Augenhöhe – Ein weiterer Vorführ-Effekt

Die Diskussion im Anschluss an den hier verlinkten Blog-Beitrag von Bernd Slaghuis hat mir nochmal zu einiger neuer Klarheit und einigen neuen Gedanken verholfen. – Danke dafür allen Beteiligten! 🙂

WENN man Unternehmen vorführt, die einige interessante Dinge zu tun und auszuprobieren scheinen und das allem Anschein nach mit Erfolg (zumindest bestehen die Unternehmen derzeit noch, was für ein Unternehmen IMMER ein gewisser Erfolg ist…), DANN wird man immer den „Bench-Marking-Effekt“ auslösen.

Auch wenn man als Macher des Films AUSDRÜCKLICH darauf hinweist, dass das Gezeigte Anregungen, Inspirationen sind und eben kein „Schaut mal Dummies, – SO wird das gemacht!“, fühlt es sich für nahezu jeden, der in einem Unternehmen arbeitet, das nach den altbekannten Paradigmen arbeitet, nichtsdestoweniger genau so an.

Da helfen Absichtserklärungen und Wünsche eben wenig. – Es geht hier um Menschliches, das sicher seine guten Gründe hat, warum es genau so ist, warum man das genau so empfindet…

Was meines Erachtens hilft ist: WENN man Unternehmen vorstellt, die in irgendeiner Hinsicht „Wow!“ sind (und für mich persönlich sind das ALLE 6 im Film Augenhöhe gezeigten Unternehmen / Abteilungen), dann tut man gut daran, wenn man auch die Schwierigkeiten zeigt, die die Menschen auf dem Weg hatten, die gemeinsam dahin gekommen sind, wo wir sie heute sehen.

Also: Zu hören, was für Ängste im Spiel waren. Was nicht lief. Was auch heute noch zur Disposition steht. Wer abgesprungen ist, wie das ablief und warum. Etc. – Die „Buch-Doku“ über den Wandel bei dm drogeriemarkt macht das im Interview-Part des Buches z.B. sehr toll für meinen Geschmack. – Ich hab da echt mit den Ohren geschlackert als ich gelesen habe, wie sehr die Leute einen ex post in den Bauch des Unternehmens und den Bauch des Wandels schauen lassen. Also auch und vor allem: Einem Einsichten in ihr UNBEHAGEN dabei geben.

Warum ist das so wichtig aus meiner Sicht?

Ich kann nur von meinen eigenen Gefühlen und Erfahrungen berichten: Mir hat es z.B. sehr geholfen, von meiner Frau zu hören, wie es Lohmann von Allsafe Jungfalk ging, als er dem Kontrollgremium des Unternehmens ankündigte, er werde keine Forecasts mehr machen. – Sie traf ihn letzte Woche bei einer Veranstaltung, ausgerichtet vom OrgWerk in München. Zu hören, dass da durchaus nicht alle gleich volle Kanne begeistert dabei waren, war hilfreich für mich, weil ich mir sonst denken würde: „Was hat der, was ich nicht habe? Was mache ich falsch? usw.“ – Kurz: Es würde mich mehr frustrieren als ermutigen und inspirieren, eigene Experimente mit „meinen“ Organisationen zu machen…

Ich habe aber auch ein „Stückchen Theorie“ dabei im Hinterkopf. Besser gesagt: Ein paar weitere „Stories“ aus einem ganz bzestimmten Buch, das mir die Arten und Weisen „wie change wirklich passiert“ ein wenig nachvollziehbarer gemacht hat.

Konkret handelt es sich um Alan Deutschman’s schönes Büchlein „Change or die“, das bisher leider nur auf Englisch vorliegt. – Eine seiner Geschichten hat mich dort besonders überzeugt, vielleicht weil es die persönlichste ist:

In seinen 30ern hatte Deutschman selber ein veritables Gewichtsproblem, das er nach eigenem Bericht lange verdrängte. Ein Chefredakteur, der meinte: „Alan, Du musst da mal was machen“ engagierte ihm einen der besten Personal-Trainer der Staaten, einen ehemaligen „Mister Universe“. Der nahm ihn nach allen Regeln der Trainerkunst in die Mangel. Allein: Es half: Nüschts. – Der gute Mr. Universe war als role modell für Deutschman komplett ungeeignet. Er wird sich wohl bewusst oder unbewusst bei all dem Geschufte und Geschwitze gedacht haben: „Da wo der ist, komm ich doch eh niemals hin!“

Effekt also: Null.

