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Ein „Geheimnis“ beim Sex, von dem seltsamerweise wenig Frauen und Männer wissen…

Wenn Frauen Sex wollen, dann…

…wollen sie Sex.

Meistens zumindest.

Wenn Männer Sex wollen, dann…

…wollen sie alles mögliche.

Unter anderem könnte es für einen Mann, der gerade Sex will, in jenem Moment um Folgendes gehen – Und das ist wahrscheinlich eine noch recht unvollständige Liste…:

  • Selbstbestätigung als Mann
  • Wunsch nach Entspannung
  • Wunsch nach „In den Körper kommen“
  • Wunsch, mal wieder zu fühlen
  • Wunsch nach Verbundenheit
  • Wunsch, sich zu verausgaben
  • Wunsch nach Anerkennung
  • Wunsch nach Ablenkung und/oder Zerstreuung von Problemen, die er gerade hat
  • Wunsch nach Geborgenheit
  • Wunsch nach Zuwendung
  • Wunsch, „es“ zu bringen
  • Einem anderen Menschen etwas Gutes zu tun
  • Akuten Lebensfrust abbauen
  • Eine neue Technik auszuprobieren, von der sie gehört haben (Neugier)
  • Forscherdrang ausleben („hm, wie reagiert sie, wenn ich X tue…“ – im Grunde auch Neugier, aber auch „Erkundgungs- und Entdeckerdrang“)
  • Wunsch, Konflikte beizulegen, Ärger abzuwenden, Beziehungsspannungen „durch Handeln“ abbauen
  • Verlustängste und Einsamkeit abwehren
  • Einen „Mitbewerber“ ausstechen
  • Problemlos einschlafen können
  • Und, und, und…

Wenn man oder frau wissen möchte, warum genau das bei uns Männern alles gar nicht so einfach ist, der sollte sich unbedingt mal das hier verlinkte Buch reinziehen.

Darin findet sich (sinngemäß) folgende schöne Formel:

„Männer denken eigentlich immer an Sex – Außer beim Sex.“

Und das hat Gründe.

Man findet in Björn Süfkes „Männerseelen“ nicht nur schöne Einsichten, warum wir Männer so ticken wie wir eben ticken. Sondern auch eine implizite Aufforderung zu „männlicher Emanzipation“. Wollen wir Männer uns wirklich aus unserer inneren Abhängigkeit lösen, so werden wir um die bei den meisten von uns stark angstbesetzte Auseinandersetzung mit unserem Innenleben nicht drumherum kommen.

Ohne diese Auseinandersetzung bleibt eben alles so, wie wir es schon nur zu gut kennen: Es bleibt beim gut abgestandenen Spiel: „Strebe möglichst viel Status an, werde dafür mit möglichst viel Sex belohnt. Sex, der Dir für einen Moment einen Zugang zu Deinem Körper und Gefühlen ermöglicht, die Dir ansonsten für immer verschlossen sind“.

Männliche Emanzipation würde heißen: Mehr Innenzugang. Weniger Abhängigkeit von Status. Weniger Abhängigkeit von Frauen. Weniger Abhängigkeit von Sex.

Männer, die „wirklich frei“ sein wollen, müssten – rein theoretisch – ein lebendiges Interesse daran haben, sich aus diesen gesellschaftlichen Fesseln zu lösen.

Denn mal unter uns: Diese Spiele machen deutlich weniger Spaß als uns unsere derzeitige Gesellschaft vorschreibt, dass sie uns Spaß machen sollen. „Have fun“ ist ein unerbittlicher Imperativ. Sex hat uns Spaß zu machen, denn sonst…

Der Mythos: „Männer sind halt so“ und „das ist halt die Biologie/Hormone/Y-Chromosom“ ist ein gesellschaftliches Konstrukt, dass darauf abzielt, aus uns „gute Soldaten“ zu machen, schmerzbefreit nach innen, schmerzbefreit nach außen, mit exzellent gepflegtem Körperpanzer, der bei uns dann eben nur durch Sex für seltene, kurze Momente aufbricht.

Freiheit sieht auf jeden Fall anders aus. Vor allem aber: Freiheit fühlt sich deutlich anders an.

„Männer werden als frei angesehen und überall liegen sie in Ketten.“ – Die stärkste Kette für uns Männer besteht aus den Ringen:

Drastisch sanktioniertes Gefühlsverbot –> Unbewusste Bedürftigkeit –> Sexzwang als kurzfristige Erleichterung –> Status-Imperativ, um darüber „an Sex heranzukommen“ –> „Sei ein lieber braver Soldat, der sich begeistert an vorderster Front verheizen lässt, dann wirst Du mit seltenen Gefühlen von Lebendigkeit belohnt.“

Solange wir Jungen systematisch ihre natürlichen Gefühle aberziehen, haben wir hochgradig bedürftige Männer, die Sex nur als Belohnungssystem kennen, von dem sie in jeder Hinsicht vollkommen abhängig sind. – Sie haben dann zwar noch die Wahl, sich von diesem System abzukoppeln, jedoch nur zu einem sehr hohen Preis: Sie werden dann nicht mehr als „richtige Männer“ angesehen. Im Grunde auch nicht mehr als „richtige Menschen“, die interessante Partner für irgendeine Form von Beziehungen sind, sei sie nun sexueller oder nicht-sexueller Art.

