„Die Dichter* sind die Gesetzgeber der Zukunft“…

…so lautet ein Satz des von mir sehr geschätzten Pragmatisten Richard Rorty.

Dahinter steht die traditionelle Ansicht, die z.B. vom Philosophen David Hume vertreten wird, dass es eher unsere Gefühle als unser „richtiges Denken“ ist, dass uns empathisch und kooperativ handeln lässt.

Dahinter steht auch eine Kritik an der alten (platonischen) Kritik an „den Dichtern, die die Wahrheit verzerren“. – Rortys Spitze mit dem oben zitierten Satz ist: Die Dichter* tragen mehr zum „moralischen Fortschritt“ bei als es all die Philosophen, Denker, Theoretiker und Argumentierer jemals könnten. – Denn sie erreichen die Herzen der Menschen, in denen sich wirklich etwas bewegt, wenn denn je überhaupt etwas das Verhalten von Menschen bewegen kann.

Dass die bewegendsten Philosophen auch immer hervorragende „Dichter“ waren (Platon selber z.B. träumte wohl ursprünglich von einer großen Karriere als Dramatiker) und wohl vor allem auch deshalb überhaupt tradiert wurden, manchmal über Jahrtausende, lassen wir da mal versöhnlich bei Seite…

Denn an jenem Satz: „Die Dichter* sind die Gesetzgeber der Zukunft“ ist etwas Anderes viel interessanter als die alte Selbstzerfleischung der Philosophie: Die diesem Satz zu Grunde liegende Einschätzung  betrachtet auch Worte, Konzepte, Sprache, Bilder, usw. als WERKZEUG, d.h. als etwas, das man gebrauchen oder auch nicht gebrauchen und liegen lassen kann; als etwas, das bestimmte menschliche Zwecke/Bedürfnisse besser oder schlechter erfüllen kann.

Mit diesem Konzept von Konzepten einher geht die Auffassung, dass die vernichtendste Kritik eines Konzepts eben nicht eine Kritik ist, die sich mit dem Konzept auseinander setzt und es dabei negativ bewertet, sondern der schlichte Nicht-Gebrauch eines Konzepts.

Ignoranz beseitigt ein Konzept weitaus effektiver als Kritik, weil Kritik das Kritisierte zitieren und dadurch selbst wiederholen muss, während Ignoranz sich dagegen unter den Druck setzt, das Kritisierte durch etwas Anderes – durch ein vermeintlich besseres Werkzeug – zu ersetzen.

Nichts ist so vernichtend wie die Nicht-Beachtung.

Die Evolution hat das verstanden: Sie „kritisiert“ dasjenige nicht, was nicht mehr so gut in eine veränderte Umwelt passt. Sie verwendet es einfach nicht mehr, um das Leben in die nächste Generation weiter zu tragen. Stattdessen „verwendet“ sie einfach andere Gen-Kombinationen. Und DAS ist wirklich vernichtend.

Nun gibt es viele Denk- und Wortschulen, die die Bedeutung bestimmter Denk-Formen für unser unmittelbares Fühlen und Handeln betonen.

Gerade jetzt halte ich mal wieder zwei solche Denkschulen in Buchform in meinen Händen:

Einmal „Was Deine Wut Dir sagen will“ von Marshall Rosenberg und zum anderen „Gib nicht alles – Gib das Richtige“ von Shi Xing Mi.

Rosenberg betont, dass die vermeintliche Unmittelbarkeit unserer Wut-Gefühlen, Wut-Reaktionen und Wut-Verhalten eine Illusion ist.

Für mich überzeugend gelingt es ihm darzustellen, dass zwischen ein äußeres Ereignis und eigenes Verhalten IMMER ein Denkprozess tritt, der „die eigentliche Ursache“ unserer Wut ist. – Das äußere Ereignis wird als „Auslöser, aber nicht als die Ursache“ unseres Gefühls bezeichnet.

