Der Mensch ist das Maß aller Unternehmen – Der Seienden, dass sie sind, der Nichtseienden, dass sie nicht sind

„Bedenke, dass Du ein Mensch bist“ hatte ein Sklave angeblich dem Triumphator regelmäßig ins Ohr zu flüstern, während der sich auf einem öffentlichen Triumphzug durch das alte Rom für seine Siege feiern ließ…

In ganz anderem Sinne könnte man den gleichen Satz all den Menschen zuflüstern, die sich im Zuge des Dauer-Selbst-Bombardements via Internet und ihrer zahllosen Bindungen in der Geschäftswelt aufzulösen beginnen, und die immer mehr Geistern und Schatten ihrer selbst ähneln, und immer weniger sich selbst als Menschen aus Fleisch und Blut…

Eigentlich sind wir ja perfekt ausgestattet. – Unsere Gefühle und vor allem unserer Körper ist ein idealer Resonanzboden für Feedback über „die Wirklichkeit“.

Dieses „innere Feedback“ ermöglicht uns, Orientierung in uns selbst zu finden, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was (für uns und für uns mit anderen) gut und was (für uns und für uns mit anderen) weniger gut ist.

Das gilt auch und gerade „im Business“, also dann, wenn wir etwas „unternehmen“, womit wir uns für eine Zeit lang systematisch auf die Bedürfnisse anderer ausrichten, anstatt allein auf unsere Bedürfnisse.

Wir veräußern uns dabei, weil wir dabei unsere eigenen Bedürfnisse zurück stellen, um dadurch „Geld zu verdienen“, mit dem wir dann – aufgeschoben in eine unbestimmte Zukunft – wiederum eigene Bedürfnisse zu befriedigen hoffen.

Allerdings ist es – wie auf diesem Blog mit dem schönen Namen ilwyc schon öfters bemerkt – auch möglich, „Business zu machen“, OHNE sich auf diese Weise zu entäußern: Also auch „beim Unternehmen bei sich zu bleiben“.

Das setzt aber voraus:

a) Dass man seine Bedürfnisse in der Gegenwart des Unternehmens sucht, nicht erst in der Zukunft des Geld-Ausgebens und Konsumierens.

b) Dass man halbwegs „in seinem Körper ist“ / „auf seinen Körper hört“.

Jenes b) ist weit weniger trivial als viele zu glauben scheinen…

Es wird teilweise erschwert auch dadurch, dass wir ja auch außerhalb unserer Unternehmen „in Beziehungen stehen“ und „außer uns sind“.

Denn zwischenmenschliche Beziehungen – für uns als Menschen DIE RELEVANTE UMWELT SCHLECHTHIN – haben die Kraft, uns sowohl außer uns zu bringen als auch zu uns selbst zu bringen.

„Privat wie beruflich“ gilt: Wir reiben uns an anderen, wir werden gestört durch andere, wir verlieren uns an andere… Aber wir werden durch andere auch gespiegelt, bekommen durch andere Hinweise auf blinde Flecken und finden durch andere Menschen zu uns selbst.

Hinzu kommt heute, dass wir alle unser „informationelle Selbstbestimmung“ täglich neu aufgeben, indem wir uns wahllos zudröhnen lassen mit ALLEM, was da digital so auf uns einschwappt aus zahllosen Quellen. – Vieles davon nützlich, vieles unglaublich wertvoll. Nur will es halt auch verdaut sein.

Der Resonanzboden diesen ganzen „Beziehungs-Geschehens“ ist unser Körper – mit „seinen Gefühlen“, die als reine Informationsquelle gesehen werden können darüber, unsere eigenen Gedanken in Reaktion auf Wahrnehmungen in der Beziehungs-Außenwelt in uns auslösen. – Denn Gedanken, mentale Konzepte sind bei uns IMMER zwischengeschaltet, wenn es darum geht, unsere Wahrnehmungen in unsere Gefühle münden zu lassen.

Überhaupt „Verdauung“: DIE Grundfunktion des Lebens noch vor Wahrnehmung, Fortpflanzung und Eigenbewegung: Sie bedeutet nichts anderes, als das ein Organismus fähig ist, das, was er brauchen kann, von dem zu trennen, was er nicht brauchen kann und was er folglich wieder ausscheidet.

Und hier gilt: Verdauen braucht seine Zeit. – Sonst bleibt zu viel „im Organismus“, was dort nicht hin gehört und was den Organismus schwächt.

Leider gewöhnen wir uns in dieser Hinsicht leicht an so einiges…

Existentiell gesehen genauso wie unternehmerisch gesehen sind also „Menschen“ unsere Umwelt. – Ständig gehen wir Beziehungen ein und ständig versuchen wir diese Beziehungen zu unserer Befriedigung zu kontrollieren. Da dies aber alle Menschen gleichzeitig tun, entsteht ein unkontrollierbares, häufig unglückliches Geschehen, das nur mittelbar wertvoll für uns ist und uns kaum eindeutige Informationen darüber liefern kann, „wohin wir uns wenden“ können…

…es kommt zur Rückzügen, auch: Zu Rückzügen aus dem eigenen Körper, der eben der Resonanzboden für all jenes Beziehungsgeschehen, dass eben als unkontrollierbar und glücklos erlebt wird.

So nach der Devise:

„Kann ich auch das Außen, meine Beziehungen nicht so kontrollieren, wie ich das eigentlich gern würde, so kontrolliere ich wenigstens das Ausmaß, in dem ich das an mich heranlasse, das Ausmaß, in dem ich in meinem Körper bin.“

All jene Internet-Verlorenen, all jene Generation-Head-Down-Anhänger, alle jene Süchtigen aller Couleur, all jene Wenig-Schlafer, Nebenher-Esser, Dauer-Sitzer, Nichts-mehr-Fühler…

…also: beinahe „wir alle“ legen mit unserem von-uns-selbst-eingeschränkten-Körperzugang die Hauptinformationsquelle lahm, die uns Orientierung geben kann im Leben.

Dass damit „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“ wird, ist vielleicht überflüssig zu erwähnen, vielleicht aber auch nicht…

…in jedem Fall erklären die beschriebenen Vorgänge aber, wie es eigentlich sein kann, dass sich für so ein perfekt ausgestattetes Lebewesen wie uns das Leben so unperfekt anfühlt.

Denn wer weitgehend orientierungslos durchs Leben tappt, kann sich kaum zielgerichtet seine Bedürfnisse erfüllen. – Er wird das, was er gerade vermeiden will zu sein: Er wird manipulierbar. Er verliert die Kontrolle. Weil er durch seine innerlichen Praktiken „mich sich selbst“ das „Ruhen in sich selbst“ mit wegrationalisiert hat.

Er hat seinen Körper verlassen, weil dies die einzig dauerhaft effektive Art ist, die Bindungen an andere zu kappen. Und da diese Bindungen häufig unbefriedigend, vor allem aber beängstigend unkontrollierbar erscheinen, erscheint dieses „Verlassen des Körpers“ trotz aller Nachteile wie eine „gute Idee“.

Doch nun fehlt im jede Befriedigung, jede Ruhe, jeder Anker, jeder Halt, jede Erfüllung…

Was ich gern postulieren würde für unsere heutige Unternehmenswelt ist eine moderne Form des „homo mensura-Satzes“:

„Der Mensch ist das Maß aller Unternehmen – Der Seienden, dass sie sind, der Nicht-Seienden, dass sie nicht sind.“

Da wir alle – und ich selbst an erster Stelle – kaum mit uns selbst verbunden scheinen, da wir es aus Angst nicht wagen, unseren scheinbar so banalen Körper zum „Maß unserer Aktivitäten und Dinge“ zu machen, so muss uns jener Satz ins Leere führen.

Wer sich nicht spürt, wer nicht fragt, „was mir mein Körper und meine unbewerteten Gefühle eigentlich sagen wollen“, der stolpert durchs Leben, von seinen Gedanken mal hier hin, mal dorthin gerissen. – Und häufig sind es nicht mal seine, sondern die aufgeschnappten Gedanken anderer…

…unverdaut und ungeprüft auf ihre Bekömmlichkeit für mich…

Wer halbwegs weiß und beachtet, was ihm gut und was ihm schlecht tut, kann Gebrauch machen von einem menschlichen Zugang zum Unternehmertum. – Wer den Zugang zum eigenen Körper und Gefühlen verschüttet, dem steht jener Zugang zum Unternehmen nicht offen.

Nun soll das hier keine Lanze für eine „neue Empfindlichkeit“ sein, nicht dafür auf „jedem Zipperlein unproduktiv herumzukauen“.

