Die Genialität der Annahme von Unternehmensbedürfnissen

Die Unternehmensbegleiterin Marie Miyashiro hat vor ein paar Jahren einen aus meiner Sicht wirklich genialen Kniff entwickelt:

Sie schreibt Menschen, die in Unternehmen zusammen arbeiten, „universale Unternehmensbedürfnisse“ zu, die die aus der Rosenberg-Schule bekannten „universalen menschlichen Bedürfnisse“ ergänzen.

„Bedürfnisse“ in diesem spezifischen Verständnis sind nichts, was man dauerhaft ignorieren kann, ohne schaden zu nehmen. Sie haben eine ganz eigene „Tiefe“ und sind niemals „falsch“. Und sie sind auch nicht „unersättlich“, auch wenn einem das mit einem chronisch unbefriedigten Bedürfnis oft so vorkommt.

Das zentrale Problem, um das die Rosenberg-Schule mit ihrer „liegenden Acht“ (Schleife aus eigener Aufrichtigkeit und Empathie für andere) kreist, ist…

…unsere ständige Verwechslung von Strategien mit Bedürfnissen!

Strategien sind Verhaltensweisen, mit denen wir versuchen, uns bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen. – Keine einzige Strategie geht jedoch aus einem Bedürfnis zwingend hervor. Man kann also z.B. nicht eine Strategie aus einem Bedürfnis „logisch ableiten“…

In unserem Alltag übertragen wir allerdings recht häufig den „Lösungsdruck“ unserer Bedürfnisse auf bestimmte Strategien, die wir als vielversprechend ansehen oder die wir einfach nur gewohnt sind.

Wenn wir austauschbare Strategien mit der Wucht unserer Bedürfnisse füllen und sie genauso absolut setzten, wie es unsere Bedürfnisse sind, DANN kommt es zu unlösbaren Konflikten: In uns selbst und mit anderen Menschen.

Auflösung von Konflikten geschieht daher – mit oder ohne bewusste Bezugnahme auf Rosenberg – IMMER, indem wir uns darauf besinnen, was wir EIGENTLICH gerade wollen (= unser Bedürfnis) und uns von diesem Bewusstsein aus für ANDERE Strategien öffnen als nur für die, die uns direkt in einen inneren oder äußeren Konflikt mit anderen Menschen hineinführen.

Die bewusste Wahrnehmung unserer Bedürfnisebene im Rosenberg-Sinne ist daher der absolute Bringer bei:

1.) Konfliktlösungen

2.) Innovationen – Die wir so auch neu interpretieren können als: „Neue Strategien zur Bedürfnisbefriedigung, die sich strukturell daraus entwickeln, dass wir uns dessen bewusst werden, dass unsere alte Strategien diejenigen Bedürfnisse, die gerade da sind, nicht gleichzeitig befriedigen können.“

Die gleichen Prinzipien überträgt Miyashiro mit ihren „Unternehmensbedürfnissen“ auf das unternehmerische Miteinander.

Hier, mehr noch als in allen anderen Bereichen des menschlichen Lebens, kommt es ständig zu jenen Verwechslungen von Bedürfnissen und Strategien.

Indem sie ein Bedürfnisbewusstsein im Unternehmen wecken und dauerhaft wach halten, ermöglichen Miyashiro’s Annahmen und auch ihre konkreten Haltungen und Werkzeuge, dass viele unproduktiven Reibungen und Energieverluste in Unternehmen, an die wir uns als „unvermeidlich“ gewöhnt haben, dauerhaft aus unseren Unternehmen verschwinden.

Die Fokussierung der Unternehmensbedürfnisse macht es uns leichter, unproduktive und nicht funktionierende Strategien loszulassen. – Wir verstehen dann unmittelbar, warum wir das tun. Weil wir besser verstehen, worum es uns eigentlich geht. – Im Grunde handelt es sich bei der Rede von „Unternehmensbedürfnissen“ um eine systematisierte Form dessen, was in Unternehmen bei allen größeren und schmerzhaften „Change“-Versuchen geraten wird:

Dass man sich den Sinn dessen erklären muss, was man da gerade tut. – Im Sinne von „Wer ein Warum hat, der erträgt auch jedes Wie“.

