Wenn Unternehmen nicht geliebt werden können

Unternehmen, die nicht geliebt werden können, gibt es immer wieder. Ist an sich nicht problematisch. Außer: Wenn diese Unternehmen erwarten, dass Lösungs-Anbieter („Bewerber“) und vorhandene Mitunternehmer („Mitarbeiter“) bitteschön das Unternehmen lieben sollen.

Bevorzugt tritt das in Bewerbungsprozessen in Erscheinung, es kann aber auch im daily business vorkommen, dass einfach mal vorausgesetzt wird, ein bestimmter Mit-Unternehmer müsse vom Unternehmen um seiner selbst Willen begeistert, müsse Feuer und Flamme für das Unternehmen sein.

Auf diese Weise kann man als Unternehmen systematisch quasi-schizophrene Mitunternehmer generieren: Mitunternehmer, die sich selbst ihre Liebe zum jeweiligen Unternehmen erfolgreich vortäuschen. – Weil sie das müssen, um in diesem System zu überleben.

Wie gesagt: Für sich ist es ganz okay, wenn Unternehmen die Bindung / Beziehung zu „ihren Leuten“ NICHT auf Liebe aufbauen. – Es ist dann allerdings immer eine „Um-zu-Beziehung“. Das kann, das sollte einem als Geschäftsführer, Manager oder HRler klar sein, wenn einem das mit der „Liebe“ allzu gefühlsduselig erscheint.

„Um-zu-Beziehung“ in diesem Kontext heißt: Die Mitunternehmer sind und arbeiten in dem jeweiligen Unternehmen nicht deswegen, weil sie dort sein oder arbeiten wollen, sondern um daraus etwas ANDERES zu ziehen. (Die klassische Philosophie nennt solche Um-zu-Aktivitäten „Poiesis“ und unterscheidet sie von einer Tätigkeit, die man um seiner selbst willen tut, die sogenannte „Praxis“).

Das, was Menschen aus einem solchen Unternehmen ziehen, kann alles mögliche sein: Geld, Status, Einfluss, Selbstbestätigung, Sicherheit, soziale Kontakte oder auch etwas ganz Anderes. Der Menschen Möglichkeiten sind hier nahezu unbegrenzt.

Unternehmen, die nicht liebenswert sind, bieten dann auch das Eine oder Andere davon bewusst an, um Mitunternehmer zu gewinnen oder zu halten. Manches finden die Menschen in diesen Unternehmen auch von ganz alleine und ganz für sich selbst, ohne dass das Unternehmen systematisch investieren muss.

In der Regel ist es aber doppelt kostspielig für ein Unternehmen, wenn es nicht liebenswert ist:
1.) Das Unternehmen muss in der Regel viel bieten, um Menschen anzuziehen, zu halten und zu bestimmten Tätigkeiten „zu kriegen“.
2.) Das Unternehmen bekommt auch für das Viele, dass es geben muss, um all das unter 1.) aufgeführte zu erreichen, nur das Wenige, was Menschen DAFÜR bereit sind zu tun. Sie bekommen nicht die Energie, die „Liebe“ frei setzen kann, in allen 3 Formen der Liebe.

Es geht hierbei eher nicht um die „Anfangs-Verliebtheit“, also die Phase, in der Mit-Unternehmer neu sind im Unternehmen, euphorisiert über „den neuen Job“. Eine Phase, in der sie sich zeigen und beweisen und ihren Platz im Unternehmen finden wollen. In dieser Phase gelten besondere Gesetze.

Wichtiger für ein Unternehmen ist die Zeit nach den ersten 3 Wochen bis 3 Monaten, wenn diese „Rosarote-Brille-Phase“ vorbei ist, die die Meisten von uns beim Neueintritt in ein Unternehmen durchlaufen. Kann die „Verliebtheit“ in eine dauerhafte liebevolle Beziehung münden? Das ist schon weitaus seltener. Denn das Phänomen der Ernüchterung ist auch hier die Regel. Spannend ist, was nach der Ernüchterung kommt: Zweckbeziehung oder eine erfüllte Partnerschaft?

Was aber ist eigentlich: Ein „liebenswertes Unternehmen“? (Sounds strange!) – Eine erste Definition ist naheliegend: Ein Unternehmen, in dem Menschen um des Unternehmens willen da und engagiert sind. – Auch das klingt zunächst seltsam. Gibt es das denn? Wie sieht das aus? Was kann ein Unternehmen dafür tun, um „liebenswert“ zu sein?