Deutschman schaffte es dennoch, dauerhaft Gewicht abzunehmen. – Aber wie das?

Irgendwann stolperte er mehr zufällig in ein Fitnessstudio um die Ecke, wohl ein Nullachtfuchzehn-Schuppen, nichts Besonderes. – Für IHN besonders war aber die Trainerin, die er DORT traf: Es handelte sich um eine Frau aus dem gleichen Milieu wie er selbst, sie war in Europa Opernsängerin gewesen und war nun – wohl mit einem großen Schuss „american spirit“ – Fitness-Trainerin. Diese gute Frau nahm Deutschman ebenfalls nach allen Regeln der Kunst in die Mangel – Und: Es hatte Wirkung.

Warum? – Zwischendrin unterhielten sie sich über dies und das, teilten Werte, Einschätzungen und wohl auch einiges an Dingen, die mit Fitness-Training rein gar nichts zu tun hatten. – Vor allem war aber sein Gefühl: „Ich bin einer wie sie – Da, wo sie hingekommen ist, kann ich auch hinkommen!“

Kurz: Diese gute Dame war als role modell FÜR DEUTSCHMAN ermutigender und inspirierender als Mr. Universe. Einfach aufgrund des kontingenten Umtands, dass sie Milieu, Werte und – jetzt kommt’s – auch SCHWIERIGKEITEN miteinander teilten.

Daher meine Empfehlung: Wenn Ihr Vorbilder benutzt, teilt auch Schwierigkeiten!

Ihr dürft gerne volle Kanne raushängen lassen, wie toll etwas ist, so lange Ihr auch „anderen Stoff“ mitvermengt, der uns Möglichkeiten gibt, auch „auf anderer Ebene“ anzudocken.

Alles, was uns hilft, uns zu sagen: „Hey, das ist einer von uns – der ist mir gar nicht so unähnlich – Da komm ich auch hin – Das wär doch gelacht!“ ist hilfreich.

Wenn es dann auch noch im Modus des „Mach Dein eigenes Ding“ oder der „Experimentierlust mit offenem Ausgang“ passiert, dann können wir unsere eigene Superhelden-Story daraus bauen.

Dann haben wir LUST zur Veränderung. Dann lockt die VERSUCHUNG, unser eigenes Ding daraus zu machen und unsere eigene Geschichte zu schreiben, von deren Schwierigkeiten wir dann wieder anderen berichten können.

ÄNGSTE, die wir dabei zwangsläufig empfinden, werden dabei hilfreich sein, dass wir anderen Menschen auch dann noch „menschlich“ und damit inspirierend erscheinen, sollten wir tatsächlich Erfolg haben… 😉

Wer Angst hat und dennoch Erfolg, und wer dann neben dem Erfolg auch von den Ängsten berichtet, der taugt zum Vorbild.

Zum Nachmachen taugt so jemand natürlich immer noch nicht. Denn gute Vorbilder sind ja auch keine Menschen, die sagen, „mach das so wie ich“, sondern die sagen „mach Dein eigenes Ding – was ich konnte, kannst Du auch. Mindestens.“

Das hier soll nun kein weiteres Herumgemosere am Film „Augenhöhe“ sein. – Ich für mein Teil bin mit „dem Ergebnis“, „dem Produkt“ voll und ganz zufrieden.

Als „Unbeteiligter“ kann man so einen Film leicht mit Erwartungen zu überfrachten.

Was mir im Gegensatz zu anderen „Investoren“ des Films dabei geholfen zu haben scheint (der Film wurde über Crowdfunding finanziert, es kamen über 50.000€ zusammen, und die waren auch nötig, um dieses tolle Ergebnis hinzukriegen), ist der Umstand, dass ich mit 4 der 5 Macher bereits „in Beziehung“ war, als ich meinen bescheidenen Obulus beitrug.