Bedürfnisse sind das, was für uns Sinn macht. – Ohne Bedürfnisbewusstsein macht für uns vieles einfach keinen Sinn. – Und daher scheitern auch Change-Versuche ohne Bedürfnisbewusstsein in Unternehmen mit schöner Regelmäßigkeit. – Sie kommen dann nämlich nicht „aus der Tiefe“, sondern „aus dem abgetrennten Kopf, der sich heute dies morgen jenes als gut für seinen Körper erklärt, zu dem er längst keine Verbindung mehr hat„. Kraft hat Change genau dann, wenn er weiß, warum er tut, was er tut. Wenn er weiß, was er EIGENTLICH erreichen will. Wenn er mit den Bedürfnissen verbunden ist, von denen her die unterschiedlichen Strategien ihren Sinn gewinnen.

Miyashiro’s Konzept ist daher auch so etwas wie ein „auf Dauer gestellter wipe-out“ dysfunktionaler Strategien in Unternehmen: Wir können viel mehr loslassen, weil wir anderes mit viel mehr Kraft verfolgen können. Wir sind innerlich in Verbindung mit dem, worauf es uns ankommt.

Und das erfordert unsere Aktivität. Eine Aktivität, die die Annahme von Unternehmensbedürfnissen in für uns sinnvolle Bahnen lenkt:

Wir besinnen uns mit ihrer Hilfe immer wieder neu auf’s Wesentliche und sind nicht unschlüssig und verwirrt darüber, was für uns eigentlich „das Wesentliche“ ist in unserem Unternehmen (Diese Verwirrung ist der Dauer- und Normalzustand in ausschließlich zahlenorientiert wirtschaftenden Unternehmen).

Rückblickend werden dadurch viele unserer bisherigen Strategien in Unternehmen als „Kompensations-Strategien“ sichtbar:

Als Strategien, denen wir NUR deswegen anhängen, weil wir uns mit der Unbefriedigtheit verschiedener Bedürfnisse abzufinden versucht hatten, was uns Probleme erzeugte, für die wir wiederum Ausfall-Strategien entwickeln mussten, um unseren unbefriedigenden Zustand im Unternehmen für uns aushaltbar zu machen und operativ handlungsfähig zu bleiben.

Den unproduktiven Aufwand, den Kompensationsstrategien erzeugen, kann man durch den Aufwand einer bedürfnisbewussten Kommunikation im Unternehmen komplett einsparen.

Wie man sehen kann, machen das auch nahezu alle produktiven Unternehmen so. – Selbst dann, wenn sie nichts von Miyashiro und Rosenberg wissen…


An den werten Leser, die werte Leserin, die sich durch die Zeilen dieses Artikels bis hierhin durchgekämpft hat:

Ich freue mich, wenn Sie mir den Gefallen tun wollen und im angeschlossenen Kommentarfeld von wordpress eine Rückmeldung machen, wie glücklich sie das Lesen dieses Artikels gerade eben jetzt macht, auf einer Skala von 1 (völlige Gleichgültigkeit, macht gar nichts mit mir) bis 10 (feels like an orgasm).

Genauso gern ohne wie mit Begründung. Begründungen können in die Richtung gehen: “Warum überhaupt mehr als 1?” Oder auch: “Warum unterhalb von 10 geblieben?”

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Danke Ihnen dafür!

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GfK / NVC – Gewaltfreie Kommunikation / Non Violent Communication

Derzeit habe ich den Eindruck, dass es bei der Arbeit mit Konzepten der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg für mich keine guten Leitgedanken sind, wenn ich dabei „Gewaltfreiheit“ oder „Kommunikation“ im Sinn habe.

Andere würden vielleicht sagen: „Bei der GfK geht es in erster Linie weder um Gewaltfreiheit noch um Kommunikation. In erster Linie geht es bei ihr um ganz andere Dinge…“

Ich wage mal eine unvollständige und vorläufige Sammlung, womit man sich beschäftigen könnte, wenn man sich mit GfK beschäftig…

