Unternehmen im systemischen Blindflug

Aus aktuellem Anlass (please watch this link first…):

Strategische Entscheidungen ohne Nachrichten „von der Kundenfront“ sind Entscheidungen OHNE die entscheidenden Informationen. – Solche Entscheidungen MÜSSEN also fehlgehen oder erweisen sich höchst zufällig mal rückwirkend als „richtig“. (Wie oft durfte ich mir in letzter Zeit von Menschen, die aus insolventen Firmen kamen, auf meine Nachfrage, woran es denn lag, anhören: „Meines Erachtens waren ‚Managementfehler‘ der Grund, dass es mein Unternehmen nicht mehr gibt und ich mir jetzt was Neues suchen muss…“)

Die entscheidenden Informationen fließen nicht zum Management, wenn ich massive Nachteile für mich selbst fürchten muss, wenn ich anfange, mitzuteilen, was ich täglich bei und mit unseren Kunden erlebe. – Es ist einfach zu riskant. Und zu viel von mir verlangt, dass ich dieses persönliche Risiko auf mich nehme „zum Wohle des Unternehmens“. – Und das Management wird die Drastik dieses Risikos IMMER systematisch unterschätzen müssen, weil es sich ja gerade DAS nicht vorstellen kann, wenn es ihm nicht mitgeteilt wird: Wie die Lage im Unternehmen aus Sicht derjenigen aussieht, die von ihnen gemanagt werden. – Dazu gehört eben auch: Welche persönlichen Risiken diese Menschen erleben. – Das Management erlebt sich dagegen als „offen und wohlwollend“. – „Meine Tür steht immer offen“ ist ein typischer Manager-Satz. – Ihm steht folgende typischen Sätze der „Gemanagten“ gegenüber: „Ja, außer wenn ich was von Dir brauche…“ / „Ja, außer wenn es nicht in Deine Agenda oder in Dein aktuelles Konzept passt…“ / Ja, außer wenn meine Information dafür sorgt, dass Du selber vorübergehend bei DEINEM Vorgesetzten oder den Investoren schlecht dastehen könntest…“ / „Ja, aber wenn ich durch Deine offene Tür gehe, kann ich mir sicher sein, dass ich mit einem Problem zu Dir komme und mit drei Problemen von Dir weggehe – das weiß ich aus Erfahrung.“ – Kurz gesagt: Man lebt in verschiedenen Welten. – Mit dramatischen Folgen für sowohl die Manger als auch die Gemanagten als auch vor allem für das gesamte Unternehmen selbst…

Ich muss massive Nachteile für mich selbst beim Teilen wichtiger, aber „unpassender“ Informationen immer dann befürchten, wenn mein Unternehmen nach dem Prinzip der Karriere organisiert ist. – Gut geht es mir, interessante Projekte kriege ich, Gehaltserhöhungen bekomme ich, Karriere mache ich, wenn ich das tue, was meine systemisch blinden Vorgesetzten (die blind sind, weil ich ihnen meine Augen nicht leihe) glauben, was ich tun sollte… – Dann bin ich „ein guter Mitarbeiter, ein valuable player, ein Hi-Po, eine Verstärkung des Teams, ein shining star“ und was nicht sonst noch alles. – Kurz: Das System der Karriere versorgt mich mit unschlagbaren Anreizen, unangenehme Informationen nicht zu teilen. – Obwohl wir hier an der Front besser wissen als jeder Unternehmensberater, was unsere wahren Probleme sind und wo unsere wahren Chancen liegen und wo ganz, ganz dringend sofort umgesteuert werden müsste, fließen all diese Informationen nicht ins Management und seine Entscheidungen ein. – Und was machen dann jene externen Berater, die immer dann geholt werden, „wenn es offensichtliche Probleme gibt“? – Richtig: Sie befragen als erstes die Mitarbeiter, denn sonst hätten auch sie nicht die geringste Ahnung, wo die Probleme und die Chancen des Unternehmens liegen, sonst müssten sie es rein vortäuschen, dass sie da mehr wüssten… – Gute Unternehmensberater tun also etwas, das „das Management“ auch sehr gut selbst tun könnte, wenn, ja wenn das vermaledeite System der Karriere das nicht aber mal sowas von verbieten würde…: „Ich bin ja der Vorgesetzte, Abteilungsleiter, Geschäftsführer – ich werde ja dafür bezahlt, das zu wissen, das BESSER zu wissen als meine Mitarbeiter, die ich führe…“ – Eben das ist einer der vielen zentralen Irrtümer, die das System der Karriere AUF DAUER STELLT. – Man kann daher in solchen Systemen gar niemand beschuldigen, dass er irgend etwas „falsch machen würde“. Denn ALLE verhalten sich perfekt angepasst ans System und damit „systemisch vernünftig“. – Alle machen alles richtig. Und am Ende sinkt das Schiff.