Fazit: Für uns Männer ist Sex in unserer derzeitigen Gesellschaftsordnung eine Strategie zur Befriedigung ganz anderer Bedürfnisse (siehe unvollständige Liste oben). Bedürfnisse, die mit Sex erstmal rein gar nichts zu tun haben.  Aber um das auch nur mitzukriegen, müssten wir uns von einigem emanzipieren, was klassische männliche Rollenbilder („Anführer“, „Held“, „Krieger“, „Priester“) uns vorschreiben, wie wir zu sein und was wir zu tun haben. – Und vor allem: Was wir als Männer alles NICHT tun dürfen, wenn wir „wertvolle Mitglieder der Gesellschaft“ sein wollen.

Ich gehe davon aus: In ausnahmslos jedem Mann steckt ein Mensch, der mal ein kleiner Junge war, der realisieren musste, dass er mit drastischen Sanktionen rechnen muss, wenn er nicht zumindest danach strebt, männlichen Rollenklischees gerecht zu weden. Und so hat er gelernt, seine eigene Verletzlichkeit zu verdrängen. Und genau dadurch eine sehr gut ausbeutbare Bedürftigkeit „gewonnen“. Wer sich als Mann heute gut um sich selbst kümmern will (= „gute Selbstsorge“), wird zurück zu jenem kleinen Jungen gehen müssen, der er mal war. Dort gibt es für jeden einzelnen von uns eine Menschlichkeit zu entdecken, die rein gar nichts mit gesellschaftlichen Konstruktionen von So-soll-ein-Mann-sein zu tun hat. – Wir alle fühlen das und sind oft auch schmerzhaft damit konfrontiert, wenn wir mit unseren kleinen Söhnen zusammen sind, bis sie selbst die gesellschaftlich von ihnen geforderte „Coolness“ bei sich zu kultivieren beginnen.

In der Regel ist uns all das in dem Moment, „in dem wir Sex wollen“, nicht im geringsten bewusst. – WÄRE es uns bewusst, hätten wir häufiger die Wahl, uns jenes Bedürfnis, um das uns eigentlich gerade geht, auch auf anderem Weg zu erfüllen, als „mittels Frauen“, als „mittels Sex“. – Wir wären dann deutlich „unabhängiger von Frauen“, auch: deutlich reifer. Deutlich beziehungsfähiger. Und würden uns um einiges freier fühlen als wir das heute tun.

 

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In love with your company

Es gibt sie natürlich: Die „rosarote Brille der Verliebtheit“ in der ersten Phase, in der man neu an Bord ist, eben gerade einen Job neu angetreten hat. Alles ist neu, alles ist aufregend, man ist hochmotiviert, bringt sich voll ein und möchte „den anderen und zugleich sich selbst neu entdecken“.

Je nachdem, wie man selbst und das Unternehmen, für das man arbeitet, aufgestellt ist, dauert diese Phase länger oder kürzer. In der Regel führt sie aber zu einer nachhaltigen Ernüchterung, wenn nicht sogar in eine bittere Enttäuschung und in stabilen Zynismus, anstatt in eine dauerhaft liebevolle Beziehung mit natürlichen Auf- und Abs des wechselseitigen Engagements. Wir leben in einer Zeit der unglücklichen Arbeits-Ehen, die die Zahl der ebenso viel zu häufigen unglücklichen privaten Ehen noch weit übersteigt.

Und das, so möchte ich hier argumentieren, hat viel damit zu tun, worüber wir in unseren Unternehmen sprechen – und worüber wir in unseren Unternehmen nicht sprechen.

Worüber wir in unseren Unternehmen sprechen: Leistung, Ziele, deadlines, Marktbewegungen, Strategische Neuausrichtungen, die Konkurrenz, nervende Kunden, das neue Auto, das wir uns geleistet haben, 3-Jahres-Pläne, das Essen in der Firmenkantine, Gehaltswünsche, Karrierepfade, den neuen Kollegen, der es nun wirklich nicht bringt, den bevorstehenden und den absolvierten Urlaub, den neuen Chef, der nun wirklich ein echtes Arschloch ist und den Kollegen X, der seine letzte Beförderung nun wirklich gar nicht verdient hat, sondern sie allein seiner Arschkriecherei beim Abteilungsleiter Y verdankt. – Gemeinsam haben diese Themen, wenn sie in dieser Form verhandelt werden, dass sie 1A-Beziehungskiller sind.

Worüber wir in unseren Unternehmen nicht-sprechen: „Das Wir“, das uns verbindet, den tieferen Sinn und „lebenserhaltenden Zweck“ (M.Miyashiro) unseres gemeinsamen Unternehmens, die immer neu auszutarierende Spannung zwischen unserer gemeinsamen Unternehmensidentität (wer wir sind und woher wir kommen) und sich verändernden Kundenbedürfnissen, denen wir weiterhin und wenn möglich immer besser gerecht werden wollen (wohin wir gehen). Wir reden außerdem nicht oder möglichst wenig über unsere persönliche Geschichte und über unser Innenleben und darüber wie sie unsere Präferenzen und Entscheidungen im Job beeinflussen. Wir reden nicht über unsere Gefühle, nicht über unsere Bedürfnisse, weder über unsere individuellen, noch über die Unternehmensbedürfnisse, mit denen wir uns untereinander und mit unserem gemeinsamen Unternehmen verbinden. Wir fragen auch andere nicht ihren Gefühlen und Bedürfnissen und wir fragen nicht nach ihrer persönlichen Geschichte, denn all das wäre ja „unprofessionell“ bzw. es fühlt sich im Unternehmen ziemlich gefährlich an.

