Wie ich ein (echtes) Bedürfnis von einer (schlechten) Gewohnheit unterscheiden kann

Ich muss vorab eingestehen: Zu dieser Thematik gibt es aus der Marshall-Rosenberg-Ecke vermutlich bereits viel Kluges und Nützliches, das ich noch nicht kenne. Jedenfalls ist jene Ecke die indirekte Quelle dafür, dass ich mich mit dieser Frage überhaupt beschäftige…

Da ich aber Probleme lieber selbst löse als lösen lasse, schreib ich nun mal was dazu, anstatt nach Literatur zu suchen und „nachzulesen“. Macht irgendwie mehr Spaß und vielleicht führt ja gerade so ein unbelesenes Vorgehen auch zu einigem Interessanten und nicht nur zu einer Neuerfindung eines schlechteren Rades…

…zumindest darf man das hoffen.

Gewohnheiten neigen dazu, wie Bedürfnisse auszusehen, sind aber keine Bedürfnisse.

Das liegt daran, dass schon Strategien für uns gerne mal wie Bedürfnisse aussehen: Dass wir also das, was uns befriedigt, mit dem Bedürfnis verwechseln und identifizieren, das gerade durch jene Strategie von uns befriedigt wird.

Zum Beispiel haben wir Hunger (ein verdammt „echtes Bedürfnis“!) und haben uns angewöhnt, immer wenn wir mittags in der Firma Hunger bekommen, eben mal zwischen drin ein paar Muffins zu essen. Geht schnell (befriedigt das Bedürfnis nach Effizienz bzw. bringt mehr Zeit für Leistung und dadurch vielleicht mehr Anerkennung) und kostet nicht viel (wir können mit dem so überbleibenden Geld andere Bedürfnisse befriedigen). – Dass wir mit dieser Ernährungsgewohnheiten anderen Bedürfnissen von uns in den Hintern treten („Kellerkindern“), ist offensichtlich. Vielleicht spielen auch noch andere Bedürfnisse eine Rolle wie etwa das Bedürfnis nach Kontakt und Austausch im privaten Bereich, wenn wir aufgrund einer nicht-genommenen Mittagspause unsere Arbeit früher beenden können.

Wie reden wir aber über so eine Situation? – Vermutlich sagen wir zu uns und unseren Kollegen so etwas wie: „Oh, ich habe Lust auf ein paar Muffins.“ – Ein „Bedürfnis nach Muffins“ gibt es aber nicht. „Muffins“ sind in der gegebenen Situation so etwas wie unsere bevorzugte Strategie, eine Strategie zur Befriedigung unserer Bedürfnisse Hunger, Effizienz und Anerkennung. „Muffins zu Mittag“ ist dann eine multiple Bedürfnis-Erfüllungs-Strategie, an die wir uns schlicht und einfach gewöhnt haben.

Ich möchte vorschlagen, „Gewohnheiten“ generell folgendermaßen zu sehen:

„Gewohnheiten“ sind „unsere aktuellen Lieblings-Strategien“ mit Blick auf bestimmte Bedürfnisse in bestimmten Situationen.

„Schlechte Gewohnheiten“ sind Lieblingsstrategien, die dazu führen, dass andere Bedürfnisse von uns dauerhaft auf der Strecke und unversorgt bleiben. – Eben „Kellerkinder“, die nie zum Zug kommen, die von uns gar keine oder nur unwillig Aufmerksamkeit bekommen und schon gar keine ausgeklügelte Strategie zu ihrer Erfüllung.

Wie unterscheide ich aber nun ein Bedürfnis von einer Gewohnheit, wenn eben Gewohnheiten wie Bedürfnisse erscheinen?

Verschiedene Ideen:

a) Ich könnte mich fragen: Ist das wirklich ein universelles-allgemeinmenschliches Ding, um das es da geht? – Wenn ich das nicht wirklich bejahen kann, handelt es sich nicht wirklich um ein Bedürfnis, auch wenn es sich erst mal so anfühlt (Beispiel: Rauchen, „ich brauch ne Zigarette…“).

b) Ich könnte mich fragen, ob es hier und jetzt einen anderen Weg gibt, Befriedigung zu erhalten. – Wenn ja, handelt es sich wiederum um eine Gewohnheit, der zwar ein Bedürfnis zu Grunde liegt, aber die Gewohnheit selbst ist eben eine (nicht so leicht austauschbare) Strategie, kein Bedürfnis. (Beispiel: Mit dem Auto zur Arbeit, „ich brauch ein Auto…“).

c) Ich könnte mich fragen, ob es eine Zeit in meinem Erwachsenenleben gab, in der ich ohne die Sache, um die es geht, ausgekommen bin. – Wenn ja, handelt es sich um eine Gewohnheit.

Sicher lässt sich noch einiges andere mehr ausdenken, um „Gewohnheiten, die sich als Bedürfnisse tarnen“ zu entlarven.

Wichtiger noch als diese Detektivarbeit den eigenen Denkgewohnheiten gegenüber ist vielleicht die Frage, wie sich solche Gewohnheiten ändern lassen. Dazu gibt es hier die besten Anregungen, die ich bisher finden konnte.

