Familie und Beruf – Was wir aus unseren Herkunfts-Familien in unser Berufsleben und in unsere Unternehmen mitbringen

Neben Hobbes‘ „Leviathan“ ist Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ die zweite umfassende Übersichts-Karte jener Landschaft, in der sich unser Leben in  modernen Gesellschaftsformen abspielt.

Im 3. Teil von Hegels Rechtsphilosophie: der „Sittlichkeit“, werden die drei Grundformen der gesellschaftlichen Freiheit beschrieben und nachvollzogen.- „Gesellschaftliche Freiheit“ soll hier heißen: Ich erlebe Freiheit in Beziehung zu anderen Menschen.

Als die ersten beiden Grundformen der gesellschaftlichen Freiheit erscheinen dort die „Familie“ und die „Bürgerliche Gesellschaft“, zu der wir heute „das Wirtschaftsleben“ sagen können oder „das, was in Unternehmen geschieht“.

Diese „Systeme der Sittlichkeit“ sind bei Hegel „Ausdruck der Freiheit“: Wir kommen in ihnen überhaupt erst zur Freiheit. – Hegel hat also kein Bild von Gesellschaft, demzufolge „der Mensch ursprünglich frei ist, und von der Gesellschaft gebunden wird“. – Er neigt mehr zur antiken Sicht, demzufolge der vereinzelte Mensch ein Sklave seiner Leidenschaften und Orientierungslosigkeit ist.

„Gesellschaftsformen“ haben aus dieser Sicht zumindest das Potential, das der einzelne Mensch in ihnen zu einer neuen Form von Freiheit finden kann. Hegel würde wahrscheinlich eher sagen, dass er in ihnen die in ihm selbst angelegte Freiheit realisiert.

Freilich ist Hegel nicht so blauäugig, nicht zu sehen, dass es Versklavungs-Gesellschaften gibt, die niemals als Ausdruck der Freiheit gesehen werden können. – Für sein Konzept ist das aber kein Problem: Er kann sie als verfehlte Vergesellschaftungen geißeln, in denen eben jene ungeordneten Leidenschaften das Vergesellschaftungsprinzip geben. – Die individuelle Freiheit wird bei Hegel geradezu zum Kriterium, mit dem über „gute Gesellschaften“ und „schlechte Gesellschaften“ gerichtet werden kann.

Hegel startet sein Projekt also mit dem „ersten System der Sittlichkeit“: Der Familie.

Aus seinem Konzept lässt sich kurz und knapp extrahieren:

Wir formen uns selbst in unseren Stammfamilien, in denen wir aufwachsen.

In den privaten Beziehungen, die wir eingehen, und vor allem in den Familien, die wir selber mitgründen, formen wir uns weiter.

Spannend ist aber eben auch, was im Übergang vom einen „System der Sittlichkeit“ (der Familie) in ein andersartiges System der Sittlichkeit (das Unternehmen) mit unseren Formen der Freiheit geschieht:

Durch die Brille von Hegels Rechtsphilosophie betrachtet sieht es so aus, dass alles, was wir beruflich unternehmen, von dem zehrt, was wir uns im familiären Umfeld aneignen konnten, wie wir uns dort genährt und geformt haben.

Darüber sollte man aber die „Schlagseiten“, Verwundungen und negativen Erfahrungen nicht vergessen, die wir alle unvermeidlich als Kinder im familiären Umfeld erlitten haben und die unsere Möglichkeiten und unser Bild von dem, was in Unternehmen möglich und was dort nicht möglich ist, mitformen.

Hier kann es zu überflüssigen Begrenzungen kommen. D.h.: Das aktuelle berufliche Umfeld bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, die wir nicht nutzen, weil wir diese Möglichkeiten von unserer familiären Geformtheit her gar nicht wahrnehmen; oder wir nehmen sie zwar wahr, halten sie aber für viel zu riskant – z.B.:
* Es erscheint uns übertrieben wahrscheinlich, dass negative Effekte auf uns eintreten werden.
* Oder es erscheint uns als übertrieben schmerzhaft, welche negativen Effekte auf uns eintreten werden.
* Oder Mittel, mit solchen negativen Effekten gut umzugehen, scheinen uns nicht vorhanden zu sein, obwohl sie für uns durchaus greifbar sind.

