Zwei angenehm-unangenehme Annahmen über „Change“

Sämtliche dienenden Formen der Arbeit mit Menschen teilen zwei Grundannahmen:

1.) Menschen können sich ändern, wenn Sie wollen. – Wenn Sie sich nicht ändern, dann nicht, weil sie nicht können, sondern weil sie nicht wollen. – Diese Annahme wird gehalten entgegen einigen vermeintlichen „Evidenzen“ und vielen frustrierenden Selbsterfahrungen mit eigenen, gescheiterten Selbständerungsversuchen.

2.) Menschen sind für Menschen der relevanteste Teil ihrer Umwelt. – Veränderte oder überraschende Angebote dieser unserer menschlichen Umwelt haben daher die denkbar größte Wahrscheinlichkeit, von uns zur Selbstveränderung genutzt werden zu können. – Die „Verantwortung“ für erfolgte / nicht-erfolgte Selbstveränderungen bleiben aber trotzdem bei jedem Einzelnen. – Wenn man überhaupt über „Umweltverantwortung“ sprechen kann, dann vielleicht allerhöchstens in „professionellen Verhältnissen“, wenn „Profi-dem-Menschen-Diener“ offensichtliche Möglichkeiten fahrlässig ignorieren und bewusst vorenthalten, mit denen sie ihr Gegenüber zielsicher überraschen könnten. Denn hätten sie den Mut zu solchen Überraschungen, würden sie unmittelbar zu einer „relevant anderen Umwelt“, die dem so Bedienten zumindest eine Möglichkeit zur Selbstveränderung schenkte.

Gerade diejenigen therapeutischen Systeme, die ich persönlich für besonders wirksam halte, sprechen recht offen und deutlich über diese beiden Grundannahmen. U.a. der hypno-systemische Ansatz von Gunter Schmidt. Auch die Lösungsorientierte Beratung nach Steve de Shazer. Ähnliche Gedanken finden sich im anhaltend faszinierenden „Change or die“ von Alan Deutschman, ein Buch, das aus meiner Sicht einige Schätze birgt, die bislang noch nicht gehoben wurden. Last but not least überdeutlich artikuliert von Frank Farelly in „Provokative Therapie„, S. 48ff., zusätzlich sehr gut dokumentiert durch zahlreiche Therapie-Sequenz-Transkripte im ganzen Buch, die erstaunliche „Spontan-Veränderungen“ zeigen, nach kaum weniger „erstaunlichen“ Sponanitätsäußerungen des jeweiligen Dieners.

Man mag die genannten therapeutischen Systeme schätzen oder nicht. Und mit ihnen die beiden Annahmen teilen oder nicht. – Spannend erscheinen mir die Konsequenzen, die man ziehen KÖNNTE, wenn man diese beiden Annahmen setzt und daraus systematische Konsequenzen von „Change in unseren Unternehmen“ zieht.

Die erste der beiden Annahmen ist die vermeintlich härtere: Dass Menschen sich jederzeit ändern können, wenn sie wollen. Dass sie sich also nicht deswegen nicht ändern, weil sie etwa nicht können, sondern einfach, weil ihnen das im Moment als wenig sinnvoll erscheint.

Dass dies die härtere der beiden Annahmen ist, gilt aber nur auf den ersten Blick und nur „erkenntnistheoretisch“: Es widerspricht nämlich deutlich unseren Erfahrungen: Mit anderen und mit uns selbst. In Unternehmen und außerhalb von Unternehmen.

Auch scheint die Zuschreibung auf das „Wollen“ anstatt auf das „Können“ direkt ins „Drama“ zu führen: Gerade in Situationen, in denen wir uns ganz massiv „auf bestimmte Veränderungen bei anderen angewiesen fühlen“, scheint bei der Zuschreibung auf „der macht das nicht, weil er nicht will“ direkt in die Reaktion zu münden:

Dich werd ich schon wollen machen!“ (Drohungen, Ressourcen-Entzug, Zufügung von Schmerzen, Abwertung, Demütigung, Ausgrenzung, Absonderung, Kündigung etc.)

