Marktgerechte Bewerber

99,99999999….% aller „Bewerber“, mit denen ich in meinen Coachings arbeiten darf, machen folgendes, wenn es zum Thema „Bewerbungsunterlagen“ kommt:

Ein, zwei, dreimal lange nachgedacht und mit viel Blut, Schweiß, Druckertinte und innerem Fluchen den CV & den cover letter fabriziert. Dann copy&paste. Dann an dieser Vorlage dran rumgeschraubt, um das Zeug an die „aktuelle Bewerbungszielfirma“ anzupassen. – Das, was da heraus kommt, nenne ich polemisch „einen (mehr oder weniger) guten Anmachspruch„.

Nach der Devise:

„Du hast aber schöne [hier bitte einsetzen: braune/ blaue/ grüne] Augen!“. Und ich kann super [hier bitte einsetzen: ranklotzen/ mit Kindern/ die Drogen Deiner Wahl besorgen/ einfühlsam sein, Komplimente machen und mir Deine Probleme anhören].“ – …Anmachspruch Ende… „…ich kann Sie ab dem X.X.XXXX verstärken. Meine Gehaltserwartung liegt zwischen XXXXXX und XXXXXX € Bruttojahresgehalt. Ich freue mich auf ein Gespräch. Mit freundlichen Grüßen…“

Viele Menschen, die auf der Suche nach einer neuen Aufgabe suchen, suchen eigentlich „eine neue Firma“, sprich: eine neue feste Arbeitsbeziehung. – Dabei erliegen Sie mangels Selbstbewusstsein und eigener Klarheit einer Selbsthypnose durch das selbstgeschaffene Konstrukt „der (für mich relevante) Arbeitsmarkt“ oder „was Firmen, die ich will, wollen“ (im Allgemeinen!).

Und damit beginnt ihr Elend…

Sie beginnen sich nämlich „marktgerecht“ zuzurichten…

Mit der Realität bestimmter Unternehmen oder mit ihrer inneren Realität (was sie wirklich wollen) hat das, was bei dieser Selbstzurichtung herauskommt, wenig zu tun. – Zwar werden alle möglichen realen Erfahrungen (Absagen, Fragen in Kennenlerngesprächen, Ratschläge von Freunden oder auch von professionellen Bewerberatern und aus dem Internet…) dazu genutzt, das eigene Konstrukt zu füttern, aber es wird dabei eben die ganze Zeit auf der Basis einer reinen Annahme gehandelt:

Dass es so etwas gibt wie einen „Arbeitsmarkt, der für mich relevant ist“ und dass es Sinn machen würde, diesen Markt zu addressieren.

Meine operativen Alternativen zu diesem ziemlich kläglichen Vorgehen habe ich in der oben verlinkten Artikel skizziert.

Hier möchte ich noch anfügen: Es macht immer mehr Sinn, ein konkretes Gegenüber mit konkreten Bedürfnissen zu addressieren. Oder eben: Gar nicht zu addressieren, schon gar keinen „Markt“, sondern klar und offen zu dem zu stehen, was bei einem Sache ist. Zumindest zu den für einen selbst relevantesten Bedürfnissen.

Im Grunde machen wir hier sehr ähnliche „Fehler“ wie beim Anbahnen schlechter privater Partnerschaften: Anstatt zu klären, was wir wirklich wollen, anstatt das, was wir wirklich wollen, durch Ausprobieren nach und nach immer besser herauszufinden und dabei zu uns zu stehen, biedern wir uns von Anfang an an – und wundern uns dann, warum die daraus hervorgehenden Beziehungen so überaus unangenehm für uns sind.

Wenn ich kein Porsche Cabrio-Fahrer bin, ist es so ziemlich die blödeste Idee, auf die ich verfallen kann, mir ein Porsche Cabrio zu leasen, um „die Mädels zu beeindrucken“. – Eine Beziehung, die mit einer Lüge beginnt, wird immer anstrengend und enttäuschend bleiben.

Nicht, dass ich anstrengende Beziehungen verteufeln möchte. – Das sind oft die besten. – Nur sollte es nicht grade die Anstrengung der Verstellung sein, sondern eher die Anstrengung des „clash of personal cultures“, der natürliche Abrieb und die wunderbaren Erkenntnisse, die man gewinnen kann, wenn beide Beziehungspartner zu sich stehen, und man sich auf der Basis dieser klaren Kanten an einem Menschen reibt, den man liebt, den man nicht gleich wieder verlässt, wenn es anstrengend wird… 😉

Das zwangsläufige Ende solcher Schauspiel-Beziehungen wird dann oft garniert mit wechselseitigen Schuldzuweisungen. – Und das ist wenig überraschend, da ja bei solchen Beziehungen BEIDE SEITEN enttäuscht werden müssen: Die eine Seite ist enttäuscht, weil ihre zunächst erfolgreiche Selbst-Verstellung nicht honoriert wird, die andere, weil sie getäuscht wurde und das natürlich genau dann auffliegt, wenn es dem Verstellten allmählich zu anstrengend wird, die eigene Verstellung konsequent durchzuhalten…

Beziehungen „auf Augenhöhe“ können SO niemals entstehen. Denn der eine von beiden Partnern macht sich ohne Not klein: Er geht in die Position eines Schülers vor dem Lehrer, eines Vortänzers vor einer Jury, er geht ins „angepasste Kind“, wie die Transaktionsanalytiker sagen würden…

Und dass daraus viel „Drama, Baby!“ in der Arbeitswelt entsteht, kann wirklich nur den überraschen, der seine altbekannten Dramen noch nicht satt genug hat, um sich an ihrer täglichen Inszenierung weiter zu beteiligen…

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