Das Kind im Unternehmen

Ich danke Christoph Karsten für seine heutigen Anregungen, die mir den entscheidenden Anstoß gegeben haben, den folgenden Artikel zu verfassen. – Der konkrete Inhalt geht dennoch natürlich voll auf meine Kappe, gibt also Christophs Meinung nicht zwangsläufig wieder, sondern spiegelt mehr meine eigenen Verwurstungen und Verwirrungen…

Danke Dir, Christoph!

Unternehmen haben viele Probleme. Ein zentrales unternehmerisches Problem ist vielleicht das Folgende: Wenn Unternehmen „älter werden“ neigen sie dazu, ihre eher „kindlichen Anfangsimpulse“ zu verlieren.

Und Unternehmen, die den Kontakt zu ihrer kindlichen Ursprünglichkeit verlieren, sind immer „innerlich tote“ Unternehmen, die ganz zwangsläufig wenig Spaß machen (weder den Mitunternehmern, noch den Kunden, noch den Investoren, noch den Lieferanten, noch anderen Stakeholdern des Unternehmens…).

Ein momentan für mich sehr lebendiges Gegenbeispiel, das zeigt, dass das keine zwangsläufige Entwicklung ist, ist das Unternehmen „Premium Cola“, wie es sich im Spiegel des Dokumentarfilms „Augenhöhe“ darstellt.

Dort kann man sehen, dass der ursprüngliche Impuls: Die Empörung einiger Kunden über den damals neuen Hersteller von „Afri-Cola“, dessen heimliche Rezept-Änderung und vor allem die Empörung über seinen Umgang mit den Liebhabern/Kunden des Produkts auch heute noch das ganze Unternehmen „Premium Cola“ beseelt und sich in allen Entscheidungen des Unternehmens widerspiegelt.

Grob gesagt sind bezogen auf das „Problem der Kindlichkeit“ zwei ungute Konstellationen denkbar:

1.) Der Kontakt zum „natürlichen Kind“ ist nicht mehr vorhanden. – Das Unternehmen kommt als „zu erwachsen“ rüber. Überall finden wir Prozesse, Regeln, Kontrolle, aber nirgendwo mehr Lebendigkeit, Kreativität und echte intrinsische Motivation.

– Wer in den Denkformen der Transaktionsanalyse halbwegs bewandert ist, kann leicht erkennen, dass es sich hier nicht wirklich um „Erwachsenheit“ handelt, sondern um Formen des kritischen oder fürsorglichen Eltern-Ich, die (qua Transaktion) ganz zwangsläufig das angepasste oder rebellische Kind-Ich auf den Plan rufen. Das Unternehmen wirkt also ziemlich „erwachsen“ (sprich: professionell), aber das ist nur die Oberfläche: Dahinter läuft ein ganz anderes Spiel – Ein Spiel der künstlich erhaltenen Kindischkeit.

Genauso wie wir dazu neigen „Eltern-Ich“ und „Erwachsenen-Ich“ miteinander zu verwechseln (bzw. ihren Unterschied gar nicht zu sehen), genauso neigen wir dazu Kindlichkeit mit kindischem Verhalten zu verwechseln.

Und gerade durch diese fehlende Differenzierung, durch diese Verwechslung bekommen wir um so zuverlässiger das schöne Drama aufgetischt, dass Eltern-Ichs und kindische Anpassung und Rebellion bis in alle Ewigkeit miteinander inszenieren: Aus Angst vor fehlender Professionalität (Angst vor der Kindischheit) werden wir noch „Elterlicher“ in unseren Untenrehmen. Aus Angst vor all zu großer Einengung, Sanktionen und Konsequenzen werden wir noch „kindischer“ in unseren Unternehmen.

Unter dem Deckmantel der „Professionalität“ vieler Unternehmen können also viele ungute und eindeutig nicht-erwachsene Verhaltensweisen und Muster abgedeckt und genährt werden. Auf diese Weise entstehen dann ganz erstaunliche Unternehmens-Biotope, die auf dieser künstlich getriggerten und zuverlässig provozierten Nicht-Erwachsenheit der Mitarbeiter systematisch aufbauen.

2.) Die andere ungute Konstellation: Der Kontakt zum Erwachsenen-Ich ist im Unternehmen nicht oder nicht mehr vorhanden. – Das kann das flippige Start-Up sein, das nur in seine Ideen verliebt ist, aber bestimmte Realitäten ausblendet.

