Sind wir Männer zur Empathie „nicht begabt“?

Diesen Artikel möchte ich Albrecht Günther widmen, der in den letzten Jahren zu einem meiner besten Freunde geworden ist.

Sind wir Männer zur Empathie „nicht begabt“?

Natürlich sind auch wir Männer sehr wohl zu Empathie fähig! – Das Gegenteil zu behaupten, wäre ja völliger Quatsch. Zahllose Männer beweisen täglich, dass Männer sehr wohl sehr empathisch sein können. – Von Ihrer (oft wahllosen) Aufopferungsbereitschaft mal ganz zu schweigen, denn die ist ein anderes Thema…

Was aber sehr wohl zutrifft, sind zwei andere Dinge im Zusammenhang „Männer und Empathie“:

1.) Weniger als viele Frauen MÜSSEN wir Männer immer empathisch sein. – D.h. uns fällt es LEICHTER, unempathisch zu sein. Rein sachlich bleiben oder sogar offensiv-lustvoll anecken: Das fällt vielen Männern leicht. Natürlich nicht allen. Wie immer gibt es Ausnahmen.

2.) Wir Männer bekommen für empathisches Verhalten VON KLEIN AUF, d.h. schon als kleine Jungen DEUTLICH WENIGER CREDITS. – Während viele Frauen eine regelrechte „Empathie-Programmierung“ durchlaufen, sagt uns Männern „die Gesellschaft“ deutlich seltener: „Sei mitfühlend“ oder „Fühle, was der andere gerade fühlt“ oder jenes in einem strengen Sinn von „Empathie“ nicht wirklich empathische: „Nimm die Bedürfnisse anderer wichtiger als Deine eigenen“.

Die Kombination aus diesen beiden Umständen führt dazu, dass wir Männer deutlich seltener „Empathie im Sinn“ haben und dadurch manchmal auch deutlich UNGEÜBTER in Sachen Empathie sind.

Wir merken das z.B. in berührenden Situationen. Oder manchmal mit Kindern, wenn diese unsere Hilfe brauchen. Oder wenn ein naher Verwandter krank ist und „wir nichts machen können“ (auf MACHEN, auf LÖSUNGEN-FINDEN sind wir gepolt). – Frauen fühlen sich in solchen Situationen natürlich auch oft ohnmächtig. Ich wage aber zu behaupten, dass die meisten Frauen sich in solchen Situationen nicht auf die gleiche Art hilflos fühlen wie viele von uns Männern. Denn viele Frauen wissen aus deutlich mehr Erfahrung: Einfach da-sein und innerlich-dabei-sein ist oft schon genug „gemacht“.

Das „Werk der Empathie“ liegt vielen Frauen deutlich näher. Einfach qua Übung. – Ja, und „natürlich“ hat auch der aktuelle Testosteron-Spiegel Auswirkungen. Aber eben nicht solche, die empathisches Verhalten grundsätzlich völlig verunmöglichen. – Eher dürfte es so sein, dass der Umstand, wie wir in den uns heute zur Verfügung gestellten Umwelten unser Leben führen, unseren aktuellen Testosteron-Spiegel mitpegelt. – Um das anzunehmen, muss man sich „nur“ vom gewohnten Ursache-Wirkung-Denken lösen und zum Denken in Wechselwirkungen und systemischen Zusammenhängen übergehen.

So wie man früher Frauen die Kindererziehung „in die Schuhe schob“ und Männer dann, WENN sie mal „auf die Kinder aufpassten“ sich offensichtlich ungeschickt anstellten, so kann man heute das Thema Empathie generell sehen.

Denn damals zogen manche den Fehlschluss, Männer seien für den Kinderjob „nicht gemacht“. – Zahllose Väter beweisen heute täglich, dass dem nicht so ist. Dass sehr viel davon auch „reine Übungssache“ ist. Übung, die unsere Vor-Väter eben oft einfach nicht hatten.

Mir selber fiel dieser Zusammenhang erstmals in einer sehr konkreten Situation auf: Schon als unser Sohn noch recht klein war, ermutigte ich meine Frau (genervt von ihrer Genervtheit), mal Abstand zu nehmen, eine Woche weg zu fahren und mich „mit unserem Kleinen“ allein zu lassen.

