Warum gibt es überhaupt „Männer“? – Eine polemische Antwort

Natürlich braucht es uns auch heute noch: Hand-Auge-Koordination hier, mit dem wir den Nagel schnell in die Wand kriegen, Testosteron-Schub dort, mit dem wir uns über bestehende Widerstände hinweg setzen und Themen auf den Tisch oder voranbringen.

Im großen und ganzen muss man jedoch sagen: Der Männer-Bedarf hat abgenommen.

Mann und frau können das bedauern. – Mensch kann es aber, anstatt es zu bedauern, auch einfach mal analytisch betrachten…

Warum gibt es eigentlich überhaupt Männer? – Als Philosoph wird einem eine solche Frage vielleicht, vielleicht verziehen. – „…warum also gibt es also überhaupt Männer und nicht vielmehr keine Männer…“ 😉

Ich lasse mal die Vorteile der Fortpflanzung auf sexuellem statt asexuellem Wege beiseite, also den ganzen Kram um Genpool-Mischung, Immunität und Vermeidung von Erbkrankheiten.

Auch die Sache mit dem Eros interessiert mich mal vorübergehend (für die Dauer dieses Artikels) nicht. – Könnte man übrigens elegant über ein paar Sexualhormone und Botenstoffe lösen. DAZU bräuchte man also die ganze restliche biologische Geschlechterdifferenz nicht zwingend. Würde auch ohne funktionieren. – Und sicher gibt es im großen, weiten Tierreich auch einige Arten, die das genau so lösen: Ohne große Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen. Und TROTZDEM wird gerammelt, dass es eine echte Freude ist… 😉

Warum also gibt es überhaupt Männer? – Genauer: Warum gibt es jene spezifischen, biologisch angelegten Unterschiede, die eben leicht „weggedacht“ werden können, ohne dass gleich die ganze menschliche Art zwingend mit-weggedacht werden müsste…?

Eine naheliegende Antwort für mich ist:

Wir Männer bzw. unser Vorhandensein ist das Ergebnis einer systemischen Aufrüstung, ganz wie der, die wir im letzten Jahrhundert im kalten Krieg erlebt haben:

Wir Männer waren mal als „Krieger und Kämpfer“ eine nicht ganz unnütze Sache, um uns Menschen das Überleben in einer damals immer wieder feindlichen Umwelt wahrscheinlicher zu machen.

Denn was wir oft in unserem heutigen Alltag vergessen: Weit mehr als 90% der Zeit, „seitdem es Menschen gibt“, lebten unsere Vorfahren in einer Welt, die SEHR anders war als die Welt, in der wir heute leben. Und DAS war eine Welt, in der es viele, viele Vorteile für unsere Art hatte, „dass es Männer gibt“.

Ich bennene mal 3, interessiere mich dabei aber vor allem für einen, den letzten:

1.) In einer Welt voller Natur und Naturkatastrophen ist Längsgestreifte Muskulatur und Testosteron im Dienst des eigenen Stammes eine recht nützliche Sache: Du kannst Dich besser schützen und besser wieder aufbauen, was schnell mal eben zerstört ist. – Leider haben wir uns selber über unsere eigene Vorliebe für „Technik“ in diesem Punkt aus Versehen weitgehend überflüssig gemacht… 😉

2.) In einer Welt voller (anderer) Raubtiere brauchst Du „Männer“. – Grund zu erläutern spare ich mir mal hier. – Auch hier muss man konstatieren: „Die Austreibung des Lebens durch seine eigenen Erfolge“. – Kraft erfolgreicher menschlicher Männlichkeit leben wir heute in einer Welt, in der uns Raubtiere nicht mehr bedrohen, sondern allenfalls wir selber den kleinen Rest an noch frei lebenden Raubtieren bedrohen…

Ein Erfolg auf der ganzen Linie, mit dem wir uns wiederum weitgehend überflüssig gemacht haben…

Bleibt 3.) – und da wird es nun richtig spannend:

Den allerallerlängsten Teil der Menschheitsgeschichte, vor allem den Zeitraum VOR aller „Menschheitsgeschichtsschreibung“ lebten wir in „Stämmen“ zusammen, Stämme, die so etwas wie erweiterte Großfamilien waren…

…was gerne vergessen wird: Diese Stämme verhielten sich ÜBERALL zueinander wie Naturkatastrophen: Traf ein Stamm auf einen anderen, war das in der Regel eine existentielle Situation. Wurden dann auch noch die Ressourcen knapp (und bei so einem „energiehungrigen“ Gehirn wie dem unseren, passiert DAS sehr, sehr leicht…), dann gab es einen Auslöschungskampf, der nur einen Stamm von beiden überleben ließ.

