Das Unternehmen als Familie (Part II)

Ich möchte mich diesem Thema noch einmal von einer anderen Seite annähern. Einer emotionaleren und weniger abwägenden Seite.

Gehen wir mal von einer „Großfamilie im Guten“ aus – Was zeichnet so eine Familie aus der subjektiven Perspektive des einzelnen Familienmitglieds aus, was bedeutet sie ihm?

Was mir zuerst dazu einfällt, ist: GEBORGENHEIT. Das Gefühl, angekommen zu sein, eine unverlierbare soziale Heimat zu haben. Auch: Umfassenden Schutz zu genießen, und sich „im Kreis der Familie“ nur geringfügig vor Angriffen schützen zu müssen. Emotional aufmachen zu können, die Schutzpanzer abzulegen, die eigenen Ressourcen im wesentlich geringeren Ausmaß zur Aufrechterhaltung von emotionalen Verteidigungsstrategien zu verwenden. Die eigenen Ressourcen dadurch für andere, produktivere Aktivitäten verwenden können. Spaß haben mit Menschen, die man mag.

Ich weiß: Diese Beschreibungen umreißen einen Idealzustand. Viele reale Großfamilien ticken ganz anders: In ihnen sind besonders heftige und bittere Verletzungen an der Tagesordnung. Von „emotionaler Geborgenheit“ kann in ihnen keine Rede sein. Eher von einem Kampfplatz der Eitelkeiten und einem ganzen Reigen von unproduktiven „Spielen der Erwachsenen“.

Konzentrieren wir uns dennoch einmal gezielt auf das Gute, das eine Großfamilie bieten kann und nehmen wir als Stellvertreter für dieses Gute die beschriebene Qualität der „Geborgenheit“. Was, wenn sich diese Qualität ganz bewusst auf das unternehmerische Miteinander übertragen lässt? Wie wirkt sich das aus, was kann dann passieren?

Ich gehe also in ein Unternehmen, in dem ich mich als „Familienmitglied“ empfinde. Das heißt als erstes: Mein Dasein dort steht NIEMALS in Frage. Familienmitgliedschaften kann man im Prinzip nicht „kündigen“ (obwohl ich durchaus Prozesse kenne, wo in Familien Ähnliches ganz real passiert). Die Zugehörigkeit ist geklärt, sie ist die Basis für alles weitere. – Das heißt: Ein für Unternehmen typisches Drohszenario fällt weg. Die Mitarbeiter können sich in dieser Hinsicht entspannen.

Denken wir uns nun eine „wirklich gute Familie“, dann verläuft auch der Großfamilientypische „Kampf um Aufmerksamkeit“ in erträglichen Bahnen. Es gibt keine Zwänge „wer wem ein Küsschen geben muss“, sondern jeder kann sich die Interaktionspartner suchen, die er gerade haben will, die aus seiner subjektiven Sicht für ihn produktiv sind. – Ein weiteres Drohszenario fällt damit weg: Die Möglichkeit des Liebesentzugs (der in Familien wie in Unternehmen durch wechselseitigen Ressourcentzug ausgetragen wird). Man findet immer jemanden, von dem man die Aufmerksamkeit oder den Kontakt bekommt, den man sich gerade wünscht.
– Es gibt nicht so etwas wie „dauerhafte interne Konkurrenz“: Weil sich in einer Großfamilie (anders als bei Vater, Mutter, Kinder) die Zuwendungsfähigkeit auf wesentlich mehr Menschen verteilt und die Eltern-Kind-Hierarchie dadurch ausgehebelt wird (Eltern mit präsenten Großeltern wissen, wovon ich hier rede… ;-)).

Am Rand meines Bewusstseins meldet sich an dieser Stelle schon der Einwand: Familien haben aber keinen ihnen äußerlichen Daseinszweck, sie sind einfach da. Das ist bei Unternehmen, die mindestens einem Kundenbedürfnis zu dienen haben, anders. Aber ich schiebe diesen Einwand für den Moment einfach mal weg, um die Gedanken entfalten zu können, die mir hier wichtig sind.

Vielleicht ist es das, was ein Unternehmen ausmacht, dem die Beteiligten eine „familiäre Atmosphäre“ im Positiven zubillligen: Ein Gefühl der UNBEDROHTHEIT. Es ist vieles NICHT da, was in klassischen Unternehmen Angst und Enge auslöst und die eigene Entfaltung in dieser Gemeinschaft verhindert: Keine Angst vor einer Kündigung, keine Angst vor einer Abmahnung, keine Angst vor einem Anschiss vom Chef, keine Angst, dass der Kollege X einen überflügelt, keine Angst, dass man nicht bekommt, was man braucht, keine Angst vor persönlicher Abwertung.

Ein umfassendes: Du bist willkommen, so wie Du bist. Wir achten Dich als Person, als Menschen.

Bevor wir aber nun den Kurzschluss zu einem Paradies nehmen, das viele Menschen  (einschließlich mir) gar nicht wünschen, kann man einschränkend sagen:

Bei einer „familiären Atmosphäre im Unternehmen“ geht es um ein Grundgefühl der Angstfreiheit/Geborgenheit aller Menschen im Unternehmen, auf dessen Rücken all das Menschlich-Allzumenschliche ablaufen kann, ohne dass dabei das Grundgefühl der Angstfreiheit/Geborgenheit der Mitunternehmer Schaden nimmt.

Also so etwas wie: „Sie küssten und sie schlugen sich, aber Alles in Allem waren sie doch immer: Eine eingeschworene Gemeinschaft, an der jeder für den Anderen einstand, wenn es um die Leistung nach Außen ging.“

Kann man so etwas in Unternehmen „herstellen“? Und sei es indirekt, durch bestimmte Menschen, die man sich ins Boot holt, durch eigene Verhaltensweisen, organisatorischen Rahmenbedingungen, einzelne Maßnahmen?

Meine erste Intuition ist: Nein, man kann das nicht herstellen. Nicht so, wie man „einen Gegenstand herstellt“.

Rationalisierungen dieser meiner intuitiven Skepsis sind u.a.: Es gibt zu viele Pfadabhängigkeiten in Unternehmen. Es gibt Vorgeschichten. Es gibt den Effizienzdruck gegenüber der äußeren Konkurrenz. Es gibt den täglichen Stress, der unsere übelsten Muster triggert und uns emotional und mental unflexibel macht. Und es gibt eben „den Faktor Mensch im Negativen“: Mit unserem Ego, unseren privaten Vorgeschichten, unserer Eitelkeit, unserem Neid, unserem Balken im eigenen Auge, unserer Verletzlichkeit, unserer Tendenz zurückzuschlagen, unserer Tendenz, nachtragend zu sein, etc.

All das spricht dagegen, dass wohlmeinende Unternehmer in ihrem Unternehmen gezielt eine familiäre Atmosphäre aufbauen können.

Oder?

Ich bin nicht entschieden in dieser Sache.

[Dieser Artikel ist erstmals erschienen am 23.01.2013 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing und wurde hier auf ilwyc nochmals leicht überarbeitet.]

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