Eine kleine Einordnung unserer vorübergehenden Gesellschaftsform, die wir uns glücklicherweise geschaffen haben

Im Vergleich zu vielen Gesellschaften der Vergangenheit leben wir heute tatsächlich in einer hochindividualisierten Gesellschaft, die nahezu allen Menschen in ihr die Möglichkeit gibt, sich nach ihrem eigenen Geschmack glücklich und unglücklich zu machen, solange sie dabei die anderen in ihrem Glücks- und Unglücksstreben nicht zu sehr behindern. – Gewissermaßen halten wir das Recht füreinander aufrecht, den eigenen Weg finden, gehen, schaffen zu dürfen, einen Weg, der oft erst rückblickend wie einer aussieht.

Wie haben wir das geschafft? Wie machen wir das?

Zum einen haben wir ein „System der Politik“ geschaffen, das an allererster Stelle die früher überwältigende Macht der Familien zurückgedrängt hat, indem es in manchen (noch nicht: allen) Teilen der Welt das Gewaltmonopol weitgehend an sich gerissen hat. (Vgl.: Hobbes: „Leviathan“, Vgl.: Hegel: „Grundlinien der Philosophie des Rechts“).

Dieses System dient an allererster Stelle der Einhegung der allüberall gegenwärtigen Möglichkeit körperlichen Gewalteinsatzes zwischen uns – und vor allem seiner Folgen: Ein realistischer Eindruck von Bedrohtheit, der uns hindert, „zu investieren“ oder „Neues zu wagen“. – Entsprechend sind die ursprünglichsten „Gesetze“ vor allem Verbote: Etwas, mit dem wir unser individuelles Handeln zu kanalisieren, in Produktive bahnen zu lenken versuchen.

Relevanter als jemals wurde das, als die Zurückdrängung der Übermacht der Familie zu greifen begann und wir in anonymen Stadtgesellschaften zu leben begannen, in der die dörfliche „soziale Kontrolle“ durch Menschen, die einen kennen und wieder treffen werden, nicht mehr gewährleisten konnte, dass man wirklich in der eigenen Spur blieb, ohne die anderen in ihren Spuren zu behindern.

Ein Nebeneffekt, durch den sich das „System der Politik“ mit dem „System der Wirtschaft“ zusätzlich verkoppelt, ist die durch das Gewaltmonopol entstehende Möglichkeit, einen „Staat“ herauszubilden, der „Steuern“ erheben kann (Vgl. Niklas Luhmann: „Die Politik der Gesellschaft“, „Die Wirtschaft der Gesellschaft“) – durch das Instrument der Steuern und  der Staatsfinanzen können wir das von uns geschaffene System der Politik dazu nutzen, uns in unserem wirtschaftlichen Handeln KOLLEKTIV zu irritieren (anstatt nur individuell).

Als Individuen partizipieren wir in mindestens 3 Formen am „System der Wirtschaft“: 1.) Als Mitunternehmer, indem wir uns entscheiden, unsere Zeit und Fähigkeiten DIESEM UND NICHT JENEM Unternehmen zur Verfügung zu stellen (Freiheit der Berufswahl). – 2.) Als Konsumenten, indem wir uns im Supermarkt oder Biomarkt oder Wochenmarkt oder Onlinemarkt entscheiden, DIESES PRODUKT UND NICHT JENES käuflich zu erwerben. – 3.) Als Investoren, indem wir uns entscheiden, das immer zu geringe Kapital, das wir erworben oder ererbt haben, HIER UND NICHT DORT ZU VERWAHREN – und damit ganz zwangsläufig zu „investieren“, sofern der Verwahrungsort nicht ausschließlich Münzen und Scheine sind, die wir im heimischen Garten vergraben haben.

Einen wichtigen Beitrag leistet auch das „System der Wissenschaft“, in dem es durch eigene Monopolisierung alle Fragen „der Wahrheit“ an sich reisst und nach eigenen Regeln intern verwurstet – und so alle anderen Systeme von Wahrheitsfragen entfrachtet bzw. interveniert und den eigenen Senf dazu gibt, wenn irgendwo in der Gesellschaft außerhalb des akademischen Turms Wahrheitsansprüche aufgestellt werden. – Vermutlich könnten wir die heutigen individualisierte Gesellschaftsniveau ohne diese Leistung eines solchen Wissenschafts-Systems nicht leisten.

