Syn-Theorein oder „ich sehe was, was Du auch siehst“

Gestern hat mich ein Artikel der Wiener Organisationsbegleiterin Karin Reiter, in dem sie auf Gedanken von Gary Hamel verweist, an ein Thema erinnert, das mir persönlich sehr wichtig ist, das ich aber nichtsdestotrotz immer mal wieder aus den Augen verliere.

Das Phänomen der „gemeinsamen Aufmerksamkeit“ oder des „gemeinsamen Fokus“. – Man könnte es auch das Spiel „Ich sehe was, was Du auch siehst“ nennen oder – wenn man verbildet ist – „Syn-Theorein“ (gemeinsam Schauen).

Klassischerweise ist „Theorie“ ja „reine Betrachtung ohne Beiwerk des Verstandes“. D.h. Aufmerksamkeit in ihrer Reinform, ohne Bewertungen, ohne künstliches Verharren, ohne sich an bestimmten Punkten festzubeißen, relativ nüchtern, eben sachlich. Was sich durchaus verträgt mit einer Haltung, die man durchaus auch „liebevolle Zuwendung zu den Dingen“ nennen könnte. – Aber erst mal eben auch ohne Handlungsimpuls, ohne praktische Absichten. Im Zustand der theoretischen Distanz mit ihrer systematischen Angstfreiheit, kann man auch „Probleme“ so liebevoll betrachten wie ein Gärtner die sorgsam gezogenen Pflanzen in seinem Garten nach getaner Arbeit bei einem kühlen Bier in der Abendsonne.

„Theorie“ in diesem Sinne kann man unterscheiden von unseren Rationalisierungstendenzen, die wir benutzen, um uns genau vor dem Handeln, den Gefühlen, den Verletzlichkeiten und eben der Angst zu drücken. – Diese Bemühungen, dieses „Vernünfteln“ hat immer etwas Ruheloses. Das Auge kann dann gerade nicht „still auf den Problemen ruhen und sie wahrnehmen wie sie eben sind“. Der Theoretiker im antiken Sinn hat keine Agenda, er nimmt einfach wahr, was ist.

So verstandene Theorie macht Sinn nur durch ihren Gegenpol, die Praxis:

Denn Handeln impliziert einen nicht-optimalen Zustand, eine Seins-Sollen-Differenz, die eben das Handeln notwendig macht. Das heißt Handeln ist ohne Bewerten nicht möglich, beruht auf Bewertungen. – Ein Sinn von „Theorie“, ist, sich erst mal davon bewusst frei zu machen, damit einem wertvolle Dinge nicht deswegen entgehen, weil man einzelne Aspekte zu schnell (über-)bewertet, weil man die Notwendigkeit zu handeln zu sehr im Blick hat und genau dieser Druck einem den Blick allzu sehr verengt. – Am Ende des schönen Tages ist natürlich auch der Zweck der Theorie eine bessere Praxis, aber manchmal steht der Druck der Praxis einer guten Praxis eben im Weg. – Und genau hier kommt die menschliche Möglichkeit der Distanznahme vom Handeln ins Spiel: Die Theorie, das reine Betrachten der Dinge.

Zudem vertreten klassische Philosophen die Auffassung „dieses Spiel geht nur ab zwei“, d.h. man könne nur oder jedenfalls viel besser gemeinsam philosophieren. – Und das, obwohl Philosophie auch definiert wird als „Gespräch der Seele mit sich selbst“, was sich durchaus nicht ganz so sozial anhört, um nicht zu sagen: leicht autistisch. Der klassische Peripatos oder die Akademie oder die platonischen Dialoge sind aber keine zufällig gewählten Formen, sondern Ausdruck dieser Einschätzung, dass die Wahrheit dort ans Licht kommt, wo den Dingen gemeinsam Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Mir selbst ist das Phänomen des „Gemeinsam Schauens“ zum ersten Mal während meines Studiums begegnet, und zwar schmerzhaft in seiner Abwesenheit: Dass es an der Universität so überaus selten der Fall war, dass wir in Seminaren wirklich gemeinsam über das Gleiche sprachen und unsere Aufmerksamkeit für eine Sache gezielt zusammen legten; und selten, aber doch: Dass es uns manchmal gelang, alle Blicke auf die gleiche Sache zu richten und darüber zu sprechen. (Bildlich: Die Sache liegt in der Mitte, und ein Kreis von Menschen, sitzt, steht, geht drum herum und schaut auf diesen gleichen Gegenstand). – Ich erlebte eine unglaubliche Kraft und Konzentration, die sich aus dieser Konstellation ganz natürlich ergab. Der Mehrwert des Gemeinsam Schauens war dann mit Händen greifbar, war im ganzen Raum zu spüren. – Ich denke, dass uns dieser Mehrwert des „Gemeinsam Schauens“ prinzipiell jederzeit möglich und zugänglich ist, dass wir es aber deutlich zu selten gemeinsam realisieren. Gerade auch in Unternehmen, aber auch im privaten Bereich mit unseren Freunden und Familienmitgliedern.

