Wettbewerbskultur

Gestern mit der Familie das Finale von „Mein Song“ auf KiKa geschaut.

Vorgestern vom „Eklat“ beim deutschen Endausscheid für den ESC gehört.

Vor Jahren einen Gründer-Wettbewerb organisiert, geleitet und verantwortet.

Meine Summe unter dem Strich:

HABEN WIR EIGENTLICH ALLE EINEN KNALL?

Jetzt leben wir schon in einer Wirtschaft in der wir uns – aus guten Gründen! – unter permanenten Wettbewerbsdruck stellen (Coming out, für alle, die es auch bis jetzt noch nicht wussten: Ich bin ein verdammter Fan des „Kapitalismus“, den ich für mich „Unternehmerische Wirtschaft“ nenne, weil ich die Sache mit dem sinnlosen Streben nach nackter Verzinsung für eine Kinderkrankheit halte, die vorübergehen wird…).

Und nachdem wir alle derart ächzen unter dem täglichen Druck, dass andere die jeweiligen Kundenbedürfnisse vielleicht besser befriedigen könnten als wir…

…machen wir unsere Freizeit zu einem „Spiel“, indem der wir den gleichen Druck aufbauen???

Statt das Schöne, Überraschende und Faszinierende zu feiern, machen wir „Wettbewerbe“, in denen es „nur einen Sieger“ geben kann und in denen alle anderen, die ebenfalls geil sind, als Verlierer dastehen müssen (alle Show-Rhetorik kann das Prinzip nicht aufheben, nach denen solche Shows funktionieren, auf was alles in solchen Shows ausgerichtet ist…)

Besonders weh tut mir das im Fall der KiKa-Show „Dein Song“, weil wir hier den aller kleinsten unter uns das Signal geben: ALLES WAS ZÄHLT – VON ANFANG BIS ZUM ENDE -, ALLES WAS AM ENDE ZÄHLT, IST „DER SIEGER“!

Das, meine lieben Brüder und Schwestern, ist in meinen Augen die erbärmlichste Seite „männlicher Logik“, die uns unterkommen kann…

Vor allem wir Männer sind darauf angewiesen, uns leistungsmäßig zu messen (über „Schönheitswettbewerbe“ und GNTM darf gerne eine Frau eine ähnliche Kritik wie diese hier schreiben, ich fühle mich da nicht zuständig…). Vor allem wir Männer sind hypnotisierbar von Rangfolgen und schauen wie gebannt auf Tabellen aller Art. Die traurigen Gründe dafür finden sich erschöpfend erläutert in diesem schönen Vortrag hier.

In meinen Coachings kommt es regelmäßig dazu, dass wir eine Skalenabfrage (1-10) zu den Präferenzen des Coachees machen, was wie wichtig für ihn ist bei seinem nächsten Schritt. – Unendlich dankbar bin ich jenem jungen, männlichen, promovierten Physiker, den ich vor kurzem begleiten durfte und der folgendes dabei tat:

Er musste von mir viele, viele Male darauf hingewiesen werden, dass er bestimmte Zahlen bei dieser Skalierung auch mehrfach vergeben darf…

…diese Erlaubnis wollte und wollte einfach nicht ankommen bei ihm. Etwas in ihm wollte ganz unbedingt gleich sofort „eine Rangfolge“ seiner Präferenzen und Wünsche bilden.

Dass das bei individuellen Präferenzen im ersten Schritt nicht sinnvoll ist, weil verschiedene Dinge für einen Menschen durchaus gleich wichtig sind, wurde dadurch von seinen laufenden „Programmen“ unmittelbar ausgeschlossen.

Das ist für mich ein schönes Symbol dafür, was ich „entmenschlichende männliche Wettbewerbskultur“ nennen möchte.

Denn „menschlich“ ist für mich die Gleichzeitigkeit verschiedener Gefühle und Bedürfnisse, die keineswegs in irgendeine stabile und eindeutige Rangfolge gebracht werden müssen, damit „es funktioniert“. – Eine Kultur, in der am Ende nur ein einziges Bedürfnis zählt, das „Siegerbedürfnis, das sich gegen alle anderen Beürfnisse durchgesetzt hat“, ist nicht nur traurig. So eine Kultur ist auch erbärmlich und letztlich nicht lebensfähig…

Es ist in meinen Augen also derart unnötig, dass es mir wirklich weh tut beim Zuschauen, dass eine Show wie „Mein Song“ unbedingt eine „Finalshow“ haben muss, in der „ein Sieger“ gekürt wird und nebenher „sieben Verlierer“. – Genauso gut könnte man alle acht Nachwuchskünstler singen lassen und sich einfach an dem freuen, was da durch harte Arbeit und professionelles Mentoring entstanden ist.

Besser noch könnte man das ganze „Jury-Prinzip“ kippen und sich ganz neue, ganz andere Formate ausdenken, die die Unglaublichkeit der menschlichen Möglichkeiten feiern und entwickeln. – Ein Fokus auf „Wettbewerb“ ist dabei nicht nötig, obwohl sich das anscheinend viele Menschen, die zu viele solche Shows gesehen haben, gar nicht mehr vorstellen können…

Und wegen all dem, was mir da so mächtig auf den Keks geht, habe ich mich gefreut wie ein Schnitzel, als ich davon gehört habe, dass der „diesjährige Sieger des deutschen ESC-Endausscheids“ eben einfach mal verzichtet hat…

…und damit das Prinzip solcher traurigen Shows eben mal ad absurdum geführt hat….

…SKANDAL!

Ein Ärgernis allemal. Aber die, die sich da ärgern, ärgern sich eindeutig über „das Falsche“. Und vielleicht ist auch „Ärger“ das ganz falsche Gefühl an dieser Stelle…

…wann beginnen wir uns eigentlich endlich entschieden zu LANGWEILEN über diese künstlich inszenierten „Wettbewerben“, mit denen wir unsere Seelen höchst freiwillig und zu unserem eigenen Schaden vergiften?


An den werten Leser, die werte Leserin, die sich durch die Zeilen dieses Artikels bis hierhin durchgekämpft hat:

Ich freue mich, wenn Sie mir den Gefallen tun wollen und im angeschlossenen Kommentarfeld von wordpress eine Rückmeldung machen, wie glücklich sie das Lesen dieses Artikels gerade eben jetzt macht, auf einer Skala von 1 (völlige Gleichgültigkeit, macht gar nichts mit mir) bis 10 (feels like an orgasm).

Genauso gern ohne wie mit Begründung. Begründungen können in die Richtung gehen: “Warum überhaupt mehr als 1?” Oder auch: “Warum unterhalb von 10 geblieben?”

Diese Ihre Bewertung dient meinem persönlichen Tracking der “wahren Wirkung” von ilwyc. Wenn Sie eine solche Bewertung abgeben, erfüllt mich das – wie auch immer sie ausfällt – mit Glück 🙂

Danke Ihnen dafür!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Wettbewerbskultur

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s