Warum Banken in Zukunft immer überflüssiger für uns werden

Derzeit erleben wir eine Zeit, in der sich die Welt wieder enger vernetzt und zusammen schließt. Auch wenn heute deutlich weniger darüber gesprochen wird als noch vor einigen Jahren, sind wir heute deutlich näher am Zustand eines „global village“ als jemals zuvor. Und werden es mit Sicherheit morgen noch mehr sein als heute.

Das lässt sich an vielerlei ablesen: Daran, dass lokale Naturkatastrophen mittlerweile regelmäßige eine Spendenbereitschaft in weit entfernten Regionen auslösen, also bei Menschen, die kaum von ihnen betroffen sind und nur über die Bilder und Töne der Medien von dieser Not erfahren.

Oder daran, dass ein Reaktorunfall in Japan dazu führen kann, dass die konservative Partei in einem größeren Land in Europas schlagartig ihrer hauseigenen Atomlobby in den Rücken fällt, deren bester und zuverlässigster Freund sie jahrzehntelang war.

Oder dass nahezu jeder lokale politische Konflikt heutzutage in nahezu jeder anderen Region wahrgenommen wird und nicht selten auch für sie Bedeutung hat: Weil sehr konkrete wirtschaftliche Interessen von diesem Konflikt betroffen sind, oder weil Menschen mit Wurzeln in jener Region auch in der eigenen Region leben, oft: in nicht allzu kleiner Zahl.

Oder weil man die Region bereits selbst bereist hat, in ihr gearbeitet hat, oder weil man geliebte Menschen hat, die sich aktuell in genau jener Region aufhalten oder schon länger dort leben.

Das alles bringt einem „die Welt“ nahe und immer näher.

Am gewaltigsten ist aber die Vernetzung in der Subwelt „des Handels“: Wir leben in einem Zeitalter, in der gerade jegliches Business „geprüft“ wird, ob es sich auch durch direktere Vernetzung zwischen Anbieter und Kunden ersetzen lässt, bzw. ob durch diese Vernetzung menschliche Bedürfnisse besser befriedigt werden als durch die Zwischenhändler, an die wir uns die letzten Jahrzehnte gewöhnt haben, als sei ihre Existenz eine naturgegebene Selbstverständlichkeit.

Die neuen Formen des Online-Handels, die derzeit in nahezu jedem Business aufblühen,  machen schmerzhaft-lustvoll deutlich, dass etwas, das wir als gegeben und natürlich empfinden, nicht allein deswegen schon für die Ewigkeit gemacht ist.

In vielen Branchen fühlt sich der Online-Handeln und die Möglichkeiten des Internet-Business an wie ein großer Kehraus. – Es ist absehbar, dass ausschließlich die Wirtschaftsformen weiterhin a) zentrale Institutionen und b) „Filialen vor Ort“ haben werden, in denen persönlicher, direkter Kontakt „von Angesicht zu Angesicht“, in denen die gleichzeitige physische Anwesenheit von Mitunternehmern und Kunden im gleichen Raum für die Kunden einen entscheidenden Mehrwert hat.

Bei allen anderen Geschäften ist mit großen Rückgängen, Parallelentwicklungen bis hin zum Verschwinden ganzer Branchen zu rechnen.

Das ist nicht schlimm. Es ist eine Verbesserung. Und: Es ist der Lauf der Dinge.

Im Finanzsektor hat sich mittlerweile nach „der großen Bankenkrise vor ein paar Jahren“ (die eigentlich eine Investitionskrise war) viel getan. Menschen haben sich nach Alternativen umgeschaut. Spricht man beispielsweise mit Menschen, die professionell mit „alternativen Geldanlagen“ zu tun haben, so berichten diese von einer großen Steigerung der Nachfrage. – Diese Nachfrage scheint derzeit weiter anzuhalten, obwohl die institutionellen Nachwehen dieser Krise längst abgeflaut sind.

Die größte Innovation im Bereich Geldflüsse und Geld-Investitionen sind aber keine neuen Banken, sondern neue Formen, auf denen Menschen zu Kapital kommen, in dem sie mit Menschen, die Kapital investieren wollen, in deutlich direkteren Kontakt treten können als bisher.

Die Rede ist natürlich von „Crowdfunding“ und „Crowdinvesting“. Plattformen wie startnext in Dresden und Berlin oder mashup-finance in München revolutionieren gerade den Finanzsektor. – Sie tun das weitgehend unbemerkt, auf „Taubenfüßen“, nicht „mit Pauken und Trompeten“. Sie tun das „nebenher“, ohne den Anspruch zu haben, revolutionär zu sein, und ohne überhaupt das Ziel zu haben, durch ihre Aktivitäten große Veränderungen zu bewirken.

Diese Anbieter haben vielmehr sehr praktische und sehr persönliche Ziele vor Augen. Aber hinter dem Rücken ihrer eigenen Aktivitäten revolutionieren sie tatsächlich unser Wirtschaften und Zusammenleben. – Viele sind sich der Bedeutung noch nicht bewusst, die diese Angebote für uns alle haben werden.

Denn durch diese Angebote ermöglichen solche Plattformen etwas, dass es bisher so nicht gab, auch nicht bei den idealistischsten und ethik-getriebensten Anbietern, die bisher am Markt waren, z.B. der GLS Bank in Deutschland:

Bei der GLS kann man zwar angeben, „in welchem Bereich“ man sein Geld anlegen möchte, also ob es eher in ökologische Projekte fließt oder Bildungsprojekte oder Landwirtschaftsunternehmen. Aber es findet keine „individuelle Bindung“ zwischen Geldgeber und Geldnehmer statt. – D.h. auch solche Angebote blockieren die natürliche Beziehung zwischen Investoren und Unternehmen mehr als dass sie sie befördern.

