Verletzlichkeit und unmitgeteilte Erfahrungen in einem traumatisierten Land

Heute mal wieder erlebt: Mitten unter uns, zwischen uns, neben uns leben Menschen, die schwerste Traumatisierungen erlebt haben und die sich erstaunlich achtbar schlagen beim Weiterleben.

Das sind nicht immer diejenigen, bei denen wir das vermuten würden (zumindest mich kann man da durchaus noch überraschen).

Und: Unsere Gesellschaft kann diesen Menschen kaum ein annehmbares Angebot machen, das sie wirklich unterstützen würde.

Zu selten sind solche Traumatisierungen geworden. Und viel zu weit weg sind die meisten (nicht: alle!) Therapeuten von solchen Erfahrungen, um von den Betroffenen ernst genommen werden zu können. Viel zu schmal ist ihr eigenes Erfahrungs-Repertoire und viel zu gering ihre Bereitschaft, auf eigene Traumata aktiv zurück zu greifen, um sich zu ernstnehmbaren Gesprächs- und Interaktionspartnern zu machen für die, die sie in einem verletzlichen Zustand bräuchten…

Man muss sich nur mal anschauen, WIE die Therapeuten-Ausbildung hierzulande organisiert ist und wer demzufolge klinischer oder ambulanter Therapeut wird (und wer nicht).

Aber das betrifft nicht nur Therapeuten: Die Alltagserfahrung von uns allen ist in der Regel unendlich weit weg von dem, was Menschen erleben, die doch einmal einen geliebten Partner durch Unfall verlieren oder Kinder verlieren, die viel zu früh sterben, oder die aus den Regionen dieser Erde stammen, die wir euphemistisch „Krisenregionen“ nennen und über deren Recht bei uns zu sein oder nicht bei uns zu sein wir politisch-juristisch diskutieren.

Unsere Erfahrung ist so weit weg, dass auch wir unendlich weit weg sind von diesen Menschen.

Und doch arbeiten sie mit uns, begegnen sie uns im Alltag, gründen Familien, beginnen Partnerschaften.

In der Regel sperren sie den traumatischen Teil ihrer Erfahrungen angenehm weit weg und belästigen uns nicht mit ihm. Denn sie haben die Erfahrung gemacht, dass es die Interaktion mit uns ziemlich beschwerlich macht, wenn sie es nicht tun. Sie bekommen dann Reaktionen von uns, die für sie unangenehm sind und hinderlich. – Und daher ist es hochgradig vernünftig, weder darüber zu sprechen, noch für sich selbst diese Erfahrungen an der Oberfläche zu halten.

Für uns ist das natürlich recht praktisch und bequem, denn dadurch bekommen wir so einiges nicht mit, was uns wahrscheinlich irritieren und vielleicht aus einigen unseren Routinen herausreissen würde.

Wie gesagt: Solche Menschen „mit besonderen Erfahrungen“ arbeiten mit uns in unseren Unternehmen, sie heiraten Freunde, Bekannte und Verwandte von uns und bekommen mit ihnen Kinder. Sie sind nicht abschiebbar. Sie sind da. Und Ihre Erfahrungen und Traumatisierungen bilden einen Teil Ihres Seins, den wir selten bis nie wahrzunehmen bekommen.

Und daher sind diese Erfahrungen und Traumatisierung ein Untergrund auch unserer Gesellschaft, ohne dass wir davon wissen.

Für mich ist das kein Grund für Ängste. Eher eine Ressource. – Es ermutigt mich anzunehmen, dass die Bandbreite, was WIR mitbringen weitaus größer ist als wir an der Oberfläche wahrnehmen.

Und wenn man mit solchen Menschen zu tun hat, bekommt man eine Ahnung, wie groß „Resilienz“ bei uns Menschen wirklich sein kann, um dieses Business-Modewort zu gebrauchen.

Was mittlerweile? immer noch? immer wieder? gerne immer wieder mal vergessen wird:

Bei uns Deutschen „als Ganzem“ handelt es sich um eine fast ausnahmslos traumatisierte Bevölkerung. – Ohne hier über politische Schuldfragen sprechen zu wollen, hat dieses Land – und das heißt: seine Menschen, die unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern waren – viel erlebt, das auf einer unmittelbaren, menschlichen, psychischen Ebene nichts anderes ist als eine Serie von Traumatisierungen.

Auf diesen Erfahrungen wurde dieses Land neu aufgebaut.

Und man muss schon sehr naiv sein in seelischen Angelegenheiten, um zu glauben, dass solche Erfahrungen einfach „weg“ sind, nur weil nicht über sie gesprochen wurde.

Auch hier: Kein Verlangen meinerseits, Schuldfragen aufzuwerfen, warum genau nicht darüber gesprochen wurde, was erlebt wurde.

Aber dass wir alle, fast ausnahmslos einen gehörigen Hau haben durch das, was unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern in diesem Land erlebt haben, steht für mich außer Frage.

Man könnte auch sagen: SOOOOO dramatisch und traumatisch können all diese Erfahrungen nicht gewesen sein, wenn man darauf und danach ein solch wirtschaftlich erfolgreiches Gemeinwesen aufbauen konnte.

Zieht man diesen Schluss, hat man aber wahrscheinlich eher nicht den Mann vor Augen, den ich heute treffen durfte und der vor 17 Jahren seine Frau und seine zwei Kinder in einem der vielen Kriege dieser Erde verloren hat.

Vielleicht schütteln Sie ihm gleich die Hand, treffen ihn auf der Straße oder verkaufen ihm etwas.  – Ohne zu wissen „wer er ist“.

Und ich wette: Solche wie ihn gibt es viel häufiger da draußen als sogar ich selber in meinem Alltag annehme, mitten unter uns, zwischen uns, neben uns.

Und wir sind ihnen nicht so fremd, wie wir annehmen. – Denn wir haben unsere eigene Geschichte und unsere eigenen Umgangsformen mit ihr.

All diese Gedanken und auch meine heutige Erfahrung mit Mister X hat keinerlei praktische Konsequenz, keine Folgen für mein Handeln. – Es ist hochwahrscheinlich, dass ich NICHTS anders machen werde, nur weil mir solche Gedanken durch den Kopf rauschen…

Aber seltsamerweise finde ich es tröstlich, immer mal wieder mitzukriegen, dass auch solche Erfahrungen neben mir gehen, über mir wohnen, vor mir stehen.

Es fühlt sich für mich an wie…

…wie größere Verbundenheit mit dem, was wirklich auf dieser schönen weiten Welt vor sich geht. Das heißt: Größere Verbundenheit mit dem, was Menschen wirklich hier erleben und was „wesentlich“ ist, was für mich und für andere Bedeutung hat.

Grade weil und obwohl mir der Atem dabei stockt und ich mich vor den Kopf gestoßen, erschrocken und hilflos fühle, wenn ich solche Geschichten in aller emotionalen Ausführlichkeit hören darf oder auch nur am Rande angedeutet bekomme…

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