All das kann dazu führen, dass wir in unserem unternehmerischen Handeln nicht das realisieren, was uns – genau so wie wir sind! – „an sich“ möglich ist.

Den wirksamsten und direktesten Umgang mit solchen überflüssigen eigenen Begrenzungen, der mir persönlich bekannt ist, werde ich im Folgenden skizzieren.

Dieser skizzierte Umgang mit den eigenen Begrenzungen hat zwei Voraussetzungen:

A.) Die Wut, der Schmerz und die Trauer über Verwundungen, die man durch die eigenen Eltern oder andere Personen aus der eigenen Stammfamilie erlitten hat, sind bereits nicht mehr akut, haben sich gelegt, sind sublimiert, haben sich neue Formen gesucht, sie zu leben.

Mir wird sehr unterschiedliches darüber berichtet, wann das der Fall ist. Manche geben an, dass ihnen das erst Mitte 50 möglich gewesen sei. Bei manchen ist der (mit Vorsicht zu handhabende) Eindruck „von außen“, dass diese Voraussetzung „in diesem Leben“ einfach nicht gegeben ist, egal in welchem Lebensalter. Die Verletzungen sind in einer Form „da“, zu denen die im Folgenden skizzierte Umgangsform keinen produktiven Beitrag leisten kann. – Hier kann möglicherweise anderes helfen, aber eben nicht DIESE Form.

B.) Die Aufspaltung des eigenen Ich in ein erwachsenes, fürsorgliches Ich und in ein kindliches Ich, das auch in einem als Erwachsenen höchst lebendig ist, muss für einen plausibel sein. – Wer dazu „theoretischen Unterbau“ braucht, findet ihn u.a. in der Transaktionsanalyse. Aber auch viele andere Konzepte arbeiten mit ähnlichen Unterscheidungen und sprechen vom „Inneren Kind“, das selbstverständlich ein gutes, erwachsenes Ich neben sich bestehen lässt.

Diese beiden Voraussetzungen sollten gegeben sein, wenn man den folgenden Weg für sich ausprobieren und zusiehen möchte, wohin er einen führt – Auf eigenes Risiko, wie ich natürlich anmerken muss:

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1.) Machen Sie zwei Listen, eine für Ihren Vater, eine für Ihre Mutter. Wenn Sie andere wichtige Bezugspersonen in Ihrer Kindheit hatten, die für Sie eine ähnliche Bedeutsamkeit haben wie für andere Menschen Vater und/oder Mutter, kann es eine sinnvolle Möglichkeit sein, auch für diese Personen eine solche Liste anzufertigen.

2.) Jede dieser Listen besteht aus einer Reihe von IHREN eigenen Bedürfnissen, von denen sie den Eindruck haben, dass sie als Kind von DIESER Person nicht hinreichend Aufmerksamkeit bekommen und nicht hinreichend genährt wurden. Das schließt Verhaltensweisen wie offenes Das-Bedürfnis-mit-den-Füßen-treten und Das-Bedürfnis-Negieren genauso ein wie die zahlreichen subtileren und versteckteren Formen des Bedürfnis-Bashings.

3.) Wenn hier von „Bedürfnissen“ die Rede ist, dann ausschließlich im strengen, engen Sinn der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg, die „Bedürfnisse“ von „Wünschen, „Willensäußerungen“ und „Sehnsüchten“ unterscheidet, die zwar an vorhandenen Bedürfnissen andocken, aber ihnen gegenüber sekundärer Natur sind und in der Regel bereits Elemente ganz bestimmter (einschränkender) „Bedürfnis-Erfüllungs-Strategien“ enthalten. Sie sind also weniger ursprünglich als Bedürfnisse und begrenzen schon aus sich selbst heraus bestimmte Möglichkeiten der Bedürfnis-Befriedigung.

