Re-entry der Bedürfnisverbundenheit

Heute möchte ich hier über ein Thema schreiben, dass mir persönlich sehr unangenehm ist:
Unsere Fähigkeit zur Distanznahme. Unsere Fähigkeit, uns zu entkoppeln und diese Entkopplung durch bestimmte von uns gepflegte Gewohnheiten sogar weitgehend auf Dauer zu stellen.

Insbesondere unsere Fähigkeit zur Distanznahme von unseren Bedürfnissen und damit sowohl von unserer unmittelbaren Umwelt als auch unserer sozialen Welt. Mithin von unseren Mitmenschen und Mitunternehmern.

Kein anderes Lebewesen kann derart auf Distanz zur eigenen Unmittelbarkeit gehen. – Es ist eine von vielen „typisch menschlichen Besonderheiten“.

Fähigkeit zur Distanznahme ist die Voraussetzung für Philosophie, für Wissenschaft, für Kunst und auch für unsere heutigen Formen des Wirtschaftens, des Unternehmens…

V.a. Philosophen kennen sich damit recht gut aus: Zu allen mir bekannten Zeiten gab es Reflektionen darüber, dass „die Philosophie in sich eigentlich ziemlich uninteressant“ ist. So uninteressant, dass nur sehr wenige Menschen wirklich an ihr Geschmack finden. Menschen, die sich vor allem durch die Fähigkeit auszeichnen, „dass Worte für sie einen Geschmack haben“, dass Konzepte sie für sie so greifbar wie reale Gegenstände sind, ja im Grunde noch viel realer als das, „was man sehen, hören, schmecken, riechen und anfassen kann“.

Philosophen gehören damit – vielleicht neben diagnostizierten Autisten, Mathematikern, Theoretischen Physikern und einigen bestimmten Sorten von Programmierern – zu den von-sich-selbst-distanziertesten Menschen, die unsere Welt zu bieten hat.

Ach ja: Männer mit aktuell außergewöhnlich hohem Testosteron-Spiegel sollte man in dieser Aufzählung auch nicht vergessen…

Noch einmal: Diese Fähigkeit zur Selbst-Entkopplung ist vor allem anderen erst einmal: Eine Fähigkeit.

Eine sehr nützliche Fähigkeit, sowohl für den „Entkoppler“ selbst als auch für viele seiner Mitmenschen und Mitunternehmer. – Wir würden ganz sicher nicht in der „zivilisierten Welt“ leben, in der wir heute leben, würden wir über diese Fähigkeit nicht in dem Ausmaß verfügen, wie wir das faktisch tun.

Aber sie wirft auch ein Problem auf, das kein anderes Lebewesen in dem gleichen Ausmaß hat:

Das Problem, wie wir mit unseren Bedürfnissen wieder Kontakt aufnehmen und diesen Kontakt pflegen können, wenn wir das wollen.

Diese Frage nach dem „re-entry“ unserer Bedürfnisverbundenheit erhält für meinen Geschmack gerade in unseren Unternehmen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient hat.
Ja, es ist in vielen Unternehmen noch nicht einmal halbwegs bewusst, dass es da überhaupt „ein Problem“ gibt.

Aus diesem Grund werde ich mich nun zunächst „der Erzeugung jenes Problems“ zuwenden:

Wenn wir von unserer Fähigkeit zur Bedürfnisentkopplung in unseren Unternehmen exzessiv und gewohnheitsmäßig Gebrauch machen, sind wir nicht fähig, dauerhaft befriedigende Beziehungen zu stiften und zu erhalten.

„Nicht befriedigende Beziehungen“ bedeuten technisch ausgedrückt: Ich bin nicht in der Lage…

…Win-Win-Spiele zu spielen (worum es in der Ökonomie aber leider Gottes im Kern geht…)
…trade-offs zwischen verschiedenen Bedürfnissen aufzulösen oder überhaupt wahrzunehmen, dass wir gerade so einen trade-off vorliegen haben.