Bei gemeinsamen Entscheidungen in unseren Meetings reden wir nur über Inhalte, nicht aber darüber, welche unserer Bedürfnisse dahinter stecken, warum wir eine Richtung bevorzugen und mit einer anderen Probleme haben. Wir reden auch nicht darüber, welche Gefühle es in uns auslösen würde, wenn unsere gemeinsame Entscheidung in diese oder in jene Richtung ausfallen würde. – Wir verbinden uns nicht systematisch miteinander, sondern streiten über Inhalte und verlieren so den Kontakt zueinander.

An anderen Stellen in diesem Forum habe ich das Bild vorgeschlagen, dass wir alle gemeinsam Mitunternehmer und als solche gemeinsame Väter und Mütter eines gemeinsamen Kinds (unseres gemeinsamen Unternehmens) sind, das aus unserem Zusammenschluss hervorgeht, erwächst und von uns gemeinsam gepflegt wird.

Das unterscheidet sich deutlich von der patriarchalen Auffassung, wie sie auch heute noch in manchen Inhabergeführten Unternehmen gepflegt wird, und in der es genau einen Unternehmer/Unternehmerin gibt, der ganz allein die Vater/Mutter-Rollen übernimmt und in der alle anderen „Mitarbeiter“ systematisch in eine Kind-Position gerückt werden (ohne dass das Unternehmen selbst als eigentliches Kind auftaucht).

Solche Unternehmen sind zwar im großen und ganzen immer noch besser dran als jene vollkommen seelenlose Geldvermehrungsmaschinen, in denen letztlich kein einziger Beteiligter (Investoren, Manager, Mitarbeiter, Kunden) eine echte Beziehung zum Unternehmen eingeht, so dass diese „Unternehmen“ eher selbstbedienungsläden gleichen, in denen jeder schaut, wo er bleibt und angstvoll und neidvoll versucht, sich ein möglichst großes Stück vom Kuchen zu ergattern. Und das gilt in solchen Fällen für Investoren/Eigner, Manager, Mitarbeiter und Kunden gleichermaßen, so dass es im Grunde keinen echten Grund für wechselseitige Vorwürfe gibt. Was in solchen Unternehmen aber natürlich niemanden davon abhält, solche moralischen Vorwürfe als effektives Mittel im permanenten Machtkampf um ein größeres Stück vom Unternehmenskuchen zu verwenden.

Immerhin verwirklicht sich also in patrarchalisch/matriarchalisch geführten Unternehmen überhaupt irgendeine menschliche Seele, nämlich die des einen Unternehmers/der einen Unternehmerin. – Da aber alle anderen am Unternehmen beteiligten Menschen in eine Kind-Rolle gedrängt werden, ist diese „Lösung“ ziemlich suboptimal, und zwar vor allem für das Unternehmen selbst: Es könnte -zig, wenn nicht sogar hunderte oder tausende Väter/Mütter haben, die sich um es kümmern. Traurigerweise hat es aber nur eine(n) einzige(n). – Hier kann man an jenes afrikanische Sprichwort denken, dass sagt: „Um ein Kind groß zu ziehen, braucht es ein ganzes Dorf“.

Ich denke, dass jeder Mitunternehmer das Potential hat, zugleich eine „Mutter“ und ein „Vater“ des gemeinsamen Unternehmens zu sein. – Und dass es in jedem „Job“ sowohl mütterliche wie väterliche Qualitäten braucht, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Dabei spielt es eine weitgehend untergeordnete Rolle, ob wir selbst „Mann“ oder „Frau“ sind, denn wir alle vereinen weibliche und männliche Qualitäten in uns, die wir jeweils dann zum Einsatz bringen, wenn sie gerade gebraucht werden.

Unternehmerischen Erfolg, also ein organisch wachsendes und gedeihendes Unternehmen, das aus Lieblosigkeit hervorgeht, kann ich mir dagegen nur schwer vorstellen.

Natürlich kenne ich Unternehmen, die „seelenlos erfolgreich“ sind. Aber diese zehren entweder noch von einer Zeit, in der sie noch eine Seele (andere Eigner, andere Manager, andere Strukturen, eine Mission) hatten, oder sie sind vollgepumpt mit Fremdkapital, leben also nicht vom liebevoll Engagement der beteiligten Menschen, sondern aus einer kompensierenden Energie heraus. Beide Formen sind durch eine rein betriebswirtschaftliche Brille gesehen hochineffizient. Beide Arten von Unternehmen sind „Unternehmenszombies“: Innerlich leblos, ohne Seele, ohne Richtung, ohne Ausrichtung auf Kunden und Mitarbeiter, ohne lebendigen Wunsch, vorhandene menschliche Bedürfnisse zu befriedigen und dies zum Zentrum und zur Quelle der gemeinsamen Unternehmung zu machen.

Ich persönlichlich möchte sehr gern sehen, was passiert, wenn wir in dieser Hinsicht durchaus auch „streng“ sind (oder vielleicht besser: „klar“ oder „entschieden“) und aufhören, Lieblosigkeit in Bezug auf unsere Unternehmen zu dulden, egal wo und wann sie uns auffällt oder begegnet. An erster Stelle bei uns selbst, also wenn wir bemerken, dass wir selbst gerade lieblos handeln, unsere Seele unbeteiligt, abgeschottet ist und wir in einem unserer routinierten Selbst-Schutz-Modi unterwegs sind.