„Im Körper sein“ heißt vielmehr „das Übliche“: Das Körper/Geist/Seele so eins wie möglich sind, indem man es nicht forciert und nicht zulässt, dass sie all zu weit auseinander treten. Indem man Gedanken rückbindet an die aktuelle Situation. Indem man Bewertungen rückbindet an das, wie es einem geht.

„Im Körper sein“ ist für ein Wesen mit einem potentiell so hyperaktiven Gehirn wie dem unseren ein hochgradig aktiver Vorgang.

Und gewissermaßen sind die Krebsgeschwür-Artigen Unternehmen, die wir als Menschen teilweise hervorbringen, ein perfekter Spiegel dessen, wie wir innerlich mit uns selbst und unserer Körperlichkeit umgehen

Oben ein „Wasserkopf“, eine „Zentrale“, die jeden Furz noch „zu steuern“ versucht. Unterhalb dessen: So einiges in Schräglage…

…einiges, was sich selbst recht gut ins Lot bringen könnte, wenn es „von oben“ nicht permanent dabei gestört würde…

Aber umgekehrt zeigen uns auch Unternehmen, „die’s anders machen“, wie man auch selbst als Mensch anders mit so einem „Problemgehirn“ umgehen kann:

Man schaut immer wieder mal vorbei bei seinen verschiedenen Gefühlen und Körperbefindlichkeiten, aber man hat nicht JEDESMAL gleich eine Agenda mit im Gepäck, wenn man vorbeischaut. – Und man nimmt auch nicht JEDESMAL eine Agenda mit, wenn man von dort weg geht und sich die „Probleme vor Ort“ angeschaut hat. – Seine „Unterstützung“ bietet man nur dort an, wo die die „guten Mitarbeiter an Ort und Stelle“ das Problem wirklich nicht alleine lösen können und unmittelbar dankbar und erleichtert sind, dass sich nun „der Chef“ der Sache annimmt.

Auf diese Weise wird die Perfektion nicht zerstört, die wir selber sind.

Und diese Perfektion brauchen wir, wenn wir Unternehmen anders aufbauen und anders betreiben wollen. Wenn wir nicht nur anderes, sondern anders unternehmen wollen…

Der große Vorteil, den „der Mensch“ gegenüber allen anderen Arten auf diesem schönen Planeten entwickelt hat, war seine Anpassungsfähigkeit, seine GERINGE Spezialisierung im Vergleich zu nahezu allen anderen relevanten „Konkurrenten“.

Aber wie es so schön heißt in der Formel „die Austreibung des Lebens aus seinen Erfolgen“: JEDER Vorteil hat auch seine Nachteile.

Unsere übergroße Anpassungsfähigkeit ist für uns zum Problem geworden.

Es wird Zeit für unsere ganz biologischen Grenzen. Und die sind schwer zu sehen, wenn man so ein schönes, plastisches Gehirn hat, wie wir es besitzen. Bzw.: Diese Grenzen sind durch uns in unserem Alltag, in unserer Lebensführung leicht zu übersehen.

Und: Diese Grenzen liegen wohl eher nicht „in unserem Gehirn“.

Weitaus eher liegen unsere Grenzen wohl in dem…

1.) …was wir körperlich, mental und emotional verdauen können, ohne uns dauerhaft zu schwächen.

2.) …was wir an Bewegung und Ausleben unserer Selbstbewegtheit brauchen. Auch hier wieder: Körperlich (uns auf die Art und Weise bewegen, nach der wir uns im jeweiligen Moment wirklich fühlen) UND Emotional (Wahrnehmen und Ausdrücken statt Ignorieren und Unterdrücken von Gefühlen) UND mental (Fabrizieren eigener Gedanken, statt nur Aufnahme im Nürnberger Trichter).

3.) …was uns in unseren Beziehungen gut tut und was uns dort weniger gut tut. (Without further disclaimer: Wir haften vollumfänglich für die Beziehungen, die wir eingehen und die wir nicht eingehen…)

Grenzen geben Orientierung: Immer wenn wir wütend werden, wenn wir Trauer empfinden, wenn sich unser Körper schmerzhaft meldet: Immer dann haben wir mal wieder „eine Grenze erreicht“. – Das muss nicht zwingend heißen, dass es nicht Sinn machen kann, DIESE Grenze HIER UND JETZT bewusst einmal zu überschreiten, Ängste zu überwinden, aus Komfort-Zonen auszubrechen, sich dadurch zu stärken nach dem altbekannten Prinzip: „Was mich nicht umbringt, …“

Aber wer ständig unbewusst über eigene Grenzen geht, wer sich gewöhnt wie der Frosch im Wasserglas mit der ganz unmerklich immer weiter ansteigenden Temperatur, der überschreitet seine Grenzen auf ganz andere Weise…

Und auch deshalb setze ich auf „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“:

Denn es ist überaus spannend herauszufinden was das für ein Maß ist, das wir uns selbst geben. Als die Natur, die wir selber sind.

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„Die Dichter* sind die Gesetzgeber der Zukunft“…

…so lautet ein Satz des von mir sehr geschätzten Pragmatisten Richard Rorty.

Dahinter steht die traditionelle Ansicht, die z.B. vom Philosophen David Hume vertreten wird, dass es eher unsere Gefühle als unser „richtiges Denken“ ist, dass uns empathisch und kooperativ handeln lässt.

Dahinter steht auch eine Kritik an der alten (platonischen) Kritik an „den Dichtern, die die Wahrheit verzerren“. – Rortys Spitze mit dem oben zitierten Satz ist: Die Dichter* tragen mehr zum „moralischen Fortschritt“ bei als es all die Philosophen, Denker, Theoretiker und Argumentierer jemals könnten. – Denn sie erreichen die Herzen der Menschen, in denen sich wirklich etwas bewegt, wenn denn je überhaupt etwas das Verhalten von Menschen bewegen kann.

Dass die bewegendsten Philosophen auch immer hervorragende „Dichter“ waren (Platon selber z.B. träumte wohl ursprünglich von einer großen Karriere als Dramatiker) und wohl vor allem auch deshalb überhaupt tradiert wurden, manchmal über Jahrtausende, lassen wir da mal versöhnlich bei Seite…

Denn an jenem Satz: „Die Dichter* sind die Gesetzgeber der Zukunft“ ist etwas Anderes viel interessanter als die alte Selbstzerfleischung der Philosophie: Die diesem Satz zu Grunde liegende Einschätzung  betrachtet auch Worte, Konzepte, Sprache, Bilder, usw. als WERKZEUG, d.h. als etwas, das man gebrauchen oder auch nicht gebrauchen und liegen lassen kann; als etwas, das bestimmte menschliche Zwecke/Bedürfnisse besser oder schlechter erfüllen kann.

Mit diesem Konzept von Konzepten einher geht die Auffassung, dass die vernichtendste Kritik eines Konzepts eben nicht eine Kritik ist, die sich mit dem Konzept auseinander setzt und es dabei negativ bewertet, sondern der schlichte Nicht-Gebrauch eines Konzepts.

Ignoranz beseitigt ein Konzept weitaus effektiver als Kritik, weil Kritik das Kritisierte zitieren und dadurch selbst wiederholen muss, während Ignoranz sich dagegen unter den Druck setzt, das Kritisierte durch etwas Anderes – durch ein vermeintlich besseres Werkzeug – zu ersetzen.

Nichts ist so vernichtend wie die Nicht-Beachtung.

Die Evolution hat das verstanden: Sie „kritisiert“ dasjenige nicht, was nicht mehr so gut in eine veränderte Umwelt passt. Sie verwendet es einfach nicht mehr, um das Leben in die nächste Generation weiter zu tragen. Stattdessen „verwendet“ sie einfach andere Gen-Kombinationen. Und DAS ist wirklich vernichtend.

Nun gibt es viele Denk- und Wortschulen, die die Bedeutung bestimmter Denk-Formen für unser unmittelbares Fühlen und Handeln betonen.

Gerade jetzt halte ich mal wieder zwei solche Denkschulen in Buchform in meinen Händen:

Einmal „Was Deine Wut Dir sagen will“ von Marshall Rosenberg und zum anderen „Gib nicht alles – Gib das Richtige“ von Shi Xing Mi.

Rosenberg betont, dass die vermeintliche Unmittelbarkeit unserer Wut-Gefühlen, Wut-Reaktionen und Wut-Verhalten eine Illusion ist.

Für mich überzeugend gelingt es ihm darzustellen, dass zwischen ein äußeres Ereignis und eigenes Verhalten IMMER ein Denkprozess tritt, der „die eigentliche Ursache“ unserer Wut ist. – Das äußere Ereignis wird als „Auslöser, aber nicht als die Ursache“ unseres Gefühls bezeichnet.