Die Analogie zu den Verwerfungen und Untiefen der zwischenmenschlichen Partnerschaft kann auch hier weiterführen: Sind Sie mit Ihrem aktuellen Partner um seiner selbst willen zusammen oder weil er ihnen etwas Bestimmtes verschafft und bietet? – Auch in privaten Beziehungen ist das „um Deiner selbst willen“ weniger leicht und trivial als uns die Konzepte der romantischen Liebe und manch ein Hollywood-Filmchen glauben machen kann. Denn in einer privaten „Liebes-Beziehung“ liegt viel Potential für „Gegenseitigen Gebrauch“, also: Um-zu-Zusammensein. (Der gute alte Kant definiert sogar Ehe als „Recht zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechts-Eigenschaften“; womit auch, aber sicher nicht nur der Sex gemeint ist…).

Wir (ge-)brauchen uns also in Beziehungen. In Unternehmen genau so wie in privaten Beziehungen, vertraglich abgesichert oder nicht.

Was ein gewünschtes Um-Deiner-Selbst-Willen ermöglichen kann ist zweierlei:
Wenn die Partnerschaft BEIDEN Partnern die Möglichkeit zu echtem, organischem Wachstum bietet. Und: Wenn es GEMEINSAME Ziele oder Projekte gibt, die von BEIDEN Partnern jeweils für sich als ureigenes Projekt empfunden werden, in denen sie sich und ihren Daseinszweck wiederfinden (= Verbindung in Freiheit, Verbindung der Essenzen).

Über diese zweite Bedingung einer dauerhaften „Liebesbeziehung“ macht man sich im Unternehmen gerne Illusionen, wenn man sich darüber überhaupt Gedanken macht: Nicht jeder Mensch kann sich jedes Projekt wirklich innerlich aneignen und als „sein Eigenes“ sehen.

Dass Mitunternehmer sich ein Projekt innerlich aneignen können, wird in Unternehmen oft als „nicht so wichtig“ gesehen, mit einem pragmatistischen Unterton. Aus der hier vertretenen Sicht ist diese Art von Nicht-so-wichtig-nehmen aber ein Tritt ins Gesicht der gemeinsamen Beziehung. „In Liebe übersetzt“ bedeutet diese Haltung nämlich: Es ist mir nicht so wichtig, wer Du bist, was Du willst und welche Bedürfnisse Du hast.

Welche Liebes-Beziehung übersteht unbeschadet eine solche Haltung eines Partners?

Es ist also von zentraler Bedeutung für die Beziehungsform zwischen Unternehmen und Mitunternehmer, ob das Unternehmen seinen Mitunternehmer immer wieder neu fragt (offen fragt!), was er wirklich will. Gerade auch dann, wenn Aufgaben neu zu vergeben sind und von Unternehmensseite Dringlichkeit herrscht, weil ein bestimmter unternehmerischer Bedarf gerade ungedeckt ist.

Über wie viele Unternehmen kann man aus dieser Perspektive nun eigentlich sagen, dass sie „beziehungsfähig“? sind – Mein Eindruck: Über noch nicht sehr viele. Da ist auf Unternehmensseite noch viel pubertärer Narzissmus am Werk. Und damit viel Luft nach oben für ein „Nachreifen in die Beziehungsfähigkeit hinein“.

Was vielen Unternehmen fehlt ist das, was auch vielen Menschen „auf Partnersuche“ fehlt: Klarheit darüber, wer sie sind, wozu es sie gibt, wo sie eigentlich hin wollen und warum sie DAFÜR eigentlich einen (weiteren) Beziehungs-Partner brauchen.

Viele Unternehmen glauben nämlich, dass sie das nicht brauchen: Eine echte Klärung ihrer Identitäts- und Zielfrage. Sie glauben, ihr Dasein und auch ihr Zweck sei selbsterklärend oder über ihre vorhandenen Produkte und Dienstleistungen geklärt. – Das sind Unternehmen ohne echten Traum.

Und solche Unternehmen sind eigentlich nicht „beziehungsfähig“: Sie müssen Menschen „einkaufen“. Und bekommen AUF DIESER GRUNDLAGE systematisch „Um-zu-Mitarbeiter“ anstatt „Um-Deiner-und-meiner-selbst-willen-Mit-Unternehmer“.

Und wie gesagt: Richtig schön spannend wird’s, wenn ein Unternehmen, das so traum- und lieblos unterweg ist, den Zusammenhang par tout nicht akzeptieren will, dass es aufgrund seines aktuellen Zustands keine begeisterten Mit-Unternehmer haben KANN.

Das ist dann ein richtig schön krankes Unternehmen.

[Dieser Artikel ist die leicht überarbeitete Fassung eines Artikels, der erstmals am 16.01.2013 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing erschienen ist.]
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Ein Gedanke zu “Wenn Unternehmen nicht geliebt werden können

  1. Danke für diese klar formulierten Einsichten. Hierüber einmal nachzudenken, hilft nicht nur Unternehmen, sondern auch Mitarbeitern / Bewerbern.

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