Bastler und Ingenieure in Unternehmen

Der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss unterschied annodazumals zwischen „Bastlern“ und „Ingenieuren“.

Was auch immer Lévi-Strauss mit dieser Unterscheidung von Ingenieuren und Bastlern gemeint und bezweckt haben mag, MIR begegnen in meiner heutigen Praxis immer wieder unglaubliche „Bastler“, die mich staunen machen…

Mit „Bastlern“ meine ich Menschen, die sich nicht ganz so gut in unserem vorsintflutlichen Schulsystem machen: Sie haben ihre Probleme mit „theoretischem Wissen“. Aber sie sind dafür unschlagbare Praktiker, die aus dem Machen lernen…

Viele von ihnen werden systematisch entmutigt: Erst durch die Schule, dann durch die Universitäten (wenn sie es überhaupt bis dorthin schaffen) und schließlich in den Unternehmen, wenn formale Zertifikate und Abschlüsse verlangt werden als Eintrittskarte zu für sie spannenden Tätigkeiten. (Ich vermute HEUTZUTAGE geht dieser systematische Entmutigungs-Prozess in einigen Fällen sogar schon in den Kindergärten los…).

Um so spannender sind dann diejenigen unter meinen Kunden, die es DENNOCH schaffen, sich Zugänge zu solchen Tätigkeiten zu verschaffen.

Wie jener Elektriker einer 4-Mann-Firma, der fast 20 Jahre damit verbrachte, die Elektrik des Tornados zu verbauen. Dieser gute Mann war SO gut, dass er regelmäßig den bestallten Ingenieuren von EADS ihre Schaltpläne um die Ohren hauen konnte. Und wurde dennoch oder gerade deswegen von EADS „gebucht und gebucht und gebucht“. – Während seine 3 Elektriker-Kollegen weiterhin damit beschäftigt waren, Gebäude zu verkabeln (womit ich nichts gegen diese überaus nützliche und manchmal ziemlich anspruchsvolle Aufgabe gesagt haben will!).

Oder jener promovierte tschechische Physiker, der über sich sagte: „Ich mag es, wenn die Mittel zur Lösung eines Problems begrenzt sind. Das treibt mein Denken zu Höchstleistungen an. – Vielleicht kommt das bei mir noch von der Knappheit im damaligen Ostblock, wo wir auch permanent improvisieren musste…?“

Oder die zahlreichen beeindruckenden Menschen, die ganz ohne Abschlüsse unterwegs sind, weil sie es einfach nicht so hatten mit der realexistierende Schule und ihrem öden, irrelevanten Auf-die-Prüfung-pauken-wir-Wissen. Sie wollten machen, machen, machen…

Was wir hier in den letzten Jahrzehnten an „Humankapital“ und menschlichem Potential durch unsere systematische Entmutigung vernichtet haben, dürfte in keinen von Dagobert Ducks Geldspeichern hineinpassen…

Denn diese Menschen sind nicht selten: Es gibt viele, viele, viele davon!

Ihr Mottos sind: „Ich mach das Beste draus – egal was da ist“ und „Ich lerne durch Ausprobieren, nicht in der Schule und Kursen“. – Diese Menschen werden nicht „prinzipiell, wenn Sie vor einem Problem stehen.

Aber auch diese Menschen sind „soziale Wesen“ und können systematisch entmutigt werden, wenn ihnen von uns dauerhaft die Wertschätzung verweigert wird für das, was sie tun und wer sie sind…

Die Tragik ist: Im Grunde handelt es sich um geradezu traumhafte Mitunternehmer. Um Menschen, die „von Natur aus“ haargenau so sind, wie in vielen Unternehmen geredet wird, dass man sich seine Mitunternehmer wünscht…

Mit all dem möchte ich den „Ingenieuren“ unter uns keineswegs zu nahe treten.

