Theorien-Pragmatismus

Ende des letzten Jahrhunderts hat der amerikanische Philosoph Richard Rorty den philosophischen Pragmatismus aktualisiert und wieder salonfähig gemacht.

Obwohl Rorty durchaus am bestehenden „wissenschaftlichen“ Niveau in der Philosophie anknüpfte, wurden seine Ansätze und Gedanken in der akademischen philosophischen Szene mit viel Skepsis und Ablehnung aufgenommen. Viel positive Aufmerksamkeit bekam er dagegen in der außerphilosophischen akademischen Szene, z.B. an den literarischen und Kultur-Fakultäten.

Ich selber studierte Ende der 90er Jahre Philosophie in München. Und zwar so intensiv, dass ich mir durch mein Studium folgendes Problem einfing:

Wenn ich mich mit einer guten philophischen Theorie beschäftige, konnte ich darin unglaublich viel finden, zu dem ich innerlich laut „Ja, genau so ist es!“ oder mindestens „Was für eine unglaublich produktive Sichtweise!“ sagen konnte, wollte, musste.

Das Problem: Es gab mehr als nur eine, es gab -zig Theorien, mit denen es mir so ging. Und diese Theorien vertrugen sich untereinander gar nicht. Und das ist noch freundlich ausgedrückt. Sie waren beim näheren Hinsehen völlig unvereinbar – Und die „später-kommenden“ Protagonisten sagen einem das auch direkt, laut und deutlich, z.B. Nietzsche über Platon. – Ein Straßenkampf ohne Regeln und Tabus ist nichts dagegen, wenn sich ein Philosoph mit einem seiner Vorgänger „auseinandersetzt“… 😉

„Philosophisch naheliegend“ auf so eine „Problemlage“ ist der Versuch einer „Synthese“. Der letzte Philosoph, der ernsthaft (und aus seiner Sicht erfolgreich) versucht hat, alle Philosophien vor ihm in eine stimmige Sichtweise zu integrieren, ohne diesen Sichtweisen dabei Gewalt anzutun und sie grob zu beschneiden oder zu verkürzen, war Hegel.

Als junger, ambitionierter Mensch versuchte ich also ähnliches und musste nach mehreren Jahren einsehen: DAS schaffe ich nicht.

Ich stand also da mit meinen sich gegenseitig zersplitternden Sichtweisen, die alle einander ausschließen, die ich alle aber gleichermaßen gut fand.

In dieser Situation hat mir Rorty entscheidend weitergeholfen, „mit mir, wie ich durch mein Philosophie-Studium geworden war“, überhaupt noch ansatzweise klar zu kommen. – Und irgendwann: Wirklich Kapital aus diesem Studium zu schlagen. Ohne den Pragmatismus wäre mir persönlich das nicht gelungen.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob das, was ich für mich daraus gemacht habe, „wirklich noch Rorty ist“. Weil für mich aber der entscheidende Impuls eben zufällig von Rorty kam, nenne ich das, was mir in der beschriebenen Problemlage geholfen hat: „Theorien-Pragmatismus“.

Diese Zugangsweise zu Sichtweisen stellt an eine Sichtweise / Theorie (denn mehr als Sichtweisen sind Theorien in meinen Augen nicht, obwohl Theorien sehr gern behaupten, dass sie etwas ganz anderes als Sichtweisen seien…) nur folgende Fragen:

„Was macht es mit mir / Wohin führt es mich / Welche Effekte hat es (auf mich und durch mich hindurch auf Andere / Anderes), wenn ich diese Sichtweise für einen Moment, für eine Zeitlang annehme?“

Theorien werden zu Brillen, die man jederzeit aufsetzen und wieder absetzen kann. Man bleibt ihnen gegenüber frei. Bzw. wenn man sich unfrei macht, bleibt klar, dass dieses „sich-unfrei-machen“ auf einer freiwilligen, selbst-gewählten Entscheidung beruht.

