Unser Bedürfnis nach Identität unseres Unternehmens

Wir wollen unser Unternehmen noch morgen wieder erkennen können. – Und das, obwohl „nichts so beständig ist wie der Wandel“. Und das, obwohl gerade in der Unternehmenswelt „Stillstand der Tod ist“ (btw: ist das übrigens irgendwo anders anders?).

Worin also soll überhaupt unser Unternehmen „auch morgen noch sich selbst gleichen“?

Was ist dieses reichlich rätselhaft-esoterische Ding namens „Die Substanz unseres Unternehmens“?

Sind es die gleichbleibenden Eigner/Investoren?

Sind es die gleichbleibenden Geschäftsfelder?

Die gleichbleibenden Produkte?

Die gleichbleibenden Gebäude gar?

Die gleichbleibende Belegschaft?

Die gleichbleibende oder steigende Eigenkapitalquote?

Hm.

Man sieht: Irgendwie kommt man auf jedem dieser Wege zu Problemen, zu Antworten, bei denen zumindest ich mir unmittelbar denke: „Also das kann es irgendwie nicht sein…“

Muss man die philosophisch anmutende Frage nach der „Unternehmensidentität“ angesichts der on first sight Undefinierbarkeit also einfach aufgeben, weil sie unproduktiv ist, weil sie zu nichts führt?

Ich glaube: Nein.

Was mich bei und zu dieser Frage inspiriert, sind die Vorschläge von Marie Miyashiro, für die „Identität“ das erste und vielleicht wichtigste aller sogenannten „Unternehmensbedürfnisse“ ist:

Universelle Bedürfnisse, die wir als Menschen haben, sobald wir unsere Ressourcen, unsere Fähigkeiten, unsere Zeit, unser Geld, unsere Aufmerksamkeit einem Unternehmen zur Verfügung stellen und eine Beziehung, eine innere Bindung zu ihm eingehen wollen…

(Also etwas, wovon uns englischsprachige Menschen sonst dringend abraten; hier noch ein weiteres schönes Beispiel dafür…).

Wenn ich Marie nicht völlig falsch verstehe, versteht sie „Unternehmens-Identität“ ganz anders als in allen Vorschlägen, die ich oben aufgelistet habe. Sie versteht darunter so etwas wie:

  • Was uns wirklich wichtig ist, in der Art und Weise wie wir hier gemeinsam „Business machen“
  • Was uns so wichtig ist, dass wir sogar auf wirtschaftliche Vorteile verzichten würden, wenn wir dafür DAS weiterhin gemeinsam realisieren können.
  • Unsere inneren Gründe, aus denen wir uns heraus weigern, bestimmte Dinge zu tun, selbst dann, wenn Kunden sie nachfragen und rein zahlenorientierte Investoren uns bedrängen, sie zu tun.
  • Wie wir einfach hier „sind“. – Noch vor allen Maßnahmen, Aktivitäten und Entscheidungen. – Was wir aber permanent reaktualisieren durch unser WIE und WAS wir tun und entscheiden.

So gesehen ist leicht einzusehen, dass viele sogenannte „Unternehmen“ aktuell gar keine „Identität“ haben. – Sie haben nichts Innerliches, keine Substanz, aus der heraus sie handeln würden und auf ihre Kunden oder Investoren zugehen.

Solche Gebilde könnte man recht treffend mit folgendem Bild beschreiben, einem Bild, das auch der unvergleichliche Gebhard Borck in seinem „Affenmärchen“ verwendet:

Ziemlich heruntergekommene Business-Bordelle, von denen man so ziemlich alles bekommen kann, wenn man ihnen dafür Geld verspricht. – Alles außer Liebe natürlich; bei jenen sogenannten „Liebesdiensten“, die diese Art von Bordellen ihren Kunden anbieten. – Selbstverständlich machen alle „Mitarbeiter“, die sich in solchen Unternehmens-Etablissements anstellen lassen, dadurch selbst zu Prostituierten. Prostituierte, die für Geld eben genau all die Dinge tun, die gerade für Geld verlangt werden…

Dieses innerlich Abgehalfterte und Sich-permanent-selbst-Entwürdigende kann übrigens sehr gut einhergehen mit äußerem Glanz und Gloria: Mit weichen Kissen und prachtvollem Aufgetakeltsein. Aber darüber muss man ja eigentlich nicht groß reden. Den meisten Menschen ist das intuitiv oder aus eigenem Erleben klar…

Noch vor der Würde, die solchen sogenannten Unternehmen fehlt, fehlt ihnen überhaupt das „Wir“, die die oben aufgelisteten Konkretisierungen einer Unternehmensidentität überhaupt erst sinnvoll macht.

Allerdings beißt sich hier die Schlange in den Schwanz: Um ein „Wir“ im Unternehmen auszubilden, ist die kollektive und permanente operative Bezugnahme auf die eigene Identität selbst ein wichtiger Schritt. – Es handelt sich also mehr um eine „Gleichzeitigkeit“ als um eine „Methode“ oder eine „Ursache-Wirkungs-Geschichte“.

Wenn ein Wir da ist, gibt es auch eine Idenität. – Wenn eine Unternehmens-Idenität operativ eine tragende Rolle für unser Handeln und Entscheiden spielt, dann gibt es auch ein Wir im Unternehmen.

Erst dann machen Formulierungen in der Unternehmenskommunikation Sinn, die darauf abzielen, Dinge zu tun, „weil es für das Unternehmen gut ist“ (Die Filme „Augenhöhe“ und „Mein wunderbarer Arbeitsplatz“ sind voller Beispiele, wo solche Kommunikation ganz natürlich geschieht; wie man sehen kann, wenn man sich diese Filme mit der „Unternehmensidentitäts-Brille“ anschaut…).

Vorher sind solche Formulierungen nichts als leicht durchschaubare Schachzüge zur Absicherung und Verschleierung sehr individueller Interessen, um für sich eben einen größeren Vorteil herauszuschlagen aus dem Gesamtkuchen…

…und weil es das eben auch auch gibt, wird die Kommunikation über „Unternehmensidentität“ von Menschen, die in Bordellen arbeiten, sehr misstrauisch beäugt…

Sie können nicht glauben, dass es irgendwo da draußen Unternehmen gibt, in denen über das „Wir“ und „die eigenen Werte“ nicht deswegen gesprochen wird, um dahinter um so üblere Absichten und Praktiken zu verbergen, sondern weil „die das wirklich so meinen“ und weil da draußen einige Menschen wirklich gut mit sich, mit ihrem Unternehmen, miteinander und mit ihren Kunden und Investoren verbunden sind…

Es ist schlicht zu schmerzhaft anzunehmen, dass es da draußen „die Business-Liebe“ gibt, während man sich hier, wo man ist, täglich neu entschließt, sich zu prostituieren.

