Warum „Wer fragt, noch lange nicht führt“

Einen schönen Widerspruch zu „Wer fragt, der führt“ findet sich in der aktuellen brand eins (Titel: „Scheißjob – Schwerpunkt Führung“, Ausgabe März 2015).

Im Artikel über den Spezialmessgeräte-Hersteller Loccioni (S. 104 ff.) lassen sich ein paar schöne Zitate finden. So z.B.:

„…zwischen Herkunft und Charakter, da liegt das Projekt. Das ist variabel. Das muss sich anpassen. So funktioniert unser Unternehmen: Hier richten sich die Personen nicht nach der Arbeit, sondern die Arbeit richtet sich nach den Personen.“

Sehr schön auch das folgende Zitat, das uns mitten in die Fragestellung zum Verhältnis von „Fragen“ und „Führung“ hineinführt… 😉

„Loccioni mag zwar nicht über seine Mitarbeiter bestimmen, doch er führt sie trotzdem – indem er sie herausfordert, einschwört, überrascht.“

Ich würde hier widersprechen wollen: Das was wir hier vorgeführt bekommen, ist gottseidank keine Führung, sondern das ist Provokation.

„Führung“ ist – wenn sie sich an feste Rollen knüpft anstatt an rein situatives Mehr-Wissen oder situative Verantwortungsübernahme – IMMER geknüpft an ein „Sich-über-den-anderen-stellen“. Langfristig werden die so bespaßten „Mitarbeiter“ dadurch immer kleiner und unselbständiger als sie ohne eine solche Bespaßung sein könnten.

„Provokation“ hat diesen Nachteil nicht: Ich kann zwar annehmen, dass ich etwas sehe, was Du nicht siehst. Auch: dass ich gerade etwas bei Dir sehe, was Du selbst nicht bei Dir siehst. –  Aber die „Hofnarren des Unternehmens“ stellen sich dabei dennoch nicht über die anderen Mitunternehmer. Wenn sie wirklich einmal „keine Augenhöhe“ haben, dann deswegen, weil sie sich bewusst ein wenig „schräg drunter“ ansiedeln, also UNTER dem, den sie provozieren…

Sie nehmen also den anderen in seinem Erwachsen-Sein NOCH ernster als dieser sich selbst nimmt…

…und provozieren ihn so zu „noch erwachsenerem Verhalten“. Sie triggern das Erwachsenen-Ich im anderen, das sich SELBST von den bisherigen Verhaltensweisen löst und sagt: Eigentlich will ich das längst selbst schon anders machen…

Der Unterschied zwischen Kritischem und Fürsorglichen Eltern-Ich einerseits und einem prinzipiell unvernünftigen Schauspieler, der die Vernunft aus den Anderen herauskitzelt, anstatt sie bei ihnen einzufordern…

„Führen“ tun sich also wirklich alle selbst. – Genau deswegen kommen manche Unternehmen tatsächlich vollständig ohne „Führungskräfte“ aus. – Jede bestallte „Führungskraft“ wäre dort ein Schlag ins Kontor der Selbstführung. Eine unzumutbare Entlastung, die alle schwächer macht und ihnen Verantwortung von den Schultern nehmen würde, die auf genau diesen Schultern sehr gut aufgehoben ist.

Aber das heißt eben nicht, dass es keinen Raum für Rollen gibt, die nervige Fragen stellen. Rollen, die hauptsächlich herausfordern und überraschen.

Warum man DAS aber „Führung“ nennen sollte, erschließt sich wahrscheinlich nur demjenigen, der selbst noch ein wenig zu viel Angst vor der Welt hat, die er nie wieder verlassen kann, sobald er einmal realisiert hat, dass ihm niemals ein anderer Mensch die Verantwortung für sein unternehmerisches Handeln und Nicht-Handeln abnehmen kann.

Und sobald hinreichend viele Mitunternehmer jenseits dieses Punkts sind, braucht man wahrscheinlich die „Herausforderer“ als eigene Rolle gar nicht mehr. – Weil sich dann alle gegenseitig herausfordern, ohne dass man dafür eine eigene Instanz schaffen muss.

In einem organischen Unternehmen, das seine unternehmerischen Impulse systematisch freigeräumt hat, anstatt sie systematisch zu blockieren, ist IMMER genügend „Irritation von außen“, die intern in „sinnvolle Provokation“ transformiert werden kann.

Denn JEDES Unternehmen, das sich dagegen nicht mit Absicht verschließt, wird PERMANENT irritiert: Von seinen Kunden, von deren veränderlichen Kundenbedürfnissen.

Sobald also diese ständige Irritation unternehmensintern systematisch aufgenommen und sinnvoll weiterverarbeitet wird, ist klar:

Es braucht weder „Führungskräfte“ noch „Hofnarren“ als feste Instanzen, als fixierte Rollen, um sicherzustellen, dass die natürliche „Betriebsblindheit“ eingedämmt wird, damit Veränderungsblockaden, Trägheiten und erfolgsmindernde Routinen immer neu herausgespült werden aus unserem Unternehmen…


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Ein Gedanke zu “Warum „Wer fragt, noch lange nicht führt“

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