In solchen Rahmen bewegen wir uns also auf unserem eigenen Lebensweg, in einer weitgehend selbstgeschaffenen oder selbstverformten Umwelt. – Um die gröbsten Verirrungen von uns als Einzelnen aufzufangen (diejenigen, die nicht gleich zum Tod führen), haben wir zusätzlich noch ein „System der Medizin“ und ein „System der sozialen Fürsorge“ geschaffen, das uns dort stützen soll, wo es die Familie (nach ihrer erfolgreichen Entmachtung durch die Politik) nicht mehr kann und wo es die Schamanen und Esoteriker (nach ihrer erfolgreichen Entmachtung durch die Wissenschaft) nicht mehr können.

Für „Glück“ oder ein „erfülltes, überwiegend befriedigendes Leben“ fühlt sich aber glücklicherweise keines dieser Systeme zuständig: Diese Verantwortung wird hübsch jedem Einzelnen von uns überlassen. – Und auch Eltern, die diese Verantwortung ihren Kindern abzunehmen versuchen, werden in der heutigen Gesellschaft relativ früh mit ihrer Ohnmacht in dieser Hinsicht konfrontiert und mit wissenschaftlichen Studien, die nachzuweisen scheinen, dass der Effekt der Eltern auf die hauptsächlichen Neigungen und Abneigungen ihrer Kinder mittlerweile von anderen gesellschaftlichen Bezügen ihrer Kinder der Rang abgelaufen wurde.

Nun kann man „den Menschen“ als ein Wesen sehen, das in der Lage ist, beinahe alle Dinge dieser Welt zu gebrauchen oder zu missbrauchen.

Z.B. ist das Internet eine großartige Sache, aber es ist nicht ganz so leicht, es einfach nur nützlich zu gebrauchen. Die Folgen aller möglichen „Internet-Süchte“ können wir noch nicht abschätzen, wir werden sie erleben. Das gleiche gilt für die schwer souverän zu gebrauchenden Möglichkeiten eines Smart Phones und das, was die „Generation Head-Down“ wohl langfristig für Zimperlein ausbilden wird.

Oder Laufen: Gerade lese ich das gleichzeitig inhaltlich großartige und gleichzeitig für mich stilistisch schwer zu ertragende „Born to run“ von Christopher MacDougall. – Eine der „wohl natürlichsten Dinge von der Welt“, das Laufen, sind wir als Menschen in der Lage zu den bestdenkbaren Effekten auf das eigene Glücksstreben zu benutzen, genauso wie dazu, unseren Körper kaputt und uns selbst verrückt zu machen.

Wie kann man aber überhaupt einen Unterschied machen zwischen „Gebrauch und „Missbrauch von X“? Geht es da nur um die Dosis? Kann man da in einer individualisierten Gesellschaft überhaupt etwas sinnvolles zu sagen? Ist das, was für den einen Gebrauch ist, nicht beim anderen schon Missbrauch? Und woran will man das von außen erkennen? Und woran will man das bei sich selbst erkennen? Und was dann überhaupt, „wenn man erkannt hat“?

Die Unterscheidung „Gebraucht/Missbrauch“ scheint wenig trivial, scheint tricky zu sein, vielleicht sogar sinnlos im Sinne von: Nicht sonderlich nützlich.

Mit einer Unterscheidung, die derart schlecht da steht, kann man vielleicht einigen fragwürdigen Schindluder treiben, ohne dass das jemanden stört… – „Ist der Ruf erst ruiniert…“

Eine Antwortmöglichkeit auf die Frage, wie unterscheide ich für mich „Missbrauch“ von „Gebrauch“ ist sicherlich:

Über die innere Verfassung des Users: Ist er „frei im Gebrauch“ oder lässt er sich von dem, was er gerade regelmäßig gebraucht, binden? Ist er „besessen von dem, was er gerade gebraucht“ oder ist die Wahl, die er selbst getroffen hat, im weiteren, regelmäßigen Gebrauch für ihn selbst weiterhin präsent?

Das lässt ein interessantes Seitenthema aufkommen: Das Nicht-Bashing von Fraglosigkeit, das wir im „Flow“ haben, oder allgemeiner: Die Nicht-Diskreditierung unserer „Leidenschaften“.

Zahlreiche, recht unterschiedliche Menschen scheinen der einhelligen Meinung zu sein, dass der Moment, indem wir einer Sache und vor allem: Einer Tätigkeit, vollkommen verfallen sind, viel zu selten ist und zu dem Schönsten gehört, das man als Mensch erleben kann.

Wie kann da „die Freiheit der Wahl im Gebrauch gewahrt“ bleiben? – Wie kann man „Leidenschaft“  und „völlige Hingabe“ von „Sucht“ unterscheiden? – Rein äußerlich scheint einen ja beides irgendwie „unfrei“ zu machen und das Thema „Wählen“, „Entscheiden“ in den Hintergrund zu drängen…

Und um so mehr wir uns in einer Welt des Überflusses, der Überfülle – auch an Wahlmöglichkeiten – bewegen, um so mehr entdecken wir das „Unglück der Wahlfreiheit, des Entscheiden-Müssens“. Z.B. von Ulrich Schnabel sehr schön dargestellt und auf den Punkt gebracht.