Unternehmen organisieren sich nach dem System der Karriere aus keinem sachlichen Grund, sondern rein „aus Gewohnheit“ und „weil alle anderen das ja auch so machen“. – Weder ist es notwendig Karrierepfade anzulegen, um für Entwicklung der einzelnen Mitunternehmer zu sorgen. Das ist ohne „Karrieren“ viel leichter, pragmatischer und organischer möglich. – Noch ist es nötig, um Anreize für neue Mitunternehmer zu setzen: Alle Unternehmen die auf andere Modelle der personellen Organisation setzen sind hochgradig attraktive Arbeitgeber, die kaum noch „employer branding“ nötig haben, als so interessant werden sie von außen wahrgenommen. – Noch ist es nötig, um Bindung und Loyalität zu erzeugen: Ohne Karrierepfade nimmt der Zusammenhalt zu, die Möglichkeiten sich einzubringen nehmen zu, die Kommunikation wird sinnvoller, die Entscheidungen kohärenter, die Arbeit effektiver. – Noch ist es nötig, um Leute auf Linie zu bringen, um Leckerlies in der Hinterhand zu haben, damit sie nicht aus der Reihe tanzen: Was die Mitarbeiter dann an einem Strang ziehen lässt, ist, dass sie sich dann als Mitunternehmer erleben können. – Unter anderem genau aus dem beschriebenen Punkt: Weil sie gehört werden mit dem für das Unternehmen Wichtigen, was nur sie wahrnehmen können, weil nur sie an dieser Stelle im Unternehmen arbeiten. Weil nur dort die Information zustande kommt, die so dringend benötigt würde, um mit ihr sehr weitreichende Entscheidungen zu treffen…

Aus reiner schlechter Gewohnheit also befinden sich die Mehrzahl der Unternehmen heute im kompletten Blindflug und haben mehr Glück als gutes System, dass sie derzeit noch bestehen. – Die Mehrzahl der Unternehmen hat den Kontakt zu dem, was für sie eigentlich von zentraler Bedeutung sein sollte, intern lange, lange schon verloren. – Das fällt in der Regel halt eben nur dann erst auf, wenn man leider, leider nichts mehr machen kann und das Schiff bereits gesunken ist.

Das alles wäre recht tragisch. – WENN Unternehmen per se ein „Daseinsrecht aus sich selbst heraus“ hätten. – Und WENN es gar keine anderen Unternehmen gäbe, die Wege gefunden haben, sich anders zu organisieren: So dass die relevanten Informationen „ganz von allein“ dahin fließen, wo sie gerade für wichtige Entscheidungen gebraucht werden.

Da das aber beides verneint werden kann, können wir über jene systemisch erblindeten Unternehmens-Kolosse einfach lachen. – Die verrückten Tänze, die sie aufführen, sind im Grunde einfach nur zum Schreien komisch. – Mit etwas Abstand betrachtet (also wenn man selbst kein Teil davon ist), ist das, was in vielen Unternehmen läuft, so absurd, so verrückt, so völlig sinnbefreit gaga, dass keine Comedy der Welt da mithalten kann…

Manchmal frage ich mich, warum Unternehmens-Kabarett nicht längst Politik-Kabarett an Popularität weit überholt hat…

…in Sachen Unternehmens-Kabarett gibt es also einen nicht mal annähernd gesättigten Markt. Einen Zukunftsmarkt mit noch weitgehend unentdeckten Chancen, gut bezahlte Lacher und vor Glück weinende Kunden zu generieren…


An den werten Leser, die werte Leserin, die sich durch die Zeilen dieses Artikels bis hierhin durchgekämpft hat:

Ich freue mich, wenn Sie mir den Gefallen tun wollen und im angeschlossenen Kommentarfeld von wordpress eine Rückmeldung machen, wie glücklich sie das Lesen dieses Artikels gerade eben jetzt macht, auf einer Skala von 1 (völlige Gleichgültigkeit, macht gar nichts mit mir) bis 10 (feels like an orgasm).

Genauso gern ohne wie mit Begründung. Begründungen können in die Richtung gehen: “Warum überhaupt mehr als 1?” Oder auch: “Warum unterhalb von 10 geblieben?”

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Danke Ihnen dafür!

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