Liebesheirat, echte Partnerschaft im Privaten – Zwangsheirat und Zweckehe im Beruflichen

Was sind die Grundlagen für eine gute Partnerschaft, oder ganz traditionell „für eine gute Ehe?“

Was sind die Grundlagen für eine gute berufliche Partnerschaft, oder ganz traditionell „für einen guten Arbeitsvertrag“?

Was auch immer wir als „gute Umgangsformen“, gute Aktivitäten, als „must dos“ und „don’ts“ in der einen Beziehung und in der anderen betrachten – Wieso um alles in der Welt sollten die zugrundeliegenden Prinzipien einer guten Beziehung in beiden Bereichen nicht genau die Gleichen sein? – Beziehungsexperten wie Thomas Gordon jedenfalls gehen vom Gegenteil aus: Die Grundlagen guter Beziehungen sind in allen Lebensbereichen exakt die Gleichen.

Man geht eine Bindung ein, man verbringt einen großen Teil seiner Lebenszeit miteinander, man fühlt sich mal besser, mal schlechter, aber überwiegend gut miteinander (oder „lebt sich auseinander“), man hat gemeinsame Aufgaben, man reibt sich an seiner Verschiedenheit, man lernt voneinander, man bringt gemeinsam etwas Neues hervor, man hat eine Anfangsverliebtheit, die bei einer guten Beziehung in eine andere Form von Liebe übergeht oder die zu einer reinen Zweckbeziehung wird, die im Grunde seelenlos und für beide Seiten ermüdend ist. Man vertraut einander und wenn man aufhört, einander zu vertrauen, beginnt man aus Angst vor Verletzungen, aus Angst, ausgebeutet zu werden sich wechselseitig zu kontrollieren. Und das ist das Ende jeder echten Beziehung, dann wird es für beide Seiten schwer und am Ende kommuniziert man miteinander „über unsere Anwälte“… 😉

Wir können zu dem Thema aber auch bewusst jemanden befragen, der in Beziehungsfragen unverdächtig ist. Unverdächtig, weil er in Liebesdingen völlig unerfahren war und daher gute Chancen hatte, sich das Thema deutlich unvoreingenommener anzuschauen als die meisten von uns. – Der lebenslang unverheiratete Philosoph Immanuel  Kant definiert die Ehe sehr nüchtern und analytisch folgendermaßen:

die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften

…in Verbindung mit der…

Lust zum wechselseitigen Gebrauch ihrer Geschlechtseigenschaften

Das soll jetzt hier aber KEIN tiefreaktionärer Kommentar zur aktuell diskutierten rechtlichen Gleichstellung der Homoehe sein… 😉

Denn der Kern des Kant-Zitats ist: Man ist unterschiedlich und geht aus Lust an der Unterschiedlichkeit eine dauerhafte Verbindung ein, von der beide ebenso dauerhaft profitieren, gerade auch in der Auseinandersetzung mit der Unterschiedlichkeit des Anderen.

In der Arbeitswelt begründet unsere Unterschiedlichkeit idealerweise eine sinnvolle Arbeitsteilung, von der alle profitieren, weil jeder sich auf das konzentrieren und das beitragen kann, was sie oder er gerne und daher gut macht.

Was in der Arbeitswelt aber bislang systematisch zu kurz kam ist die AUSEINANDERSETZUNG auf der Basis der Unterschiedlichkeit der verschiedenen Mitunternehmer.

Durch das ängstliche Konflikt-Vermeidungs-Prinzip „der Ober sticht den Unter“ haben wir uns alle zugerichtet, in vorgefertigte Kästchen, sogenannte „Jobs“ oder „Job descriptions“ oder „Planstellen“ zu passen, anstatt uns zum Wohl des gemeinsamen Unternehmens an unserer Unterschiedlichkeit zu reiben.

Konflikte in Unternehmen werden in der Regel verdrängt statt ausgetragen. Wertvolle Beiträge der vorhandenen Unterschiedlichkeit gehen verloren – trotz aller „Diversity-Programme“.