Diejenige Prostitution, die wir im Business all zu oft betreiben, wird dann als das spürbar, was wir am allerallerliebsten verdrängen:

Als freiwillige Prositution. – Wir spüren in jenem stechenden Schmerz über „gute Unternehmen da draußen“, dass wir diese Prostitution, unsere persönliche Business-Prostitution höchst freiwillig betreiben.

Und wir spüren dann sehr unmittelbar, dass wir uns immer wieder neu etwas vormachen, wenn wir uns sagen, dass wir uns in diese Selbst-Prostitution „aus Not“ oder „Notwendigkeit“ begeben…

Das schnelle Geld hat eben seinen Preis. – Und wenn wir diesen Preis wirklich bereit sind zu zahlen, dann haben wir auch gar kein Problem. Dann sind wir jene viel-mystifzierten „glücklichen Business-Prostituierten“. Wir werden reich und haben Spaß dabei. – Was für ein Leben!

Wenn wir uns aber innerlich verschmutzt fühlen und gar nicht so viel duschen können, wie wir müssten, um „dieses verfluchte Unternehmen“ von unserer Haut zu kriegen, dann ist es wahrscheinlich wohl eher Zeit für unseren ganz persönlichen Ausstieg aus unserer Selbst-Prostitution…


An den werten Leser, die werte Leserin, die sich durch die Zeilen dieses Artikels bis hierhin durchgekämpft hat:

Ich freue mich, wenn Sie mir den Gefallen tun wollen und im angeschlossenen Kommentarfeld von wordpress eine Rückmeldung machen, wie glücklich sie das Lesen dieses Artikels gerade eben jetzt macht, auf einer Skala von 1 (völlige Gleichgültigkeit, macht gar nichts mit mir) bis 10 (feels like an orgasm).

Genauso gern ohne wie mit Begründung. Begründungen können in die Richtung gehen: “Warum überhaupt mehr als 1?” Oder auch: “Warum unterhalb von 10 geblieben?”

Diese Ihre Bewertung dient meinem persönlichen Tracking der “wahren Wirkung” von ilwyc: Wenn Sie eine solche Bewertung abgeben, erfüllt mich das – wie auch immer sie ausfällt – mit Glück 🙂

Danke Ihnen dafür!

Eines von vielen möglichen Enden der Reproduktion der GOD-POSITION in Unternehmen…

„Die Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre sind einfach zu verstehen: Die Mitglieder einer Branche sind nicht alle exakt gleich, sondern unterscheiden sich geringfügig in ihrem Lebensdienlichen Zweck und ihrer Identität. Nicht alle Unternehmen überleben den Wettbewerb um die Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen und regen zur Bildung von neuen Unternehmen an.

Die besten Chancen zu überleben haben solche Unternehmen, die durch ihre Kultur und Organisation besser als andere Unternehmen an die gerade vorhandenen menschlichen Bedürfnisse angepasst sind. Sie verkaufen dann mehr Produkte oder Dienstleistungen als andere und regen auch andere Unternehmen zu ähnlichen Organisationsformen und Unternehmenspraktiken an.

Auf diese Weise haben sich im Laufe langer Zeiträume zahlreiche Unternehmensarten und Rechtsformen aus zunächst einfachen Handwerksbetrieben, Fabriken, Start-Ups und Einzelunternehmen entwickelt. Alle Unternehmen sind also miteinander verwandt, sie sind Teil einer gewaltigen unternehmerischen Evolution.

Die Entstehung von Unternehmen ist die Folge von zahlreichen Zufällen. Die unternehmerische Evolution hat kein Ziel, sondern reagiert nur auf die jeweiligen menschlichen Bedürfnisse. Sie kann auch auch keine Unternehmen [aus dem Nichts] konstruieren, sondern muss die jeweils in den bisherigen Unternehmen und Rechtsformen angelegten Möglichkeiten nutzen.“

Aus diesem Buch, S. 5 zitiert. – Mit vereinzelten Änderungen… 😉

Was ist eigentlich ein „Unternehmen“?

Ein Unternehmen ist im Kern eine gezielte Zusammenführung verschiedener, vordem getrennter Ressourcen zu dem Zweck, ganz bestimmte menschliche Bedürfnisse dadurch besser zu erfüllen, als sie vordem erfüllt wurden. – Und sich dafür von den menschlichen „Trägern“ jener Bedürfnisse bezahlen zu lassen.

Ein Unternehmen aus mehreren Mitunternehmern kommt nur dann zustande, wenn Klarheit und Einigkeit gepflegt werden sowohl über die Bedürfnisse, denen das gemeinsame Unternehmen dient (life affirming purpose of a company), als auch über die spezifische Art und Weise wie man in DIESEM Unternehmen die Erfüllung DIESER Bedürfnisse angehen möchte – und wie auf keinen Fall (identity).

Nimmt man dieses Verständnis von Unternehmertum ernst (und wischt die rein formalistische Definition von Unternehmertum über Rechtsformen beiseite, die nichts über die vorhandene „unternehmerische Substanz“ auszusagen vermag, weder über ihr Vorhandensein noch über ihr Fehlen), dann fällt auf, dass nicht nur viele Konzerne und Mittelständler im strengen philosophischen Sinn eigentlich gar keine „Unternehmen“ sind, sondern dass auch viele Solounternehmer gar kein Unternehmen betreiben bzw. eben nur rein formell.

Was vielen Solounternehmern fehlt, was ihnen vielleicht zum gegebenen Zeipunkt gerade noch fehlt, ist eben jene Klarheit darüber, welchen Bedürfnissen sie eigentlich dienen wollen mit ihrem Unternehmen + auf welche Art und Weise und auf welche Arten und Weisen sie diesen Bedürfnissen auf keinen Fall dienen wollen.