Aber ich möchte auch gern sehen, was passiert, wenn wir anfangen den Mut zu haben, es anzusprechen, wenn uns die Lieblosigkeit anderer in Bezug auf ihre eigenen Unternehmungen auffällt. – Denn ich glaube, wir alle brauchen solche Hinweise manchmal. Sicher nicht in der Form von „Kritik“ oder anderen demütigenden, kleinmachenden Formen der Kommunikation. Wohl aber in Form von Anteilnahme und Ermutigung, dass uns mehr und anderes möglich ist als das, was wir gerade realisieren. Und das heißt an erster Stelle: Dass wir eine andere, liebevollere Haltung zu dem einnehmen können, was wir gerade tun.

Nach meinem aktuellen Eindruck ist einer der unmittelbarsten Wege zu einer liebevollen Haltung zu eigenen Handlungen / Unternehmungen, darauf zu fokussieren, was sie in anderen Menschen auslösen. D.h. darauf zu fokussieren, was für einen tieferen Sinn diese Unternehmen haben und inwiefern sie eigene Bedürfnisse und zugleich die Bedürfnisse anderer Menschen befriedigen. Der letzte Sinn jeglichen Handelns / Unternehmens ist die Steigerung der Freude. Denn Freude entsteht ganz von allein, wann immer echte Bedürfnisse effektiv befriedigt werden.

Und Unternehmen mit so einem Bedüfnis-Fokus sind Unternehmen, die „als unsere Kinder“ durchaus unsere Liebe verdient haben.

Zur Vielschichtigkeit des Begriffes „Liebe“ siehe u.a. auch hier: https://www.xing.com/communities/posts/mehr-agape-und-philia-und-weniger-eros-in-unternehmen-1002918084

[Dieser Artikel ist die unveränderte Neuveröffentlichung eines Beitrags, der erstmals am 19.04.2014 auf Xing erschienen ist.]

Definition von „Beziehung“ und „Gelingender Beziehung“

Meine aktuelle Arbeitsdefinition von „Beziehung“ lautet wie folgt:

Eine „Beziehung“ ist dann der Fall, wenn zwei voneinander unabhängige, selbstbewegte Systeme gleichzeitig jeweils aus sich selbst heraus mit dem anderen interagieren, und es in diesem Moment für beide Systeme, unabhängig voneinander, wahrscheinlich scheint, dass es in der Zukunft zu weiteren Interaktionen kommen wird.

Meine aktuelle Definition von „Gelingender“ oder „Guter Beziehung“ lautet wie folgt:

Eine „gute Beziehung“ ist dann der Fall, wenn zwei voneinander getrennte Systeme, die jeweils eine Eigendynamik haben, eine Beziehung eingehen (im oben definierten Sinn), bei der sich beide Systeme, unabhängig voneinander, entweder

a) die Frage stellen, welche Bedürfnisse das andere System wohl möglicherweise hat.

oder

b) ganz natürlich, ganz von alleine auf die Befriedigung von mindestens einem, möglicherweise auch von mehreren Bedürfnissen des anderen Systems fokussiert sind.

Beides, a) und/oder b), ohne eigene, fundamentale, systemerhaltende Bedürfnisse völlig/dauerhaft aus der eigenen Aufmerksamkeit zu verlieren.

Zu diesen beiden Definitionen sechs Erläuterungen:

1.) Diese Definitionen sind natürlich „systemtheoretisch verseucht“. 😉

2.) Der Schwachpunkt der Definition von Beziehung ist der in ihr ungeklärt-vage Begriff der „Interaktion“.

3.) Wenn die genannten Bedingungen nicht gegeben sind, handelt es sich aus meiner derzeitigen Sicht nicht um eine Beziehung bzw. um keine gute Beziehung.

4.) Bezogen auf „gute/gelingende Beziehungen“ lässt sich sagen, dass es ein recht eindeutiges äußerliches Anzeichen für ihr Bestehen ist, dass in beiden Systemen während den Interaktionen relativ regelmäßig „Gefühle von Freude, Liebe oder einfach „Wohlgefühl“ aufkommen. – Solche positiven Gefühle können im Allgemeinen als Informationen darüber aufgefasst werden, dass Bedürfnisse erfüllt werden.

5.) Umgekehrt kann aus dem regelmäßigen Aufkommen von unangenehmen Gefühlen (Angst, Ohnmacht, Trauer, Wut, Ekel, etc.) während der Interaktionen beider Systeme nicht geschlossen werden, dass es sich um keine gute Beziehung handelt. – Solche Gefühle können vielerlei Quellen haben und das regelmäßige Auftreten von unerfüllten Bedürfnissen kann als Normalzustand jeglichen Systems aufgefasst werden, dem „Bedürfnisse“ zugeschrieben werden können. Von daher sind Rückschlüsse vom Auftreten unerfüllter Bedürfnisse auf die Beziehungsqualität unzulässig. – Nichtsdestotrotz zeichnet es gerade gute Beziehungen aus, dass von beiden Systemen, wiederum unabhängig voneinander, besondere Wege gefunden werden, mit aktuell unerfüllten Bedürfnissen umzugehen, sowohl eigenen als auch des Beziehungspartners.

6.) Im Beziehungsparadigma des Unternehmertums liegt bei allen Aktivitäten der Fokus darauf, möglichst viele Bedürfnisse aller am Unternehmen beteiligten Systeme zu erfüllen und vermeintliche Bedürfniskonflikte (sowohl des gleichen Systems wie verschiedener, interagierender Systeme) durch das Finden neuer, innovativer (Bedürfniserfüllungs-)Strategien aufzulösen. – Bedürfniskonflikte können im Beziehungsparadigma des Unternehmertums leicht umverstanden werden als die entscheidenden, treibenden Kräfte für unternehmerische Innovation überhaupt.

