„Volkswirtschaftliche Effekte“ von mehr Bedürfnisverbundenheit

…gibt’s vielleicht keine.

Dafür um so mehr betriebswirtschaftliche.

Denn da dürfte mit zwei vermeintlich gegenläufige Effekten zu rechnen sein:

1.) Menschen, die mit sich gut verbunden sind, „brauchen“ einfach eine Menge Kram nicht. Genauer: Sie merken eher, dass sie ihn nicht brauchen. Im strengen Sinne „brauchen“ tut jenen Kram KEIN Mensch. Aber wenn man schlecht mit sich verbunden ist, macht man und braucht man eben jede Menge „Erfahrungen“. Auch die Erfahungen des Überflüssigen, des Schädlichen, des Ermüdenden und der Langeweile.

Grob fällt dieser „Kram“ in zwei Kategorien: Kompensationskram und Habe-ich-mir-einreden-lassen-und-alle-anderen-haben-das-auch-Kram.

Kompensationskram ist der, den wir uns „gönnen“, wenn wir es gerade mal wieder nicht aushalten, dass ein echtes Bedürfnis unerfüllt ist. Dazu greifen wir in der Regel dann, wenn es sich schon um eine notorische Unerfülltheit handelt, die auf Dauer zu schmerzhaft und aufreibend für uns geworden ist, so dass wir uns angefangen haben, von jenem Bedürfnis generell zu entkoppeln.

Denn ein unerfülltes Bedürfnis allein führt in der Regel noch zu keiner Kompensationsneigung (Bedürfnisverschiebung). Ich kann mit einem unerfüllten Bedürfnis innerlich verbunden sein und das kann ein sehr liebevoller, selbst-empathischer Zustand sein. Ich spalte das Bedürfnis dann gerade nicht von mir ab, sondern bleibe dabei: DAS brauche ich, aber ich weiß grad nicht, wie ich mir das im Moment erfüllen soll, ohne andere wichtige Bedürfnisse von mir zugleich grob zu vernachlässigen. – Ich zahle einen Unerfülltheitspreis bei EINEM Bedürfnis zugunsten der Erfüllung anderer Bedürfnisse.

Problematisch wird es erst, wenn ich anfange, bestimmte Bedürfnisse gar nicht mehr wahrzunehmen, weil ich mich tagelang, wochenlang, monatelang, jahrelang gar nicht mehr richtig um sie gekümmert habe…

Dann „wandert das Bedürfnis aus“ (vor allem aus unserem Bewusstsein). Und DANN ERST treten Kompensationsverhaltensweisen auf den Plan.

Davon leben aber derzeit ganze Wirtschaftszweige.

Für diese Wirtschaftszweige oder auch einzelne Unternehmen sind „gesündere, reifere Menschen“ durchaus eine Bedrohung.

Allerdings ist das ein Zusammenhang, der UNS nicht groß kümmern muss. Denn das ist DEREN Problem (bzw. der Menschen, die sich für solche Unternehmen hergeben). Und gegen Bedürfnisverbundenheit ist auf deren Seite kein Kraut gewachsen. – Entgegen der Mythen, die sie sich einreden, sind „Marketing und Vertrieb“ auf diesem Terrain machtlos: Kein Mensch, der seine 7 Sinne beisammen hat, kann durch irgendwas aus dieser Ecke dazu gebracht werden, sich etwas zu kaufen, was er gar nicht braucht oder nicht anderswoher auf bessere Art bekommt…

„Habe-ich-mir-einreden-lassen-und-alle-anderen-haben-das-auch-Kram“ beruht selbst auf einem Bedürfnis: Dem Bedürfnis nach Verbundenheit.

Wird dieses Bedürfnis allein durch den Kontakt mit anderen Menschen gedeckt, ist man recht „erpressbar“. Oder vielleicht besser gesagt, neigt man dann zu „Überanpassungen“ und kann sich schlecht von Gruppendruck und Gruppendynamik abgrenzen.