Diese Unterscheidung zwischen Ursachen uns Auslösern von Gefühlen ist zentral für die Schule Rosenbergs. Denn mit der Hilfe dieser Unterscheidung gibt Rosenberg uns in unserem eigenen Denken die Verantwortung für unsere inneren Zustände zurück – Ohne irgendwelche Abstriche.

Wie Rosenberg an sich selbst beobachtete kann ein sogar stärkerer äußerer Reiz der gleichen Art (sein Beispiel: ein STÄRKERER, SCHMERZVOLLERER Schlag mit dem Ellenbogen auf die Nase) keine Wut auslösen, wenn ein anderes Denken zwischen diesen äußeren Reiz und die eigene Reaktion tritt. – Dieses „dazwischentreten“ des Denkens geschieht so schnell und in der Regel so unbemerkt, dass sich die Illusion der Unmittelbarkeit und des Nicht-Beeinflussen-Könnens einstellt. – Während man seine Reaktion gerade eben aktiv hergestellt hat, indem man den äußeren Reiz hochgradig aktiv verarbeitet hat. Unbewusst, aber nichtsdestoweniger aktiv.

Für mich bedeutet das, dass wir unser eigenes Denken (die konkreten Denkformen, die wir benutzen und die wir nicht benutzen) niemals dauerhaft aus unserer Aufmerksamkeit verlieren sollten, wenn wir die Verantwortung für unser Erleben und Handeln haben und behalten wollen.

Dass das möglich ist: Relativ regelmäßige Aufmerksamkeit für das eigene Denken, davon erzählt Shi Xing Mi in „Gib nicht alles – Gib das Richtige“ auf S. 26:

Die Kraft ist da, wo Ihre Aufmerksamkeit ist. Wenn Ihre Gedanken im Positiven sind, ist auch Ihre Kraft im Positiven. Und umgekehrt. Die großen Krisen entstehen immer aus einem Mangel an Achtsamkeit – sowohl beruflich als auch privat. Prüfen Sie deshalb immer achtsam, worauf Sie Ihre Konzentration richten und worauf nicht.

Unser Denken ist der Dreh- und Angelpunkt, von dem aus wir uns dem Projekt nähern können: „Sei Du selbst der Wandel, den Du in der Welt sehen willst.“  (Gandhi)

Was heißt aber nun DAS für „die Dichter*“, die möglicherweise „die Gesetzgeber der Zukunft sind?

Ich denke, es bedeutet für sie zweierlei:

1) Dass sie wild neue Formen des Denkens erschließen sollten: Dass sie vermeintlich Fernliegendes verknüpfen und vermeintlich Naheliegendes entknüpfen und möglichst viel dazwischenschieben sollten!

2) Das sie offen darauf hinweisen sollten, dass sie nicht wissen, ob es sich bei den neuen, von ihnen in die Welt gebrachten Texten, Konzepten und Bildern um Konzepte handelt, die für ihre möglichen Gebraucher für bestimmte Zwecke brauchbar oder nicht brauchbar sind. – Ob es also „gute Texte, Konzepte oder Bilder“ sind. – Das heißt: Wer das benutzt, was die Gesetzgeber der Zukunft geschaffen haben, benutzt es auf eigenen Nutzen und auf eigene Verantwortung hin. ER – und nicht die Dichter* – sollte prüfen, ob es für ihn ein „gutes Konzept“ ist, ein Konzept mit dem ER in DIESER Situation etwas anfangen kann.

Ganz so, wie ich prüfe, ob MIR DIESER Hammer wirklich hilft, wenn ich DIESEN Nagel in DIESE Wand schlagen will. – Oder ob ein anderer Hammer besser wäre. Oder ob ich gleich eine Schraube nehme.


*“Die Dichter“: Heutzutage sicher auch: Die Filmemacher, die Youtube-Stars und und und. Und vielleicht auch: Die Myriaden von Bloggern dieser schönen neuen Welt, die aus dieser Perspektive allesamt „Werkzeugmacher“ sind…

GfK / NVC – Gewaltfreie Kommunikation / Non Violent Communication

Derzeit habe ich den Eindruck, dass es bei der Arbeit mit Konzepten der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg für mich keine guten Leitgedanken sind, wenn ich dabei „Gewaltfreiheit“ oder „Kommunikation“ im Sinn habe.

Andere würden vielleicht sagen: „Bei der GfK geht es in erster Linie weder um Gewaltfreiheit noch um Kommunikation. In erster Linie geht es bei ihr um ganz andere Dinge…“

Ich wage mal eine unvollständige und vorläufige Sammlung, womit man sich beschäftigen könnte, wenn man sich mit GfK beschäftig…

  • Mit sich selbst besser in Kontakt zu kommen (= „bessere interne Kommunikation“, „bessere Gespräche der Seele mit sich selbst“)
  • Damit, auch im Alltag, in den Wechselfällen des Lebens „öfter und länger in der eigenen Mitte zu bleiben“ bzw. „leichter und schneller in die eigene Mitte zurück zu finden, wenn man sie mal verloren hat“
  • Mit Klarheit, was einem überhaupt wirklich wichtig ist. Und was eher nur liebgewonnene, schlechte Gewohnheiten sind. Dinge, die man gar nicht so dringend braucht, wie sie sich im ersten Moment anfühlen.
  • Mit einer Lösung von Reflexen, von Strategien, mit denen man sich nach der eigenen Erfahrung selber schadet oder mit denen man nur selten das erreicht hat, was man mit ihnen erreichen wollte.
  • Mit innerer Ruhe und Gelassenheit. – Mit der Erleichterung, die man sich verschafft, wenn man fühlt, worum es einem wirklich gerade geht, auch dann, wenn man es gerade nicht bekommen kann.
  • Mit der Senkung von Handlungsdruck, mit der Erlernung von Warten-Können.
  • Mit der Steigerung des Aushalten-Könnens von Zuständen, in denen man keine Lösung parat hat. Also der Spanne zwischen „Erkennen eines Problems“ („unerfülltes Bedürfnis“) und „Finden einer Lösung“ („Strategie, die das Bedürfnis erfüllt“). – Leichtere Vermeidung von Schnellschüssen und Lösungsfallen.
  • Mit dem Finden von echten Lösungen.
  • Mit besserem Verständnis eigener Beweggründe.
  • Mit Anerkennung der eigenen Person und ihren vielfältigen Wünsche und Bedürfnisse, die oft sogar gleichzeitig präsent sind.
  • Mit der Heilung von Abspaltungen: Persönlichkeitsanteilen, Wünschen, Bedürfnissen und Gefühlen, die man „als nicht der eigenen Person zugehörige“ eingestuft hat. – Und daher mit der Zeit gelernt hat, gar nicht mehr wahrzunehmen.
  • Mit „moralischer Abrüstung“. Mit der Eindämmung von Bewertungen, Kritik und Urteilen. – Mit einem Verlassen der Bahnen des Kritischen Eltern-Ichs und des Verfolgers/Täters aus dem Drama-Dreieck.
  • Mit der Übernahme von Eigen-Verantwortung. Mit Erwachsen-Werden. Einübung wahrhaft erwachsener Verhaltensweisen im rein bejahenswerten Sinn. – Mit einem Verlassen der Bahnen des hilflosen/angepassten Kinds und des Opfers aus dem Drama-Dreieck.
  • Mit Andere-Menschen-Sein-Lassen-Können. – Andere nicht ändern müssen. Andere in ihre Probleme selber lösen lassen können. Anderen eigene Erkenntnisse nicht aufdrängen. Andere Menschen in Ruhe lassen können. – Mit einem Verlassen der Bahnen des Fürsorglichen Eltern-Ichs und des Retters aus dem Drama-Dreieck.
  • Mit der Anerkennung von Räumen, eigener und fremder Räume, wie wir sie z.B. in der Form des TEMENOS gemeinsam üben und erlernen können.
  • Mit innerlicher Freiheit, mit der Nutzung der Möglichkeiten, die uns Menschen als komplexen Wesen gegeben ist („der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“)
  • Und noch vieles andere mehr, das INNERLICH ist und in gewissem Sinne für uns VOR aller Kommunikation liegt… (= der Moment, bevor wir Handeln, bevor wir den Mund aufmachen…)

Die Reduktion gewalthafter Verhältnisse, Situationen, Beziehungen und das häufigere Gelingen von Kommunikation (beide Kommunikationspartner bekommen, was sie sich wirklich wünschen) sind so gesehen nur indirekte Nebenfolgen einer eher INNERLICHEN PRAXIS, die man u.a. auch mithilfe der Formen üben kann, die von Marshall Rosenberg bereit gestellt wurden.