Stattdessen werden wild und ungesteuert Aufträge angenommen oder sogar aktiv akquiriert, die mal jenen, mal diesen Bedürfnissen dienen. – So dass im Ergebnis viele Solounternehmen im Grunde ähnliche Gemischtwarenläden sind wie so mancher „Misch-Konzern“. – Ohne inneren Kern, ohne inneren Zweck, ohne inneres Ziel, Treibgut auf den sich gerade bietenden Wellen des großen Business-Meeres…

Nun möchte ich keineswegs so lebensfremd und lebensfeindlich daherschreiben, dass ich irgendwem einreden möchte, er müsse zu jedem Zeitpunkt seiner unternehmerischen Aktivitäten absolute Klarheit darüber haben, what the hell er da eigentlich gerade tut. – Vielmehr habe ich es, gerade in meinen Zeiten als Gründerberater, als überaus sinnvoll erlebt, „einfach mal zu machen“. – Und eben NICHT allzu viel nachzudenken, NICHT allzu sicherheits-orientiert und konzept-fixiert zu agieren. Sich NICHT durch einen großkopferten Business Plan zu geißeln. – „Lean start-up“ nennt man das wohl mittlerweile…

Denn im Tun, im Machen KANN sich oft erst jene Klarheit ergeben – aus konkreten Erfahrungen mit konkreten Kunden und konkreten Problemen und konkreten Erfolgen…

Die Tragik vieler Nicht-Unternehmen ist allerdings: Dass sie die gemachten Erfahrungen eben NICHT dazu nutzen, zu einem echten Unternehmen zu werden (im oben definierten Sinn). Sie BLEIBEN auch nach Jahren immer noch solches Treibgut, oft trotz Wachstums und oft trotz Einstellung von „Mitarbeitern“.

Mit-Unternehmer sind nämlich nur möglich, wenn es sich um ein echtes Unternehmen handelt. – Unternehmerische Gesellschaften, die es versäumen, in das interne, intensive, oft schmerzhafte und ergebnis-offene Gespräch darüber einzusteigen, was wir hier eigentlich gemeinsam erreichen wollen, können nur „Mitarbeiter“ generieren, niemals Mitunternehmer.

Und es gibt gute Gründe, NICHT in solch ein internes Gespräch einzusteigen: Angst vor Verlusten von „wertvollen Mitarbeitern“ dürften hier eine wichtige Rolle spielen, neben Angst vor Kontrollverlust und Angst vor Konflikten und Auseinandersetzungen generell. Auch Angst davor, den laufenden Betrieb zu stören und das unter zahlreichen Opfern und Mühen bereits Erreichte nun „ohne Not“ durch die offene Beschäftigung mit „Grundsatzfragen“ zu gefährden…

Und diese Angst WÄCHST mit dem rein zahlenmäßigen Erfolg! – Gerade solcher „Erfolg“ lindert solche Ängste nicht, sondern verschärft sie. Denn nun scheint es „mehr zu verlieren“ zu geben.

Daher ist meine momentane Einschätzung: Bei allem „einfach mal machen und dadurch herausfinden, was man eigentlich will“, sollte die Auseinandersetzung mit der Sinnfrage des eigenen Unternehmens und der Frage nach der Identität des eigenen Unternehmens nicht ZU SPÄT erfolgen. D.h.: Nicht erst dann, wenn man schon auf einem Riesenumsatz und Riesenerträgen sitzt.

Formelles Unternehmertum, das rein zahlenmäßig „erfolgreich“ ist, hat zumindest das Potential, echtes Unternehmertum, echten unternehmerischen Erfolg zu blockieren.

Und wenn man nun fragt, was denn Mysteriöses mit „echtem Unternehmertum“ gemeint sein soll, dann lautet meine Antwort:

Ganz einfach: Ein Unternehmen, dass Sie auch INNERLICH erfüllt und befriedigt, durch dass sie sich unmittelbar belebt und nicht belastet fühlen.

Dieses Kriterium zu nutzen hat allerdings eine Voraussetzung:

Sie müssen überhaupt einen Zugang zu Ihrem Innenleben und Ihren Gefühlen haben. – Und diese Voraussetzung ist weitaus weniger selbstverständlich als man meinen könnte. In der Regel ist es für viele, die mitten „im Berufsleben“ stehen, echte Arbeit, wieder einen Zugang dazu zu öffnen, was sie eigentlich wollen.

Ich weiß hier, wovon ich spreche: Ich kämpfe selbst immer wieder neu um diese Öffnung. Und ich unterstütze beinahe täglich andere Menschen aller Branchen, aller Professionen und aller Altersstufen dabei, diesen Innenzugang wieder zu pflegen.

Dieser Innenzugang der Mitunternehmer – das aktive Wahrnehmen eigener Gefühle und Bedürfnisse – ist DIE zentrale Voraussetzung für lebendiges Unternehmertum. Für ein Unternehmertum, das seinen Namen auch verdient hat. Für Unternehmen, die wirklich dauerhaft echten Kundenbedürfnissen dienen können. Für Unternehmen, die echte menschliche Bedürfnisse zur Grundlage haben: Bedürfnisse von Menschen, die mit ihren Bedürfnissen innerlich verbunden sind.

Denn momentan haben wir „im Business“ Zombies: von ihren eigenen Bedürfnissen dissoziierte Menschen auf allen Seiten der unternehmersichen Zahlungsvereinbarungen: Bei den Kunden genauso wie bei den Mitunternehmern. Bei den Investoren genauso wie bei den Dienstleistern und Zulieferern des Unternehmens.

Das Gute daran ist: Es ist im Grund gleichgültig, wo man beginnt, sich um mehr innere Klarheit und Verbundenheit zu bemühen. – Die Auswirkungen werden überall spürbar und greifbar.

Egal wer es schafft, mit sich selbst verbundener zu agieren, und in dieser größeren Verbundenheit mit sich selbst mit anderen Menschen und Personengruppen Verträge einzugehen: Er leistet dadurch nebenher ganz unvermeidlich einen substantiellen Beitrag zur Steigerung des Unternehmertums auf diesem schönen Planeten.

Was eine Geteilte Mission / ein Geklärter Zweck des Unternehmens leistet (und was nicht)

1.) Was eine „Geteilte Mission“ ist

Mit unserer Geteilten Mission bestimmen wir, „wozu das Unternehmen eigentlich da ist“. – Sie ist ein Fokus für das gesamte Unternehmen, auf den wir uns gemeinsam festlegen, für WELCHE Kundenbedürfnisse wir uns hier gemeinsam zuständig fühlen; – und die Erfüllung welcher menschlichen Bedürfnisse wir gerne anderen Unternehmen überlassen oder Privatpersonen oder dem Staat. Sie hat also v.a. auch einen ausschließenden und eben dadurch einen fokussierenden Zweck.