Man „will halt dazu gehören“. Und da gehören dann halt immer auch oder ganz besonders bestimmte Formen des Konsums dazu:

Bestimmte Technik, die man haben muss; bestimmte Reisen, die man machen muss; bestimmte Hobbies, die man pflegen muss; bestimmte Kleidung, die man tragen muss; bestimmte Restaurants/Clubs/Hotels/Cafés/Parties/Bars, die man besuchen musss; bestimmtes Essen, das man essen muss; usw. usf. – Wir kennen das ja alle.

Und der letzte Zweck von all dem ist eben die Beruhigung der ruhelosen Angst, ohne all das, was man sich da „gönnt“, würde man nicht mehr dazu gehören, wäre man ein Nichts. – Und der letzte Zweck dieser Beruhigung ist: Ein Gefühl der Verbundenheit, ein Gefühl der Geborgenheit, ein Gefühl des Da-Seins durch die Gruppe, zu der man dann und nur dann gehört, wenn man all das kauft, was eben zu diesem Zweck gekauft sein will…

2.) Es gibt also Unternehmen, die dicht machen könnten, wären alle Menschen bei sich und in wirklichem und dauerhaften Kontakt mit dem, was sie wirklich brauchen.

Es gibt aber auch Unternehmen, die dann neu entstehen würden oder die deutlich mehr Umsatz machen würden, wenn dem so wäre. – Das ist der gegenläufige Effekt, von dem ich oben geschrieben habe.

Denn Menschen, die gut mit sich verbunden sind, sind a) offener, neugieriger auf neue Erfahrungen; sie probieren mehr aus, gönnen sich mehr Abwechslung, sind lebendiger, weniger vergraben in Trägheit und alten Gewohnheiten; sie sind BEIM ausprobieren zwar schonungslos offen und ehrlich auch zu sich, ob ihnen das, was sie da grade ausprobieren auch WIRKLICH gefällt. Aber sie haben keine überflüssigen Ängste und Scheu vor Neuem. Sie lassen sich erst mal ein, lassen das auf sich wirken und entscheiden dann, ob sie es in ihr „Lebensrepertoire“ aufnehmen; sie laufen zwar nicht jedem neuen Trend hinterher, aber sie verschließen sich auch nicht künstlich vor neuen Trends. Für sie zählt nur, was ein neues Produkt, eine neue Dienstleistung ihnen wirklich bringt, wie sie wirklich wirkt, wie sie sich wirklich anfühlt – im Vergleich zu anderen Optionen. Daher lieben sie die Vielfalt unserer heutigen Welt. Sie sind ein wenig wie Kinder. Aber eben wir Kinder, die einen guten, zugewandten, liebevollen Erwachsenen an ihrer Seite haben. Sie sind zugleich erwachsen und haben sich etwas Kindliches in ihrem Erwachsen-Sein erhalten können.

Und Menschen, die gut mit sich verbunden sind, sind b) auch einfach unternehmenslustiger. Sie gründen auch eher mal selbst ein Unternehmen. Kein großkopfertes. Eher so etwas, was man heute gern mal „lean start-up“ nennt. Oder mit Svenja Hofert ein Unternehmen nach dem „Slow-Grow-Prinzip“.

Sie machen einfach mal – und schauen auch da, was dann wirklich passiert und wie es ihnen wirklich damit geht.

Sie machen sich keinen Kopf. Sie verkennen auch keine Risiken. Sie sind auf verspielte Art vernünftig und auf vernünftige Art verspielt. Man mag das langweilig finden, wenn man Dramen liebt. Aus meiner Sicht handelt es sich hier aber um die spannendsten Menschen überhaupt, die auf Gottes weiter Welt durch die Gegend wandeln.

Mittlerweile gibt es größere Unternehmen, nicht mehr nur Solounternehmer oder Ein-paar-Personen-Klitschen, die aus solchen Prinzipien heraus Business machen. Die aus der Sache heraus wachsen oder schrumpfen. Die mit sich selbst in gutem Kontakt sind.

Keine Ahnung, ob sich das je nennenswert ausbreiten kann.

Zu wünschen ist es aber.

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