im Außen, was wir gerne wären und doch nicht sein können, ohne uns selbst zu vernichten und einen Tod sterben zu müssen.

Kurz: Agape kommt aus Fülle, aus Überfluss. Philia aus Gleichheit und Neutralität. Eros aus Mangel und „Haben-Wollen“.

Nun habe ich oben eingangs behauptet: In unseren Unternehmen gibt es zu viel Eros und zu wenig Agape und Philia.

Ich werde diese Behauptung hier zunächst nicht weiter ausführen, da die eigene experimentelle Übertragung dieser These auf das eigene Unternehmen sehr produktiv sein kann.

Ich möchte aber einschränkend sagen, dass EROS selbstverständlich seinen Platz in Unternehmen hat. Ohne Eros kann KEIN Unternehmen bestehen. (Eros zeigt übrigens auch an, wann genau ein Unternehmen endgültig tot ist: Denn ohne Eros hat ein Unternehmen keine Mission mehr und verwandelt sich daher in einen Bürokratie-Zombie, in eine Geldabschöpfungsmaschine).

Aber paradoxerweise – obwohl Eros „den Mangel als Mutter hat“ (laut Platon) – haben wir ausgerechnet an Eros keinen Mangel in vielen unserer heutigen Unternehmen.

Was unseren Unternehmen häufig in einem geradezu verheerenden Ausmaß fehlt ist die strukturelle Anwesenheit von Agape und Philia. – Daher sollten wir uns auf sie konzentrieren. Tun wir das, dann kommt auch Eros wieder ins Lot. Von ganz allein. D.h.: Die verschiedenen Formen der Liebe begrenzen sich in der Praxis gegenseitig. Wer weniger Eros will, muss schauen, wie Agape und Philia wachsen können.

Die wechselseitige Begrenzung der 3 Liebesformen liegt in unserer eigenen emotionalen Ökonomie begründet: Unsere Affektive Kraft ist begrenzt. Wird viel affektive Energie durch eine Form der Liebe gebunden, dann ist gerade wenig für die beiden anderen Formen der Liebe übrig…  – Das mag man sich in manchen Situationen anders wünschen, nämlich so, dass Eros die Philia befeuert, Philia die Agape, Agape den Eros, Eros die Agape, Agape die Philia, Philia den Eros. Aber hier kann man mit Platon fragen: Wollen wir uns mit unseren irrealen Wünschen beschäftigen, die reine Fülle wollen? Oder wollen wir uns mit dem beschäftigen, was wirklich Sache ist?

Und die Kraft der Begrenzung ist im Grunde etwas Schönes: Sie macht die Wunderbarkeit der Welt, des Lebens und des Unternehmertums aus.

P.S. „Eros“ klingt nicht rein zufällig sehr ähnlich wie diese hübsche Göttin hier, der ich persönlich immer wieder mal verfalle:
http://de.wikipedia.org/wiki/Eris_%28Mythologie%29

[Dieser Artikel ist eine leicht bearbeitete Version eines Beitrags, der zuerst am 12.12.2012 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing erschienen ist]