Das Phänomen hat auch einen Bezug zum Thema „Empathie“, das mich öfters schmerzhaft berührt. Denn in der schon öfters hier geposteten Empathie-Definition von Brené Brown ist „perspective taking“ der erste von vier Schritten, die die Praxis von Menschen ausmachen, die Empathie professionell praktizieren. – Brown’s Zugang zu Empathie ist kurz, prägnant, bewegend und wirklich sehenswert!

Diese Sichtweise versöhnt meine Neigung zum „Sehen“ (Theoretisieren) mit meinem Wunsch, Menschen und Organisationen so zu begleiten, dass es für sie wirklich nützlich ist und ich den größtmöglichen Beitrag dazu leiste, den ich eben gerade leisten kann.

Diese Sichtweise deckt sich auch mit der Beratungspraxis meines inneren role models, Marie Miyashiro, die bezogen auf Empathie sagt: „Ich spreche mit meinen Kunden nicht über Empathie, ich gebe sie ihnen. – Und WENN der Punkt kommt, dass es aktiv Nachfragen vom Kunden in diese Richtung gibt, DANN thematisieren wir auch das.“ – Da der erste Schritt der Empathie „perspective taking“ ist, bedeutet das nichts anderes, als einfach erst einmal zu versuchen, „die Welt mit den Augen des Kunden und von seiner Position aus zu sehen“. OHNE selbst in dieser Perspektive unterzugehen. Ein Balance-Akt großer Nähe (Einnahme seiner Perspektive) und großer Distanz (Beharren auf meiner Andersheit und daraus hervorgehenden Fähigkeit, Impulse zu geben, wo er selbst nicht weiterkommt) zur gleichen Zeit.

Diese Sichtweise hat auch einen positiven Bezug zu den Gedanken des von mir sehr geschätzten (wenngleich mir manchmal deutlich zu zornigen) Theo Fischer, der in seinem Buch vom Nicht-Handeln das Phänomen Aufmerksamkeit ausführlich behandelt, v.a. in seinen praktischen Effekten und seiner Wirkungsweise, aber auch in den typischen Problemen, auf die wir stoßen, wenn wir „einfach nur aufmerksam“ sein wollen.

Das Phänomen der gemeinsamen Aufmerksamkeit behandelt Fischer zwar nicht, aber es bietet sich an, bei seinen Ausführungen anzusetzen und sie zu einer „sozialen Geschichte“ zu machen, die unsere Individualität, unsere verschiedenen Perspektiven gezielt nutzt.

Generell kann ich das, was ich hier auf ilwyc tue, auch so verstehen, dass ich Dinge beschreibe, die mir so unter kommen und denen ich meine Aufmerksamkeit schenke. – Und das dies eine Einladung ist, zwischendurch mal den gleichen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken und sie gemeinsam zu betrachten. Und zugleich eine Einladung zum Modus des „Gemeinsam Schauens“ generell: Also sich öfter mal an die Seite der Menschen und Mitunternehmer in unserem Leben zu stellen und ohne Bewertung auf das Gleiche zu schauen, was sie gerade im Blick haben.

– Und um sicher zu gehen, ob wir auch wirklich das Gleiche in den Blick nehmen: Mal bei den Menschen, die für uns wichtig sind, nachzufragen, WAS sie denn überhaupt gerade im Sinn haben, was sie gerade beschäftigt.

Das ist etwas, was unsere Unternehmen deutlich weiter bringt, wenn wir dafür Formen finden, die für Unternehmen „in vollem Lauf“ funktionieren. Und ich denke, das ist dem ziemlich ähnlich, was Hamel in dem oben verlinkten Artikel beschreibt.

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Ein Gedanke zu “Syn-Theorein oder „ich sehe was, was Du auch siehst“

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