Ein letztes Mal: Theorien und ihre Folgen

Theorien sind wie Brillen, die wir aufsetzen und absetzen können.

Interessant an Theorien ist nicht, was wir sehen, wenn wir durch sie hindurch „auf die Welt schauen“.

Interessant an Theorien ist, was es mit uns selbst macht, wenn wir durch diese oder jene Theorie-Brille schauen: Wie es uns geht, wenn wir mit ihrer Hilfe unsere „Erfahrungen“ neu zusammensetzen, oder wie wir uns fühlen, wenn wir uns mit ihrer Hilfe selbst „reframen“, oder was uns „zustößt“, wenn wir uns mit DIESER Brille auf der Nase durch unsere Welt zu bewegen versuchen…

Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit Theorien ist das interessantere an Theorien also nicht „ihre Wahrheit“, sondern „ihre Wirkung auf uns selbst“.

Für mich sind Theorien „biologisch-psychologische Anhängsel“, menschliche Werkzeuge, Strategien zur Befriedigung bestimmter unserer Bedürfnisse, oder sogar zur Befriedigung eines ganzen Sets an menschlichen Bedürfnissen gleichzeitig.

Natürlich kann ich nicht beanspruchen, „durch alle Theorien dieser Welt geblickt zu haben“ oder auch nur annähernd lang genug durch irgend eine einzige Theoriebrille, „so wie sie es an sich verdient hätte“.

Auch kann ich nicht wissen, was es mit anderen Menschen macht, wenn sie „durch die gleiche Theoriebrille schauen“. – Ja, noch nicht einmal: Was es mit mir selbst machen würde, wenn ich zu einem anderen Zeitpunkt, in einer anderen Lebensphase irgendeine abgelegte Brille „noch einmal“ aufsetzen würde („man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss…“ usw.).

Ich kann aber offenlegen, durch welche Brillen ich bereits längere Zeit intensiv „hindurchgesehen“, welche Werkzeuge ich schon einmal „mit einer gewissen Ernsthaftigkeit“ benutzt habe, „um mir meine Welten zu bauen“:

Lao-Tse, Protagoras, Thukydides, Platon, Aristoteles, Epikur, Augustinus, Hobbes, Descartes, Montaigne, Hume, Rousseau, Kant, Hegel, Marx, Nietzsche, Carl Schmitt, Heidegger, Freud, Sartre, Wittgenstein, George Spencer Brown, Jacob Taubes, Paul K. Feyerabend, Joachim Ritter, Foucault, Derrida, Luhmann, Richard Rorty, Hans Blumenberg, Philosophische Ökonomik (Karl Homann), …

…und sicher hab ich über die Jahre noch ein paar für mich wichtige alte Männer vergessen (spannende Frauen wie Hannah Arendt hab ich in guter misogyner Tradition sogar ganz verdrängt…).

So ungefähr sieht meine „philosophische hall of fame“ aus, mit der ich mich 8 Jahre meines kurzen Lebens herumgeschlagen habe, wahrscheinlich eher mehr…

Mit dieser Angeber-Liste will ich sagen: Das war ein Höllenritt. Ein Höllenritt von Welt zu Welt, in die man sich vom wildgewordenen philosophischen Furor hineinreiten lässt. Und vor allem: Es ist nahezu unbeschreiblich, was es mit einem macht, wenn man versucht, sich ein längeres Weilchen auf diesem Bullen oben zu halten…

„Die Position“, bei der es mich „am Ende“ von diesem üblen Vieh heruntergeworfen hat, habe ich hier schon mal vor einiger Zeit beschrieben.

Und wie theoretisch-untheoretisch ich meine eigenen Aktivitäten auf ilwyc sehe, hatte ich hier mal versucht für mich zu klären und für andere offen zu legen.

Denn was viele eingefleischte Nicht-Theoretiker nicht wissen können: Eingefleischte Theoretiker versuchen mit ihren Theorien keineswegs „die Probleme der Welt“ zu lösen. Oder gar die „Probleme ihres Publikums“, also derjenigen Menschen, die ihnen zuhören. – Sie versuchen, ihre eigenen, oft nicht ganz alltäglichen Probleme mithilfe von Theorie in den Griff zu bekommen.

Für denjenigen, der „Theorie konsumiert“ heißt das: Es besteht IMMER die Gefahr, nach dem Konsum mehr Probleme zu haben als vor dem Theorie-Konsum. – Denn Lösungen ziehen ihre Probleme nach sich.

Wenn Du gerade eine „dolle Theorie“ intus hast, wirst Du ganz automatisch und intuitiv diejenigen Probleme suchen, denen Du mit jener Theorie beikommen kannst.

Nach dem klassischen und simplen Prinzip, dass „derjenige, der einen Hammer hat, überall Nägel zum einschlagen sieht“…

Neben dem, dass man mit Theoriekenntnissen also wunderbar angeben kann, und neben dem, dass einem Theorien eine Menge Probleme machen, die man vorher nicht hatte, hat eine solche freiwillig absolvierte Theorie-Tortur auch einen schwer von der Hand zu weisenden Vorteil: Man hat sich ganz zwangsläufig schon mal damit beschäftigt, „was eine gute Theorie ist“, „was Theorie leisten kann“, „warum überhaupt sich Menschen theoretisch betätigen“ und was der lustigen Fragen mehr sind…

…und in der Folge fällt es einem deutlich schwerer mit staunendem Mund vor Menschen zu sitzen, die Bullshit absondern…

…Menschen, die einem ganz zwangsläufig immer wieder begegnen im Leben. Denn „der Mensch“ ist neben Myriaden von Dingen, die er auch noch ist: „Das theoretische Tier“. Oder zumindest die Hälfte der Menschheit neigt dazu, ab und an theoretisch zu werden…

Da es grade so schön aktuell ist, könnte man ein körperliches Konzept auf’s Mentale übertragen und sagen: „Man ist nach einer solchen Tortur Theorie-geimpft“: Man hat alle möglichen Krankheiten schon mal selbst durchlaufen, die eigenen mentalen weißen Blutkörperchen erkennen daher schnell, was einem nicht gut tut, kapseln es ein und sondern es aus, man steckt sich mit vielen Theorien gar nicht erst an und man verbreitet solche Krankheiten auch nicht weiter.

Das nur mal so am Rande. – Und damit hoffe ich, mich zum aller, allerletzten Mal in meinem Leben überhaupt zu Theorien „an und für sich“ geäußert zu haben…

Denn basteln tut und basteln muss sich ohnehin jeder Mensch seine Welten selber.

Und Worte spielen bei dieser unser aller Bastelei in der Regel eine eher marginale Rolle. – Und wo Worte doch mal keine marginale Rolle spielen, wo Worte doch Gewicht haben, da haben sie dieses Gewicht „nicht aus sich selbst“. Da kommt dieses Gewicht ganz woanders her – Aus „Sphären jenseits der Sphäre der Worte selbst“…

Z.B. von ausgedehntem Schlaf, bekömmlichem Essen, angemessener Bewegung und einem weitgehend zufriedenstellenden Sexualleben.

Das zumindest hat mir heute Abend einer meiner ältesten und besten Freunde zu verstehen gegeben…

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