Eine Paartherapie für unsere Wirtschaft

An sich müsste ich ja Paartherapie-Skeptiker sein. Zweimal bisher in meinem Leben habe ich eine Paartherapie in Anspruch genommen. Einmal war sie nutzlos, weil bei dem Paar, von dem ich Bestandteil war, nichts mehr zu retten war. Das zweite Mal war es ein gefühltes Desaster, weil ich den Eindruck hatte, dass der Therapeut seine Allparteilichkeitspflicht nicht wirklich wahrnahm (Ich verließ die Sitzung wutentbrand, glücklicherweise hatte meine Partnerin für sich selbst ebenfalls kein gutes Gefühl dort, so dass wir das dann abgebrochen haben).

Dennoch zieht mich das Paartherapeutische magisch an, denn es geht dort ja: Um Beziehungen, bzw. um die Möglichkeit, als Dritter unterstützend auf Beziehungen zwischen Zweien Einfluss zu nehmen.

Wie aufmerksame Leser dieses „Blobbs“ (O-Ton meines Sohnes) wahrscheinlich wissen, interpretiere ich große Teile unseres heutigen Unternehmerischen und Wirtschafts-Geschehens als geprägt von „Beziehungsstörungen“ bzw. als Beziehungen, die nicht mal ansatzweise ihr volles Potential heben, sondern regelmäßig auf der Ebene von Not- und Zweckgemeinschaften steckenbleiben, anstatt sich darüber hinaus zu entwickeln, was sehr leicht und sehr gut denkbar ist.

Im Rahmen meiner metaphorischen Experimente möchte ich heute einen mutigen Schritt machen und einmal versuchsweise ein konkretes Mem (mehr zu „Memen“ erfahren sie hier) auf die Beziehung zwischen „Arbeitnehmern“ und ihren „Unternehmen“ bzw. auf „Unternehmen“ und „ihre Arbeitnehmer“ übertragen:

„Ohne Bewusstsein dafür, was dem anderen [Partner] wichtig ist, wissen Arbeitnehmer und Unternehmen überhaupt nicht, wie sehr sie ihre Partner verletzen können. Schon im Bereich der täglichen Kommunikation können wir beobachten, dass viele [Arbeitnehmer], ohne es zu wissen, sich auf eine Weise ausdrücken, die bei [Unternehmen] den Eindruck erwecken, [sie seien ihnen gleichgültig]. […] [Unternehmen] merken oft nicht, dass die Art und Weise, wie sie sich ausdrücken, für das [Arbeitnehmer]-Ego verletzend und wenig hilfreich ist.“*

Dabei bedienen wir als Mitunternehmer (ist für mich stimmiger als „Arbeitnehmer“) eher den Yang-Pol, stellen unseren Unternehmen unsere Energie und Findigkeit zur Verfügung. Unsere Unternehmen bedienen eher den Yin-Pol, also das „struktive Element“, wie Fritz Friedl so treffend schreibt. (Die Bezeichnung „passiv“ als charakterisierende Eigenschaft von „Yin“ ist stark irreführend.  Die Ying-Yan-Komplementarität ist mit aktiv-passiv nicht zutreffend wiedergegeben. Wer mehr Gefühl für die Yin-Yang-Komplementarität entwickeln möchte, dem sei eben jenes Buch von Fritz Friedl empfohlen).

Wie bereits andernorts ausgeführt, sind unsere Unternehmen derzeit allzusehr im Yang: Sie sind rastlos, aktivistisch, können nicht vom Gaspedal gehen, sind ziellos und idealisieren ein höher, schneller, weiter, und vor allem: mehr. – Es fehlt ihnen ganz eindeutig der Yin-Gegenpol, der in Unternehmen kaum oder nur subversiv-unter-der-Hand kultiviert wird.

Das heißt für die „Paarbeziehung“ dieser Unternehmen zu ihren menschlichen „Triebkräften“: Sie bringen ihre Mitunternehmer systematisch zum erschlaffen. Die Mitunternehmer fühlen sich in vielen ihrer Unternehmen heute überflüssig, ersetzbar, nicht gebraucht, nicht ermutigt, wirklich aktiv zu werden, sich so voll und ganz einzubringen, mit allen ihren wunderbaren Fähigkeiten und Möglichkeiten, die sie an sich mitbringen. Es fehlt ihnen auch an Vertrauen von ihren Unternehmen und an offener, bewundernder Anerkennung ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Unsere Unternehmen sind schlichtweg nicht „struktiv“ genug, um ihre Mitunternehmer zu inspirieren und dauerhaft emotional zu binden, so dass sie in all ihrer Kraft aufblühen und sich ihnen hingeben können, ohne dass sie dabei verloren gehen und eine der hundert verschiedenen Formen erleiden, in denen man einen burn out haben kann.

Und – um hier nicht den Fehler der Parteilichkeit zu machen – auch die Mitunternehmer vernachlässigen ihre Unternehmen auf fundamentale Weise: Sie interessieren sich kaum für den Sinn und Zweck des Unternehmens, sie sind auf dem Sprung, halten schon nach dem nächsten Unternehmen Ausschau, sind in ihrer Unternehmens-Beziehung überhaupt mehr auf das Bekommen fixiert denn auf das Geben, haben kaum Verständnis für die Probleme, die das Unternehmen gerade hat, sind wenig fürsorglich gegenüber seinen Wechselfällen, fragen sich kaum, was sie dafür tun oder lassen können, damit es ihrem Unternehmen besser geht. Sie sind wenig präsent und gedanklich oft mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

Wir, als Mitunternehmer, bringen unsere „männlichen“ Qualitäten nur sehr unzureichend und oft in pervertierter Form in unsere Unternehmen ein.