Diese Unterscheidung zwischen Ursachen uns Auslösern von Gefühlen ist zentral für die Schule Rosenbergs. Denn mit der Hilfe dieser Unterscheidung gibt Rosenberg uns in unserem eigenen Denken die Verantwortung für unsere inneren Zustände zurück – Ohne irgendwelche Abstriche.

Wie Rosenberg an sich selbst beobachtete kann ein sogar stärkerer äußerer Reiz der gleichen Art (sein Beispiel: ein STÄRKERER, SCHMERZVOLLERER Schlag mit dem Ellenbogen auf die Nase) keine Wut auslösen, wenn ein anderes Denken zwischen diesen äußeren Reiz und die eigene Reaktion tritt. – Dieses „dazwischentreten“ des Denkens geschieht so schnell und in der Regel so unbemerkt, dass sich die Illusion der Unmittelbarkeit und des Nicht-Beeinflussen-Könnens einstellt. – Während man seine Reaktion gerade eben aktiv hergestellt hat, indem man den äußeren Reiz hochgradig aktiv verarbeitet hat. Unbewusst, aber nichtsdestoweniger aktiv.

Für mich bedeutet das, dass wir unser eigenes Denken (die konkreten Denkformen, die wir benutzen und die wir nicht benutzen) niemals dauerhaft aus unserer Aufmerksamkeit verlieren sollten, wenn wir die Verantwortung für unser Erleben und Handeln haben und behalten wollen.

Dass das möglich ist: Relativ regelmäßige Aufmerksamkeit für das eigene Denken, davon erzählt Shi Xing Mi in „Gib nicht alles – Gib das Richtige“ auf S. 26:

Die Kraft ist da, wo Ihre Aufmerksamkeit ist. Wenn Ihre Gedanken im Positiven sind, ist auch Ihre Kraft im Positiven. Und umgekehrt. Die großen Krisen entstehen immer aus einem Mangel an Achtsamkeit – sowohl beruflich als auch privat. Prüfen Sie deshalb immer achtsam, worauf Sie Ihre Konzentration richten und worauf nicht.

Unser Denken ist der Dreh- und Angelpunkt, von dem aus wir uns dem Projekt nähern können: „Sei Du selbst der Wandel, den Du in der Welt sehen willst.“  (Gandhi)

Was heißt aber nun DAS für „die Dichter*“, die möglicherweise „die Gesetzgeber der Zukunft sind?

Ich denke, es bedeutet für sie zweierlei:

1) Dass sie wild neue Formen des Denkens erschließen sollten: Dass sie vermeintlich Fernliegendes verknüpfen und vermeintlich Naheliegendes entknüpfen und möglichst viel dazwischenschieben sollten!

2) Das sie offen darauf hinweisen sollten, dass sie nicht wissen, ob es sich bei den neuen, von ihnen in die Welt gebrachten Texten, Konzepten und Bildern um Konzepte handelt, die für ihre möglichen Gebraucher für bestimmte Zwecke brauchbar oder nicht brauchbar sind. – Ob es also „gute Texte, Konzepte oder Bilder“ sind. – Das heißt: Wer das benutzt, was die Gesetzgeber der Zukunft geschaffen haben, benutzt es auf eigenen Nutzen und auf eigene Verantwortung hin. ER – und nicht die Dichter* – sollte prüfen, ob es für ihn ein „gutes Konzept“ ist, ein Konzept mit dem ER in DIESER Situation etwas anfangen kann.

Ganz so, wie ich prüfe, ob MIR DIESER Hammer wirklich hilft, wenn ich DIESEN Nagel in DIESE Wand schlagen will. – Oder ob ein anderer Hammer besser wäre. Oder ob ich gleich eine Schraube nehme.


*“Die Dichter“: Heutzutage sicher auch: Die Filmemacher, die Youtube-Stars und und und. Und vielleicht auch: Die Myriaden von Bloggern dieser schönen neuen Welt, die aus dieser Perspektive allesamt „Werkzeugmacher“ sind…

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