Zwei Erweiterungen unseres Lebens, unserer Unternehmen, unserer Gespräche

In unserer durch und durch sozialen Welt – die für uns als Menschen wichtigste Umwelt ist immer die soziale, „alles andere ist primär…“

– In unserer durch und durch sozialen Welt also kann man derzeit zwei schmerzhaft klaffende Mängel wahrnehmen. Zwei Mängel, die auf den ersten Blick lustigerweise komplett entgegengesetzt zu sein scheinen…

…so entgegengesetzt, dass man fragen könnte, wie das überhaupt gleichzeitig sein kann, dass an beidem Mangel besteht?

1.) Fehlender Raum, zu sich zu kommen

Das geht schon im Gespräch los: Wenn einer eine Frage stellt und offensichtlich gar keine Antwort haben will. Oder selbst zu verunsichert ist, um die Ruhe zu haben, wirklich zuzuhören. Wirkt sich aus in Geschlossenen statt Offenen Fragen. Oder darin, dass nach der ersten Frage gleich die nächste Frage gestellt wird, ohne dass man geantwortet hat (meine persönliche Liebslingsangewohnheit). Das ganze Arsenal solcher Raumkiller bekommt man schön aufgelistet in diesem hübschen Buch, auf S. 60f. Dort unter der Bezeichnung „Kommunikationsblockaden“.

Aber es ist auch der fehlende Raum für Reflexion, Muße, Kontemplation oder einfach Ruhe in unseren Unternehmen: Dass es Räume – Orte und Zeiträume gibt – „in denen die aufgerührten Teeblätter mal absinken können“. Wo man sich nicht bombadiert fühlt mit E-Mails, Calls, Memos, Anrufen, Aufrufen, To-Dos, Könntensieebenmalschnellnochs, etc.

Und es ist auch der fehlende Raum, den wir uns selber nicht geben, nicht schaffen, nicht lassen: Durch fehlende Abgrenzung, durch fehlende Zeit, die wir uns durchaus nehmen könnten, durch „Ja“s an der falschen Stelle, durch Druck, den wir uns überflüssigerweise machen, durch Verfallenheit an einen oder mehrere unserer „Inneren Antreiber“.

All dem können wir im sozialen Miteinander entgegenwirken, indem wir uns gegenseitig Raum geben: Manche tun so etwas, indem sie sich ein bezahltes Coaching nehmen, wo ihnen mal jemand „wirklich zuhört“, manche tun es mit guten Freunden oder geliebten Familienmitgliedern, manche können das sehr gut mich selbst (Philosophie: „Das Gespräch der Seele mit sich selbst“ => Wann habe ich mir selber eigentlich das letzte Mal so richtig gut zugehört…??), und in manchen Unternehmen ist es völlig üblich, dass man das im Arbeitsalltag miteinander macht (…was Coaches wie mich komplett arbeitslos macht… 😉 )

2.) Fehlendes emotionales Feedback

Hier wird’s nun richtig lustig. – Denn das scheint genau das Gegenteil des obigen Problems und der obigen Lösungen zu sein…

…denn nehmen wir anderen nicht gerade den Raum, „die innerliche Luft“ zum Atmen, Denken, Fühlen, Zu-sich-selbst-kommen, wenn wir sie mit unseren ungefilterten Gefühlen und Reaktionen konfrontieren und belasten?

Die Antwort lautet entgegen dem Naheliegenden: Nein, emotionales Feedback hat NICHT diese Wirkungen auf uns.

Gewalthafte Kommunikation, bestimmte Formen von Gedanken und Verhaltensweisen, bestimmte Worte auf bestimmte Weise vorgebracht haben diese Wirkung auf uns.

Aber nicht: Emotionales Feedback. – Daran gibt’s in unserer wunderbaren sozialen Welt einen genauso großen Mangel (wenn nicht einen noch größeren) als an Räumen, zu sich zu kommen.

Woran das liegt? – Keine Ahnung. Vielleicht haben wir einfach Angst vor den Reaktionen der anderen auf unsere „emotionalen Selbstoffenbarungen“. Vielleicht vor unserer eigenen Verletzlichkeit. Vielleicht davor enttäuscht zu werden. Vielleicht davor, gedemütigt zu werden. Vielleicht haben wir auch nur die Sache mit der „Professionalität“ unhinterfragt gekauft. Vielleicht haben wir uns einfach nur angepasst an das, was uns andere vorgelebt haben: „So verhält man sich eben“. Vielleicht wollen wir auch andere nicht verletzen, ihnen nicht weh tun….

Was auch immer unsere Gründe sein mögen: Es ist in unserer Welt „normal“ (I was recently told to better call it „üblich“ – Thx to you Christoph Karsten!), dass wir unseren Mitmenschen, Kollegen, Vorgesetzten, Kunden, Investoren und – ja, auch – unseren Familienangehörigen unsere unmittelbaren Gefühle und unmittelbaren Reaktionen und Gedanken auf Ihr Verhalten vorenthalten.

Wir leben in einer Welt, die wirklich bitterarm ist an aufrichtigem, ungefiltertem, gschmackigem FEEDBACK.

Und DAHER laufen wir auch rum durch die Gegend, durch unsere Unternehmen und unsere Familien wie asoziale Dummies…

Wir sind schlichtweg: UNINFORMIERT. – Uninformiert darüber, was das, was wir sagen und tun in denen, die uns eigentlich wichtig sind, wirklich auslöst…

Wir haben – trotz all unserer Schlauheit – in Wirklichkeit keine Ahnung über unsere Wirklichkeit, sprich: Unsere Wirkungen auf andere. Genauer: Wir haben in der Regel keine Ahnung über die Wirkungen der von uns mit bedacht gewählten sozialen Strategien und Verhaltensweisen.