  • Mit sich selbst besser in Kontakt zu kommen (= „bessere interne Kommunikation“, „bessere Gespräche der Seele mit sich selbst“)
  • Damit, auch im Alltag, in den Wechselfällen des Lebens „öfter und länger in der eigenen Mitte zu bleiben“ bzw. „leichter und schneller in die eigene Mitte zurück zu finden, wenn man sie mal verloren hat“
  • Mit Klarheit, was einem überhaupt wirklich wichtig ist. Und was eher nur liebgewonnene, schlechte Gewohnheiten sind. Dinge, die man gar nicht so dringend braucht, wie sie sich im ersten Moment anfühlen.
  • Mit einer Lösung von Reflexen, von Strategien, mit denen man sich nach der eigenen Erfahrung selber schadet oder mit denen man nur selten das erreicht hat, was man mit ihnen erreichen wollte.
  • Mit innerer Ruhe und Gelassenheit. – Mit der Erleichterung, die man sich verschafft, wenn man fühlt, worum es einem wirklich gerade geht, auch dann, wenn man es gerade nicht bekommen kann.
  • Mit der Senkung von Handlungsdruck, mit der Erlernung von Warten-Können.
  • Mit der Steigerung des Aushalten-Könnens von Zuständen, in denen man keine Lösung parat hat. Also der Spanne zwischen „Erkennen eines Problems“ („unerfülltes Bedürfnis“) und „Finden einer Lösung“ („Strategie, die das Bedürfnis erfüllt“). – Leichtere Vermeidung von Schnellschüssen und Lösungsfallen.
  • Mit dem Finden von echten Lösungen.
  • Mit besserem Verständnis eigener Beweggründe.
  • Mit Anerkennung der eigenen Person und ihren vielfältigen Wünsche und Bedürfnisse, die oft sogar gleichzeitig präsent sind.
  • Mit der Heilung von Abspaltungen: Persönlichkeitsanteilen, Wünschen, Bedürfnissen und Gefühlen, die man „als nicht der eigenen Person zugehörige“ eingestuft hat. – Und daher mit der Zeit gelernt hat, gar nicht mehr wahrzunehmen.
  • Mit „moralischer Abrüstung“. Mit der Eindämmung von Bewertungen, Kritik und Urteilen. – Mit einem Verlassen der Bahnen des Kritischen Eltern-Ichs und des Verfolgers/Täters aus dem Drama-Dreieck.
  • Mit der Übernahme von Eigen-Verantwortung. Mit Erwachsen-Werden. Einübung wahrhaft erwachsener Verhaltensweisen im rein bejahenswerten Sinn. – Mit einem Verlassen der Bahnen des hilflosen/angepassten Kinds und des Opfers aus dem Drama-Dreieck.
  • Mit Andere-Menschen-Sein-Lassen-Können. – Andere nicht ändern müssen. Andere in ihre Probleme selber lösen lassen können. Anderen eigene Erkenntnisse nicht aufdrängen. Andere Menschen in Ruhe lassen können. – Mit einem Verlassen der Bahnen des Fürsorglichen Eltern-Ichs und des Retters aus dem Drama-Dreieck.
  • Mit der Anerkennung von Räumen, eigener und fremder Räume, wie wir sie z.B. in der Form des TEMENOS gemeinsam üben und erlernen können.
  • Mit innerlicher Freiheit, mit der Nutzung der Möglichkeiten, die uns Menschen als komplexen Wesen gegeben ist („der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“)
  • Und noch vieles andere mehr, das INNERLICH ist und in gewissem Sinne für uns VOR aller Kommunikation liegt… (= der Moment, bevor wir Handeln, bevor wir den Mund aufmachen…)

Die Reduktion gewalthafter Verhältnisse, Situationen, Beziehungen und das häufigere Gelingen von Kommunikation (beide Kommunikationspartner bekommen, was sie sich wirklich wünschen) sind so gesehen nur indirekte Nebenfolgen einer eher INNERLICHEN PRAXIS, die man u.a. auch mithilfe der Formen üben kann, die von Marshall Rosenberg bereit gestellt wurden.

Es ist  – wie so oft – nicht sinnvoll, das Ziel direkt zu fokussieren, um das Ziel zu erreichen. Um das Ziel zu erreichen, muss man sich um ganz andere Dinge kümmern als um das Ziel selbst.

Andererseits: Gerade beim Üben mit Formen der GfK merke ich, wie heilsam Beziehungen sein können. Gerade konflikthafte Beziehungen. Sie bringen uns dort weiter, wo wir uns im inneren Dialog (wir mit uns selbst) in den immer gleichen Mustern verfangen und verstricken.

Um weiter zu kommen, brauchen wir Inter-Aktion, brauchen wir erfüllende Beziehungen und brauchen wir (als Kontrastmittel) Konflikt.

Auch deswegen empfinde ich viele unserer heutigen Unternehmen als so unbefriedigend: Sie unterdrücken Konflikte mehr als dass sie Konflikte fördern und in produktive Bahnen lenken. – Sie sehen Konflikte nur „als Störungen des ansonsten reibungslos ablaufenden operativen Prozesses“.