Die REGEL dabei war: Alle männlichen Mitglieder des feindlichen Stammes wurden getötet, auch kleine Jungen und männliche Babys. – Die Frauen des besiegten Stammes hatten das vielleicht noch schlimmere Schicksal: Sie wurden gewaltsam in den siegreichen Stamm eingemeindet, regelmäßige Vergewaltigungen inklusive.

Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Ich meine damit die Zeit VOR dem Ackerbau, die Zeit vor dem „Sesshaft“-Werden.

Überbleibsel und Reminiszenzen dieser „guten menschlichen Sitte“ finden sich:

  • noch in der antiken Geschichtsschreibung, auch mit ihrer völlig moralfreien bzw. sogar lobenden Bewertung z.B. von „Piraterie“.
  • in den Vernichtungskämpfen der antiken und mittelalterlichen Völkerwanderungen
  • in den Bürgerkriegen zu allen Zeiten, in der es ein vergleichbares „Hauen und Stechen“ gab, was Autoren wie Thukydides und Hobbes immer wieder auffiel…
  • in den Beschreibungen der Sitten zahlreicher „Naturvölker“, auf die die europäischen Stämme bei ihren heute von ihnen „Globalisierung“ genannten Eroberungen seit dem 15. Jahrhundert nach Christus stießen.

Kurz: Wir Männer wurden zu einem Problem dessen Lösung wir ursprünglich waren. – Viele von uns lieben auch heute noch die Konkurrenz und das Kräftemessen, die Eroberung neuer Gebiete, die Demonstration eigener Überlegenheit und noch zahlreiches wenig Friedliches mehr…

…und das war auch alles nützlich, solange es noch jedem Menge technik-unbefriedete Natur um uns herum gab.

Heutzutage verursachen unsere „natürlichen Neigungen“ aber oft mehr trouble als dass sie nützlich sind. – Viele Kriege gehen heute, lang nach der Einführung des Ackerbaus und dem, was wir „Weltwirtschaft“ nennen, auf das Konto von „übermütigen jungen Männern, die nicht wissen wohin mit ihrer Kraft“ (sehr frei nach Thomas Hobbes, „Leviathan“, 1651).

Und auch wir Männer leiden desöfteren mal unter „zuviel Zivilisation“: Sehnen uns nach den Zeiten, „in denen noch Helden gebraucht wurden“, spielen Ballerspiele und Egoshooter auf unseren Rechnern, suchen uns Adrenalin-Kicks durch „Extremsportarten“, vermissen das Abenteuer, schauen Thriller und Action-Filme und freuen uns innerlich über alle Maßen, wenn endlich mal wieder „nach einem starken Mann“ verlangt wird, der mal eben die Prosecco-Kisten nach oben in den 3. Stock schleppt oder der beim Umzug behilflich ist…

Vielleicht sollten wir uns sich über die heutige Komik des Traditionell-Männlichen  NICHT vorschnell lustig machen, sondern eher systemisch fragen, wo uns dieses heute „Unpassende“ traditioneller Männlichkeit hinbringen könnte? Und zwar dann, wenn es für uns ALLE richtig gut läuft…?

Nochmal rein biologisch:

SO verdammt viel Information ist nicht auf dem Y-Chromosom. – Unbestätigten Gerüchten zufolge handelt es sich um eine vergleichbar lächerliche Anzahl von Informationen, die im Kern dazu da sind, zu verhindern, dass der jeweilige Mensch „eine Frau wird“.

Es ist also keineswegs selbstverständlich „dass es Männer gibt und das sie SEHR verschieden von Frauen sind, was ihre phänotypische Ausstattung angeht“.

Meine Frage ist: Wozu werden heutzutage überhaupt noch Männer gebraucht?

Und: Da ich mir als Mann keineswegs wünsche, „es möge keine Männer mehr geben“ (eine Welt nur mit Frauen wäre ein ziemlich heftiger Ort, zumindest für mich), ist meine Frage auch: Was brauchen wir Männer, um in einer erfolgreich befriedeten Welt glücklich sein zu können?

Wohin mit jener Kraft, auf dass sie sich nicht Kriege mit anderen Männern sucht, um sich dort unproduktiv zu entladen, aus lauter Verzweiflung?

Ich vermute: Viele Männer, weit mehr Männer als wir ahnen, auch weit mehr Männer als sie selber ahnen, leiden unter tiefen Sinnlosigkeits- und Überflüssigkeitsgefühlen.