Können wir auch gar nicht: Denn diese saublöden anderen enthalten uns die Information über diese Wirkungen einfach vor! Schweinebande, alle miteinander!

Wir agieren also allesamt „blind“. Wir tun etwas, wollen damit durchaus etwas bewirken, bekommen aber so gut wie nie gesagt und so gut wie nie mit, ob wir die beabsichtigte Wirkung auch „wirklich“ erreichen. Es fehlen eben hochrelevante Feedbackschleifen innerhalb der komplexen Systeme, „die wir nunmal sind“. Wir bekommen keine Chance, unser Verhalten, „sachgemäß“ anzupassen. Und unter anderem oder besser: hauptsächlich deswegen sind die meisten unserer Unternehmen und Familien so hochgradig asoziale Veranstaltungen. – Und das trotz bestem Bemühen nahezu aller Beteiligter!

Denn wir können nicht „durch Denken“ reales, emotionales Feedback durch andere kompensieren. – Trotz intensiver, aufwändiger und redlicher Versuche der meisten von uns müssen solche Versuche allesamt als Rohrkrepierer bilanziert werden. – Noch nie hat sich ein Mensch auf Erden ohne emotionales Feedback „denken können“, was er in anderen auslöst, was sein Verhalten mit anderen macht…

…und wenn wir uns ungezügelt auf’s erreichte Niveau moderner Beziehungsforschung begeben, müssen wir sagen: Wir können in der Interaktion komplexer Systeme (hier: „Menschen“) nicht wissen, was unser Verhalten mit anderen macht, solange wir nicht wissen, was andere für sich aus unserem Verhalten machen…

„Ich drück den Knopf hier und zuverlässig kommt dann genau diese Reaktion dort“ funktioniert nur bei trivialen Maschinen, stupid!!!

Bei Menschen ist die Reaktion auf „ich drück mal den Knopf hier“ eher eine Reaktion frei nach Forrest Gump: „They’re like a box of chocolates – you never know what you’re gonna get“ (…until they show you!!!)

Und lustigerweise enthalten wir anderen nicht nur „unsere schlechte Gefühle“ (gibt’s die wirklich?) vor. – Wir enthalten anderen Menschen, Menschen, die uns wirklich etwas bedeuten, auch mutwillig die „guten Gefühle“ vor, die sie in uns auslösen…

Wir „verschonen“ sie mit uns. Wir muten uns nicht zu. Wir lassen sie allein. Wir verbinden uns nicht wirklich mit ihnen. Wir lassen sie auf eine höchst beschissene Art „in Ruhe“.

Diese Ruhe, die emotionale Grabesruhe, ist NICHT die Ruhe, die anderen Menschen oder uns selber hilft, „zu sich selbst zu kommen“.

Es ist die Black Box, das weiße Rauschen, die emotionale Wüste, die wir täglich, stündlich, minütlich mitkreieren, indem wir unsere Gefühle für uns behalten.

Und das hat auch auf uns ganz unmittelbare Rückwirkungen: Denn wer sich angewöhnt, seine Gefühle anderen NICHT zu zeigen, wird seine Gefühle irgendwann selbst gewohnheitsmäßig nicht mehr wahnehmen…

Aber vielleicht ist ja gerade DAS unsere Absicht? – Denn wer eigene Gefühle nicht mehr wahrnimmt, der ist „cool“, der ist „nicht zu erschüttern“, der ist „schmerzbefreit“. Er trägt ein unsichtbares, undurchdringliches Kettenhemd, vergleichbar mit dem antrainierten „Eisenhemd“ im Kung Fu: „Du kannst mich schlagen, aber ich werde nichts spüren und kaum verletzt werden.“

Das mag so sein oder auch nicht: Es scheint auf jeden Fall viele Vorteile zu haben in unserer sozialen Welt, Gefühle nicht wahrzunehmen und emotionale Reaktionen nicht zu zeigen. – Sonst würden wir diese emotionale Enthaltsamkeit wohl kaum so exzessiv betreiben wie wir es aktuell tun…

Vielleicht probieren wir es ja mal aus? – Wir hauen den geliebten Menschen um uns heraum 1:1, ungefiltert die Gefühle um die Ohren, die sie mit dem, was sie machen oder nicht machen, in uns auslösen…

…und wenn uns nicht gefällt, wie sie DARAUF reagieren…

…hören wir NICHT damit auf, sondern LEGEN NOCH EINEN DRAUF: Dann zeigen wir ihnen wiederum ungefiltert, wie es uns mit dem geht, wie sie mit unserem Um-die-Ohren-Hauen umgehen…

…Irgendwie habe ich grad eine Szene aus Asterix im Kopf („Die große Überfahrt“ ist es glaube ich, bin mir da aber grad nicht sicher…):

Die beiden gallig-gallischen Freunde schreien sich mal wieder über irgendwas gegenseitig an, steigern sich dabei ganz natürlich immer weiter in ihren Streit rein, ein Wort gibt das andere, es wird von beiden Seiten immer lauter…

…bis irgendwann Obelix leise, nüchtern und sachlich sagt: „Gut. Mehr wollte ich gar nicht wissen…  …Mir sagt ja sonst keiner was…“

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