Es ist  – wie so oft – nicht sinnvoll, das Ziel direkt zu fokussieren, um das Ziel zu erreichen. Um das Ziel zu erreichen, muss man sich um ganz andere Dinge kümmern als um das Ziel selbst.

Andererseits: Gerade beim Üben mit Formen der GfK merke ich, wie heilsam Beziehungen sein können. Gerade konflikthafte Beziehungen. Sie bringen uns dort weiter, wo wir uns im inneren Dialog (wir mit uns selbst) in den immer gleichen Mustern verfangen und verstricken.

Um weiter zu kommen, brauchen wir Inter-Aktion, brauchen wir erfüllende Beziehungen und brauchen wir (als Kontrastmittel) Konflikt.

Auch deswegen empfinde ich viele unserer heutigen Unternehmen als so unbefriedigend: Sie unterdrücken Konflikte mehr als dass sie Konflikte fördern und in produktive Bahnen lenken. – Sie sehen Konflikte nur „als Störungen des ansonsten reibungslos ablaufenden operativen Prozesses“.

Viele unserer Unternehmen verfügen heute weder intern noch extern über diejenigen Bindungen und Beziehungen, die es braucht, um produktive Konflikte zu haben. Die es braucht, das Drama, das in produktiven Konflikten dann immer erst mal am Werk ist, aushalten zu können. Die Bindungen der meisten unserer heutigen Unternehmen sind nicht stabil, sind nicht tragfähig, nicht belastbar.

Viele unserer heutigen Unternehmen sehen daher auch noch nicht einmal im Ansatz die Chancen, die im Konflikt liegen. Sie sehen nicht DAS POTENTIAL DER WUT: Dinge auf den Tisch zu bringen, die definitiv auf den Tisch gehören. Dass manche Dinge nur mit der Kraft der Wut „hochploppen“ können. – Freilich sollte man es dabei nicht belassen und genau DIESE NEUEN INFORMATIONEN dann auch bewusst nutzen und dadurch zu neuen Lösungen und Arrangements kommen.

Deswegen setzen solche hilflosen Unternehmen, die im Grunde mit Konflikten einfach nicht umgehen können, die nichts mit ihnen anzufangen wissen, auf Konzepte wie das der Hierarchie oder das der Karriere.

Mich als Choleriker stört das.

„Du schreibst aber viel grade“ – Was tue ich hier eigentlich…?

Gestern fragte mich einer meiner Kontakte, wie es sein könne, dass ich derzeit so viel schreibe und ob ich gerade nichts anderes zu tun hätte oder ob mir vielleicht sogar etwas auf die Seele drückt, was mich veranlasst, so viel Text abzulassen.

Er fragte mich das natürlich anders, auf sehr freundliche Art.

Daher mal auch hier eine Antwort für diejenigen, die sich vielleicht ähnliche Gedanken machen:

Meine derzeitige Vielschreiberei hat drei Hauptaspekte:

1.) Ich kann verdammt schnell Tippen. In den 90er Jahren arbeitete ich in einem Call-Center. Und zwar in einem, in dem Pager-Texte per Hand (!) eingegeben wurden. Das lief so: Jemand rief bei uns auf dem Headset an und gab einen Text durch, z.B. „Schüttel Deine Nasenhaare für mich, Baby!“ (keine Erfindung von mir, sondern ein Zitat aus dem wahren Call-Center-Agenten-Leben… 😉 ). Dann tippten wir das ein und fertig war die Dienstleistung.

Aus diesem Grund und weil ich auf der Uni verdammt viel Schreiben musste, brachte ich mir also mittels eines Übungshefts (analog!, ich bin also ein echter Dino) das Zehnfinger-System bei.

Und was soll ich sagen? Das leistet mir noch heute gute Dienste.

Für einen Artikel auf ilwyc brauche ich also im Schnitt eine halbe Stunde. – Meine Frau und mein Sohn behaupten zwar hartnäckig, es sei mehr, aber ich kann beschwören, dass es „gefühlt“ nur eben eine halbe Stunde ist, die ich an einem Text sitze.

Der Gedanke ist einfach da. Wie ein Keimling oder eine Nuss, aus dem dann der Artikel ganz organisch heraus wächst. – Ich kann das Teil einfach runterschreiben. Da ich darüber die Rechtschreibung und die Lesbarkeit völlig vernachlässige, muss ich im Anschluss noch mal „festschrauben“, also nochmal 5 Minuten drüber gehen. – Dann ist die Laube aber fertig.

Manchmal komme ich mir dabei vor wie ein irrer Alchemist, so nach der Devise: „Ahhhhh, dieser Gedanke und DIESER Gedanke – die KÖNNTE man doch mal in ein Reagenzglas zusammen schütten…. ….was dann wohl passiert…? …. heieieieiei… das zischt aber ganz schön….!“

Im Kern ist es also reine Lust am Schreiben und Experimentieren, was mich treibt. – So eine Art „Daniel Düsentrieb mit Worten“, wenn nicht grade wieder mal Donald auf der Matte steht und irgend etwas Bestimmtes für seine Aktivitäten als Phantomias von mir braucht…

2.) Ich bin an sich gerade voll ausgelastet als Coach. Und eigentlich schadet diese viele Schreiberei mir und der Qualität meiner Arbeit. Denn wenn man „in Gedanken ist“, fällt es schwerer, die Empathie aufzubringen (für sich selbst UND für den Kunden), die für gute Beratungsarbeit die absolute Basis ist.

Daher ringe ich derzeit noch um Formen, wie ich beides vereinen kann: Meine Neigung zu den Wolken und meine Neigung zu den Wassern und den Mühen der Ebene.

Ich ziehe für ilwyc auch viel aus meiner Beratungsarbeit: Ich darf durch sie Menschen aller Altersstufen, Branchen, Tätigkeitsfelder und Hierarchielevel tiefer kennen lernen. – Das hilft mir natürlich, „mit dem Wirtschaftsleben“ in Kontakt zu sein, v.a. von seiner menschlichen Seite her.

Das – und meine eigenen bisherigen Tätigkeiten in Festanstellung für Unternehmen unterschiedlichster Branche und Größe, bisher 17 an der Zahl – ist die „sachliche Quelle“ für das Geschreibs hier auf ilwyc.

3.) Ich bin inspiriert durch Richard Rortys Erfindung der  „Liberalen Ironikerin„, einer Figur, die er in seinem Buch „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ entwickelt und  ausführlich beschreibt.

Diese „Figur“ zeichnet sich aus durch einen Faible für das Neue und Weiterentwicklung als „Zweck in sich selbst“. – Das ist „die Ironikerin“, die – oft ohne Rücksicht auf Verluste, Befindlichkeiten und Verletzungen, die dadurch entstehen – das forciert, was das Bestehende überschreitet.

Sie zeichnet sich aber auch aus, durch einen Kontakt zu dem, „was alle Menschen verbindet“. Folgt man Rorty, dann ist das UNSERE VERLETZLICHKEIT. – Damit ist seine Philosophie kompatibel mit Ansätzen wie wir sie bei Brené Brown und Marshall Rosenberg finden. – Rorty bezeichnet DAS als „Liberalismus“, was in unseren Breiten aber missverständlich ist, da wir in Kontinentaleuropa keine starke Sozialliberale Tradition haben und „Liberalismus“ hierzulande daher immer mit „der Markt wird’s schon richten“ und „jeder ist sich selbst der nächste“ inklusive wirtschaftlichem Hauen und Stechen assoziiert wird.

Rorty als Ostküsten-Intellektueller meint mit „Liberalismus“ dagegen so etwas wie die universelle Empathie, zu der wir als menschliche Wesen in der Lage sind. Er fasst diese Empathie auch in den Begriff der „Solidarität“. Dabei fokussiert er den Satz: „Ich sehe / empfinde Deinen Schmerz“ und das universelle Risiko der Demütigung als verbindendes Glied zwischen allen Menschen über ihre unübersehbare Unterschiedlichkeit hinweg. „Ein Liberaler“ ist für Rorty ein Mensch, der auf dieser Grundlage eine Verbindung zu einem Menschen spürt, mit dessen Werten, Neigungen, Praktiken, Gewohnheiten und anderen Präferenzen er ansonsten überhaupt nicht übereinstimmt (Im Hintergrund kann man den auch im Deutschen bekannten Text hören: „Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden können, solange er dabei bei anderen keinen all zu großen Flurschaden anrichtet.“).