Wenn ich hier von „verschiedenen Bedürfnissen“ spreche, so trifft alles zu, was Sie sich hier vorstellen können. – Ich bekomme bei exzessivem und gewohnheitsmäßigem Gebrauch von Bedürfnis-Distanznahme:

• Trade-offs zwischen verschiedenen individuellen Bedürfnissen des gleichen Menschen (Mitunternehmer, Kunden, Investoren, Dienstleister, andere stakeholder des Unternehmens)
• Trade-offs zwischen verschiedenen individuellen Bedürfnissen verschiedener Menschen
• Trade-offs zwischen individuellen Bedürfnissen einzelner Menschen und Unternehmensbedürfnissen
• Trade-offs zwischen verschiedenen Unternehmensbedürfnissen

Während in habituell Bedürfnisorientierten Unternehmen „Konflikte zwischen Bedürfnissen“ als „Konflikte zwischen unterschiedlichen Strategien zur Befriedigung bestimmter Bedürfnisse“ rekonzeptionalisiert werden können (mit der Folge, dass genau solche Konflikte zu natürlichen MOTOREN von Innovationen werden!)…

…ist es in habituell Bedürfnisentkoppelten Unternehmen so, dass solche Konflikte, die ganz natürlich immer wieder und immer neu auftreten, unter den Teppich gekehrt werden und sich unaufgelöst im Kreis drehen. – Man kommt nicht weiter und verschiebt die Probleme bloß: In die Zukunft, in die andere Abteilung, in die nächste Strategie, die wie alle anderen zuvor natürlich auch wieder scheitern muss…

Das nur so als Skizze des Hintergrunds, warum ich überhaupt ein „Problem des re-entry’s“ von Bedürfnisverbundenheit in unseren Unternehmen sehe…

Zusammengefasst: Es ist Teil unseres Mensch-Seins, dass wir uns von unseren Bedürfnissen entkoppeln können. Es ist sogar Teil unseres Erwachsen-Seins (wir werden mit zunehmendem Alter in der Regel immer besser darin). Bedürfnis-Entkopplung ist in vieler Hinsicht nützlich, ja sogar notwendig.

Als Dauerzustand in unseren Unternehmen KIPPT aber die Bedürfnisentkopplung in ihr Gegenteil: Wir bekommen dann diejenigen kindischen Spielchen, die wir in unseren Unternehmen den lieben langen Tag soweit wir können verdrängen. Vor allem unsere eigene aktive Beteiligung an diesen „Spielen der Erwachsenen“ verdrängen wir dort gut und gerne.

Von daher stellt sich zumindest mir die Frage, wie Unternehmen ihren Grad an Bedürfnisverbundenheit bewusst pegeln können. Und das heißt immer: Was wir in unserer Rolle als Mitunernehmer tun oder lassen können, was es uns leichter macht, unseren Grad an Verbundenheit situationsgerecht verändern zu können. So wie wir es gerade brauchen. So wie es uns gerade gut tut. So wie es mithin gerade unserem gemeinsamen Unternehmen gut tut.

Die momentane Ausgangslage, die ich derzeit in den allermeisten Unternehmen zu sehen glaube, ist die eines „Nahe-Null-Levels“ an Bedürfnisverbundenheit.
Nur von dieser Ausgangslage her ist meine Frage die nach einer „Steigerung der Verbundenheit“.

Die eigentliche, tiefer liegende und situationsunabhängigere Frage, die mich bewegt, ist die, was wir in Unternehmen tun und lassen können „to more easily move up and down the scale“.

Ich glaube, dass es Situationen in Unternehmen gibt, wo es wirklich gut ist, die menschliche Möglichkeit zur Selbst-Entkopplung zu nutzen. Genauso wie es Situationen in Unternehmen gibt, wo es wirklich gut ist, die menschliche Möglichkeit zum „re-connect“ zu nutzen


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3 Gedanken zu “Re-entry der Bedürfnisverbundenheit

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