DIE GETEILTE MISSION ist nicht zu verwechseln mit der IDENTITÄT unseres Unternehmens. – Diese Unterscheidung ist (zumindest für mich) nicht ganz leicht im Blick zu behalten. Am leichtesten und prägnantesten trifft man sie vielleicht folgendermaßen:

Es sind mehrere Unternehmen denkbar, die den exakt gleichen „lebenserhaltenden Zweck“ verfolgen und zum Grund ihres Daseins nehmen. – Diese Unternehmen haben, zumindest potentiell, „den gleichen Markt“, „die gleichen Zielkunden“. – Aber die Art der Herangehensweise, „was uns ausmacht“, WIE wir diese Bedürfnisse befriedigen wollen, das unterscheidet unser Unternehmen von anderen Unternehmen. – Das hat auch viel zu tun mit der Herkunft unseres Unternehmens, aber auch mit den spezifischen Mitunternehmern, die wir an Bord haben bzw. die wir uns an Bord holen (und welche eben gerade nicht, weil sie „nicht zu uns passen“…).

Die geteilte Mission eines Unternehmens bestimmt sich auch nicht durch ein ganz bestimmtes, abschließbares, konkretes Ziel. – Sind wir etwa eine Truppe, die Häuser baut, so ist unsere Mission nicht „dieses Haus sauber zu Ende zu bringen“. – Die geteilte Mission bestimmt sich mehr durch eine echte, innere Verbundenheit mit bestimmten Kundenbedürfnissen. Im Fall eines Bauunternehmens könnte das sein: „Menschen ein zu echtes Hause geben, in dem sie sich wohlfühlen“ oder „neue Formen des Wohnens erschließen“ oder „auch solchen Menschen ein gesundes Wohnen ermöglichen, die unterdurchschnittliche Einkommen haben“ oder oder oder. – Das heißt: Innerhalb der gleichen Branche sind vollkommen verschiedene Missionen denkbar und daher bestehen auch innerhalb der gleichen Branche „mehrere Märkte nebeneinander“.

Durch unseren gemeinsamen Fokus auf unsere gemeinsame Mission schaffen wir Raum für Möglichkeiten und Anstrengungen, diese Mission immer neu und immer anders zu erfüllen. Die Mission ist wie ein Jungbrunnen und Vitalitätszentrum für unser Unternehmen. – Gerade durch unsere (selbstgewählte!) Beschränkung auf bestimmte Kunden-Bedürfnisse setzen wir unsere Kreativität als Mitunternehmer frei. Das heißt: Unsere Mission ist keine Einschränkung sondern eine Quelle der Kraft und der Innovation.

Empfinden oder erleben wir das anders, dann befinden wir uns mit absoluter Sicherheit in einem Unternehmen, das nicht das Unsere ist. – Entweder in einem Unternehmen, das gar keine Mission hat oder in einem Unternehmen, das eine Mission verfolgt, in der wir uns nicht wieder finden können.

2.) Was eine geteilte Mission leistet

– Sie ermöglicht JEDEM Mitunternehmer zu JEDEM Zeitpunkt, für sich selbständig zu überprüfen, ob er mit dem, was er da gerade tut, wirklich unserem gemeinsamen Unternehmen dient oder nicht. – Es reduziert also den Bedarf an „Rückfragen“ und „Koordination“ bzw. (altmodisch ausgedrückt) „Führung“.

– Sie ermöglicht echte Kreativität. Auf Dauer. Und zwar weil sie Regeln und Führung überflüssig macht, die Kreativität trotz bestem gegenläufigen Willen zwangsläufig ersticken und verhindern.

– Sie ermöglicht „Bewerbern“ (potentiellen zukünftigen Mitunternehmern), für sich zu überprüfen, ob sie wirklich gerne für unser Unternehmen und mit uns arbeiten wollen – Oder ob sie sich vielmehr zu anderen Unternehmen hingezogen fühlen, weil sie andere Missionen vielmehr bewegen. – Sie ist also ein vorausschauender Invest in Klarheit.

– Sie gibt den Mitunternehmern ein „WIR“ (neben der aktiv gepflegten, ständig re-aktualisierten Identität, also Prozessen der Selbstverständigung über „was uns ausmacht“). – Damit nimmt sie manche Konflikte in Unternehmen aus dem Spiel: Die Konkurrenz nimmt ab, genauso wie andere Egoismen, die wir dann leichter zugunsten des gemeinsamen Ziels zurückstellen können. „Die persönliche Opferbereitschaft“ nimmt zu, und zwar weil die gleichen Aktivitäten von einzelnen Mitunternehmern subjektiv gar nicht „als Opfer“ erlebt werden, sondern als Aktivitäten zur Verwirklichung ihrer eigenen Ziele, ihrer eigenen, individuellen Mission.

– Sie gibt den Mitunternehmern „Treibstoff“: Nichts ist so motivierend für uns, wie einen offensichtlichen Sinn unseres Handelns vor Augen zu haben (Genauso wie nichts so demotivierend ist wie die offensichtliche Sinnlosigkeit eigener Anstrengungen). – „Sinn“ hat aber immer einen Beziehungsaspekt, immer einen Bezug zum Wohlergehen anderer. – Daher sind Unternehmen auch immer zumindest potentiell „sinnvolle Gebilde“, denn sie haben per Definitionem einen solchen Bezug: Eben das „Kundenwohl“. Unternehmen ohne echten Beitrag zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse können auf Dauer nicht exisitieren ohne den kompensatorischen Zufluss von Kapital und anderer Enerige von Außen. Sie können versuchen, einen solchen Sinn vozugaukeln (ihren Kunden nützlich zu sein), auf Dauer ist das aber nicht möglich, da Menschen dazu neigen, irgendwann zu merken, was ihre Bedürfnisse besser erfüllt und was nicht ganz so gut und was gar nicht.