Der Liberale sagt also: „Ich sehe Deine Verletzlichkeit und ich fühle Deinen Schmerz, ich kann mir daher IRGENDWIE vorstellen, wie es ist, in Deiner Lage zu sein, obwohl Du in einer ganz anderen Lage bist als ich. – Deine Wunde ist auch meine Wunde. Du bist mir nicht gleichgültig, obwohl Du ganz anders bist als ich.“

Inspiriert von diesem Konzept würde ich stand heute sagen: Ich versuche eine „empathischer Kreativer“ zu sein und ringe für mich noch darum, diese beiden Seiten „operativ zusammen zu bekommen“.

Auf ilwyc kommt bisher eher der kreative Part zum Zug (mit dem Risiko fehlender Empathie und Demütigungen, d.h. anmaßender Kritik an den in sich selbst berechtigten Lebensentscheidungen und Lebenskonzepten anderer Menschen).

In meiner Coaching- und Unternehmensbegleitungs-Arbeit kommt der eher empathische Part zum Zug (mit Verzicht auf all zu große kreative Spirenzchen, einfach deswegen, weil solche ideen-überflüssigen Kapriolen meinen Kunden auf diese Weise im Moment nicht weiter bringen und ihren konkreten Anliegen nicht dienen, ihre akuten Bedürfnisse verfehlen würden) .

Definition von „Beziehung“ und „Gelingender Beziehung“

Meine aktuelle Arbeitsdefinition von „Beziehung“ lautet wie folgt:

Eine „Beziehung“ ist dann der Fall, wenn zwei voneinander unabhängige, selbstbewegte Systeme gleichzeitig jeweils aus sich selbst heraus mit dem anderen interagieren, und es in diesem Moment für beide Systeme, unabhängig voneinander, wahrscheinlich scheint, dass es in der Zukunft zu weiteren Interaktionen kommen wird.

Meine aktuelle Definition von „Gelingender“ oder „Guter Beziehung“ lautet wie folgt:

Eine „gute Beziehung“ ist dann der Fall, wenn zwei voneinander getrennte Systeme, die jeweils eine Eigendynamik haben, eine Beziehung eingehen (im oben definierten Sinn), bei der sich beide Systeme, unabhängig voneinander, entweder

a) die Frage stellen, welche Bedürfnisse das andere System wohl möglicherweise hat.

oder

b) ganz natürlich, ganz von alleine auf die Befriedigung von mindestens einem, möglicherweise auch von mehreren Bedürfnissen des anderen Systems fokussiert sind.

Beides, a) und/oder b), ohne eigene, fundamentale, systemerhaltende Bedürfnisse völlig/dauerhaft aus der eigenen Aufmerksamkeit zu verlieren.

Zu diesen beiden Definitionen sechs Erläuterungen:

1.) Diese Definitionen sind natürlich „systemtheoretisch verseucht“. 😉

2.) Der Schwachpunkt der Definition von Beziehung ist der in ihr ungeklärt-vage Begriff der „Interaktion“.

3.) Wenn die genannten Bedingungen nicht gegeben sind, handelt es sich aus meiner derzeitigen Sicht nicht um eine Beziehung bzw. um keine gute Beziehung.

4.) Bezogen auf „gute/gelingende Beziehungen“ lässt sich sagen, dass es ein recht eindeutiges äußerliches Anzeichen für ihr Bestehen ist, dass in beiden Systemen während den Interaktionen relativ regelmäßig „Gefühle von Freude, Liebe oder einfach „Wohlgefühl“ aufkommen. – Solche positiven Gefühle können im Allgemeinen als Informationen darüber aufgefasst werden, dass Bedürfnisse erfüllt werden.

5.) Umgekehrt kann aus dem regelmäßigen Aufkommen von unangenehmen Gefühlen (Angst, Ohnmacht, Trauer, Wut, Ekel, etc.) während der Interaktionen beider Systeme nicht geschlossen werden, dass es sich um keine gute Beziehung handelt. – Solche Gefühle können vielerlei Quellen haben und das regelmäßige Auftreten von unerfüllten Bedürfnissen kann als Normalzustand jeglichen Systems aufgefasst werden, dem „Bedürfnisse“ zugeschrieben werden können. Von daher sind Rückschlüsse vom Auftreten unerfüllter Bedürfnisse auf die Beziehungsqualität unzulässig. – Nichtsdestotrotz zeichnet es gerade gute Beziehungen aus, dass von beiden Systemen, wiederum unabhängig voneinander, besondere Wege gefunden werden, mit aktuell unerfüllten Bedürfnissen umzugehen, sowohl eigenen als auch des Beziehungspartners.

6.) Im Beziehungsparadigma des Unternehmertums liegt bei allen Aktivitäten der Fokus darauf, möglichst viele Bedürfnisse aller am Unternehmen beteiligten Systeme zu erfüllen und vermeintliche Bedürfniskonflikte (sowohl des gleichen Systems wie verschiedener, interagierender Systeme) durch das Finden neuer, innovativer (Bedürfniserfüllungs-)Strategien aufzulösen. – Bedürfniskonflikte können im Beziehungsparadigma des Unternehmertums leicht umverstanden werden als die entscheidenden, treibenden Kräfte für unternehmerische Innovation überhaupt.

Eine Paartherapie für unsere Wirtschaft

An sich müsste ich ja Paartherapie-Skeptiker sein. Zweimal bisher in meinem Leben habe ich eine Paartherapie in Anspruch genommen. Einmal war sie nutzlos, weil bei dem Paar, von dem ich Bestandteil war, nichts mehr zu retten war. Das zweite Mal war es ein gefühltes Desaster, weil ich den Eindruck hatte, dass der Therapeut seine Allparteilichkeitspflicht nicht wirklich wahrnahm (Ich verließ die Sitzung wutentbrand, glücklicherweise hatte meine Partnerin für sich selbst ebenfalls kein gutes Gefühl dort, so dass wir das dann abgebrochen haben).

Dennoch zieht mich das Paartherapeutische magisch an, denn es geht dort ja: Um Beziehungen, bzw. um die Möglichkeit, als Dritter unterstützend auf Beziehungen zwischen Zweien Einfluss zu nehmen.

Wie aufmerksame Leser dieses „Blobbs“ (O-Ton meines Sohnes) wahrscheinlich wissen, interpretiere ich große Teile unseres heutigen Unternehmerischen und Wirtschafts-Geschehens als geprägt von „Beziehungsstörungen“ bzw. als Beziehungen, die nicht mal ansatzweise ihr volles Potential heben, sondern regelmäßig auf der Ebene von Not- und Zweckgemeinschaften steckenbleiben, anstatt sich darüber hinaus zu entwickeln, was sehr leicht und sehr gut denkbar ist.

Im Rahmen meiner metaphorischen Experimente möchte ich heute einen mutigen Schritt machen und einmal versuchsweise ein konkretes Mem (mehr zu „Memen“ erfahren sie hier) auf die Beziehung zwischen „Arbeitnehmern“ und ihren „Unternehmen“ bzw. auf „Unternehmen“ und „ihre Arbeitnehmer“ übertragen:

„Ohne Bewusstsein dafür, was dem anderen [Partner] wichtig ist, wissen Arbeitnehmer und Unternehmen überhaupt nicht, wie sehr sie ihre Partner verletzen können. Schon im Bereich der täglichen Kommunikation können wir beobachten, dass viele [Arbeitnehmer], ohne es zu wissen, sich auf eine Weise ausdrücken, die bei [Unternehmen] den Eindruck erwecken, [sie seien ihnen gleichgültig]. […] [Unternehmen] merken oft nicht, dass die Art und Weise, wie sie sich ausdrücken, für das [Arbeitnehmer]-Ego verletzend und wenig hilfreich ist.“*

Dabei bedienen wir als Mitunternehmer (ist für mich stimmiger als „Arbeitnehmer“) eher den Yang-Pol, stellen unseren Unternehmen unsere Energie und Findigkeit zur Verfügung. Unsere Unternehmen bedienen eher den Yin-Pol, also das „struktive Element“, wie Fritz Friedl so treffend schreibt. (Die Bezeichnung „passiv“ als charakterisierende Eigenschaft von „Yin“ ist stark irreführend.  Die Ying-Yan-Komplementarität ist mit aktiv-passiv nicht zutreffend wiedergegeben. Wer mehr Gefühl für die Yin-Yang-Komplementarität entwickeln möchte, dem sei eben jenes Buch von Fritz Friedl empfohlen).

Wie bereits andernorts ausgeführt, sind unsere Unternehmen derzeit allzusehr im Yang: Sie sind rastlos, aktivistisch, können nicht vom Gaspedal gehen, sind ziellos und idealisieren ein höher, schneller, weiter, und vor allem: mehr. – Es fehlt ihnen ganz eindeutig der Yin-Gegenpol, der in Unternehmen kaum oder nur subversiv-unter-der-Hand kultiviert wird.