DAS erklärt auch, warum immer wieder vor allem junge Männer aus allen möglichen Weltregionen aufbrechen, um sich in aktuellen Konfliktgebieten der Erde als Kämpfer zu versuchen.

Wir versagen als Gesellschaft bisher, diesen Männern ein Sinnangebot zu machen, in das sie ihre „Manneskraft“ sinnvoll kanalisieren können und in der diese Kräfte produktiv werden. In der sich diese Männer als nützliche Mitglieder unserer Gesellschaft erleben. Als Menschen, die wirklich gebraucht werden.

So, wie wir sind. Nicht anders.

Das ist für mich der blinde Fleck des Pazifismus.

Nicht, dass ich mich selbst nach Krieg sehnen würde. – Dazu leide ich selbst biografisch viel zu sehr unter den Ausläufern und Spätfolgen 3er mörderischer Kriege, die mich indirekt jeweils viel gekostet haben (und ohne die es mich als Mensch zugleich gar nicht gäbe…).*

Aber ich habe auch jene ganzen Intellektuellen und Künstler und „Bürger“ vor Augen, die sich in GANZ Europa BEGEISTERT in den Ersten Weltkrieg gestürzt haben. Intelligente, reflektierte Menschen, die den Frieden satt hatten, die glaubten, in jenem grausamen, sinnlosen Gemetzel, die der 1. Weltkrieg war, „einen Sinn zu finden“. Und die in großer Zahl den Tod und Verstümmelung fanden in den Schützengräben, Stacheldrähten, Minenfeldern und Gaswolken jenes Wahnsinns…

Ich habe nicht den Eindruck, dass wir JENES Problem, vor dem jenes Europa damals versagt hat, heute bereits erfolgreich gelöst haben.

Wir haben heute einen Frieden, der für den Kontinent Europa durchaus bemerkenswert ist, was seinen räumlichen und zeitlichen Umfang angeht. – Das ist glaube ich jedem Menschen mit einem gewissen historischen Bewusstsein halbwegs klar. Und ich denke, die meisten sind – wie ich selber – auch überaus dankbar dafür.

Aber es gibt auch die mehr als 30.000 Menschen, die in 2014 im Mittelmeer ertrunken sind, weil wir sie dort haben ertrinken lassen. – Rein prozentual auf die aktuelle Weltbevölkerung hochgerechnet sind diese unsere an unterlassener Hilfeleistung verstorbenen menschlichen Brüder und Schwestern ein „Klacks, den wir ignorieren“. Vor allem dann, wenn wir sie mit den Dimensionen an Toten vergleichen, die frühere „Völkerwanderungen“ in der Menschheitsgeschichte mit unschöner Regelmäßigkeit produziert haben. – Aber die „Menschheitsgeschichte“ gibt uns hier eben auch keinen Maßstab mehr: Wir leben in weitgehend befriedeten Gefilden und daher weigern wir uns „an sich“ auch nur EIN EINZIGES Menschenleben tatenlos verloren gehen zu sehen. Ausdruck dieser unser Haltung ist auch, dass wir uns – zumindest formal, z.B. im Grundgesetz – „Menschenrechte“ leisten… …Nur an der Einklagbarkeit und der „operativen Umsetzung“ dieser Menschenrechte hapert’s noch etwas. Vor allem im Mittelmeer. Und das heißt: Unsere Haltung ist wohl etwas weniger eindeutig als wir uns das manchmal eingestehen.

Wir leben in spannenden Zeiten. Spannend sind sie, weil wir in völlig neuen Situationen leben, die völlig neue Lösungen erfordern, wenn wir unserem Anspruch wirklich gerecht werden wollen, dass der Wert eines Menschenlebens, eines jeden Menschenlebens unschätzbar ist. Dass er jedes Opfer wert ist, das nicht selbst ein anderes Menschenleben ist.

Ich denke, wir Männer haben dazu, zu diesen „neuen Lösungen“ VIEL, SEHR VIEL beizutragen.

Ich denke, wir werden nach wie vor gebraucht.

Wir müssen es nur sehen. Unsere eigenen Stärken anerkennen. Und sie gezielt für LEBENSDIENLICHE ZWECKE zum Einsatz bringen.