– Sie malt ein hoffnungsfrohes Bild von der Zukunft unseres Unternehmens. Dieses Bild besteht darin, neue Wege zu finden, der Mission gerecht zu werden, neue Wege zu beschreiten, menschliche Bedürfnisse zu erfüllen und genau darin „immer besser zu werden“ oder zumindest mit der Zeit zu gehen und das Nötige an den eigenen Produkten und Dienstleistungen immer neu anzupassen, wie es eben die gesellschaftlichen Veränderungen erfordern. Wir WOLLEN dann solche Anpassungen in unserem Unternehmen, weil wir unserer gewählten Mission nur so gerecht werden könne. Etwas zu tun, was die Bedürfnisse nicht befriedigt, für deren Befriedigung wir einstehen, lässt uns selbst unbefriedigt zurück. Wir erleben unsere Arbeit dann als sinnlos. – Die Geteilte Mission gibt dem Unternehmen „Substanz“. D.h. sie gibt dem Unternehmen etwas, dass das Unternehmen wert macht, zeitlich zu überdauern. Und sie gibt den Mitunternehmern etwas, auf das sie zu Recht stolz sein können, dass sie davon ein Teil sind oder waren. – Weil sie durch ihre Arbeit, ihre Ideen und ihre Anstrengungen dazu beigetragen haben. Zum Unternehmen und dadurch dazu, dass Bedürfnisse besser erfüllt wurden.

3.) Was eine geteilte Mission nicht leistet

– Sie verhindert nicht alle Arten von Konflikten, manche heizt sie sogar an. Unternehmen, die ihre Mission nicht klären, die keine Mission haben (außer „Geld verdienen“, was gleichbedeutend ist mit keiner Mission), oder die ihre „Mission“ möglichst schwamming, nebulös und fuzzy lassen (so dass sie im Grunde nichts ausschließt): SOLCHE Unternehmen können auch keine Konflikte darüber haben, was die Mission ist, wie sie sich verändern sollte und ob eine einzelne Maßnahme / gemeinsame Aktion mit Blick auf die Mission zweckmäßig ist oder nicht (wo kein gemeinsames Ziel, da kann nichts Sinnvolles gemessen werden, sondern nur irgendetwas Willkürliches).

– Sie legt nicht exakt fest, was zu tun ist. Aus ihr lässt sich nichts direkt ableiten. Sie lässt Luft und Spielraum, macht das Unternehmen nicht zu einer mechanischen, trivialen Maschine, in der einzelne Mitunternehmer nur noch Rädchen sind, die „funktionieren müssen, wie einmal festgelegt“.

– Sie ist keine schöne Werbung, kein Employer Branding, sie ist nicht „Glanz und Gloria“, in der wir uns suhlen und sonnen, vielmehr ist sie ein Anspruch, mit dem wir uns beinahe minütlich triezen, dem wir erklärtermaßen in unserem Handeln gerecht zu werden versuchen. Sie ist mehr demütige Verpflichtung als eitle Selbstfeier.

– Sie legt den Sinn des Unternehmens nicht für alle Zeiten fest. – Es reicht also keine einmalige Klärung, die ab da Geschäftsgrundlage für das Handeln aller Mitunternehmer ist. – Vielmehr ist sie die Etablierung eines permanenten Austausches und Verständigungsprozesses über das Gemeinsame. – Sie schafft also keine inhaltliche Klarheit, sondern nur Raum für den Prozess des permanenten Verständigung über das, was wir hier gemeinsam wollen. – Sie macht aus Mitarbeitern Mitunternehmer. – Mitunternehmer können sich bei einzelnen Aktivitäten sowohl auf die Geteilte Mission berufen, wie sie einzelne, offensichtliche sinnvolle Aktivitäten dazu nutzen können, eine Änderung oder Modfikation der Geteilten Mission zum Thema im Unternehmen zu machen.

P.S.: Ich möchte an dieser Stelle Marie Miyashiro nochmals dafür danken, dass sie die Unterscheidung zwischen „life affirming purpose“ und „identity“ eines Unternehmens getroffen hat, indem sie beide als „Unternehmensbedürfnisse“ identifiziert. Also als Bedürfnisse, die wir als Menschen IMMER haben, wenn wir Teil eines Unternehmens sind. – Diese Unterscheidung ist für mich außerordentlich produktiv und ich hätte sie nicht selbst (er-)finden können.

Was echter Kundenkontakt für ein Unternehmen bedeutet: Für seine Organisation und für seine tägliche Arbeit

Vor einiger Zeit hatte ich hier einen Artikel veröffentlicht, der sich recht grundsätzlich zum Thema „Unternehmen und ihre Kundenbeziehungen“ aussprach.

Nun möchte ich zum gleichen Thema etwas Praktischeres, und damit deutlich Problematischeres nachreichen: Was heißt es für ein Unternehmen, wenn es sich in jedem Moment zu jedem Zeitpunkt zu 100% bewusst ist, dass sein Daseinszweck und vielleicht sogar: seine Daseinsberechtigung die Befriedigung ganz bestimmter Kundenbedürfnisse ist, an denen es sich selbst messen will und messen muss?

Das Ganze betrifft das Unternehmensbedürfnis „life affirming purpose“, von dem Marie Miyashiro in ihrem Buch „The Empathy Factor“ so schön spricht. – Auch wenn jenes Bedürfnis im Unternehmensbedürfnis „Identität“ seinen natürlichen Antagonisten hat, in „der Art und Weise WIE WIR für diese Kundenbedürfnisse da sein wollen und überhaupt, was uns so ausmacht, auch intern“, ändert das doch nichts daran, dass ein Unternehmen sich verliert, dass seinen Daseinszweck nicht aus jeder Pore atmet. – Und umgekehrt: Dass es jedes Unternehmen enorm vitalisiert, wenn es im daily business, in allem, was es tut und nicht tut, jenen Daseinszweck fest im Blick hat und behält. Und damit seine Kundenbeziehungen.

Man sollte sich vielleicht vorab klar machen, dass es sich bei den Kundenbeziehungen eines Unternehmens um durch und durch asymmetrische Beziehungen handelt. Beziehungen, wie sie sonst fast nur zwischen Eltern und SEHR kleinen Kindern vorkommen: Die eine Seite der Beziehung hat beschlossen, voll und ganz für die andere Seite der Beziehung da zu sein. – Klar will ein Unternehmen Geld von seinen Kunden. Aber in gesunden Unternehmen ist dies Bedingung für seinen Bestand, um eben weiter tun zu können, wozu man sich entschlossen hat. Das Geld der Kunden deckt (neben anderen Mitteln) das Unternehmensbedürfnis „Energie“, ohne die ein Unternehmen ebenfalls auf Dauer zugrunde gehen würde. Gerade, wenn man im Unternehmen etwas sinnvolles (= Kundenbedürfnisse befriedigendes) tut, wäre es ja schade um das schöne Unternehmen, wenn es nur zu einem Beziehungsquickie in der Lage wäre.