Viele unserer Unternehmen verfügen heute weder intern noch extern über diejenigen Bindungen und Beziehungen, die es braucht, um produktive Konflikte zu haben. Die es braucht, das Drama, das in produktiven Konflikten dann immer erst mal am Werk ist, aushalten zu können. Die Bindungen der meisten unserer heutigen Unternehmen sind nicht stabil, sind nicht tragfähig, nicht belastbar.

Viele unserer heutigen Unternehmen sehen daher auch noch nicht einmal im Ansatz die Chancen, die im Konflikt liegen. Sie sehen nicht DAS POTENTIAL DER WUT: Dinge auf den Tisch zu bringen, die definitiv auf den Tisch gehören. Dass manche Dinge nur mit der Kraft der Wut „hochploppen“ können. – Freilich sollte man es dabei nicht belassen und genau DIESE NEUEN INFORMATIONEN dann auch bewusst nutzen und dadurch zu neuen Lösungen und Arrangements kommen.

Deswegen setzen solche hilflosen Unternehmen, die im Grunde mit Konflikten einfach nicht umgehen können, die nichts mit ihnen anzufangen wissen, auf Konzepte wie das der Hierarchie oder das der Karriere.

Mich als Choleriker stört das.

„Du schreibst aber viel grade“ – Was tue ich hier eigentlich…?

Gestern fragte mich einer meiner Kontakte, wie es sein könne, dass ich derzeit so viel schreibe und ob ich gerade nichts anderes zu tun hätte oder ob mir vielleicht sogar etwas auf die Seele drückt, was mich veranlasst, so viel Text abzulassen.

Er fragte mich das natürlich anders, auf sehr freundliche Art.

Daher mal auch hier eine Antwort für diejenigen, die sich vielleicht ähnliche Gedanken machen:

Meine derzeitige Vielschreiberei hat drei Hauptaspekte:

1.) Ich kann verdammt schnell Tippen. In den 90er Jahren arbeitete ich in einem Call-Center. Und zwar in einem, in dem Pager-Texte per Hand (!) eingegeben wurden. Das lief so: Jemand rief bei uns auf dem Headset an und gab einen Text durch, z.B. „Schüttel Deine Nasenhaare für mich, Baby!“ (keine Erfindung von mir, sondern ein Zitat aus dem wahren Call-Center-Agenten-Leben… 😉 ). Dann tippten wir das ein und fertig war die Dienstleistung.

Aus diesem Grund und weil ich auf der Uni verdammt viel Schreiben musste, brachte ich mir also mittels eines Übungshefts (analog!, ich bin also ein echter Dino) das Zehnfinger-System bei.

Und was soll ich sagen? Das leistet mir noch heute gute Dienste.

Für einen Artikel auf ilwyc brauche ich also im Schnitt eine halbe Stunde. – Meine Frau und mein Sohn behaupten zwar hartnäckig, es sei mehr, aber ich kann beschwören, dass es „gefühlt“ nur eben eine halbe Stunde ist, die ich an einem Text sitze.

Der Gedanke ist einfach da. Wie ein Keimling oder eine Nuss, aus dem dann der Artikel ganz organisch heraus wächst. – Ich kann das Teil einfach runterschreiben. Da ich darüber die Rechtschreibung und die Lesbarkeit völlig vernachlässige, muss ich im Anschluss noch mal „festschrauben“, also nochmal 5 Minuten drüber gehen. – Dann ist die Laube aber fertig.

Manchmal komme ich mir dabei vor wie ein irrer Alchemist, so nach der Devise: „Ahhhhh, dieser Gedanke und DIESER Gedanke – die KÖNNTE man doch mal in ein Reagenzglas zusammen schütten…. ….was dann wohl passiert…? …. heieieieiei… das zischt aber ganz schön….!“

Im Kern ist es also reine Lust am Schreiben und Experimentieren, was mich treibt. – So eine Art „Daniel Düsentrieb mit Worten“, wenn nicht grade wieder mal Donald auf der Matte steht und irgend etwas Bestimmtes für seine Aktivitäten als Phantomias von mir braucht…

2.) Ich bin an sich gerade voll ausgelastet als Coach. Und eigentlich schadet diese viele Schreiberei mir und der Qualität meiner Arbeit. Denn wenn man „in Gedanken ist“, fällt es schwerer, die Empathie aufzubringen (für sich selbst UND für den Kunden), die für gute Beratungsarbeit die absolute Basis ist.