Aber genauso häufig, wenn nicht öfter finden wir das bei gestandenen Mittelständlern und veritablen internationalen Konzernen, wo aus (versteckt) kindlichen Impulsen hochgradig unsinnige Entscheidungen getroffen werden – persönliche wie unternehmerische.

Hier wird die „gute Selbstsorge“ vernachlässigt, die nur im Erwachsenen-Ich geleistet werden kann.

Ich halte es für plausibel, dass auch hier, versteckt und an der Oberfläche nicht immer gleich sichtbar, entschiedene Reaktionen auf internalisierte Eltern-Ich-Muster unternehmerisch ausgelebt werden. Denn ein solcher Hintergrund macht nachvollziehbar, warum die große verfügbare Bandbreite an guter Selbstsorge und guter Sorge für das eigene Unternehmen „aktiv nicht genutzt wird“.

Eine „lebendige Partnerschaft“ zwischen Erwachsenen-Ich und natürlichem Kind ist für mich daher die unternehmerische Haltung schlechthin.

Leicht zu erkennen ist es für die allermeisten Menschen, wenn einem Unternehmen der Kontakt zum natürlichen Kind völlig abhanden gekommen ist: Wenn im Grunde niemand mehr Spaß und Freude hat an einem Unternehmen, wenn Begeisterung nur noch rituell vorgetäuscht wird.

Was in diesem Zusammenhang zusätzlich Hoffnung macht:

So wie sich die Drama-Figuren gegenseitig die Eier schaukeln – das kritische Eltern-Ich, das die Anpassung oder die Rebellion hervorruft (und umgekehrt), und das fürsorgliche Eltern-Ich, das das gleiche auf andere Weise tut – genauso fördern und bestärken sich auch natürliches Kind und Erwachsenen-Ich wechselseitig.

Zuvor möchte ich aber noch einmal eingehender auf das erwähnte Problem der Verwechselbarkeit eingehen von „guten Zuständen von Unternehmen, in denen Erwachsenen-Ich und Natürliches Kind Hand in Hand gehen“ einerseits und „Auf-Dauer-gestelltem Drama von Unternehmen, in denen Eltern-Ichs und Rebellisches/Angepasstes Kind ad infinitum das beliebte Täter-Opfer-Retter-Spiel spielen“ andererseits:

„Eltern-Ich-Verhalten in Unternehmen“ kann sich sehr leicht als Erwachsenen-Ich tarnen. Es kommt immer ähnlich vernünftig daher, ähnlich cool, ähnlich professionell, ähnlich ZDF (Zahlen, Daten, Fakten)-orientiert. Und weil es sich so leicht tarnen kann, ist es in der Realität weitaus häufiger anzutreffen, als der Fall „offen-kindischer“ (und daher unrealistischer) Unternehmen. Die ANGST davor, „kindisch“ und daher nicht ernstzunehmend zu sein, ist so verbreitet, dass es offen-kindische Unternehmen einfach seltener gibt. Nach meinen Erfahrungen geht diese Angst sogar so weit, dass eben „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird“ und jeglicher ursprüngliche unternehmerische Impuls (der nach meinem Verständnis IMMER kindlich ist) mit abgestellt wird.

So wird das Unternehmertum in der Professionalität ertränkt. – Bei manchen Unternehmen passiert das schon im Zuge der Gründung. Oft befeuert von „Gründungsberatern“, die Unternehmen eintrichtern, was sie alles zu tun hätten, „um sich professionell aufzustellen“ oder „um Investoren zu überzeugen“, etc

Den Crash-Test, ob ein Unternehmen wirklich noch innerlich unternehmerisch unterwegs ist oder nicht, kann man daher mit der Frage nach dem Spielerischen, der Freude, der Kindlichkeit im Unternehmen machen. – Denn all das lässt sich nur sehr schwer glaubwürdig vortäuschen. – Jedes Hurra-Unternehmertum, das „Begeisterung einfordert“ und zur Erzeugung von vorgeschriebener Begeisterung Rituale erfindet, ist für die meisten Menschen unmittelbar abstoßend und leicht durchaubar.

Diese Frage offen zu stellen oder sich seine diesbezüglichen Wahrnehmungen auch nur selbst einzugestehen, kostet aber oft Mut. Es ist also ein Test oder eine Wahrnehmung, mit denen man ein persönliches Risiko eingeht: Das Risiko, selbst unernsthaft rüberzukommen, selbst nicht mehr ernst genommen zu werden. – Aber so sieht echter Fortschritt eben aus: Er ist nur höchst selten ohne das Eingehen echter Risiken zu haben.