Nach meinem Verständnis haben weder Investoren noch Unternehmen eine Hol- oder Bringschuld, wenn es um die Klärung ihres Verhältnisses geht. – Wer sich auf Transaktionen einlässt, kann nicht hinterher kommen und sagen: „Ich hab aber was ganz anderes erwartet“, wenn er es nicht VORHER kommuniziert hat.

Wer so agiert, handelt in meinen Augen wie jene „schlechten Chefs“, die sagen: „Macht mal“. Nur um einem dann später haarklein auseinanderzusetzen, was sie an dem, wie man es gemacht hat, auszusetzen haben. – Solche Chefs und solche Investoren gehen nur scheinbar „ins Vertrauen“. In Wahrheit behalten sie sich vor, hinterher die Eltern-Ich-Position zu besetzen und eben: zu kritteln. – Damit minimieren sie ihr eigenes Risiko und maximieren das Risiko der ausführenden „Mitarbeiter“, die die eigentliche Arbeit machen. – Oft mit echter, menschlicher Angst und im Schweiße ihres Angesichts.

Solches Sich-Nachträgliche-Kritik-Vorbehalten hat Potential: Potential, Beziehungen zu belasten. Manchmal sogar Beziehungen unmöglich zu machen. Denn: „Augenhöhe“ ist DAS auf keinen Fall!

Wo allerdings keine Beziehung besteht, da kann sie auch nicht beschädigt werden. – Auch wenn ich hier nahe zu legen scheine, dass ein paar Investoren einfach mal überlegen sollten, ob sie VOR ihrem Investment in eine innere Erwartungsklärung gegangen sind und ob sie diese Erwartungen den Machern auch kommuniziert haben…

…so könnte ich genauso gut fragen: Warum haben die Macher das Films diese „Auftragsklärung“ nicht eingefordert? – Und könnte folglich genau so schlecht „die Schuld“ und die Adresse der Vorwurfs-Zustellung bei ihnen suchen…

…das alles ist mir im Grunde aber Jacke wie Hose. Den ganzen Schuld-Quark packe ich hier daher nun ganz schnell wieder weg und will rein gar nichts in diese Richtung gesagt haben… 😉

Denn viel lieber möchte ich an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung rufen, dass es für BEIDE Seiten große Vorteile hat, wenn man mit denen, denen man sein Geld gibt / von denen man Geld nimmt, EINE ECHTE BEZIEHUNG EINGEHT.

Die „Schuld“ am Nichtbestehen dieser Beziehung zwischen Investoren und Unternehmern nur auf einer Seite zu suchen, führt wie gesagt aus meiner Sicht irgendwohin, aber sicher nicht in eine Vertiefung der Beziehung.

Es scheint mir so, als ob es einfach besser läuft, wenn man sich wirklich aufeinander einlässt, auch und gerade wenn Geld durch die Beziehung fließt oder wenn Geldfluss die Beziehung überhaupt erst begründet.

Das Enttäuschungsrisiko steigt durch dieses „Sich-aufeinander-einlassen“ nur scheinbar. In Wirklichkeit bedeutet das einfach nur: Investoren und Unternehmen bekommen mehr voneinander mit, wenn sie „in Beziehung gehen“: Sie können sich deutlich besser austauschen. Auch und vor allem über ihre jeweiligen Erwartungen aneinander, an das gemeinsame Projekt, ans Ergebnis der Zusammenarbeit und an den Umgang miteinander…

…Und damit gibt es „am Ende“ auch weniger Enttäuschungen.

Das war zumindest meine persönliche „Investoren-Erfahrung“ mit „Augenhöhe“, dem Film. Aber ich hatte wie gesagt Glück: Ich kannte die Macher schon vorher, daher hatte ich kaum eine Chance und keine Versuchung, nach Fertigstellung des Films ein Das-sieht-jetzt-aber-anders-aus-als-ich-es-erwartet-hatte-Problem zu haben.

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