Das heißt für die „Paarbeziehung“ dieser Unternehmen zu ihren menschlichen „Triebkräften“: Sie bringen ihre Mitunternehmer systematisch zum erschlaffen. Die Mitunternehmer fühlen sich in vielen ihrer Unternehmen heute überflüssig, ersetzbar, nicht gebraucht, nicht ermutigt, wirklich aktiv zu werden, sich so voll und ganz einzubringen, mit allen ihren wunderbaren Fähigkeiten und Möglichkeiten, die sie an sich mitbringen. Es fehlt ihnen auch an Vertrauen von ihren Unternehmen und an offener, bewundernder Anerkennung ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Unsere Unternehmen sind schlichtweg nicht „struktiv“ genug, um ihre Mitunternehmer zu inspirieren und dauerhaft emotional zu binden, so dass sie in all ihrer Kraft aufblühen und sich ihnen hingeben können, ohne dass sie dabei verloren gehen und eine der hundert verschiedenen Formen erleiden, in denen man einen burn out haben kann.

Und – um hier nicht den Fehler der Parteilichkeit zu machen – auch die Mitunternehmer vernachlässigen ihre Unternehmen auf fundamentale Weise: Sie interessieren sich kaum für den Sinn und Zweck des Unternehmens, sie sind auf dem Sprung, halten schon nach dem nächsten Unternehmen Ausschau, sind in ihrer Unternehmens-Beziehung überhaupt mehr auf das Bekommen fixiert denn auf das Geben, haben kaum Verständnis für die Probleme, die das Unternehmen gerade hat, sind wenig fürsorglich gegenüber seinen Wechselfällen, fragen sich kaum, was sie dafür tun oder lassen können, damit es ihrem Unternehmen besser geht. Sie sind wenig präsent und gedanklich oft mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

Wir, als Mitunternehmer, bringen unsere „männlichen“ Qualitäten nur sehr unzureichend und oft in pervertierter Form in unsere Unternehmen ein.

Insgesamt, so können wir feststellen, ist das Unternehmensgeschehen bisher oft durchzogen von tiefem Beziehungsunglück, verschärft noch von der erfarungsbasierten Annahme, das sei überall so, das müsse so sein, es sei eben nichts besseres möglich. Weder sind die Unternehmen mit ihren Mitunternehmern zufrieden. Noch sind die Mitunternehmer mit ihren Unternehmen zufrieden. Ausnahmen sind vorhanden, aber fallen statistisch kaum ins Gewicht.

Strukturelle Gewalt, Rückzug, Drohungen, Ängste, Passive Aggression sind derzeit sehr präsent in unseren Unternehmen. Von daher ist es auch nicht sonderlich überraschend, dass nicht gar so viele Menschen gerne zu ihrer Arbeit gehen, in Radioshows das Wochenende bereits Mitte der Arbeitswoche beginnt angezählt zu werden, und das viele derer, die vermeintlich gerne zur Arbeit gehen, als Menschen völlig neben der Spur sind, abgestumpft und verhärtet, ohne Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen.

Wo aber kann den nun eine „Paartherapie für unsere Wirtschaft“ ansetzen? – Eins scheint mir klar: Mitunternehmer und Unternehmen können nur gemeinsam glücklicher werden. Denn auch unsere Unternehmen sind ja überwiegend in einem erbärmlichen Zustand, so weit, wie sie unter ihren Möglichkeiten bleiben.

Und vielleicht ist es auch gar kein Zauberwerk, kein Sisyphoswerk und kein übermenschlich-heroisches Ansinnen: Denn wie in allen Beziehungen könnte es gehen um die Anerkennung und Annahme der wechselseitigen Bedürfnisse, so wie sie eben da sind. – Will man hier also „Besserung“, könnte man sich erst einmal ein Bild davon machen, wie es mit der aktuellen „Bedürfniserfülltheitslage“ so aussieht – auf beiden Seiten. Welche Bedürfnisse erfüllen wir wechselseitig gut hier? Welche Bedürfnisse bleiben gerade auf der Strecke? Welche Bedürfnisse bleiben schon lange auf der Strecke bzw. haben wir hier niemals wirklich überhaupt auch nur ansatzweise in den Blick genommen?

Die Bedürfnisse von Mitunternehmern sind hier schnell aufgelistet und leicht zu erfassen. Dazu könnte man z.B.einfach in den Anhang dieses Buches schauen.

Und für die erfüllten/unerfüllten Bedürfnisse von Unternehmen kann man mittlerweile auf die wunderbare Konzeption von Marie Miyashiro verweisen. Sie listet folgende 6 Bedürfnisse auf, von denen sie annimmt, dass die JEDE Organisation hat: Identität, Lebensbejahender Zweck, Ausrichtung, Struktur, Energie, Darstellung.

Sollte also ein Unternehmen der Ansicht sein, dass es mit Blick auf die Beziehungen gerade Optimierungsbedarf gibt, kann es eben jenen Bedürfnisse auf beiden Seiten neue Aufmerksamkeit schenken und sich im Anschluss an das, was sich dann zeigt, gemeinsam Fragen stellen, was wir hier nun unternehmen wollen. Was wir beibehalten wollen. Und was wir neuerdings tun wollen.

Denn – und da kollabiert die Metapher – „am Ende des Tages“ sind ja wir selbst „unser Unternehmen“!

Die ganze Dichotomie: Hier das Unternehmen und dort wir, die Mitunternehmer, ist ja eine künstliche Trennung, eine willkürliche Fiktion. – Sie ist zwar naheliegend in hierarchisch organisierten Unternehmen, wo es ein „unternehmensvertretendes Management“ einerseits gibt, und „weisungsempfangende Arbeitnehmer“ andererseits. Aber gerade diese Unterscheidung ist sowas von letztes Jahrtausend ;), dass wir sie hier gar nicht erst fortsetzen wollen.

Daher bleibt uns nichts anderes übrig, als davon auszugehen, dass „unser Unternehmen“ die Summe unser aller Aktivitäten und Unterlassungen ist. Und folglich auch, dass „Unternehmensbedürfnisse“ Bedürfnisse sind, die wir selber haben, insofern wir aktuell Teil eines Unternehmens sind.

Und genau so ist auch der Terminus „Unternehmensbedürfnis“ bei Marie Miyashiro gemeint (siehe S. 106f. in ihrem oben verlinkten Buch „Der Faktor Empathie“).

* Das mit Stern markierte Zitat oben stammt aus diesem Buch, S. 158 unter der Überschrift: „Die Kunst, den Partner nicht zu vergraulen“.

„Männer“ sind dabei von mir konsequent durch „Arbeitnehmer“ ersetzt worden, „Frauen“ konsequent durch „Unternehmen“. Hintergrund dieser Ersetzung ist meine Annahme, dass „die Rolle“ oder „die Energie“ von Menschen in Bezug auf ihre Unternehmen eher „männlich“ gepolt ist, und das ganz unabhängig davon, ob es sich um Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer handelt. Gleichzeitig sind Unternehmen in der Beziehung zu „ihren Menschen“ weiblich gepolt, und das ganz unabhängig davon, wie „maskulin“ das jeweilige Business daherkommt.

Diese metaphorische Übertragung legt nahe, dass in der Unternehmen-Mensch-Beziehung Unternehmen eher die dort genannten 6 primären Liebesbedürfnisse haben – Unternehmen brauchen demnach vor allem: Fürsorge, Verständnis, Respekt, Hingabe, Wertschätzung und Sicherheit. – Menschen als Mitunternehmer brauchen demnach vor allem: Vertrauen, Akzeptanz, Anerkennung, Bewunderung, Zustimmung und Ermutigung. – Die Annahme ist, dass dies ein optimaler Fokus ist, damit die Beziehung zwischen Unternehmen und Mensch dauerhaft gelingen und viele glückliche Business-Kinder hervorbringen kann…

Ich arbeite seit ca. einem 3/4 Jahr v.a. in meinen Bewerbungscoachings offensiv mit der „Mann-Frau-Metaphorik“. Zu meiner Überraschung kam bisher noch von keiner meiner ca. 60 Kundinnen, die ich in diesem Zeitraum betreuen durfte, Widerspruch oder Widerstand gegen dieses ja erst einmal absurde Bild. Von den ebenso vielen männlichen Kunden übrigens auch nicht.

Gefühle im Business

Hm, wie schreibe ich jetzt darüber, damit möglichst viele Menschen was damit anfangen können? – Am besten noch die Menschen, die gerade voll im Berufsleben stehen und „Business“ täglich erleben, erleiden und selbst formen und machen?

