Der verkappte Prediger in der Kirche des Kapitalismus

Aus eigener leidvoller Erfahrung als Zuhörer weiß ich: Es ist verdammt unsexy, wenn jemand über sein „Selbstverständnis“ spricht, noch dazu, wenn es sich um das Selbstverständnis eines Moralapostels handelt.

Aber da dieser Blog nunmal eine Art öffentliche Selbsverständigung ist – und wer dabei unbedingt zusehen muss, ist selbst schuld; beziehungsweise: „In IHRER Kindheit ist dann aber AUCH mächtig was schief gegangen…“ – müssen wir da nun wohl oder übel gemeinsam durch…

Zu meinen zahlreichen Selbstverständnissen als bekennende nicht-pathologisch-aber-nichtsdestoweniger-multiple Persönlichkeit gehört auch die des „verkappten Predigers in der unheiligen Kirche des Kapitalismus“.

Als solcher stehe ich natürlich in der Gefahr aller Prediger, besonders aber der Prediger DIESER ganz besonderen Kirche: Der Bigotterie nämlich. Oder zu deutsch: Der Gefahr, „Wasser zu predigen und Wein zu saufen.“

So kann man mich z.B. getrost einmal zurückfragen, wie „bedürfnisbewusst“ ich denn selbst in meinem Alltag und meinen Business-Aktivitäten unterwegs bin…? – Ich verweise dann immer auf meine Frau und meine Kunden: Man solle sich dort Erkundigungen über mich einholen. – Glücklicherweise hat sich bislang noch niemand getraut, genauer nachzufragen…

Dennoch oder besser: wahrscheinlich DESWEGEN möchte ich hier einmal beschreiben, was einen guten protestantischen Prediger (ja, Sie haben richtig gelesen… …immerhin hält sich das Latein hier in Grenzen, oder? Und ich rede ZU Ihnen, nicht VON Ihnen…)

Also noch einmal: Hier soll nun beschrieben werden, was imho einen guten protestantischen Prediger im Allgemeinen und in der Kirche des Kapitalismus im Speziellen ausmacht…

1.) Er ist ein Schelm, ein Schalk, ein Narr: Jemand, der keinen Machtanspruch vertritt. Keinen Machtanspruch außer dem einen: Sich Gehör zu verschaffen mit allen ihm verfügbaren Mitteln, die das Publikum weniger vergraulen als fesseln…

Insbesondere verfügt ein „guter Prediger“ über viele fiese Tricks und Kniffe, um das Überleben seiner Worte in der kärglichen Umwelt, die er wahrnimmt, sicherzustellen (= Figur des „Predigers in der Wüste“).

2.) Er schließt sich selbst in „Öffentliche Gebet“ mit ein. Das heißt vor allem auch: In das öffentliche Ins-Gebet-Nehmen und die-Leviten-lesen. Seine moralischen Keulen sollten ihn selbst sichbar genau so treffen wie sein Publikum, die „geschätzte Gemeinde“ (im Idealfall: Härter!).

3.) Er weiß, in welchen Welten „seine Schäfchen“ leben und überleben müssen. – Und zwar aus eigenem Erleben.

Mir gefiel schon immer das „Unmönchische“ der Protestantischen Prediger: Dass sie selber Familie und ganz normale Arbeit haben. – Kommt dann noch das Folgende  dazu, wird ihre Predigt manchmal sogar annähernd reizvoll, sogar für die Zuhörer…:

4.) Der närrische Prediger, der predigende Narr hat unmittelbar Spaß an seinem eigenen närrischen Tanz, an seiner eigenen Show, an dem, wie er sein Publikum dahin manövriert, wo er es gerade haben will…

Das heißt: Er hat nicht erst Spaß „am Ergebnis“ (also an „…der guten Moral, die wir nun ganz gewiss und ausnahmslos bis ans Ende unserer Tage praktizieren werden…“). Sondern er hat bereits seine unübersehbare Freude am verbalen Verprügeln, am herzensfrohen Sadismus und daran, mit beiden Händen ellenbogentief im Schlamm zu wühlen…

Im Neudeutschbusinesssprech: Er ist die meiste seiner schönen Zeit „prozessorientiert“. Die reine „Ergebnisorientierung“ („…was zählt, ist was hinten raus kommt…“) langweilt ihn so nachhaltig, dass ihm der ganze Scheiß weitestgehend egal ist.

Ich denke, das ist für JEDEN Prediger, aber eben auch für einen verkappten Prediger in der Kirche des Kapitalismus nicht die nachteilhafteste aller möglichen Haltung…

Halleluja!

Und Amen.

…wer jetzt gerade ein nicht zu zügelndes Verlangen danach verspürt, darf an dieser Stelle aber selbstverfreilich trotzdem 3 Rosenkränze beten…

…das hat noch nie jemandem geschadet und es beruhigt ganz ungemein die Nerven, wie man an unseren deutlich gelasseneren katholischen Schwestern und Brüdern unschwer erkennen kann.

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