Im Kern bleibt aber bestehen, dass – wenn man die Beziehungsebene fokussiert – entgegen der landläufig verbreiteten Meinung bei den Kundenbeziehungen eines Unternehmens eben KEIN reines Tauschgeschäft vorliegt („Geld gegen Leistung“). Denn das wäre eine NULL-BEZIEHUNG, etwas, dass die Bezeichnung „Beziehung“ nicht wirklich verdient hat (ebenso wie wir in einem anderen Feld des menschlichen Lebens kaum von „Beziehung“ sprechen würden, wenn wir zu einer Prostituierten gehen und „Sex gegen Geld“ haben).

Wir haben also eine asymmetrische Beziehung vorliegen, in dem der eine zum anderen sagt: Hinsichtlich ganz bestimmter Bedürfnisse, die Du hast, möchte ich voll und ganz für Dich da sein.

Nun gibt es Unternehmen, die zu 100% aus „Service“ und „unmittelbarem Kundenkontakt“ bestehen. – Hier ist klar, dass das Unternehmen ein recht unmittelbares „Kundenzufriedenheitsfeedback“ bekommt, v.a. wenn es dafür offen ist und die Beziehungsebene wirklich im Blick hat. Friseure sind z.B. so ein Fall, oder Gastronomen vieler Bereiche, wenn sie nicht grade ein Pizzalieferservice sind.

Denn bereits hier beginnt eine erste Spaltung: Die Spaltung des Unternehmens in Mitarbeiter, die „mit der Produktion befasst sind“, und Mitarbeiter, „die Kundenkontakt haben“.

Bei noch größeren, noch komplexeren Unternehmen haben wir dann zusätzlich noch Mitarbeiter, die weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas zu tun haben, sondern die vielmehr beiden anderen Gruppen den Rücken freihalten und ihnen interne Dienste anbieten, so dass diese sich voll auf die Produktion bzw. auf den Kundenkontakt konzentrieren können. Dort werden dann die einen Mitarbeiter „Kunden“ der anderen. dm drogeriemarkt scheint das z.B. sehr konsequent auch sprachlich im Unternehmen umzusetzen, indem dort von „rückwärtigen Dienstleistungen“ gesprochen wird, und die Leistung dieser Mitarbeiter für das Unternehmen durch die dortige „Wertbildungsrechnung“ allgemein sichtbar gemacht wird.

Für diesen Artikel hier möchte ich mich aber auf die Spaltung in „Produktion“ und „Kundenkontaktlern“ in Unternehmen konzentrieren.

Gibt es im Unternehmen eine solche personale Aufspaltung, d.h. haben die Produktionsmitarbeiter keinen eigenen Kundenkontakt, dann arbeiten sie sozusagen „blind“. Sie können nicht wissen, ob das, was sie da tun, den Zweck dessen, was sie da tun, überhaupt erfüllt. – D.h. auch: Es passiert relativ leicht und aus einem systematischen Grund, dass man als reiner Produktionsmitarbeiter sein unternehmerisches Tun als sinnlos empfindet. Das Gleiche gilt auch für die Mitarbeiter aus F&E, aus Forschung und Entwicklung, die im Grunde auch nichts anderes sind als Mitarbeiter, die in bestimmter Weise mit der Produktion befasst sind.

Gleichzeitig haben die Mitarbeiter, die den Kundenkontakt haben, das Problem, dass sie kaum auf die Zufriedenheit der Kunden mit den Leistungen des Unternehmens einwirken können. Und zwar genau dann, wenn es diese Spaltung gibt. – Natürlich können sie viel drumherum tun: Freundlich sein, zuhören, sich den Mund fusslig reden, aber an der Kernleistung des Unternehmens, dem, wofür das Unternehmen eigentlich da ist, können SIE eben rein gar nichts ändern.

Das heißt, es wird zu einer Substantiellen, zu einer unternehmensentscheidenden Frage, wie Kundenkontaktmitarbeiter und Produktionsmitarbeiter miteinander reden. Wie also die unternehmensINTERNE Beziehung zwischen Kundenkontaklern und Produktionern im Unternehmen gestaltet ist. Hier scheinen mir sehr unterschiedliche Beziehungsformen möglich, und damit sehr grundlegende organisatorische Entscheidungen, die eine kaum zu unterschätzende Tragweite für das ganze Unternehmen und seinen Erfolg haben.

Das Bisherige verstehe ich als nüchterne Analyse, die kaum hinterfragt werden kann. Zumindest kann ich derzeit keine guten Gründe erkennen, sie zu hinterfragen. Nun kommt aber ein „Schuss Ideologie“ oder ein „Schuss Wertung“ von meiner Seite hinein:

Aus meiner Sicht sind die Kundenkontaktmitarbeiter DIE WICHTIGSTEN MITUNTERNEHMER IM UNTERNEHMEN. Sie sind „wichtiger“ als sowohl die Produktions-Mitunternehmer und auch und sowieso als die internen Dienstleister (zu denen auch die heute noch sogenannten „Führungskräfte“ oder „Manager“ oder „die Geschäftsführer“ gehören, aber das nur am Rande; andernorts kann man das genauer nachlesen, wenn man das möchte).

Diese Wertung ist heute noch notwendig, weil DERZEIT „produzierende Unternehmen“ wie z.B. Automobilhersteller die Sache genau umgekehrt bewerten. – Man braucht sich nur einmal in einem vertrauten Moment, d.h. in einem Nicht-Verkaufs-Gespräch mit einem Autohändler zu unterhalten, um davon überzeugt zu werden.

Es wird also erst produziert, und dann wird das Produzierte von einer Heerschar von armen Menschen mit Kundenkontakt „in den Markt gepresst“. Auch ein IT-Unternehmen, für das ich einmal arbeiten durfte, hatte genau dieses Verständnis von Unternehmertum. Und genau deswegen hatte dieses Unternehmen auch keine echten Kundenbeziehungen, keine Beziehung zu seinen Kunden, die die Bezeichnung „Beziehung“ verdient hätte.