Insgesamt, so können wir feststellen, ist das Unternehmensgeschehen bisher oft durchzogen von tiefem Beziehungsunglück, verschärft noch von der erfarungsbasierten Annahme, das sei überall so, das müsse so sein, es sei eben nichts besseres möglich. Weder sind die Unternehmen mit ihren Mitunternehmern zufrieden. Noch sind die Mitunternehmer mit ihren Unternehmen zufrieden. Ausnahmen sind vorhanden, aber fallen statistisch kaum ins Gewicht.

Strukturelle Gewalt, Rückzug, Drohungen, Ängste, Passive Aggression sind derzeit sehr präsent in unseren Unternehmen. Von daher ist es auch nicht sonderlich überraschend, dass nicht gar so viele Menschen gerne zu ihrer Arbeit gehen, in Radioshows das Wochenende bereits Mitte der Arbeitswoche beginnt angezählt zu werden, und das viele derer, die vermeintlich gerne zur Arbeit gehen, als Menschen völlig neben der Spur sind, abgestumpft und verhärtet, ohne Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen.

Wo aber kann den nun eine „Paartherapie für unsere Wirtschaft“ ansetzen? – Eins scheint mir klar: Mitunternehmer und Unternehmen können nur gemeinsam glücklicher werden. Denn auch unsere Unternehmen sind ja überwiegend in einem erbärmlichen Zustand, so weit, wie sie unter ihren Möglichkeiten bleiben.

Und vielleicht ist es auch gar kein Zauberwerk, kein Sisyphoswerk und kein übermenschlich-heroisches Ansinnen: Denn wie in allen Beziehungen könnte es gehen um die Anerkennung und Annahme der wechselseitigen Bedürfnisse, so wie sie eben da sind. – Will man hier also „Besserung“, könnte man sich erst einmal ein Bild davon machen, wie es mit der aktuellen „Bedürfniserfülltheitslage“ so aussieht – auf beiden Seiten. Welche Bedürfnisse erfüllen wir wechselseitig gut hier? Welche Bedürfnisse bleiben gerade auf der Strecke? Welche Bedürfnisse bleiben schon lange auf der Strecke bzw. haben wir hier niemals wirklich überhaupt auch nur ansatzweise in den Blick genommen?

Die Bedürfnisse von Mitunternehmern sind hier schnell aufgelistet und leicht zu erfassen. Dazu könnte man z.B.einfach in den Anhang dieses Buches schauen.

Und für die erfüllten/unerfüllten Bedürfnisse von Unternehmen kann man mittlerweile auf die wunderbare Konzeption von Marie Miyashiro verweisen. Sie listet folgende 6 Bedürfnisse auf, von denen sie annimmt, dass die JEDE Organisation hat: Identität, Lebensbejahender Zweck, Ausrichtung, Struktur, Energie, Darstellung.

Sollte also ein Unternehmen der Ansicht sein, dass es mit Blick auf die Beziehungen gerade Optimierungsbedarf gibt, kann es eben jenen Bedürfnisse auf beiden Seiten neue Aufmerksamkeit schenken und sich im Anschluss an das, was sich dann zeigt, gemeinsam Fragen stellen, was wir hier nun unternehmen wollen. Was wir beibehalten wollen. Und was wir neuerdings tun wollen.

Denn – und da kollabiert die Metapher – „am Ende des Tages“ sind ja wir selbst „unser Unternehmen“!

Die ganze Dichotomie: Hier das Unternehmen und dort wir, die Mitunternehmer, ist ja eine künstliche Trennung, eine willkürliche Fiktion. – Sie ist zwar naheliegend in hierarchisch organisierten Unternehmen, wo es ein „unternehmensvertretendes Management“ einerseits gibt, und „weisungsempfangende Arbeitnehmer“ andererseits. Aber gerade diese Unterscheidung ist sowas von letztes Jahrtausend ;), dass wir sie hier gar nicht erst fortsetzen wollen.

Daher bleibt uns nichts anderes übrig, als davon auszugehen, dass „unser Unternehmen“ die Summe unser aller Aktivitäten und Unterlassungen ist. Und folglich auch, dass „Unternehmensbedürfnisse“ Bedürfnisse sind, die wir selber haben, insofern wir aktuell Teil eines Unternehmens sind.

Und genau so ist auch der Terminus „Unternehmensbedürfnis“ bei Marie Miyashiro gemeint (siehe S. 106f. in ihrem oben verlinkten Buch „Der Faktor Empathie“).

* Das mit Stern markierte Zitat oben stammt aus diesem Buch, S. 158 unter der Überschrift: „Die Kunst, den Partner nicht zu vergraulen“.

„Männer“ sind dabei von mir konsequent durch „Arbeitnehmer“ ersetzt worden, „Frauen“ konsequent durch „Unternehmen“. Hintergrund dieser Ersetzung ist meine Annahme, dass „die Rolle“ oder „die Energie“ von Menschen in Bezug auf ihre Unternehmen eher „männlich“ gepolt ist, und das ganz unabhängig davon, ob es sich um Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer handelt. Gleichzeitig sind Unternehmen in der Beziehung zu „ihren Menschen“ weiblich gepolt, und das ganz unabhängig davon, wie „maskulin“ das jeweilige Business daherkommt.