Nach meinem Dafürhalten lohnt sich dieses Risiko aber, denn:

Wo aber echte Begeisterung und Kindlichkeit ist, da wächst das Erwachsenen-Ich auch!

Wie gesagt, es gibt durchaus einige wenige Unternehmen, wo dieser Satz nicht gilt: Die erwähnten Start-Ups auf Kollisionskurs mit der Realität zum Beispiel. Aber diese Unternehmen sind nicht nur selten, sie sind auch leichter zu erkennen als ihre Erwachsenheit vortäuschende Pendants: Es genügt, sich ihre unmittelbaren Reaktion auf Fragen wie: „Habt Ihr schon mal an das Problem X gedacht“ anzuschauen…

…wenn darauf Antworten folgen, gibt es kein Problem.

…bei nervösem Lachen und sichtbar aktivierter Verdrängung weiß man dagegen sofort, was hier Sache ist.

Und: DIESE Tests lassen sich weitgehend risikolos durchführen, weil die meisten Menschen solche Fragen für „völlig üblich“ halten. – Im Gegensatz zu den Fragen nach dem Spaß-Faktor, nach echter Begeisterung und Unmittelbarkeit, auf die man Antworten wie „ein Unternehmen ist kein Ponyhof“ riskiert…

Ausnahmslos bei jedem Unternehmen, das mir bisher begegnet ist, das ich als „gutes Unternehmen“ bezeichnen würde: Als Unternehmen voller unternehmerischer Menschen, als Unternehmen, das sich seinen ursprünglichen unternehmerischen Impuls bewahrt hat und das sich aus diesem ursprünglichen Impuls heraus immer wieder erneuert, neu erfindet und auch neue Mitunternehmer „mit sich“ infiziert…

…ausnahmslos bei JEDEM guten Unternehmen konnte ich bisher solch ein „Kind im Unternehmen“ finden.

Und nun der Witz: Diese Unternehmen sind alle wirtschaftlich solide und auch im klassischen, rein zahlenorientierten Sinn erfolgreich.

Zumindest für MEINE Anforderungen ist das „Beweis genug“, dass an der These der glücklichen Kooperation zwischen natürlichem Kind und Erwachsenen-Ich in Unternehmen irgendwas dran sein muss…

…denn wäre es anders, müssten all diese Unternehmen bereits mit wehenden Fahnen der Begeisterung in den unternehmerischen Abgrund gestürzt sein…

Sollte sich Ihnen daher ein Unternehmen vorstellen, bei dem Ihnen jenes Kindliche völlig fehlt, wäre mein Rat:

1.) Investieren sie dort nicht. – Sie werden damit nicht glücklich werden.

2.) Werden Sie dort nicht zum Mitunternehmer. – Sie würden sich damit mit absoluter Sicherheit nachhaltig unglücklich machen.

3.) Kaufen Sie dort nichts. – Okay: Dieser Rat ist schwer umzusetzen, außer wir gehen „ab in die Wälder“. Zu viele „unkindliche Unternehmen“ gibt es und zu schwer ist es gerade für uns als Kunden festzustellen, WIE jenes Produkt hergestellt wurde (außer es handelt sich um sehr unmittelbar Dienstleistungen, wo uns der fehlende Berufs-Ethos des Kellners, die fehlende echte Begeisterung des Verkäufers auffällt, der fehlende Service des Friseurs auffällt…)

Aber das handfeste Risiko, dass sie schlechtere Qualität zu einem teureren Preis bekommen, ist bei solchen kind-befreiten Unternehmen dennoch immer gegeben, auch wenn Sie möglicherweise von Ihrem Pech „zum Glück“ gar nichts merken…

Denn in Unternehmen, denen das Unternehmertum fehlt oder abhanden gekommen ist, geht es nicht mehr um die Sache (d.h.: um dauerhafte Kundenzufriedenheit), sondern um die möglichst geschickte Ausbeutung und Nutzung von Wissens-Asymmetrien.

In diesem Fall der Transaktion des Unternehmens mit Ihnen als Kunden heißt das: Im  Unternehmen weiß man durchaus sehr genau, wo sie als Kunde was Besseres oder das Gleiche billiger bekämen. Aber Sie als Kunde wissen es (noch) nicht und es ist kostspielig für Sie, sich dieses Wissen zu besorgen…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s