Ich glaube, das kriege ich grade eh nicht hin, es hier allen Recht zu machen, hier möglichst viele da abzuholen, wo sie stehen, dazu hat diese Buslinie zu viele Stationen, und die sind kaum auf eine Linie zu bringen. – Ich behelfe mir also aus Verlegenheit damit, mal über das das zu schreiben, was mir hilft.

Gefühle, hm. Ja, also…

Im Business…

…da kommt erst mal lange nichts bei mir. – Warum verdammt noch mal will ich also überhaupt darüber schreiben!? Ach so, ach ja, es gibt da schon einen konkreten Impuls, vielleicht schreib ich erst mal über den. Und der ist – wie so oft – erst mal negativ. D.h. ich weiß genau, was falsch ist, was ich nicht will…

Damit wären wir auch schon beim ersten Gefühl: Wut. Denn als „Wut“ beschreiben manche genau das Gefühl, das aus dem Satz „Das ist falsch“ entsteht. (BTW: Das verlinkte Buch ist wirklich toll, eine Perle, Prachtstück, nur beim „fünften Gefühl“ hat die geschätzte Autorin aus meiner Sicht einen veritablen Bock geschossen: Denn „Scham“ ist nach meinem Dafürhalten kein Gefühl eigener Art, sondern eine Variante von Angst (die Angst ausgegrenzt und abgelehnt zu werden), verbunden mit negativen Glaubenssätzen. Wenn es ein „fünftes Gefühl“ gibt, dann ist das „die Liebe“, die – wie die Autorin ganz richtig (d.h. mir gefallend ;)) schreibt, „eine Entscheidung ist“, aber all „das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden…“).

Zumindest sind wir damit schon mal mittendrin: 4 Gefühle: Wut, Freude, Trauer, Angst. – Sie resultieren, möchte man der werten Frau Virani folgen, aus den Sätzen: „Das ist falsch“ (Wut), „Das ist schön/richtig“ (Freude), „Das ist schade“ (Trauer) und „Das ist furchtbar“ (Angst). – Diese Sätze sind Interpretationen, die wir konkreten Situationen aufpropfen und die DANN die entsprechenden Gefühle auslösen. – Frau Virani exerziert das durch am Beispiel eines Kindes, das wir alleine in einem Raum spielen sehen (Beobachtung), eine wahrgenommene Situation, in der wir relativ leicht alle 4 Grundgefühle haben können. – Sehr nachvollziehbar und sehr beeindrucken für mich in seiner Klarheit.

Zu welcher Interpretation wir häufiger neigen – so möchte ich sagen – das hat viel mit uns zu tun. D.h. mit zweierlei: Wie geht’s uns gerade? Wie gut sind unsere Bedürfnisse gerade erfüllt und wie verbinden sich diese mit der aktuellen Situation, mit der wir gerade konfrontiert sind? (hier spricht der „GfK-geschulte“ aus mir…;-)).

Und mit dem, wie wir geprägt sind. – Die vier Grundgefühle lassen sich nämlich sehr, sehr gut mit der klassischen Temperamentenlehre (cholerisch, sanguinisch, melancholisch, phlegmatisch) überblenden. Und genau so gut mit ihrer „modernen Variante“, dem DISC-Profil, das viele kennen, weil es gerade im Business hohe Verbreitung und viel Anklag gefunden hat (manche hassen es auch, aber auch das ist wieder eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll…).

Gerade das DISC-Modell, bzw. das, was als Schema dahinter steht, ist recht aufschlussreich, wenn man über „Gefühle im Business“ sprechen will. – Es lässt sich nämlich aufschlüsseln in „4 Quadranten, die sich durch die Kombination von zwei Unterscheidungen ergeben: Einmal der Unterscheidung: „Ich kann meine (soziale) Umwelt beeinflussen/gestalten“  vs. „Ich kann meine (soziale) Umwelt nicht gestalten“. – Das ist die eine Achse.

Und die andere Unterscheidung ist: „Meine Umwelt ist überwiegen okay, so wie sie ist“ vs. „Meine Umwelt ist überwiegen nicht okay, so wie ist“ bzw. „günstig für mich und meine Vorhaben“ vs. „ungünstig für mich und meine Vorhaben“. Wobei sich „günstig“ auch mit „meine Bedürfnisse werden befriedigt“ übersetzen lässt und „ungünstig“ mit „meine Bedürfnisse werden nicht befriedigt“.

Wut = cholerisch = „Das ist falsch“ deckt sich dann weitgehend mit der Neigungskombi „Ungünstige Umwelt + Ich kann gestalten“

Freude = sanguinisch = „Das ist richtig/schön“ deckt sich dann weitgehend mit der Neigungskombi „Günstige Umwelt + Ich kann gestalten“

Trauer = phlegmatisch (!) = „Das ist traurig“ deckt sich dann weitgehend mit der Neigungskombi „Günstige Umwelt + Ich kann nicht ändern/gestalten“

Angst = melancholisch (!) = „Das ist furchtbar“ deckt sich dann weitgehend mit der Neigungskombi „Ungünstige Umwelt + ich kann nicht ändern/gestalten“.

Je nachdem, was wir als kleine Menschenwesen relativ am Meisten erlebt haben, je nachdem, wie die  Umwelt in unserer frühen Zeit auf diesem Planeten überwiegend gestaltet war, neigen wir – ich möchte sagen: reflexartig – dazu, Situationen, die auf uns zu kommen, eher mal den einen gefühlsauslösenden Satz aufzupappen und nicht den anderen. – Und zwar auch relativ unabhängig davon, wie es uns grade geht und wie es um unsere Bedürfnisse so steht. – Man könnte sagen: Aus (schlechter) Gewohnheit.

Die Folge: Wir fühlen – und handeln dann auch – „situations-unangemessen“. Im Business genauso wie anderswo.

Solche Programmierungen sind nicht einfach eben mal so zu ändern (ich weiß, wovon ich rede, ich schlage mich seit mehr als 20 Jahren aktiv mit „Selbstveränderungsversuchen“ rum). Sie bilden das Betriebssystem, die neuronale und auch in unserem Körper verankerte „Basis-Software“, auf der wir laufen und mit der wir das zu verarbeiten versuchen, was alles an Umwelt, Situationen und Herausforderungen auf uns zu kommt, in unserem heutigen Alltag.

Spannend wird das Ganze, wenn nun Menschen auf Menschen treffen und sich wechselseitig Umwelt sind. Jeder bringt seine Neigungskombi mit und interpretiert das Verhalten des Anderen eben so wie er geneigt ist – und vice versa.

Noch spannender wird das, wenn sich Menschen nicht leicht aus dem Weg gehen können, weil die Kosten des Sich-aus-dem-Weg-gehens von ihnen als höher eingeschätzt werden als die Kosten des Dableibens und Sich-miteinander-auseinander-Setzen-Müssens.

Das ist in langjährigen, privaten Beziehungen oft so. Erst recht, wenn gemeinsamer Besitz vorhanden ist oder gemeinsame Kinder.

Und das ist im Business, in Unternehmen und in Kundenbeziehungen oft so.

Gefühle haben dabei eine recht positive Funktion (folgt man Frau Virani): Sie reinigen das System des „Gefühlshabers“ und energetisieren ihn.

Frau Virani führt hier eine sehr schöne Unterscheidung ein, die ich sehr hilfreich finde: Sie unterscheidet Gefühle von Emotionen. „Emotionen“ sind verfestigte, ungelebte Gefühle, die durchaus mal in konkreten Situationen entstanden sind, die aber irgendwie von uns selbst blockiert wurden und uns nun im Körper festsitzen und von dort aus unser Verhalten beeinflussen, wenn nicht sogar bestimmen. „Gefühle“ sind und bleiben rein situativ, v.a. wenn sie durchlebt werden und führen zu Neuem. Vor allem hat man mehr Energie zur Verfügung, wenn der Gefühlsfluss nicht gestaut oder blockiert wird.

Nun gibt es Business etwas, das ich „falsch verstandene Professionalität“ nennen möchte: Es ist ein Imperativ oder auch ein Glaubenssatz, den wir uns selbst auferlegen, nachdem wir im beruflichen Kontext unsere Gefühle systematisch blockieren müssen, weil sonst etwas ganz Schlimmes passiert. Z.B. eine Kundenbeziehung bricht ab, wir werden abgemahnt, wir bekommen nicht die Ressourcen, die wir brauchen, um unsere Arbeit gut machen zu können, wir werden vielleicht sogar gekündigt, vielleicht gemobbt, vielleicht lässt man uns auch nur spüren, dass unser Verhalten missbilligt oder abgelehnt wird (das kann mitunter das Schlimmste für uns sein, weit Schlimmer als die dramatischeren, äußerlichen Folgen, die wir uns ausmalen).