Diese metaphorische Übertragung legt nahe, dass in der Unternehmen-Mensch-Beziehung Unternehmen eher die dort genannten 6 primären Liebesbedürfnisse haben – Unternehmen brauchen demnach vor allem: Fürsorge, Verständnis, Respekt, Hingabe, Wertschätzung und Sicherheit. – Menschen als Mitunternehmer brauchen demnach vor allem: Vertrauen, Akzeptanz, Anerkennung, Bewunderung, Zustimmung und Ermutigung. – Die Annahme ist, dass dies ein optimaler Fokus ist, damit die Beziehung zwischen Unternehmen und Mensch dauerhaft gelingen und viele glückliche Business-Kinder hervorbringen kann…

Ich arbeite seit ca. einem 3/4 Jahr v.a. in meinen Bewerbungscoachings offensiv mit der „Mann-Frau-Metaphorik“. Zu meiner Überraschung kam bisher noch von keiner meiner ca. 60 Kundinnen, die ich in diesem Zeitraum betreuen durfte, Widerspruch oder Widerstand gegen dieses ja erst einmal absurde Bild. Von den ebenso vielen männlichen Kunden übrigens auch nicht.

Mehr Agape und Philia und weniger Eros in Unternehmen

In der klassischen Tradition gibt es nicht EINE Form der Liebe, sondern 3:
Agape, Philia und Eros.

Im Folgenden gebe ich meine Privatdeutung der Differenzierung zwischen diesen 3 Liebesformen wieder und setze sie dazu in Beziehung, was in unseren Unternehmen los ist. Meine generelle These ist: Agape und Philia sind heute in vielen Unternehmen stark unterrepräsentiert, Eros stark überrepräsentiert. Die „Liebesfähigkeit unserer Unternehmen“ ist in einem starken Ungleichgewicht, das nach Ausgleich strebt.

„Agape“ ist in meiner Deutung die „Mütterliche Liebe“: Es ist die Liebe der Eltern zu ihren Kindern, des Gärtners zu seinen Blumen, in der klassischen Tradition: Die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung. Es ist die Liebe zu dem, was nicht wir selber sind, was aber aus uns hervorgeht und von uns genährt wird. AGAPE ist daher AUCH die Liebe zum eigenen Werk. – Agape ist immer dann „in Form“ oder „in Aktion“, wenn wir „hegen und pflegen“, wenn wir eigene Bedürfnisse zum Wohl eines anderen zurückstellen, mit dem wir uns aus einer „elterlichen Haltung“ identifizieren.

„Philia“ ist (nicht nur) in meiner Deutung die „Freundschaftliche Liebe“. Es ist die Liebe zu etwas außerhalb von uns, das uns ähnlich ist. Häufig läuft die freundschaftliche Liebe über eine gemeinsame Tätigkeit. Mein persönliches Bild dafür sind zwei Männer, die gemeinsam an einem Fluss fischen, die sonst – außer dieser Tätigkeit – erst einmal nichts verbindet. Gemeinsame Hobbies, Leidenschaften: Sie können zur Philia führen. Philia ist dann in Vollform, wenn über das zunächst instrumentelle Interesse an einer Person oder Sache eine persönliche Bindung entstanden ist, die das äußerliche gemeinsame übersteigt. Und zwar so, dass diese Bindung auch dann noch Bestand hat, wenn die gemeinsame äußerliche Verbindung weggefallen ist. – Auch hier sind wir bereit eigene Bedürfnisse zum Wohl eines anderen zurückstellen. Allerdings im Fall der Philia nicht aus einer elterlichen Haltung, sondern auf GLEICHER EBENE, d.h. auf Augenhöhe, auf dem Niveau von „Peers“. Wie bei den anderen beiden Formen der Liebe geht es um eine Beziehung zu einem Anderen (außerhalb von uns), das nicht wir selbst sind. Hier ist es aber die angenommene Ähnlichkeit, die die Identifikation ermöglicht.

Um auf „Eros“ einzugehen, möchte ich etwas weiter ausholen, denn „die erotische Liebe“ wird häufig extrem reduziert verstanden:
Platon lässt in seinem „Gastmahl“ (Symposion), das den Eros zum Thema hat, als Vorletzten Lobredner auf den Gott Eros den antiken Komödiendichter Aristophanes auftreten. Dieser gibt den bekannten Kugelmenschen-Mythos zum Besten, der in der Regel den meisten Menschen, die das Gastmahl lesen, am Besten in Erinnerung bleibt. Dieser Mythos besagt grob verkürzt, dass wir alle einst perfekt waren („Kugel“ als Symbol der Perfektion und Mangelfreiheit), dann zerteilt wurden in 2 Wesen, weil wir Menschen gegen die Götter aufbegehrten (sozusagen eine Art griechischer Sündenfall) und heute herumlaufen und im Außen unser Gegenstück suchen, dass uns wieder perfekt machen soll. – Diese Geschichte ist zugleich der direkte Ausdruck dessen, was manchmal „die romantische Liebe“ genannt wird: Es gibt einen und genau einen Menschen „der für einen gemacht ist, der perfekt zu einem passt und einen daher wieder rund macht“. – Erst nach dieser Geschichte lässt Platon seinen Sokrates auftreten und SEINE Geschichte vom Eros erzählen. Dieser sokratische Mythos bleibt den meisten Lesern vergleichsweise schlechter in Erinnerung als „die schöne Geschichte“ des Aristophanes.

Als ich in der Deutung des Gastmahls unterrichtet wurde, sagte mein damaliger Lehrer: „Platon zeigt uns hier direkt nebeneinander zum Vergleich: Den Eros, wie wir uns wünschen, das er ist (Aristophanes), und den Eros, wie er wirklich ist (Sokrates)“.