Viele ihrer Umgangsformen mit unserem Sohn gefielen mir damals nicht. – Ich war zu 100% „in der Bewertung“ und schrieb ihre Reaktionen ihrer Persönlichkeit zu. – Der Witz war: Schon nach 2 Tagen hörte ich mich haargenau die gleichen Sachen sagen und sah ich mich die haargenau gleichen Dinge tun, die ich zuvor über Monate an meiner Frau höchst kritisch beobachtet hatte. – Da fiel bei mir der Groschen: Meine Frau „war nicht so“. – Sondern „die Situation erforderte es.“ (Alternative Deutung, die nicht ganz quer liegt zu dieser Deutung: Ich habe mir unter der Hand von meiner Frau „das Richtige“ abgeschaut… 😉 ) – Ich konnte durch diese Erfahrung deutlich empathischer mit meiner Frau sein.

Aber noch erstaunlicher war: Nach ihrer Rückkehr war ICH als Vater derjenige, der ganz offensichtlich mit unserem kleinen Sohn „deutlich besser in Kontakt war“: Ich konnte seine Äußerungen leichter deuten, ich war präsenter, ich war reaktionsschneller als meine Frau, wenn es um ihn ging. Ich fühlte mich mit ihm auch innerlich deutlich verbundener. – Das alles verlor sich dann schnell wieder, als sie wieder mehr mit ihm zusammen war und ich weniger.

Aber es erhielt sich. – Wir haben es dann immer wieder mal wiederholt, dass ich „Vatertage“ mit meinem Sohn hatte. – Und es war witzig: Schon nach wenigen Stunden des Zusammenseins war ich besser in Kontakt und meine Frau nach Rückkehr nicht ganz so gut.

Die ganze „eng-zusammen-Kiste“ mit unserem Kleinen hatte also sehr wenig „mit dem Muttergen“ zu tun, sondern einfach mit Praxis, Übung und Sich-darauf-einlassen.

Was können nun Impulse dieser Zusammenhänge für unsere Arbeitswelt und unsere Unternehmen sein?

Ich versuche mal etwas aus der Hüfte:

a) Wir Männer können uns entschließen, „in unseren beruflichen Aktivitäten mehr Empathie zu praktizieren“, wenn uns das sinnvoll erscheint.

b) Es ist für mich unwahrscheinlich, dass die meisten von uns Männern die meisten Frauen auch nach solcher Übung jemals überholen werden. – Der Vorsprung ist möglicherweise einfach zu groß (jahrelange Übung).

c) Wir können in Unternehmen Umwelten schaffen, die empathisches Verhalten auch von Männern offen belohnen. – Das würde es vielen von uns sehr viel leichter machen. Ich denke, dass wir in diesem Fall sogar sehr, sehr schnell „dazulernen“ werden, denn wir sind auf sichbare Leistung und äußeren Erfolg gepolt. – Wird „Empathie“ im Unternehmensumfeld so gesetzt und bewegen wir uns eine Zeitlang in solchen „Umwelten“, wird das daher gerade auf uns Männer eine ziemlich durchschlagende Wirkung haben. – Wichtig für uns ist aber immer, dass dann „Empathisches Verhalten wirklich zählt“ und kein schönes Männtelchen ist, kein add-on, kein nice-to-have.

Ich habe z.B. fantastisch empathische Männer kennen gelernt, die Vertriebler, Berater oder Verkäufer waren. DIESE Männer hatten jahrelange Praxis. Warum? – Weil sie niemals hätten so erfolgreich in ihrer Arbeit hätten sein können, hätten sie keine empathischen Verhaltensweisen entwickelt und gepflegt.

d) Dennoch möchte ich derzeit bei meiner Einschätzung bleiben, dass wir Männer „das Management“ und „Führungsaufgaben“ überwiegend Frauen überlassen sollten. – Im Sinne sinnvoller Human-Ressourcen-Allokation im Unternehmen: Jeder sollte im Kern das machen, was er oder sie am Besten kann. Weiterentwicklung auf allen Seiten nicht ausgeschlossen. „Nachbessern an Defiziten“ (also systematische Defizitorientierung) scheint mir ganz einfach ineffizient und nachhaltig frustrierend für alle Beteiligten. – Als andauernde Nachbesserungsanstalt macht die ganze Unternehmerei kaum einem Menschen Spaß.

Den Stärken-stärken-und-nutzen-Ansatz halte ich für unternehmerisch vielversprechender. Auch und gerade dann, wenn es um die unübersehbaren Unterschiede zwischen „Männern und Frauen“ geht.

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