Wenn Sie bei der Listen-Anfertigung für sich unklar sind, ob es sich wirklich um eine „Bedürfnis in diesem Sinn“ handelt (um ein Primärbedürfnis), können Sie zu ihrer eigenen Klärung beinahe jedes Werk über Gewaltfreie Kommunikation zu Rate ziehen. Ich selbst benutze zu diesem Zweck Gerlinde Ruth Fritsch‘ „Praktische Selbst-Empathie – Gewaltfrei mit sich selbst umgehen.“

4.) Wenn die Liste der „Vernachlässigten Bedürfnisse“ für die verschiedenen Bezugspersonen Ihrer Kindheit weitgehend steht (sie können später immer noch nachtragen, wenn ihnen noch etwas einfällt; die Liste muss also nicht „vollständig“ oder „abgeschlossen“ sein, um zu diesem nächsten Schritt überzugehen), dann stellen Sie sich folgende Frage für jedes einzelnes dieser Bedürfnisse:

„Was kann ich WÄHREND MEINER ARBEIT FÜR MEIN UNTERNEHMEN selbst, hier und heute tun, um mich gut um dieses mein eigenes Bedürfnis zu kümmern?“

5.) Fertigen Sie ausgehend von dieser Frage eine getrennte Notfall-Aktivitäten-Liste für jedes einzelne Ihrer vernachlässigten Bedürfnisse an.

6.) Geraten Sie während Ihrer beruflichen Aktivitäten in einen ungewöhnlich starken oder ungewöhnlich dauerhaften Stress, nehmen Sie diese Aktivitäten-Listen zur Hand (es empfiehlt sich, sie einfach immer dabei zu haben) und sehen Sie dort nach, ob sie auf irgendeiner dieser Listen irgendetwas finden, wovon Sie den Eindruck haben, dass es Ihnen hier und jetzt, in der gegebenen Stress-Situation GANZ UNMITTELBAR weiterhelfen und Erleichterung verschaffen könnte.

7.) Tun Sie es! – Tun Sie es, bevor Sie irgendetwas anderes tun! (In diesem Punkt ist ein hohes Maß an Entschlossenheit und „Selbst-Disziplin“ gefordert)

8.) Beobachten Sie aufmerksam, was für Effekte die Aktivität auf Sie hat, v.a. auch körperlich. – Wenn die Effekte unmittelbar positiv sind, hilft dieses „sich für die Wahrnehmung Zeit nehmen“, die Effekte zu ankern und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Sie in der nächsten Stress-Situation wieder auf ihre Aktivitäten-Liste zurückgreifen werden.

9.) Ergänzen Sie die „Notfall-Aktivitäten-Liste“ nach und nach um weitere Strategien, die nach ihren Erfahrungen für Sie gut funktionieren und diejenigen Bedürfnisse für Sie unmittelbar „wieder auffüllen“, die bei Ihnen zu akuter oder chronischer „Unterversorgung“ neigen.

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Dieses Verfahren kann man auf verschiedene Weisen sehen:

  • Das Verfahren ist eine Erinnerung an die eigenen Möglichkeiten, an das eigene Repertoire.
  • Das Verfahren hilft einem, sich selbst als Erwachsener „ein guter Vater und eine gute Mutter“ zu sein. – Und damit dasjenige gut und direkt zu ergänzen, was wir alles an Positivem von unseren Eltern bekommen haben und über das wir als „natürliche Ressourcen“ ohnehin immer unmittelbar verfügen.
  • Das Verfahren hilft einem, zunächst sich selbst gut zu versorgen, bevor man daran geht Andere oder Anderes gut zu versorgen.
  • Das Verfahren schützt einen vor „kompensatorischen Aktivitäten“, z.B. davor „Andere stellvertretend für sich selbst gut zu versorgen, obwohl diese das gar nicht im gleichen Ausmaß brauchen wie man selbst.“ (Retter-Position).
  • Das Verfahren hilft einem, einen wirklich guten Job zu machen.

[Dieser Artikel erschien erstmals am 17.03.2013 auf Xing in der Gruppe „Initiative qualitative Marktwirtschaft“; für seine erneute Veröffentlichung auf ilwyc wurde er leicht überarbeitet.]

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