Rein Beziehungsorientiertes Wirtschaften ist möglich und wünschenswert – Meine Vision

Ich sehe Unternehmen als „unsere Kinder“, weil sie wie unsere echten Kinder „aus uns hervorgehen“. Während Kinder unmittelbar aus uns hervorgehen und dann immer unabhängiger werden, gehen Unternehmen durch unser praktisches Handeln aus uns hervor und bleiben dauerhaft abhängig von uns.

In beiden Fällen entäußern wir uns, „legen wir viel von uns“ in etwas anderes, das nicht wir selbst sind und das seine eigene Dynamik hat. – Und das lässt ein großes und prinzipiell unvermeidliches Potential für Entfremdung, das sich mit der Zeit auch unweigerlich  entfaltet, wenn wir dem nicht bewusst entgegenwirken.

Von diesem Bild ausgehend, habe ich folgenden Blick auf das, was in Unternehmen vor sich geht: Ich nehme vor allem Lieblosigkeit, Vernachlässigung und fehlende Verantwortungsübernahme wahr (indem Menschen in ihren Rollen als Kunden, Mitarbeiter, Führungskräfte über alles wortreiche Gerede nicht die Antworten erhalten, nach denen sie verlangen).

Menschen, die mit Unternehmen zu tun haben und teilweise eng an sie gebunden sind, lieben diese Unternehmen nicht, so kann man ganz nüchtern feststellen. Weder als Kunden, noch als Mitarbeiter, noch als Manager, noch als Investoren tun wir das.

Sogar als Berater versuchen wir Unternehmen mehr zu „erziehen“ als ihnen die Liebe zukommen zu lassen, an der es offensichtlich so sehr fehlt, z.B. die Gemeinwohlökonomie versucht das in meinen Augen. – Jeder Mensch, der schon mal ein Kind versucht hat zu erziehen, das nicht die Liebe bekommen hat, die es eigentlich verdient, weiß, dass solche Versuche zum Scheitern verurteilt sind und bestenfalls keine Effekte haben, wahrscheinlich aber „das Problem“ verschärfen: Das Kind gebärdet sich hinterher „noch garstiger“ als vor solchen Versuchen.

Dabei habe ich – anders als viele vermeintlich nüchternere Gesellen – gerade KEIN romatisierendes Bild von Liebe und Beziehungen, ich tendiere eher zu Formulierungen wie „Beziehungsarbeit“, wobei es auch das nicht wirklich trifft, weil unser Bild von „Arbeit“ von eben genau dem geprägt ist, was wir derzeit täglich in und mit unseren Unternehmen erleben. Um ein romantisierendes Bild von Liebe und Beziehungen zu haben, muss man schon lange nicht mehr geliebt haben und schon lange keine echte Beziehung mehr eingegangen sein.

Warum aber ist das alles so? – Woher diese Lieblosigkeit zu und in Unternehmen?

Neben den Wunden, Verletzungen und dem Hunger, den Menschen in ihren Stammfamilien erhalten haben und mit dem sie dann in Unternehmen gehen und sich mit ihnen verbinden, sehe ich noch einen weiteren, zunächst positiven Grund:
Wir als Menschen sind in der Lage, beinahe alles zu lieben, mit unserer Liebe aufzuladen: Konkrete Gegenstände, abstrakte Konstrukte, unsere eigenen lieben Gedanken, Pflanzen, Tiere, unsere Briefmarkensammlung, die Sterne, den Frühling, das Internet, Prozesse, Zahlen, Unternehmen. Kurz: Unsere Liebes- und Beziehungsfähigkeit ist unbegrenzt.

Das Problem in Unternehmen, das ich sehe, ist also nicht, dass man Zahlen, Maßnahmen und Prozesse nicht lieben kann, sondern dass sie nicht zurücklieben. Menschen, die ihre Beziehung zu ihrem Unternehmen über solche Größen gestalten, bleiben hungrig, bleiben unerfüllt, unruhig, unstet, innerlich wacklig, hohl. Und man muss schon ziemlich verkorkst sein um genau diese Variante des Hungrig-Bleibens positiv zu bewerten und für wünschenswert zu halten.

Eine gute Beziehung zu seinem Unternehmen kann man AUSSCHLIESSLICH über die Beziehung zu den Menschen in und rund um das Unternehmen gestalten. Ist man nicht in der Lage, zu diesen ein liebevolles Verhältnis (Eros, Philia, Agape) aufzubauen, sollte man meines Erachtens zum eigenen Heil, zum Heil der anderen und zum Heil des Unternehmens das Unternehmen verlassen – um sich eine neue, echte Beziehung zu suchen.

Ich kenne einige GF, gute und schlechte. Was die schlechten vereint ist, dass sie nicht wissen, dass man ein Unternehmen nur über seine Kunden und Mitarbeiter lieben kann und nicht direkt als Abstraktum. – Und das eben nicht, weil man als Mensch kein Abstraktum, kein Konstrukt lieben könnte, sondern aus dem einzigen Grund, weil auch sie als GF Zuneigung dringend brauchen und nicht dauerhaft ohne sie leben können.

Einer der größten Irrtümer unserer heutigen Zeit ist, dass man im Business in irgendeiner Form „über dem Spiel stehen“ könnte, statt Teil von ihm zu sein, involviert, betroffen, verletzlich, bedürftig. Systemisch gesehen gibt es keine Möglichkeit auf ein System einzuwirken, ohne Teil von ihm oder Teil eines neuen Systems zu werden – und damit auch betroffen und verletzbar. Es gibt keine „Gott-Position“ im Business, von der aus man Strategien entwerfen könnte und in der man über den Dingen steht, weder als GF, noch als Führungskraft, noch als Mitarbeiter, noch als Berater.

All das macht unser Handeln in Unternehmen so abgehoben: Wir handeln beziehungslos und dadurch zugleich sinnentleert. Das ganze unternehmerische Geschehen bleibt zu tiefst unbefriedigend.

Der Grund ist: Wir versuchen uns unverletztlich zu machen, wir suchen eine sichere Position, in der uns nichts passieren kann, wir bauen uns Nischen und „Management“ selbst ist eine einzige große Nische und beziehungslose Abgeschiedenheit, in der man nur vereinsamen, aus der heraus man aber nicht einwirken kann. All die Programme, Maßnahmen, Konzepte, die aus einer Management-Position heraus entworfen, aufgesetzt, ausgerollt, implementiert and so on werden, sind Schall und Rauch vor dem handfesten Beziehungsgeschehen, dass sich zwischen den Mitarbeitern und zwischen Mitarbeitern und Kunden ganz unmittelbar vollzieht. Management ist substanzlos, eine Blase, deren einzige Leistung es ist, auch andere aus ihrem guten Kontakt zu sich selbst, zum Unternehmen, zum Kunden und zu den Kollegen zu bringen.

Es gibt aus meiner Sicht keine attraktive Alternative dazu, mit unseren Unternehmen wieder in echte Beziehung zu gehen. Und das heißt in meinen Augen: Mit den mit dem Unternehmen verbundenen Menschen wieder in echte Beziehungen zu gehen.

Und Beziehung heißt u.a.: Dass man beginnt zuzulassen, dass der Kontakt mit seinen Mitunternehmern etwas mit einem macht, dass Unberührbarkeit, Distanziertheit keine positiven Werte mehr für einen sind.

[Dieser Artikel ist eine leicht überarbeitete Version eines Artikels der erstmals auf Xing erschienen ist, am 17.04.2014 in der Gruppe „Initiative qualitative Marktwirtschaft“]
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