Streit um Wahrheit (erster Ordnung) ist damit ausgeschlossen. Es geht eher um so etwas wie „Selbsterfahrung“: Ich in diesem Moment mit DIESER Theorie –> Solche Effekte. // Ich in einem anderen Moment mit einer ANDEREN Theorie –> Solche Effekte. usw.

Nach meinem Empfinden führt einen ein so praktizierter „Theorien-Pragmatismus“ sogar noch über das ursprüngliche Feld des philosophischen / akademischen Pragmatismus hinaus.

Ich gebe ein Beispiel:

Bei Rorty finden sich z.B. ziemlich polemische Passagen gegenüber religiösen oder spirituellen Sichtweisen. Rorty’s Pragmatismus ist anti-religiös oder wenigstens agnostisch. Er schreibt religiösen Sichtweisen – ganz Pragmatist – negative, entzweiende Effekte auf das menschliche Miteinander zu.

Nun kann man – ebenfalls ganz Pragmatist – z.B. einmal „ausprobieren“, was es mit einem macht, wenn man annimmt, dass es „mehrere Leben“, also irgendeine Form von personaler „Wiedergeburt“ gibt. Oder genauer: Dass dieses Leben, das man gerade lebt, nicht das letzte gewesen sein wird.

Das kann man „mit Karma“ oder „ohne Karma“ für sich erproben – mit dem Motto: „Entdecke die Unterschiede!“

Was ich persönlich beim Erproben gerade dieser Brille verspüre, ist: Unmittelbare Entspannung und Entlastung. Ich muss nicht alles „in diesem Leben“ lösen und zu Ende bringen. In Untätigkeit oder Phlegmatismus versetzt es mich persönlich nicht, wohl aber in eine gewisse Gelassenheit, die ich ohne diese Sichtweise bisher eher selten erreicht habe.

Das ist natürlich weit entfernt von einer echten religiösen Haltung, die immer darauf bestehen würde, „das es so ist“, dass die Sichtweise eben keine Sichtweise ist, sondern „die Wahrheit“. (Um etwas fachzusimpeln: der Pragmatismus nennt das „Korrespondenz-Theorie der Wahrheit“, weil Worte hier den Anspruch erheben, 1:1 Wirklichkeit abbilden zu können).

Im Austausch mit wirklich tief-spirituellen Menschen mache ich die Erfahrung, dass es sie stark revoltieren kann, wenn man eine Sichtweise von ihren Effekten her rechtfertigt und nicht von ihrer Wahrheit her. – Die Freiheit, die jeweilige Brille auch wieder ablegen zu können, „wenn sie einem nicht mehr passt“, ist für viele, die diese Brille lieben, eine echte Zumutung.

Ich selber, mit dem durch mein Studium „antrainierten“ Zugang zu so vielen tollen, aber einander ausschließenden Sichtweisen, ist der Theorien-Pragmatismus dagegen zu einer echten Existenz-Bedingung geworden. – Ich wüsste nicht, wie ich mit meinen vielen Lieben zu höchst unterschiedlichen Sichtweisen sonst klar kommen sollte.

Wenn man etwas gemein sein möchte ;-), kann man diese Umgangsform mit Theorien „serielle theoretische Polygamie“ nennen. Denn das trifft sehr gut, was das in der Praxis bedeutet. – Man bleibt keiner Theorie treu, die einem nicht gut tut, sondern man bleibt frei in der Beziehung zu ihr. Frei, sie auch wieder zu verlassen und sich einer anderen hinzugeben, wenn man merkt, dass das gerade besser für einen ist.

Im Umgang mit Menschen würde mir so eine Praxis eher fragwürdig vorkommen und ich würde bezweifeln, dass man sich damit selbst einen Gefallen tut. Im Umgang mit Theorien kann ich bisher dagegen keinerlei negative Effekte einer solchen Praxis bemerken.

Kurz – Meine bisherige Erfahrung ist: Bei Menschen zahlt sich Treue aus. Bei Theorien nicht.

[Dieser Artikel ist die erneute Veröffentlichung eines Beitrags, der erstmals am 28.03.2013 auf Xing erschienen ist. – Dei Wiederveröffentlichung hier auf ilwyc ist leicht überarbeitet.]

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