Daher ringe ich derzeit noch um Formen, wie ich beides vereinen kann: Meine Neigung zu den Wolken und meine Neigung zu den Wassern und den Mühen der Ebene.

Ich ziehe für ilwyc auch viel aus meiner Beratungsarbeit: Ich darf durch sie Menschen aller Altersstufen, Branchen, Tätigkeitsfelder und Hierarchielevel tiefer kennen lernen. – Das hilft mir natürlich, „mit dem Wirtschaftsleben“ in Kontakt zu sein, v.a. von seiner menschlichen Seite her.

Das – und meine eigenen bisherigen Tätigkeiten in Festanstellung für Unternehmen unterschiedlichster Branche und Größe, bisher 17 an der Zahl – ist die „sachliche Quelle“ für das Geschreibs hier auf ilwyc.

3.) Ich bin inspiriert durch Richard Rortys Erfindung der  „Liberalen Ironikerin„, einer Figur, die er in seinem Buch „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ entwickelt und  ausführlich beschreibt.

Diese „Figur“ zeichnet sich aus durch einen Faible für das Neue und Weiterentwicklung als „Zweck in sich selbst“. – Das ist „die Ironikerin“, die – oft ohne Rücksicht auf Verluste, Befindlichkeiten und Verletzungen, die dadurch entstehen – das forciert, was das Bestehende überschreitet.

Sie zeichnet sich aber auch aus, durch einen Kontakt zu dem, „was alle Menschen verbindet“. Folgt man Rorty, dann ist das UNSERE VERLETZLICHKEIT. – Damit ist seine Philosophie kompatibel mit Ansätzen wie wir sie bei Brené Brown und Marshall Rosenberg finden. – Rorty bezeichnet DAS als „Liberalismus“, was in unseren Breiten aber missverständlich ist, da wir in Kontinentaleuropa keine starke Sozialliberale Tradition haben und „Liberalismus“ hierzulande daher immer mit „der Markt wird’s schon richten“ und „jeder ist sich selbst der nächste“ inklusive wirtschaftlichem Hauen und Stechen assoziiert wird.

Rorty als Ostküsten-Intellektueller meint mit „Liberalismus“ dagegen so etwas wie die universelle Empathie, zu der wir als menschliche Wesen in der Lage sind. Er fasst diese Empathie auch in den Begriff der „Solidarität“. Dabei fokussiert er den Satz: „Ich sehe / empfinde Deinen Schmerz“ und das universelle Risiko der Demütigung als verbindendes Glied zwischen allen Menschen über ihre unübersehbare Unterschiedlichkeit hinweg. „Ein Liberaler“ ist für Rorty ein Mensch, der auf dieser Grundlage eine Verbindung zu einem Menschen spürt, mit dessen Werten, Neigungen, Praktiken, Gewohnheiten und anderen Präferenzen er ansonsten überhaupt nicht übereinstimmt (Im Hintergrund kann man den auch im Deutschen bekannten Text hören: „Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden können, solange er dabei bei anderen keinen all zu großen Flurschaden anrichtet.“).

Der Liberale sagt also: „Ich sehe Deine Verletzlichkeit und ich fühle Deinen Schmerz, ich kann mir daher IRGENDWIE vorstellen, wie es ist, in Deiner Lage zu sein, obwohl Du in einer ganz anderen Lage bist als ich. – Deine Wunde ist auch meine Wunde. Du bist mir nicht gleichgültig, obwohl Du ganz anders bist als ich.“

Inspiriert von diesem Konzept würde ich stand heute sagen: Ich versuche eine „empathischer Kreativer“ zu sein und ringe für mich noch darum, diese beiden Seiten „operativ zusammen zu bekommen“.

Auf ilwyc kommt bisher eher der kreative Part zum Zug (mit dem Risiko fehlender Empathie und Demütigungen, d.h. anmaßender Kritik an den in sich selbst berechtigten Lebensentscheidungen und Lebenskonzepten anderer Menschen).

In meiner Coaching- und Unternehmensbegleitungs-Arbeit kommt der eher empathische Part zum Zug (mit Verzicht auf all zu große kreative Spirenzchen, einfach deswegen, weil solche ideen-überflüssigen Kapriolen meinen Kunden auf diese Weise im Moment nicht weiter bringen und ihren konkreten Anliegen nicht dienen, ihre akuten Bedürfnisse verfehlen würden) .