Um so verlockender sind kleine und große Süchte aller Art, denn in dieser Form von „Hingegeben-Sein“ ist eben alles Wählen aufgehoben: Man hat gewählt, hat nun keine Wahl mehr, man hat einen klaren Fokus. Alles, worauf es ankommt, ist, das Suchtmittel weiter zu beschaffen, mit ihm in Kontakt zu sein. – Allein: Der Reiz wird immer geringer, die Dosis wird immer größer, um die liebgewonnenen Zufriedenheits-Effekte herzustellen.

Vielleicht gibt das den Unterschied oder vielmehr: ein paar Unterschiede zur Unterscheidung von leidenschaftlicher Hingabe von destruktivem Suchtverhalten:

a) Hingabe lässt inneres Wachstum zu. Immer neues Entdecken, immer besser werden, Steigerung von Fähigkeiten, neue Unterschiede, Neugier… – Sucht ist inneres Sich-immer-mehr-beschränken, immer mehr an Fähigkeiten verlieren, Indifferenz, Desinteresse, Betäubung…

b) Hingabe lässt Raum für alle möglichen Bedürfnisse, für ihre Vielfalt, befriedigt sie in der Hingabe selbst oder lässt Raum außerhalb der Hingabe, dass sie dort auf ihre Kosten kommen dürfen. Hingabe ist ihrer selbst so sicher, dass man „den Gegenstand der eigenen Hingabe“ loslassen kann, weil man „fühlt“, dass man sich ihm jederzeit wieder neu hingeben kann. Man ist völlig gefangen genommen und völlig frei zugleich, denn gerade die Hingabe stärkt die Sicherheit, auch ohne die Hingabe Erfüllung und Zufriedenheit finden zu können. – Was Sucht dagegen bewirkt, darüber muss ich hier kaum etwas schreiben. Ich denke, wir kennen das alle aus eigenen Erfahrungen…

Hingabe scheint aus einer sicheren Haltung zu kommen und eine sichere Haltung zu stärken, ein positiver Selbstverstärkungs-Zirkel, der irgendwie dann doch vom Gegenstand der Hingabe unabhängig zu sein und zu bleiben scheint…

Demgegenüber scheint ein Gefühl „tiefer Verunsicherung“ oder „innerer Leere“ zu stehen, die dazu führt, dass man – weit entfernt von Hingabe – die gleichen Gegenstände nicht nur gebraucht, sondern ihnen verfällt.

Innere Leere kann als Zustand gefasst werden, in dem man schon lang kein Empfinden von eigener Fülle oder innerem Reichtum mehr hat, und der uns eben geneigt macht, „alle möglichen Dinge suchthaft zu missbrauchen“: Im ebenso verzweifelten wie erfolglosen Versuch, durch DIESEN Gebrauch der Dinge unsere innere Leere zu füllen.

Interessant ist dabei für mich der Aspekt DER KONTROLLE:

Süchte und suchthafter Gebrauch sind in der Regel ZU BEGINN gerade Versuche von uns, Kontrolle zu gewinnen: Über etwas, das sich per se nicht kontrollieren lässt: Das eigene Leben.

Süchte ENDEN dabei und bestehen darin, dass man seine Kontrolle über das verliert, was man durchaus kontrollieren kann: Den eigenen Willen, die eigene Aufmerksamkeit, die eigene Haltung.

Innere Leere ist also etwas, das uns geneigt macht, das falsche kontrollieren zu wollen. Verzweifelter Missbrauch der Dinge anstelle ihres freien, erfüllenden, lust- und hingebungsvollen Gebrauchs ist nur ein Abfallprodukt eines verfehlten Kontrollversuchs, einer Entscheidung für unsere Ängste, die wir irgendwann getroffen und die wir im Weiteren dann vergessen haben.

Das heißt auch: Es geht nur höchst selten „um die Menge an sich“, die die Sucht von der Leidenschaft unterscheidet: Nicht jeder, der viel arbeitet, ist ein workoholic. Nicht jeder, der viel läuft, will damit etwas runterdrücken, nicht jeder, der viel in und mit dem Netz arbeitet, ist internetsüchtig…

Es geht vielmehr um den Grund hinter der kleinen oder großen Menge des Gebrauchs der verschiedenen Dinge unserer Welt. – Denn auch hinter dem Nicht-Gebrauch oder dem Wenig-Gebrauch von Ressourcen und Möglichkeiten können Ängste, Leere-Empfindungen und Kontroll-Motive stehen. „Geiz“, ein heute nur noch selten gebrauchtes Wort, macht dies unmittelbar deutlich (…sieht man mal von „Geiz ist geil“ und „Ehrgeiz“ ab, Kompositionen, die dem Wort „Geiz“ interessanterweise eine positive Bewertung zuführen).