Man kann diese falsche Professionalität auf die Formel bringen: „Gefühle haben im Business nichts zu suchen“.

Nun gibt es zwei Konzepte, die nahelegen, dass es sein könnte, dass es keine sonderlich gute Idee ist, diese Formel zu praktizieren:

Einmal die von Frau Virani (zu deren wunderschönen Website es übrigens hier geht, ich habe mal ihre die Bücherseite verlinkt, aber auch das Stöbern auf der weiteren Seite lohnt sich), die uns nahelegt, dass wir auf diese Weise zu A) deutlich weniger Energie kommen, als wir haben könnten, und zu B) systematisch situations-unangepasstem Verhalten, weil dann „Emotionenen“ überhand nehmen und an unser Verhaltensruder kommen und uns dazu bringen, Situationen im Business anders zu interpretieren, als wir das würden, wenn wir keinen Gefühlsstau hätten.

Zum Anderen die Konzepte der „Gewaltfreien“ oder vielleicht besser: „Wertschätzenden Kommunikation“, die uns nahelegen, dass Gefühle reine Informationen sind, und zwar über konkrete Bedürfnisse die wir haben. Also einfach interne Botschaften ans Bewusstsein von der Form: „Schau doch mal da hin, da muss was gemacht werden, weil da ist grad was nicht so sonderlich gut“ (bei unangenehmen Gefühlen). Bzw.: „Schau doch mal da hin, da läuft was sehr rund, das solltest Du vielleicht beibehalten, das tut Dir gut“. – Folgt man diesen Konzepten sind die Folgen der falschen Professionalität, dass man im Blindflug unterwegs ist, was seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche angeht. – Man macht dann irgendwas. Und wundert sich dann, warum man so unzufrieden ist und bleibt. Weil die Gefühlsverbindung vorsätzlich unterbrochen wurde, hat man keinen Kontakt zu dem, was man eigentlich gerade braucht. In der Folge verschwendet man viel Energie mit Aktionen, die viel bewirken, nur halt eben keine Befriedigung: Die gewählten Aktionen sind „uninformiert“ und gehen daher schlicht und einfach an den eigenen vorhandenen Bedürfnissen vorbei. – Ungefähr so als wär mein Hotline-Agent, der einen Kunden dran hat und ihm irgendwas erzält, berät oder verkauft, ohne sich und vor allem den anderen zu fragen, was der überhaupt gerade will und braucht. – „Schlechten Service“ nenne wir das dann. – Falsche Professionalität führt zu schlechtem Service uns selbst gegenüber, führt systematisch in dauerhafte Unzufriedenheit. – Und ob dauerhaft unzufriedene Menschen gut im Job sind? Keine Ahnung. Meine Intuition sagt mir: Eher nicht.

Nun, was können wir tun, wenn wir „Mehr Gefühle im Business“ zulassen wollen?

Drei einfache, vielleicht allzu einfache Ideen:

  • Wir können mal das Konzept „falsche Professionalität“ auf den Tisch bringen und hinterfragen (hiermit geschehen; wer NOCH mehr zu meiner Kritik an diesem Konzept lesen möchte, kann das z.B. hier tun)
  • Wir können uns mehr Zeit nehmen zu fühlen, mehr nach innen gehen. Dazu müssen wir uns immer mal wieder, am Besten regelmäßig „vom Außen zurückziehen“. Auf gut Deutsch: Wir können Pausen machen, in denen wir „nichts tun“ und in denen wir die Gefühle spüren können, die wir gerade haben, anstatt sie durch Business und Aktionismus aus unserem Bewusstsein zu verdrängen.
  • Wir können Menschen und Firmen meiden, die von uns jene falsche Professionalität erwarten, zu der wir sowieso selbst schon neigen. – Man kann es sich auch durch die Umwelt, die man wählt, schwerer oder leichter machen, wenn man „eigene alte Muster und Verhaltensweisen ändern will“.

Vielleicht langt das schon. Sicher bin ich mir nicht. Es kommt mir auch ein wenig so vor als ob „der Erfolg“ hier mehr bei konsequenten Umsetzen und Dranbleiben einstellt als bei noch schlauerem und ausgefeilterem Dranherumdenken. Wie auch immer. Das kann ja jeder für sich selbst ausprobieren und dann sieht bzw. fühlt man schon, was sich dann so einstellt oder eben nicht einstellt…

…Achja. Den konkreten Anlass bin ich oben noch schuldig geblieben, aus dem heraus ich den Impuls hatte, hier und jetzt über „Gefühle im Business“ zu schreiben:

Ich bin Teil eines Netzwerks mit dem schönen, irreführenden Namen „intrinsify!me“ (steht für „intrinsic motivation satisfies me!“), das aus irgendwas zwischen 200 und 300 Menschen in ganz Deutschland besteht, die sich regelmäßig treffen und sich auch viel virtuell austauschen und auch vieles gemeinsam machen. Verbinden tut uns unser Eindruck, dass in Unternehmen sehr viel anderes und besseres möglich ist als wir dort bisher geschafft haben zu realisieren. Und ein paar, mittlerweile nicht mehr gar so wenige, Unternehmen haben sich bereits auch schon gefunden, die das – jedes auf seine ganz eigene Art – leben und umsetzen. Meist im in meinen Augen ziemlich mutigen „Experimentiermodus unter Wettbewerbsbedingungen“. Für diese Unternehmen hat man dort ein Kunstwort geschaffen und nennt sie „Intrinsifier“ (die alten, herkömmlichen Unternehmen mit ihren Anreizen, Policies, Druck, Drohungen und Karriereversprechen werden dort entsprechend „Extrinsifier“ genannt – „stick and carrot“ eben, oder zu Deutsch: „Zuckerbrot und Peitsche“ sollen in diesen Unternehmen „Motivation“ herstellen können, so die Vorstellung, die sich dort trotz minütlicher Falsifikation durch den Arbeitsalltag hartnäckig hält).

Es ist wirklich ein tolles Netzwerk mit wunderbaren Menschen, die ich dort kennen lernen durfte und immer wieder neu kennen lernen darf. Und ich bin wirklich stolz, dass ich ein Teil davon sein darf.

Was mir aber dort manchmal auffällt, ist: Auch wir denken und tun dort viel, aber „fühlen“? – Irgendwie habe ich den Eindruck, dass wir auch dort noch nicht so weit sind, dass wir auch dort noch den Glaubenssätzen der „falschen Professionalität“ aufsitzen. Dass wir uns zu wenig Zeit nehmen, zu viel und vor allem zu schnell sprechen und überhaupt dem „Denken“ eine viel zu große Wirkung und Rolle zusprechen, vor allem dem „richtigen Denken“.

Ich bin – das muss ich vielleicht sagen, um nicht vorsätzlich Missverständnisse zu erzeugen – dem Denken nicht unbedingt abgeneigt, ich muss vielleicht sogar sagen, dass ich gerade „darin ausgebildet wurde“ (ich habe mit viel Freude und Erfolg ein Philosophie-Studium absolviert), und habe in meiner Ausbildung lernen dürfen, dass „Denken eine eigene Tätigkeit eigener Art ist, die man völlig vom Handeln entkoppeln kann und manchmal vielleicht auch sollte“ ( = „Theorie“).

Aber nicht eben erst seit gestern, sondern vielleicht schon seit 10 Jahren ist meine eigene, am eigenen Leib und Leben gemachte Erfahrung: Eine „Wirksamkeit von Denken/Theorie“ kann ich nicht beobachten. Mein Eindruck ist: Denken ändert wenig bis nichts. Zumindest uninformiertes Denken, Denken ohne Gefühle, Denken ohne Bedürfnisanbindung, Denken, das nicht sagt, woher es kommt, wodurch es genau motiviert ist, durch welche konkrete Situationen. Und das auch nicht sagen kann, worauf es genau hinausläuft, was es eigentlich will, das uns alle orientierungslos lässt, wenn es für uns darum geht, Entscheidungen zu treffen und wenn wir handeln wollen.

Also genau jenes Denken, was gerade „die Wissenschaft“ verlangt: Entkoppelt von dem der denkt, „reines Denken“ eben, interesselos und „objektiv“. – Nunja. Vielleicht ist auch das eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden…

P.S. Wer eine hartgesottene Wissenschaftlerin hören will, die sich auf ihre Art von genau dieser Selbst-Abtrennung von eigenen Wünschen und Gefühlen gelöst hat, der mag vielleicht einmal hier herein hören (alle 3 youtube-Teile zusammen dauern knapp über 20 Minuten).