Dass diese Reaktion aber kein Automatismus ist, wenn die Situation „Ich brauche Dich anders als Du Dich gerade gibst und Du willst dennoch nicht anders“ auftritt, ist daher keineswegs überflüssig zu erwähnen. – Mich persönlich kostet es jedes einzelne Mal viel Kraft, Zeit und Besonnenheit, um mich selber für mich aus solchen Dramen herauszuschälen, die ich immer wieder gern für mich und mit anderen anzettele…

Die schmerzhaftere Annahme ist daher im Grunde nicht die erste, die unseren Erfahrungen so radikal zu widersprechen scheint. – Sondern die zweite, die besagt: Wir versäumen es oft, unseren Mitmenschen geeignete Angebote zu machen, die ihnen Selbstveränderungen ermöglichen würden. – Denn das bedeutet: Wir engagieren uns oft nicht. Wir geben uns oft nicht rein in die Beziehungen, die wir haben. Wir sind oft feige anstatt mutig in unseren Beziehungen. – Auch hier: Innerhalb und außerhalb von Unternehmen.

Die Nicht-Veränderung und der Anschein des „Sich-nicht-ändern-Könnens“ anderer Menschen sind Effekte, die wir als direkte Folge unseren fehlenden Mutes, unseres fehlenden Vertrauens und unserer fehlenden Hoffnung ernten. Und sie sind ganz offenbar ein Preis, den wir oft gerne zahlen, um für uns „stabil zu bleiben“.

Wir verraten damit etwas, was man „die menschliche Substanz“ nennen könnte.

Denn eigentlich haben „wir Menschen“ gerade „keine Substanz“. – Wie schon die Existenzphilosophie bemerkte, wie der ganze verfluchte deutsche Idealismus seit Kant, wie später die Systemtheorie rauf und runter buchstabierte, ist „der Mensch das substanzlose Wesen“. – Oder nüchterner, biologischer ausgedrückt: Der große Erfolg des Menschen auf dieser Erde beruht auf seiner allen anderen bisherigen Arten überlegenen absurd geringen Spezialisierung. Und diese fehlende Spezialisierung geht einher mit einer bisher nie dagewesenen „Formbarkeit“, die wir je nach aktueller eigener Position und Interessenlage manchmal „Kultur“ nennen, manchmal „Persönlichkeit“ oder „Charakter“, „Angewohnheit“ oder „schwere pathologische Störung“… 😉

„Verrat an der menschlichen Substanz“ ist also eigentlich ein sinnloser Ausdruck. – Bis vielleicht in dem einen Sinne: Verrat an dem MÖGLICHEN in uns und in anderen Menschen.

Zumindest in meiner Coaching-Ausbildung war es Thema, dass allein schon wie wir über andere Menschen DENKEN, mit denen wir in irgendeiner Beziehung stehen, die Möglichkeiten des anderen begrenzt oder erweitert, sich in einer bestimmten Hinsicht zu verhalten.

Mit Blick auf intensive Langzeit-Beziehungen ist das vielleicht noch am nachvollziehbarsten zu machen: Wenn ich von meiner Partnerin denke, dass sie ein unglaublicher Geizkragen und Erbsenzähler ist, sinken die Chancen meiner Partnerin rapide, Verhaltensweisen zu zeigen, die diesem meinem Schubladen-Denken widersprechen. – Dazu ist keine Zauberei nötig und keine großartigen metaphysischen Annahmen. – Es reicht die simple Annahme Nummero 2 von oben: Menschen sind für Menschen die relevanteste Umwelt und wir stimmen IMMER unser Verhalten aufeinander ab.

Das heißt aber nicht nur: „Watch and clean your thoughts!“

Sondern es heißt auch, dass wir täglich, stündlich, minütlich, sekündlich Chancen vergeben, selbst anders zu werden und anderen Chancen zu verschaffen, sich anders geben und neu erfinden zu können.

Und DAS schreib ich gern all jenen Menschen in ihr persönliches großes oder kleines Gebetsbuch, die in Unternehmen ganz mörderisch angestrengt „mit Change ringen“…

Im Coaching-Feld, in dem ich mich bewege, ergibt es sich, dass ich täglich erleben darf, wie es sich auf andere Menschen auswirkt, wenn ich mich mehr oder weniger engagiere, wenn ich mich mehr oder weniger mutig verhalte als „Beziehungspartner in der Beratungsbeziehung“.

Ich bin dadurch in einer privilegierten Position. Denn mein derzeitiger „Beruf“ bringt es mit sich, dass ich kaum übersehen kann, dass auch in Beziehungen, die im Vergleich zu Arbeitsbeziehungen oder Lebenspartnerschaften absurd kurz sind oder auf absurd seltenen Treffen beruhen, Möglichkeiten schlummern, die man eben nutzen kann oder auch nicht.

