Irritation vs. Provokation

In vielen systemischen Kontexten wird der Begriff der „Irritation“ verwendet.

Stark verkürzt werden mit diesem Begriff zwei verschiedene Dinge zugleich gewürdigt:

Die „Autopoiesis“: Die Fähigkeit jeglichen Systems, selbst zu entscheiden, „was etwas für es ist“ und es entsprechend wahrzunehmen, zu verändern, einzubauen und auszuscheiden.

Und die Fähigkeit der „Umwelt“ (die nicht unabhängig vom System besteht, sondern von ihm selbst erst gebildet wird – „System und Umwelt“ bilden sich also immer gleichzeitig gegeneinander heraus), im betreffenden System interne Unterschiedsbildungen auszulösen.

Ist ein System von seiner Umwelt „irritiert“, wird es – nach seinen eigenen Möglichkeiten und Eigenarten – „irgendetwas“ tun, das für es selbst einen Unterschied macht. – Die „Irritation“ selbst macht für das System einen noch nicht definierten aber zu definierenden Unterschied. – Durch die Irritation macht die Umwelt ÜBERHAUPT einen Unterschied für ein System.

Man könnte zwar unterscheiden zwischen äußeren „Reizen“, die „überreizen“, und Reizen, die dem System „neu erscheinen“, und Reizen, die das System bereits „gewohnt“ ist und bequem „einordnen“ kann. – Für den Moment lassen wir solche und weitere Differenzierungen aber mal bei Seite…

Der Profi-Irritator Frank Farrelly, Spezialist auf dem Gebiet der Irritation psychischer Systeme, hat den Begriff der „Provokation“ geprägt.

Im Moment scheint es mir so, dass er mit diesem Begriff und mehr noch mit seiner provokativen therapeutischen Praxis eine Schwäche des Begriffs der „Irritation“ offenlegt, die vielleicht eher eine Schwäche des verbreiteten Gebrauchs dieses Begriffes ist:

Zumindest auf dem Gebiet des „Zwischenmenschlichen“ sind wir in der Lage, sehr unmittelbar und deutlich wahrzunehmen, was genau eine bestimmte Irritation bei einem anderen Menschen auslösen kann. Also auch: Wie er eine bestimmte „Intervention“ für sich weiter verarbeiten wird. – Wäre das anders, wäre „provokative Therapie“ Unsinn. – Da sie aber in der Praxis ausgesprochen gut funktioniert und ziemlich genau das auslösen kann, was derjenige, der ihre Mittel einsetzt, auch auslösen will, sieht der systemtheoretische Begriff der „Irritation“ plötzlich erschreckend blass und schwach vor der Brust aus…

Woher das auch immer kommen mag (ich tippe ja auf langjährige Praxis der meisten Menschen im Alter von 0 – 20 Jahren, in der wir genau beobachten MÜSSEN, was bestimmte unserer Interventionen bei bestimmten Menschen, genannt „Eltern“, auslösen, weil wir uns sehr unmittelbar schaden würden, wenn wir das NICHT ausprobieren und sehr genau beobachten würden…):

Bei aller „Selbstbewegtheit“, „Autopoiesis“, „Systemischen Geschlossenheit“, die uns als Menschen zu eigen sein mag, sind wir doch nicht SO unverbunden miteinander, dass wir wie „ein Rätsel“ voreinander stünden und nicht wissen könnten, was wir alles tun und ausprobieren könnten, wenn wir „einander zu bestimmten Reaktionen bewegen“ wollen…

Vielfach hält uns weitgehend unser fehlender MUT davon ab, bestimmte Interventionen zu verwenden, als fehlendes WISSEN darüber, was wir tun können, wenn die Erfüllung unserer Bedürfnisse von bestimmten Verhaltensweisen unserer Mitmenschen und Mitunternehmer abzuhängen scheinen…

Unsere Angst bezieht sich in der Regel darauf, abgelehnt zu werden. Gar nicht unbedingt von unserem unmittelbaren Gegenüber, den wir da so provokativ penetrieren. Sondern vielmehr „von der menschlichen Gemeinschaft“ als Ganzem. Oder doch zumindest von den für uns unmittelbar relevanten Gemeinschaften (also z.B. von unserem Unternehmen).

Alles, was in den Bereich „der Moral“, „Anstand und Sitte“, „Gehörigkeiten“, „Fingerspitzengefühl“, „Etikette“ und „Professionalität“ fällt, wird von uns dazu benutzt, uns selbst davon abzuhalten, bestimmte Reaktionen hervorrufend, also provokativ zu werden.

Und systemtheoretische Annahmen, die uns offen oder unter der Hand als soziale Inseln konzipieren, „die einander prinzipiell nicht verstehen können“, sind von daher leicht erkennbar als intellektualisierte Stützen und Krücken solcher Ängste…

Zwar mag einiges dran sein an der Frage „what is it like to be a bat?“ und entsprechend auch an der Aussage: „Wir haben keine Ahnung, was es wirklich heißt, ein anderer zu sein – mit seiner ganz anderen Geschichte, Anlagen, Erfahrungen, Weisen Erfahrungen zu bilden, Gedanken, Gefühlen etc.“

Aber in PRAKTISCHER Hinsicht ist dieses „Sich-prinzipiell-nicht-verstehen-können“ weitgehend irrelevant.

Wir können wahrnehmen, was wir tun können, um andere Menschen ZU GANZ BESTIMMTEM zu irritieren.

Und das ist alles, was wir brauchen.

Unser „fehlender Mut-Problem“ bleibt dadurch freilich ungelöst. – M.E. kann es nur durch Zufall, ermutigende praktische Erfahrungen und eben: Durch Mut selbst gelöst werden.

Am Ende hilft uns alles nichts. – „Aber wir können das bisschen Mut, über das wir verfügen, bewusst zusammen kratzen“ und es dann: einfach machen.

Das zumindest war der ermutigend beharrliche Vorschlag einer meiner vielen Therapeuten…


An den werten Leser, die werte Leserin, die sich durch die Zeilen dieses Artikels bis hierhin durchgekämpft hat:

Ich freue mich, wenn Sie mir den Gefallen tun wollen und im angeschlossenen Kommentarfeld von wordpress eine Rückmeldung machen, wie glücklich sie das Lesen dieses Artikels gerade eben jetzt macht, auf einer Skala von 1 (völlige Gleichgültigkeit, macht gar nichts mit mir) bis 10 (feels like an orgasm).

Genauso gern ohne wie mit Begründung. Begründungen können in die Richtung gehen: “Warum überhaupt mehr als 1?” Oder auch: “Warum unterhalb von 10 geblieben?”

Diese Ihre Bewertung dient meinem persönlichen Tracking der “wahren Wirkung” von ilwyc: Wenn Sie eine solche Bewertung abgeben, erfüllt mich das – wie auch immer sie ausfällt – mit Glück 🙂

Danke Ihnen dafür!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s