Schlechte Gewohnheiten gibt es aber nicht nur bei uns als Einzelpersonen. Auch ganze Unternehmen können schlechte Gewohnheiten haben. Man nennt sie dort „Prozesse“ oder – was es uns leicht macht, die Übertragung hinzubekommen – „Strategien“. 😉

Der Grund, aus dem solche Gewohnheiten im Fall von Unternehmen problematisch sein können, ist der gleiche wie bei einzelnen Menschen: Bestimmte Bedürfnisse des Unternehmens werden vernachlässigt, um „Lieblingsbedürfnisse“ des Unternehmens notorisch auf die immer gleiche Weise zu befriedigen. – Auch der Einstieg in solche „bad company habits“ ist recht ähnlich: Die Gewohnheiten werden nicht als Strategien sichtbar, also als etwas hinterfragbares, sondern sie werden als Selbstzweck oder letzter Zweck gesehen. Also eben als Bedürfnisse im Marshall-Rosenberg-Sinn.

Wann immer im Unternehmen bestimmte Strategien oder Prozesse nicht hinterfragt werden dürfen, haben wir eine schlechte Gewohnheit vor uns und etwas, das die Verbindung der Mitunternehmer zu ihren eigenen Bedürfnissen als Unternehmer blockiert.

Denn Unternehmen haben natürlich nur im übertragenen Sinne Bedürfnisse. Die „wahren“ Bedürfnisträger sind immer die menschlichen Mitunternehmer, die das Unternehmen betreiben. – Marie Miyashiro, die die Redeweise von „Unternehmensbedürfnissen“ systematisiert hat, die ich hier übernehme, arbeitet das sehr deutlich heraus.

Ist eine Strategie für die Mitunternehmer nicht in ihrer Austauschbarkeit wahrnehmbar und benennbar, liegt deswegen ein Disconnect zu eigenen Bedürfnissen vor, weil der eigentliche Grund, aus dem die Strategie ihre Seinsberechtigung bezieht, unsichtbar gemacht wird. Wir verlieren den Bezug zu dem, was uns eigentlich zu unserer Strategie bewegt.

Im Grunde ist also ALLES in einem Unternehmen volatil, AUSSER den Bedürfnissen, außer den Individualbedürfnissen und den Unternehmensbedürfnissen der Mitunternehmer.

Das muss in einem lebendigen Unternehmen auch so sein. – Werden aus Strategien und Prozessen im Unternehmen dagegen heilige Kühe gemacht, greifen also schlechte Unternehmensgewohnheiten um sich, ist das ein erster handfester Schritt zur Verknöcherung und Bürokratisierung des Unternehmens.

Ohne Kontakt zu der Bedürfnisebene verliert ein Unternehmen zwangsläufig seine Responsivität und seine Fähigkeit, Neues zu integriegen. Ressourcen aus der Umwelt des Unternehmens werden nicht mehr als solche erkannt und können dem ureigenen Zweck des Unternehmens nicht mehr nutzbringend zugeführt werden, weil vor allem der Kontakt der Mitunternehmer zum Zweck des Unternehmens leidet.

Und genau so, wie wir als Menschen durch das Abschütteln alter Gewohnheiten neue Lebendigkeit gewinnen, gewinnen auch unsere Unternehmen neue Vitalität, Innovationskraft und Fähigkeiten, echte Kundenbedürfnisse zu befriedigen, wenn sie sich von ihren alten Gewohnheiten trennen oder zumindest den Willen entwickeln, zu „den Bedürfnissen dahinter“ durchzudringen und sich mit diesen Bedürfnissen aktiv zu verbinden.

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2 Gedanken zu “Wie ich ein (echtes) Bedürfnis von einer (schlechten) Gewohnheit unterscheiden kann

  1. Wenn es denn mit dem Abschütteln so einfach wäre. Schlechte Gewohnheiten kleben wie Kletten. Echte Bedürfnisse von antrainierten/übergestülpten usw. unterscheiden zu können, bedarf je nach Thema intensiver Aus-ein-an-der-setz-ung:)

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  2. Wie wahr! – Das Unterscheiden ist für mich aber weniger das Problem. Eher das Ändern nach dem Unterscheiden. Hier ist der verlinkte Ansatz von Alan Deutschman (in seinem Buch mit dem bewusst irreführenden Titel „Change or die“) das Beste, was ich bisher dazu gefunden habe. – Im Kern geht es um das gute alte „Lernen am Modell“, allerdings an einem Modell, das man innerlich auch annehmen kann und will und mit dem man länger interagiert als man eben ein paar flotte Stündchen…

    Daneben habe ich noch die Hoffnung, dass eine tiefe Bedürfnisverbindung so manche schlechte Gewohnheit „schmelzen lässt wie die Frühlingssonne den Winterschnee“. – Allerdings bin ich selbst da nicht. Ist bei mir nur so eine Ahnung, dass so etwas möglich sein könnte…

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