Ich glaube, DAS wird uns glücklicher und zufriedener machen. Und unsere heutige Welt und unsere heutige Gesellschaft zu einem NOCH BESSEREN LEBENSRAUM FÜR ALLE MENSCHEN, Kinder und Frauen und Männer inklusive…

Aus meiner beschränkten Sicht liegt Robert Bly ganz richtig, wenn er uns zu verstehen gibt, wie wichtig es für uns ist, dass wir „den Wilden Mann“ sehr gut kennen lernen, aber dabei nicht versuchen „selbst der Wilde Mann zu werden“.

Ohne den Bezug zur Natur, ohne Bezug zur vormenschlichen, zur unmenschlichen Umwelt leben wir in steter Gefahr, uns wechselseitig, gegenseitig „zur Natur zu machen“. – Einfach aus unseren biologisch angelegten Neigungen heraus. – Wir finden uns dann plötzlich, unversehens, ohne dass wir es wollen, in Vernichtungskriegen wieder, in denen wir uns wieder gegenseitig niedermetzeln und allen erreichten zivilisatorischen Standard in den Wind schießen. – Weil wir IN der Zivilisation keinen Raum zu finden scheinen, um „mannhaft zu leben“.

Das muss uns nicht gefallen. Das muss nicht unsere Zustimmung oder Begeisterung finden. Aber wahrnehmen sollten wir es vielleicht.

Wir sind keine friedlichen Wesen. – Und das ist auch heute noch nützlich so. Das ist nützlich auch für unsere heutige globale Weltgesellschaft – Ebenso: So, wie sie ist. Nicht anders. – Zumindest potentiell nützlich ist diese unsere Unfriedlichkeit auch für diese unsere Weltgesellschaft.

Wir selbst haben es in der Hand, ob wir Männer uns für diese Gesellschaft wirklich nützlich machen, indem wir neue Wege für uns finden, oder ob wir uns entscheiden, nur vor uns hinzudümpeln, bis zu unserem nächsten großen Unfrieden, bis wir aus lauter kollektiv männlicher Unzufriedenheit wieder Rabbatz machen…

* Biografische Notiz:

Der Autor dieser Zeilen hat seinen deutschen Großvater leider niemals kennen lernen können: Dieser Großvater kehrte erst spät aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück, in die er im 2. Weltkrieg geraten war; er kehrte mit so mit schweren Krankheiten und gesundheitlichen Problemen zurück,  dass er bald darauf verstarb und seine Familie (die Familie meiner Mutter) faktisch weitgehend vaterlos lebte. – Meine Mutter erlebte keinen Mann, keinen Vater in ihrer Familie, was ihre spätere Partnerwahl entscheidend beeinflusst haben dürfte.

Der Autor dieser Zeilen hat einen leiblichen Vater, der bosnischer Serbe ist und der die Ausläufer des 2. Weltkriegs wohl noch selbst erlebt hat. Und der, soweit ich das einschätzen kann, aus diesen „Umständen“ einen nicht unerheblichen psychischen Schaden davon getragen hat. Ein Schaden, der mir eine Beziehung zu ihm verunmöglicht hat.

Und der Autor dieser Zeilen ist ab seinem dritten Lebensmonat von einem Mann als realem Vater groß gezogen worden, der wohl niemals nach Europa gekommen und niemals mein Vater geworden wäre, wäre seine Heimat, das heutige irakische Kurdistan, nicht seit dem 1. Weltkrieg (also seit bald 100 Jahren!) ein permanentes Kriegsgebiet gewesen, mit jeweils nur kurzen, immer vorübergehenden Friedenszeiten. – Mit der Berichterstattung über diese unfriedliche Region, einer Berichterstattung, die mir nahe ging, obwohl ich selbst an einem der friedlichsten Orte der Welt lebe, bin ich groß geworden.

Wenn „der Krieg“ vielleicht auch nicht „der Vater aller Dinge ist“, so kann ich doch vielleicht von mir schreiben, dass die Kriege des 20. Jahrhunderts auf jedem Fall die Umstände meiner unmittelbaren Vor-Väter entscheidend geprägt haben. Und ich vermute, damit bin ich in Deutschland nicht ganz allein.

Meine persönlichen, sehr spezifischen Umstände haben mir jedoch ein dauerhaftes, nicht ganz alltägliches Interesse am Thema „Männlichkeit“ verschafft.

Und genauso hat es mir ein ebenfalls nicht ganz alltägliches Interesse an „der existentiellen Situation“ verschafft, an der grundlegenden Bedrohtheit menschlichen Lebens in dieser Welt.

Mir blieb also kaum etwas übrig, als mich mit Philosophie zu beschäftigen… …und das Beste daraus zu machen.

Was hoffentlich hiermit geschehen ist.

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