Nun könnte man zweierlei kritisch einwenden:

a) Als Coach MUSS ich so denken. Würde ich anders denken, würde ich meine Tätigkeit ad absurdum führen oder wäre sogar ein dreister Betrüger, der Menschen „für nichts“ Geld abknöpft.

b) GERADE in Kurzzeitbeziehungen, in denen man noch dazu engagiert wird, UM Veränderungen zu bewirken und in denen SONST KEINE Stakes hat, kann man Dinge ohne Risiko tun, die mir in meinen anderen Beziehungen (in denen ich kein Coach bin) deutlich schwerer fallen dürften.

Ad a) möchte ich sagen: Kann sein. Ist mir aber egal, solange die Wirkungen unübersehbar sind und die große Mehrzahl meiner Kunden zufrieden, was sie dadurch dokumentieren, dass sie wieder kommen oder mich weiter empfehlen. – Und das auch noch, obwohl wo ich doch so verdammt viel investiere, um mich überflüssig zu machen! 😉

Ad b) möchte ich sagen: Auch im Coaching kostet es mich persönlich dennoch oft Mut, „das Richtige zu tun“. Und auch in anderen Beziehungen sind die beiden Annahmen von mir immer mal wieder „erprobt“ und führen mich dann eindeutig zu erfüllteren Beziehungen.

Das einzige was man in „richtigen Beziehungen“ weniger hat, ist jenes „Moment der Trägheit“, das jede langfristige Beziehung immer bedroht: Dass sich Dinge einpendeln, dass man sich von Gewohnheiten fangen lässt, dass man einfach nichts Neues mehr ausprobiert.

Vielleicht ist es daher sogar weniger Feigheit, weniger fehlender Mut, der unseren täglichen Verrat an der menschlichen Substanz ausmacht, sondern vielmehr: Unsere Bequemlichkeit.

Und für die gilt, was der Autor Martin Sage auf eine unübertreffbar gute Formel gebracht hat:

Bequemlichkeit ist der sicherste Weg in die Hölle, den wir uns bauen können.

Ich finde, wir haben alle Besseres verdient als die Hölle. Nur: Wenn wir uns dieses „Bessere“ partout nicht holen wollen, obwohl es SO leicht ist, dann können wir wirklich nicht darüber jammern, wie übel „alle anderen um uns herum agieren“.

Perhaps you remember the reason mentioned in the beginning: Wir behalten die volle und unübertragbare Verantwortung für unser eigenes Denken, Fühlen, Verhalten – EGAL wie UNSERE menschliche Umwelt gerade aussieht…

Der Mensch ist frei, sich seine Höllen zu bauen. – Und keine Macht der Welt und vor allem kein anderer Mensch kann ihn davon abhalten, wenn er dazu entschlossen ist…

Aber zugleich kann kein Mensch, der sich seine Höllen baut, sich darauf herausreden, dass er das ja nur deswegen tue, weil all die anderen so höllisch unterwegs wären…

Die liebe gute alte Annahme Nummero #2 aller effektiven therapeutischen Systeme hat es also wirklich in sich:

Diese Annahme ist scheinbar paradox: Sie liefert uns zeitgleich eine Ausrede („andere Menschen sind wichtig, ich kann nicht anders, weil die anderen…“) UND macht uns selbst durch unser SO-SEIN („weil wir Menschen sind“) selbst zur wirksamsten Intervention überhaupt in dieser schönen menschen-gemachten Welt. – Und damit irgendwie auch „schuldig“, wenn wir die uns dadurch unausweichlich gegebenen, man möchte fast sagen: „angeborenen“ Möglichkeiten nicht nutzen.

Aber diese Paradoxie gilt nur solange, wie wir es schaffen zu ignorieren, was die Erkenntnistheorie seit 300 Jahren rauf und runter betet: Dass Menschen autopoietische, zu deutsch: sich-selbst-erschaffende Systeme sind.

Denn mit diesem kleinen theoretischen Side-Kick bricht jene Paradoxie rückstandslos in sich zusammen: Die Entschuldigungsseite bricht schlicht und einfach weg.

Was übrig bleibt ist: Probier in möglichst vielen Situationen Deines Alltags mal aus, ob Du, genau so wie Du bist, deutlich mehr Einfluss auf andere hast, als Du bisher angenommen und mitbekommen hast…

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