Was ist nun aber die „sokratische Deutung“, was ist nun also „der Eros, wie er wirklich ist?“

Auch hier verkürze ich wieder grob: „Eros“ besteht laut diesem Mythos aus einem Zusammenkommen von „Mangel“ und „Findigkeit“.

Die erotische Liebe ist stets eine Liebe zu dem, was wir selbst (noch) nicht sind. Daher ihr Bezug zum Mangel. Ohne Mangelgefühl ist erotische Liebe nicht möglich. Die Götter als Sinnbild des Perfekten müssen so vorgestellt werden, das ihnen erotische Liebe nicht zugänglich ist, da sie keinen Mangel kennen. – Aber Mangel allein reicht nicht, denn Mangel allein ist nur Misere. Die erotische Liebe besteht in Mangel in Kombination mit der Hoffnung, das Vermisste durch eigene Tätigkeit (und Erfindergeist) erwerben zu können. – Daher auch die „explosive“ Form, in der wir den Eros häufig antreffen: Ein vom Eros ergriffener Mensch ist einer, der glaubt, in einem tiefen, dunklen Tunnel zu sitzen (Mangel) und der gerade das Licht erblickt, von dem er glaubt, dass es ihn aus diesem Tunnel in die Freiheit führen wird. Dieser „Tunnelblick“ ist maximale Unfreiheit (denn: „there’s only one way to go“), aber auch maximale Power hinter dem Versuch, an dieses Licht zu kommen. Aufgrund der Power, die er freisetzt, ist Eros auch so attraktiv für viele Unternehmen, v.a. für amerikanische… 😉 . Man kann aber wissen, was man sich einkauft, wenn man auf Eros setzt: Strukturelles Mangeldenken. Denn noch einmal: Ohne Mangel kein Eros.

Alle 3 Formen der Liebe haben also Folgendes gemeinsam:
1.) Sie beziehen sich auf etwas, das nicht wir selbst sind. Auf ein Äußeres.
2.) Sie bauen eine Identifikatorische und daher stark emotionale Bindung zu dieser Entität auf, die wir nicht selbst sind: Im Fall der Agape: „Zu unseren (körperlichen oder geistigen) Kindern“. Im Fall der Philia: Zu dem im Außen, was uns Ähnlich ist und in dem wir uns wiederfinden“. Die Philia sagt: „Du bist nicht allein mit dem, was Du verkörperst. Es sind noch andere da, die ähnlich sind wie Du.“ Im Fall des Eros: Zu dem im Außen, was wir gerne wären und doch nicht sein können, ohne uns selbst zu vernichten und einen Tod sterben zu müssen.

Kurz: Agape kommt aus Fülle, aus Überfluss. Philia aus Gleichheit und Neutralität. Eros aus Mangel und „Haben-Wollen“.

Nun habe ich oben eingangs behauptet: In unseren Unternehmen gibt es zu viel Eros und zu wenig Agape und Philia.

Ich werde diese Behauptung hier zunächst nicht weiter ausführen, da die eigene experimentelle Übertragung dieser These auf das eigene Unternehmen sehr produktiv sein kann.

Ich möchte aber einschränkend sagen, dass EROS selbstverständlich seinen Platz in Unternehmen hat. Ohne Eros kann KEIN Unternehmen bestehen. (Eros zeigt übrigens auch an, wann genau ein Unternehmen endgültig tot ist: Denn ohne Eros hat ein Unternehmen keine Mission mehr und verwandelt sich daher in einen Bürokratie-Zombie, in eine Geldabschöpfungsmaschine).

Aber paradoxerweise – obwohl Eros „den Mangel als Mutter hat“ (laut Platon) – haben wir ausgerechnet an Eros keinen Mangel in vielen unserer heutigen Unternehmen.

Was unseren Unternehmen häufig in einem geradezu verheerenden Ausmaß fehlt ist die strukturelle Anwesenheit von Agape und Philia. – Daher sollten wir uns auf sie konzentrieren. Tun wir das, dann kommt auch Eros wieder ins Lot. Von ganz allein. D.h.: Die verschiedenen Formen der Liebe begrenzen sich in der Praxis gegenseitig. Wer weniger Eros will, muss schauen, wie Agape und Philia wachsen können.

Die wechselseitige Begrenzung der 3 Liebesformen liegt in unserer eigenen emotionalen Ökonomie begründet: Unsere Affektive Kraft ist begrenzt. Wird viel affektive Energie durch eine Form der Liebe gebunden, dann ist gerade wenig für die beiden anderen Formen der Liebe übrig…  – Das mag man sich in manchen Situationen anders wünschen, nämlich so, dass Eros die Philia befeuert, Philia die Agape, Agape den Eros, Eros die Agape, Agape die Philia, Philia den Eros. Aber hier kann man mit Platon fragen: Wollen wir uns mit unseren irrealen Wünschen beschäftigen, die reine Fülle wollen? Oder wollen wir uns mit dem beschäftigen, was wirklich Sache ist?

Und die Kraft der Begrenzung ist im Grunde etwas Schönes: Sie macht die Wunderbarkeit der Welt, des Lebens und des Unternehmertums aus.

P.S. „Eros“ klingt nicht rein zufällig sehr ähnlich wie diese hübsche Göttin hier, der ich persönlich immer wieder mal verfalle:
http://de.wikipedia.org/wiki/Eris_%28Mythologie%29

[Dieser Artikel ist eine leicht bearbeitete Version eines Beitrags, der zuerst am 12.12.2012 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing erschienen ist]