Nun ist es so, dass, sobald ein Unternehmen anfängt, etwas kompliziertere, aufwändige Produkte herzustellen, viel, viel organisiert werden muss: Sehr unterschiedliche Ressourcen müssen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Alles muss perfekt ineinandergreifen, damit man nicht tödlich langsam wird, damit die Qualität nicht leidet und damit das Produkt nicht am Ende so teuer wird, dass kein Kunde es sich jemals mehr leisten kann. In einem Wort: Es gibt in solchen Unternehmen eine beeindruckend komplizierte „supply chain“.

Daher ist die Frage berechtigt, WIE UM ALLES IN DER WELT MAN SO EIN UNTERNEHMEN KONSEQUENT VON DEN KUNDENBEZIEHUNGEN HER AUFZIEHEN MÖCHTE???

Wie sollen wir so schnell etwas ändern an unseren Produkten, nur weil sich die Kundenwünsche ändern? – Wie sollen wir darauf verzichten können, unsere Kunden künstlich zu beeinflussen, hinsichtlich dessen, was sie wollen, wenn wir erst unendlich viel in Entwicklung und Fertigung investieren müssen, damit unsere Produkte dann irgendwann endlich beim Kunden landen?

Meine Behauptung ist: Das ist möglich, auch bei solchen Unternehmen. Nur wird es eben bisher kaum gemacht. Ganz einfach weil das unternehmerische Bewusstsein dafür fehlt, weil in solchen Unternehmen bisher mit einem ganz anderen unternehmerischen Selbstverständnis gearbeitet wird.

Solche Unternehmen sind bisher erstaunlich (oder – wenn man die supply-chain- und die Investitions-Problematik im Blick hat: gar nicht so erstaunlich) selbstbezüglich. Sie halten sich für großartig in sich selbst. Ihre Kunden dürfen dankbar dafür sein, dass sie die Produkte dieser Unternehmen kaufen dürfen.

Kundenfeedback kann in solchen Unternehmen also systembedingt gar nicht ernst genommen werden. – Man operiert, arbeitet und unternimmt blind. Und arbeitet dann mit viel Druck und manchmal auch viel Panik „am Absatz“. – Beziehungstechnisch gesehen könnte man das in das Bild fassen, dass man seinem Kind einen Brei anrührt, ohne sich um dessen Geschmack zu kümmern. Und, nachdem das Kind schreit, presst man ihm den unter viel Mühe angerührten Brei eben mit Gewalt rein. So gestalten produzierende Unternehmen heute ihre Kundenbeziehungen.

Haben Sie vor kurzem Mal vertraulich mit Verkaufs- und Vertriebsmitarbeitern solcher produzierenden Unternehmen gesprochen? So von Mensch zu Mensch? – Dann ist Ihnen  möglicherweise auch übel geworden, als Sie sich angehört haben, was man in diesen Rollen so alles erlebt und mitkriegt. Und es war für Sie möglicherweise auch nicht ganz leicht, danach nicht in Zynismus und Schwarzseherei zu verfallen, was produktives Unternehmertum angeht. Mehr geballte Sinnlosigkeit höre ich zumindest sonst nur von Bank- und Versicherungsmitarbeitern, die mit dem dringenden Wunsch bei mir aufschlagen, sofort und für immer ihr Berufsfeld zu wechseln.

Es gibt hier also ein veritables Problem, für das im Grunde niemand etwas kann. Solche Unternehmen haben Probleme, ihren Bestand zu sichern, ohne zugleich gewalttätig gegenüber sowohl ihren Kunden als auch ihren Kundenkontakt-Mitunternehmern zu werden.

Und hier nun mein Appell, da ich selbst eben nicht aus F&E komme, nur mal ein Jahr in der Produktion gearbeitet habe, und also von den ganzen Details, die notwendig sind, um „gut zu produzieren“, keine Ahnung habe: Liebe produzierende Unternehmen, lasst Euch verdammt nochmal endlich etwas einfallen, um dieses Euer Problem zu lösen!

Das muss eine Aufgabe DES GANZEN UNTERNEHMENS sein, denn das ganze Unternehmen leidet unter dieser Misskonzeption. Es verfehlt seinen Zweck. Und damit wird nahezu alles, was diese Unternehmen tun, sinnlos für die Menschen, die es tun, die den Laden am Laufen halten. – Das Ausmaß, den der Teilzeitarbeitswunsch z.B. bei BMW mittlerweile angenommen hat, spricht hier Bände.

Womit man anfangen könnte: Die Kundenkontaktmitarbeiter wieder konsequent „insourcen“, wieder zu einem essentiellen Teil des Unternehmens selbst machen. Das ist nämlich gerade bei produzierenden Unternehmen oft nicht mehr der Fall. Man hat dort häufig – aus guten Gründen bei dieser Fehlkonstruktion, man will sich das nämlich nicht mehr selbst antun – den Verkauf und den Vertrieb outgesourct.

Womit man weitermachen könnte: Die Kundenkontaktmitarbeiter wie die Könige des Unternehmens zu behandeln. ALLES, alles was sie sagen, denken, fühlen, wahrnehmen ist für das Unternehmen von existentieller Bedeutung. – Denn sie, die Kundenkontaktmitarbeiter sind direkt für die Kunden des Unternehmens da. Sie bekommen mit, was gut läuft, was schlecht läuft, wo die echten Potentiale sind, wo die echten Probleme sind. Sie sind Gold wert für das Unternehmen.

Und ALLE ANDEREN Mitarbeiter sind erst einmal die internen Dienstleister dieser Kundenkontaktmitarbeiter des Unternehmens, ihre Zuarbeiter. – „Der Kunde ist König“? – Dann müssen die unmittelbaren Diener der Kunden-Könige im Unternehmen wie Könige behandelt werden!

Und dann, dann wird man als Unternehmen sehen, wo man was anders machen muss in diesem konkreten Unternehmen. Dann erst wird ein realer Change-Bedarf sichtbar. In der Regel: Ziemlich handfeste Probleme von durchaus größerem Ausmaß, die sich nicht von heute auf morgen beseitigen lassen, weil sie die Organisation betreffen.

Wenn aber ein Unternehmen sein life affirming purpose, seinen Daseinszweck, seinen lebensbejahenden Zweck wirklich im Blick hat, wird es das ändern WOLLEN. Es will ja nicht sinnlos vor sich hinbrummen, ohne dass das, was wir hier alle gemeinsam tun, am Ende für irgendjemand von echtem Nutzen ist. Oder dass das, was wir hier alle gemeinsam unternehmen, so weit unter unseren eigentlichen Möglichkeiten bleibt, weil es unsere Kunden eben systematisch verfehlt, immer und immer wieder.