Also jenen Menschen, die abstraktes Wissen schätzen, sich von ihm angezogen fühlen und die mit ihm produktiv umgehen können. Leute, die Pläne machen und Algorithmen und die nicht notwendig etwas brauchen, „das man anfassen kann“ und „an dem man herumschrauben kann“, um weiter zu kommen. Für die nicht ganz so wichtig ist, dass es am Ende auch wirklich funktioniert, was sie sich da ausgedacht haben… 😉

Aber mein Herz gehört den Bastlern. – Vielleicht gerade WEIL ich wohl auch vom Typus her eher in die Ingenieurs-Riege gehöre…

Dennoch: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann den, dass unsere Arbeitswelten und vor dem unsere Schulwelten DEUTLICH „Bastler-freundlicher“ werden: Dass Praxis Theorie um Längen schlägt in unserer allgemeinen und auch in unserer vergüteten Wertschätzung. Dass zunehmen unwichtiger wird, „was in Papieren steht“ („Papier ist geduldig“). Dass wir viel, viel mehr Probearbeiten etablieren, nicht nur im Handwerklichen und im Service-Bereich. Dass wir die Ansicht annehmen: Wer was bauen kann, das funktioniert, DER taugt was (…analog jenem „Wer heilt hat recht“, mit dem die Alternativmedizin versucht, sich gegen die prinzipiellen Vorhaltungen der Schulmedizin am Leben zu halten…).

Theorie wird in unserem schönen Deutschland nach wie vor grob überschätzt. Vielleicht wie in wenig anderen Ländern. Und ich darf leider – oder zum Glück! – vielen Menschen begegnen, denen dieser Schatten, der über unserem Land hängt, zum Verhängnis wird, die völlig unnötig mit einem Haufen Minderwertigkeits-Komplexen herumlaufen, weil ihnen die „formale Qualifikation“ fehlt. Unglaublichen Klasse-Leuten in ihren Bereichen, wohlgemerkt!

Vielleicht denken Sie demnächst mal daran, wenn Sie wieder mal mit jemandem begegnen, der es zwar offensichtlich drauf hat, der aber wenig selbstbewusst daher kommt und dem es an „formal bestätigter Glaubwürdigkeit“ mangelt…

…lassen Sie ihn oder sie zur Probe arbeiten. Machen sie sich ein PRAKTISCHES Bild von dem, wie er vorgeht. Lassen Sie sich überraschen.

Nach allem, was ich bisher sehen durfte von den Menschen, die sich so durch unser Land hindurchwerkeln, dürften Sie Ihr Sich-Einlassen auf Chancen, „sich praktisch zu beweisen“, in den allerseltensten Fällen bereuen…

…und wenn Sie mir auch noch diesen einen letzten Gefallen tun wollen:

Bezahlen Sie DIESE Leute deutlich besser als das, was sie selber von Ihnen haben wollen! – Auch den versiertesten Bastlern fehlt nämlich oft komplett das Gefühl für den Wert dessen, was sie da leisten. Und das ließe sich leicht ausbeuten und wird denn dann auch sehr häufig ausgebeutet.

Aber da wir in einer Welt leben, die Wertschätzung AUCH durch Geld ausdrückt, sollten diese Leute mehr bekommen als den feuchten Händedruck, den sie bisher oft erhalten, nur weil ihnen die formale Qualifikation fehlt…

…während einige „hochqualifizierte“ Nichtskönner sich goldene Nasen verdienen damit, dass sie einen unbrauchbaren Plan nach dem anderen entwickeln. Während sie die unterbezahlten Bastler dieser Welt das unter der Hand wieder hinbiegen lassen, was sie mal wieder verbockt haben…

Nochmals wohlgemerkt: Das geht keineswegs gegen alle „Ingenieure“. Nicht mal ansatzweise.

Das geht dagegen, wie BLIND wir unsere Wertschätzung in unseren Unternehmen verteilen. – Blind gegenüber der wahren „Performance“, blind dagegen, was uns einige Menschen wirklich bringen oder eben nicht bringen. Blind für den Beitrag verschiedener Menschen zur Erfüllung unserer aktuellen Bedürfnisse, zur Erfüllung individueller Bedürfnisse genauso wie zur Erfüllung von Unternehmensbedürfnissen

Eine Blindheit, die herrscht TROTZ unserer Lippenbekenntnisse, das „Leistung“ und „Ergebnisse“ alles seien, was zählt in unseren Unternehmen.

Wäre das nämlich wirklich so, müssten viele eingefleischte Bastler zu den bestbezahlten Menschen gehören. Bisher passiert aber genau das nur in sehr seltenen Ausnahmefällen: Dass Bastler wie Nicht-Bastler nach dem Wert ihrer Leistung für das Unternehmen bezahlt werden…

Viel zu häufig bezahlen wir uns gegenseitig: Nach Abschluss, nach Status, nach Selbstbewusstsein.

Doch diese „Größen“ korrelieren eben leider nur sehr geringfügig mit dem jeweiligen aktuellen Beitrag verschiedener Menschen zu unserem Unternehmen…


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