Die Innere Leere und ihre Kultivierung in vielerlei Süchten, kleinen und großen, gesellschaftlich akzeptierten und solchen, die eher heimlich-privat gelebt werden, sind weitgehend „normal“. – Wir können sie beinahe bei jedem heute lebenden Menschen in unseren individualisierten Gesellschaften finden.

Und nicht nur in dieser und nicht nur heute: Beschäftigt man sich mit diesem Thema, so findet man schon in zahlreichen Vorläufer-Gesellschaften sehr, sehr ähnliche „Probleme“, vielleicht mit ein paar anderen Mitteln bedient und „gelöst“. – Sprich: Die Süchte waren vielleicht andere. Aber dass es für die in diesen Gesellschaften lebenden Individuen weitgehend normal war, „Süchte“ zu haben und zu pflegen, ist eher das Normale, und zwar sehr weitgehend Gesellschafts-Übergreifend. Es ist eher die Regel als die Ausnahme, soweit wir historisch und ethnologisch Einblicke gewinnen können.

Ausnahmen waren vielleicht jene vor-agrarischen Stammesgesellschaften, in denen „Politik“ und „Familie“ noch nullkommagarnicht auseinandergetreten waren. – Aber will wirklich irgendjemand ernsthaft DAHIN zurück, um das Innere-Leere-Problem zu lösen? Ich meine mit allem, was dazu gehört, damit das wirklich funktioniert?

Mein Eindruck ist: Nein, dahin will so gut wie niemand zurück. Vom Können mal ganz abgesehen, denn wir Menschen neigen dazu, verdammt viel möglich zu machen, was wir wirklich wollen.

Und das wirft eine bleibende, interessante Aufgabe auf:

Wie kultiviert man in einer modernen, hoch-individualisierten, mit Überfluss an Möglichkeiten und Ressourcen gesegneten und verfluchten Gesellschaft…

…“innere Fülle“??? … „ein Gefühl inneren Reichtums“???… „innere Freiheit, Sicherheit und Souveränität, die Voraussetzung dafür ist, dass man nicht beim Gebrauch der äußeren Freiheiten zwangsläufig unfrei wird???

Ich denke, wir sind noch am Anfang. Wir sind noch dabei herauszufinden, was wir wirklich brauchen, um die Möglichkeiten sinnvoll – und das heißt: uns erfüllend – zu nutzen, die uns als Menschen gegeben sind.

Für den Moment schauen wir vielleicht auf die „Freiheit, die in der selbstgewählten Begrenzung der Möglichkeiten liegen kann (aber nicht muss)“.

Wir können z.B. auf die Figur des Sokrates schauen, die von ihren Schöpfern durch eine Gesellschaft geschickt wird, die der unseren heutigen nicht vollkommen unähnlich ist. Und die sie sagen lassen:

„Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf“.

Oder anders: In einer Welt der allgegenwärtigen Wahlfreiheit und Überfülle, wird die Wahl der freiwilligen Selbstbeschränkung, der selbstgewählte Verzicht und die Bindung an Bestimmtes zur Voraussetzungen dafür, die Freiheit am Leben zu erhalten. Zunächst die innere Freiheit, aber über deren Pflege auch die äußere Freiheit, die eine unglaubliche Errungenschaft unserer heutigen Gesellschaft ist.

So würde es zumindest unseren Vorfahren scheinen, und das mit großer Sicherheit, wenn man sich ihre Gesellschaften und ihre Träume ansieht… (Freiheit der Berufswahl, Freiheit der Lebensortwahl, Freiheit der Partnerwahl, Freiheit von Bedroht- und Gezwungen-werden durch Gewalt, etc.).

Ich denke, hierbei geht es sicher nicht um „Askese“, sondern eher darum, was wir wirklich brauchen, wenn wir die Dinge um uns herum (von denen wir viele selbst geschaffen haben!) wirklich genießen wollen…

Und unser Wirtschaftssystem wird DAS sicherlich überleben.

Genauer: Es bekommt erst DADURCH „so richtig Sinn“. – Und vieles von der wohlbegründeten „Kritik an der modernen Gesellschaft“ oder „am Kapitalismus“ dürfte sich DAMIT recht eindeutig erledigen…

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