Und dann, wenn wir soweit sind, dann können die Produktioner und die F&Eler ihre fantastischen Gehirne endlich mal ordentlich anwerfen: Denn dann haben sie endlich mal ein wirklich produktives Problem, ein sinnvolles Problem. Nämlich: Wie können wir die ganze Maschinerie aufziehen, so dass wir flexibel genug operieren können, um mit dem zeitnah und angepasst umgehen zu können, was uns die Kundenkontaktler an Informationen über die Kundenbedürfnisse liefern, für die wir arbeiten?

Das ist mal ne Aufgabe! – Würdig dem, was da an Brainpower in der Produktion ganz real versammelt ist.

Und so wird dann aus dem Ganzen ein Schuh draus. Oder ein Auto. Oder eine Software. Oder, oder, oder…

P.S.: Hier schon mal ein durchaus ermutigendes Beispiel dafür, wie und mit welchem mindset und aus welchen Gründen das gehen könnte…

Risiken im Business

Entgegen anderslautenden Außenseiter-Meinungen 😉 gibt es im Business nur genau zwei Risiken. Zwischen diesen beiden muss man abwägen:

1.) Das Risiko zu lieben

Wie andernorts ausführlicher beschrieben, bedeutet „lieben“ auch, die eigene Dynamik dauerhaft an eine fremde Dynamik und ihre Details zu binden. Also die Bereitschaft, sich von einem „Anderen“ immer wieder auf’s Neue durcheinanderbringen zu lassen. Ein Unternehmen zu gründen und zu betreiben ist daher im Herzen eine Liebeserklärung an bestimmte Kundenbedürfnisse / Kunden: „Was auch immer ihr im Bereich X wollen werdet, wir werden uns dafür interessieren, darum kümmern, darauf Antworten finden.“

Das birgt Risiken. – Man kann sich nämlich in der Liebe prima verlieren. Auch Unternehmen können das in der Kundenbedürfnisliebe. Nämlich dann, wenn sie es nicht schaffen, sich diese Fremdkontingenz immer auf’s Neue anzueignen. Wenn sich sich zwar binden, aber keine eigene Antworten finden. Wenn sie dem Kunden nur noch hinterherlaufen. Wenn sie nicht mehr freiwillige Diener des selbstgewählten Kundenbedürfnis mehr sind, sondern zu dessen Sklaven werden.

Dann haben wir „getriebene Unternehmen“. Und diesen kommt über kurz oder lang via die eigene Getriebenheit die ursprüngliche Liebe abhanden.

Daher ist das Unternehmensbedürfnis „Identität“ so zentral, das Marie Miyashiro in ihrem fantastischen Buch „Der Faktor Empathie“ so plastisch beschreibt: Es sorgt dafür, dass wir bei unserem Wunsch im Unternehmen, das jeweilige Kundenbedürfnis immer neu und immer besser zu erfüllen, nicht unseren eigenen Weg verlieren. Dass wir uns zusätzlich zur Frage: „WIE können wir unsere Kunden noch zufriedener stellen?“ die Frage stellen: „Wie können WIR unsere Kunden noch zufriedener stellen?“

Das ist nur vermeintlich die gleiche Frage. Die erste Frage führt ohne die Ergänzung durch die zweite Frage ins Markt-Getriebensein. Die zweite führt ins Selbstbewusstsein, in die Demut (Einsicht in die eigenen Grenzen), in die Freude (an der eigenen Besonderheit und den eigenen Möglichkeiten) und in einen größeren Zusammenhalt aller im Unternehmen. Und natürlich in eine echte Verbundenheit mit den eigenen Kunden. Und die Frage führt – hier darf man ruhig einmal emphatisch werden – auch in eine größere Verbundenheit „mit der Welt“. Denn dann ist man sich innerlich sicher, dass man durch das eigene unternehmerische Tun einen wirklich wertvollen Beitrag zu ihr leistet. Wie klein oder groß der auch immer sein mag.

2.) Das Risiko, nicht zu lieben

Ganz anders liegt das Risiko bei Unternehmen, die niemals den Anspruch entwickelt haben, irgendetwas zu lieben. Schon gar nicht ihre Kunden. Unternehmen, denen das zu überkandidelt ist, bestärkt von anderen, die aus Selbstschutz sogar offen von der Liebe zum eigenen Unternehmen abraten.

Natürlich kann man auch lieblos erfolgreich sein mit Unternehmen. Man ist es dann in der Regel durch Zielorientierung, Verbissenheit, Gewinnen-Wollen, Es-allen-zeigen-wollen, Konkurrenz-Orientierung, etc. – Das kann durchaus eine Weile gut gehen. Sogar eine lange, lange Weile.

Ich möchte hier aber behaupten: Es geht rein statistisch seltener gut als bei Unternehmen, die sich sowohl ihre Kundenliebe (life affirming purpose) als auch ihre Selbstliebe (identity) im täglichen Business zu wahren verstehen, weil sie Zeit darauf verwenden und beide Seiten der Liebe in ihrer Business-Relavanz intuitiv verstehen und pflegen.

Und: Selbst wenn es gut ist, wenn der Erfolg überbordend ist in solchen Unternehmen, wenn Großartigkeit herrscht, die Wirtschafts-Presse jubelt und die Aktionäre vermeintlich hochzufrieden sind: Dann sind das bei lieblosen operierenden Unternehmen mit hohem Risiko Erfolge, die ihre realen Kosten nicht wert sind. Sie fühlen sich schal an, füllen die innere Leere der Menschen nicht, die „an diesen Erfolgen beteiligt sind“.

Schade eigentlich.

Aber so sind eben die Risiken verteilt. Man könnte sagen: „Wirtschaftsnaturgesetz“.

Wir können nur zwischen diesen beiden Risiken wählen. Täglich auf’s Neue. Eines dieser beiden Risiken gehen wir unvermeidlich immer ein, wenn wir uns egal wie an egal welchem Unternehmen beteiligen: Ob als Mitabeiter, als Manager, als Investor oder als Dienstleister eines Unternehmens. An der Wahl zwischen diesen beiden Risiken kommt nur vorbei, wer unternehmenslos vor sich hin medititert oder in die Wüste zum Einsiedeln geht.

Ich finde: Manche Risiken sind es wert, eingegangen zu werden. Andere wohl eher nicht.

Nüchtern betrachtet.