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Der „ernsthafte Flirt“: Ein Bild für den unternehmerischen Kennenlernprozess

Die Anbahnung eines Kooperationsverhältnisses zwischen einem Menschen und einem Unternehmen (gemeinhin Bewerbung/Recruiting genannt) kann man gut mit einem – mehr oder weniger ernsthaften – Flirt zwischen Mann und Frau vergleichen.
Ohne jetzt in eine große Gender-Debatte darüber einsteigen zu wollen, kann man intuitiv sagen: Egal, um was es für ein Unternehmen geht, es hat beim Anstellungsprozess eher die „weibliche Rolle“, und egal, ob der Bewerber eine Frau oder ein Mann ist, sie/er hat eher die „männliche Rolle“ in diesem Spiel zwischen Mensch und Unternehmen.
Einen Aspekt, der an diesem Vergleich für mich produktiv ist, möchte ich hier etwas ausführlicher erläutern (es gibt noch andere interessante Aspekte, die der Vergleich hergibt, aber für hier versuche ich mich mal zu beschränken):
Stellen wir uns mal einen Flirt zwischen zweien vor, die sich neu kennenlernen. Sie sitzen z.B. ganz klassisch in einem schönen Café und „schauen sich tief in die Augen“. Sie reden auch und sie versuchen sich kennen zu lernen, weil sie jeweils für sich abschätzen wollen, ob das hier „für mich was Ernstes ist“, d.h.: ob man eine dauerhafte Bindung eingehen will, in der man zukünftig viel miteinander zu tun haben wird.

Die Grundfragen unter denen das Treffen steht, bei aller Leichtigkeit, die es hoffentlich trotzdem für beide Seiten hat, sind:
Wie wird es sich anfühlen / wie wird es mir gehen, wenn ich mich auf den / auf die einlasse? Ist der/die gut für mich? Tut er/sie mir gut? Kann man mit ihm/ihr Spaß haben? Wie wird er/sie in angespannten, nicht so guten Zeiten drauf sein und dann auch mit mir umgehen? Womit muss ich rechnen? Womit darf ich rechnen, wenn ich mit ihm/ihr eine Bindung eingehe und wir uns fortan „täglich sehen“?
Kurz: Es geht um eine „gemeinsame Zukunft“.
Was nun im klassischen Recruiting von Unternehmen-Seite bisher oftmals passiert, ist, dass man sich ausführlich mit der Vergangenheit eines Bewerbers beschäftigt und seinen „bisherigen Stationen“, „Seiner Motivation dort und seiner Motivation zum Wechsel“, etc.
Das tut das Unternehmen, um heraus zu finden, wie der Bewerber sich verhalten wird, wenn „es ihn zu sich nach Hause einlädt“.

Wenn wir den obigen Vergleich bemühen, ist das gleichbedeutend mit einem Gesprächsverhalten einer Frau beim Date, die den Mann, der ihr nicht schlecht gefällt, darauf befragt, wie es so mit seinen bisherigen Beziehungen war und wie er sich dort verhalten hat, warum die Beziehungen jeweils zu Ende gingen und was ihn motiviert hat, sich danach diese und nicht jene neue Frau/Freundin zu suchen…
Machen nicht viele Frauen, oder?
Worauf ich hinaus will, ist: Menschen sind ungemein plastisch. Wie wir uns verhalten, hängt extrem stark von „den Rahmenbedingungen“ ab. Und die wichtigsten aller Rahmenbedingungen für einen Menschen sind IMMER: Die Verhaltensweisen der ANDEREN Menschen, die ihn umgeben, mit denen er interagiert und kooperiert. Wir haben alle zwar ein Riesenpotential, aber die Spiele, die wir täglich spielen, hängen ebenso stark von unserem Spielpartnern ab wie von unseren eigenen Mustern, die wir mit ins Spiel einbringen. (Und genauso natürlich umgekehrt: Meine Verhaltensweisen beeinflussen stark, von welcher Seite sich mein Partner zeigt und überhaupt zeigen kann…).
Das heißt für die Situation des „ernsthaften Flirts“, im Privaten wie im Beruflichen: Die vergangenen Erfahrungen geben nur sehr bedingt was her, wenn man versucht einzuschätzen, wie jemand sein wird, wenn man sich erst mal auf ihn eingelassen hat. Denn, was dabei die entscheidende Rolle spielt, sind: Die eigenen Muster. Denn sie bestimmen extrem stark, wie der neue Partner sich verhalten kann / wird, wenn wir uns auf ihn einlassen.
D.h.: Die prognostische Kraft der Auseinandersetzung mit vergangenen Stationen eines Bewerbers geht genau dann gegen Null, wenn ein Bewerber bisher „ganz andere Partnerinnen hatte“. Denn dann weiß nicht mal er selbst, „was es mit ihm machen wird“, wenn er sich nun auf eine Partnerin / ein Unternehmen von ganz anderer Art einlässt.
Hinzu kommt nun: Die viel größere berufliche Mobilität in unseren Tagen, in jeder Hinsicht. D.h. heutzutage sind die Chancen deutlich höher als noch vor ein paar Jahren, dass ein Bewerber woanders ganz anderes erlebt hat und sich „bei uns“ ganz anders verhalten kann / wird, als er das in der Vergangenheit bei seinen früheren Arbeitgebern getan hat.
Aus diesen Gründen würde ich Unternehmensvertretern im Kennenlernprozess empfehlen, nicht all zu viel nach beruflichen Vergangenheit eines potentiellen zukünftigen Mitunternehmers zu fragen. Es ist ganz einfach Zeitverschwendung und führt zu wechselseitiger Schauspielerei anstatt zu wechselseitiger Aufrichtigkeit. Eher könnte es spannend für beide Seiten sein,  wenn er möglichst schnell möglichst umfassend mit seinen potentiellen Aufgaben und Kooperationspartnern in Kontakt kommen kann. Und dann geben „die Aufgaben selbst“ und  die zukünftigen Kollegen das Feedback. Das ist durch intensive Gespräche über die konkreten Aufgaben möglich, am Besten jedoch durch den guten alten „Probearbeitstag“ + Feedback aus dem Team danach.
Fazit: Die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft sollte bestimmt sein von dieser Zukunft und nicht von der Vergangenheit eines Bewerbers. Und da interessiert mich am meisten die Energie des Bewerbers: Hat der eigentlich LUST auf genau diese Aufgaben – oder eher nicht? Denn Qualifikationen erwirbt man mit Lust sehr, sehr schnell. Vorhandene Erfahrungen und Qualfikationen ohne Lust auf genau die Aufgaben, „die einen neuen Partner suchen“, sind aus meiner Sicht dagegen rein gar nichts wert.
[Erstmals erschienen am 31.10.2012 auf Xing; hier recycelt mit leichten Bearbeitungen.]
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