Denn in einer hierarchisch organisierten Beziehung ist kein Platz für die Nutzung der realen, vorhandenen Diversity. Hier herrscht wechselseitige Zurichtung und Selbstzurichtung. – Es ist in Unternehmen bisher kaum Platz für freien Austausch und ein freies Spiel der Kräfte, gebunden nur durch den gemeinsamem Unternehmenszweck, auf den sich alle gleichermaßen und jeder für sich GANZ DIREKT ausrichten, weil sie sich von sich aus in diesem Unternehmenszweck wiederfinden. Statt die Verschiedenheit der vielen Beiträger zum gemeinsamen Unternehmen zu nutzen, wird diese Verschiedenheit verschleiert, unterdrückt, mit Angst überzogen.

Oder wie viele Unternehmen kennen wir, in denen die Mitunternehmer im Arbeitsalltag „wirklich sie selbst sind“ und genau wegen dieser ihrer Authentizität engagiert wurden und werden? – Stattdessen laufen Verstellungsspielchen, wie sie für schlechte Ehen typisch sind: Die Bewerber / Mitarbeiter tun so, als wären sie jemand, der sie nicht sind. Und auch die Unternehmen tun so als wären sie jemand, der sie nicht sind („Employer Branding“, Geheimhaltung, hidden policies, Informationsasymmetrien). Und beide beschäftigen sich so gegenseitig mit dem völlig unproduktiven Spiel, „einander zu durchschauen“.

D.h. Aller vermeintlichen Modernität dieser Arbeitswelt zum Trotz, die aus meiner Sicht nur äußerer Anschein ist, sind wir in dieser Arbeitswelt IMMER NOCH IM PARADIGMA DER ZWANGSEHE UND ZWECKEHE UNTERWEGS. Also der Form von Beziehung, die in Europa über Jahrhunderte die übliche Form von Ehebeziehung war, bevor sie von der Form der Liebesheirat abgelöst wurde.

Das, was sich im privaten Bereich längst durchgesetzt hat, die sogenannte „freie Parnterwahl“ oder „Liebesheirat“, ist im beruflichen Bereich immer noch die absolute Ausnahme.

Das kann man auch ganz äußerlich sehen, anhand der vielen „Heiratsvermittler“ (Zeitarbeitsfirmen, Leiharbeitsfirmen, Headhunter, Recruiter), die unterwegs sind und die eine direkte Kontaktaufnahme zwischen „Braut und Bräutigam“ systematisch blockieren.

Denn in der Arbeit wie im Privaten gibt es keinen besseren Weg herauszufinden, ob man dauerhaft einen miteinander unterwegs sein will, als sich möglichst ungestört und möglichst direkt wechselseitig beschnuppern zu können. Am Besten in einem Kontext, der dem, in dem man in Zukunft zusammen sein wird, möglichst ähnlich ist.

D.h. im Berufsleben gibt es nichts Besseres als den möglichst direkten Kontakt von „Bewerber“ und „Fachabteilung“, am Besten in Form einer Probearbeit, in der man sich unter Realbedingungen wechselseitig kennen lernen kann.

Und in der Unternehmensorganisation gibt es derzeit keine bessere Idee als die Hierarchien „vollkommen platt zu machen“ und miteinander ganz neue Formen der unternehmerischen Zusammenarbeit zu erfinden.

Wir brauchen keine „pater familiaris“ mehr. Weder in Unternehmen noch in Ehen. Im Privaten Bereich hat man schon seit einiger Zeit begriffen, dass BEIDE Seiten davon profitieren, wenn systematische Augenhöhe pflegt, wechselseitiges echtes Interesse an den VERSCHIEDENEN Bedürfnissen, die in einer Partnerschaft vorhanden sind.

In Unternehmen arbeiten wir gerade daran, dass auch dort nach und nach zu begreifen… 😉

Die momentane Organisations-Form vieler Unternehmen gehört ins 19. Jahrhundert. Formen, die dem 21. Jahrhundert angemessen sind, können sich durchaus an den entwickelteren privaten Beziehungsformen orientieren. Dadurch werden heutige Unternehmen deutlich erfolgreicher. Außer natürlich man glaubt fest daran, dass man in Zwangsehen glücklich und dauerhaft produktiv sein kann, in denen mithilfe von Angst-Szenarien und Subordination „Beziehung hergestellt“ wird…

[Dieser Artikel wurde erstmals veröffentlicht am 02.03.2013 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing; hier auf ilwyc in leicht abgewandelter Form neu aufgelegt.]

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