Mit dem Crowdfunding, Crowdinvesting und weiteren Plattformen zur Vermittlung von Stillen Teilhaberschaften, die sicher noch entstehen werden, ist damit eine völlig neue Stufe des Wirtschaftens errreicht, in der unsere Unternehmen deutlich Beziehungs-orientierter sein werden und sein können, als wir das bisher gewöhnt waren.

Auch Unternehmer, die ihren finanziellen Bedarf bewusst nicht mehr über Dritte decken, also nicht über Zwischenhändler wie z.B. Banken, sondern die ihre Kunden, Dienstleister oder andere stakeholder direkt ansprechen, leisten hier einen wichtigen Beitrag zur Gesamtentwicklung.

Banken, falls sie sich im Zuge dieser Entwicklung überhaupt langfristig halten können, werden daher einen gewaltigen Funktionswandel erfahren. – Von aktiven Akteuren am Finanzmarkt weg, hin zu reinen „Partnerschaftsvermittlern“ und „Informationsaufbereitern“, also Institutionen, die Beziehungen ermöglichen, aus denen sie sich selbst weitgehend heraushalten werden. Sie bringen nur noch zusammen, was zusammen passt, und machen es BEIDEN Seiten einer Finanzpartnerschaft LEICHTER ZU ERKENNEN, OB MAN WIRKLICH ZUSAMMEN PASST.

Also auch: Ob man DIESEM Unternehmen sein Geld „gerne geben“ möchte.

Und: Ob man von DIESEM Investor wirklich gerne Geld annehmen möchte.

Hier geht es wie immer um einen reinen Fit, eine reine Passung. – Dass zusammen kommt, was zusammen gehört, und dass nicht zusammen kommt, was nicht zusammen gehört. – Um herauszufinden, wer wirklich zu ihnen passt, werden beide Seiten zunächst ihre EIGENEN Bedürfnisse viel deutlicher klären als im bisherigen Paradigma. Denn nur so können sie ihre Erwartungen klären und direkt kommunizieren, die sie an einen solchen „für mich geeigneten Partner“ haben.

Das betrifft sowohl die Rendite, die Verfügbarkeit des Geldes, aber eben auch das Sinn- und das Beziehungsangebot, das mir die jeweils andere Seite macht. Es wir deutlich mehr um echte Partnerschaften gehen, die uns auch emotional tangieren und unser Investieren, Wirtschaften und Unternehmen dauerhaft „vermenschlichen“ werden.

In so weit Banken solche Beziehungen erleichtern, werden sie eine Zukunft haben im Online-Zeitalter. In so weit sie weiterhin zwischen die Finanzpartner (reale Geldgeber und reale Unternehmen) treten, werden sie überflüssig werden.

Wer verstehen will, was das noch konkreter für die Finanzbranche heißt, reiner Informationsaufbereiter und Partnerschaftsvermittler zu sein, der könnte z.B. einmal den Artikel „Remmidemmi in Berlin“ in der brand eins-Ausgabe vom Oktober 2014 lesen (S. 61 ff.).

Dies alles mag allzu durchtränkt von Wunschdenken erscheinen angesichts der riesigen Kapitalreserven, über die die meisten Banken heute verfügen, und angesichts der Mengen an Geldflüssen, die sie derzeit noch organisieren.

Auch formelle rechtliche Regelungen wie Basel III erschweren die gesellschaftlichen Veränderungen im Finanzbereich, die gerade in vollem Gange sind.

Und es wird auch weiterhin „faule“, nicht-beziehungsorientierte Investoren geben, denen die eigene (Finanz-)Partnerwahl zu anstrengend ist, denen die Zahl der Unternehmen, in die sie sinnvollerweise investieren könnten, viel zu unübersichtlich sind. Die sich gar nicht in ein Unternehmen „verlieben“ wollen.

Und auf der anderen Seite wird es weiterhin Unternehmen geben, die aus schlechter Gewohnheit „und weil das andere ja auch so machen“ Geld auf den bisher üblichen Kapitalmärkten beschaffen. D.h. ohne sich Gedanken darüber zu machen WELCHE MENSCHEN mit WELCHEN BEDÜRFNISSEN sie sich damit mit an Bord holen und was für Beziehungen sie dadurch eingehen und wie sich diese Beziehungen auf die unternehmensinterne Zusammenarbeit auswirken.

Denn man holt sich NIE „nur Kapital“. Man holt sich IMMER auch die Menschen mit an Bord, denen dieses Kapital eigentlich gehört. Und die haben eben Wünsche, Erwartungen. Und dahinter liegend: Bedürfnisse, die diesen Wünschen und Erwartungen ans Unternehmen fortan zu Grunde liegen. – Solche Unternehmen können sich kaum mehr ausschließlich auf ihre Kunden und ihre Mission diesen Kunden gegenüber konzentrieren. Sie sind gefangen in einem double bind. Sie müssen Investoren-Bedürfnissen und Kunden-Bedürfnissen GLEICHZEITIG gerecht werden. Jeder CEO und GF dieser Welt, weiß, wovon ich hier spreche und was das für sein tägliches Handeln und Entscheiden heißt…

Aber all das wird die Entwicklung kaum aufhalten können. Höchstens verzögern. Denn:

Beziehungs-Orientierung ist „menschengerecht“, d.h. sie kommt unseren natürlichen Neigungen entgegen. Aus dem gleichen Grund haben höchst abstrakte Gebilde wie Staaten und Großkonzerne auch heute noch Könige, Bundespräsidenten und Vorstände, die reine Repräsentativ-Aufgaben übernehmen: Weil wir gern „ein Gesicht dazu haben“. – Wir suchen Beziehungen, selbst zu vollkommen abstrakten Größen, selbst zu rein rechtlichen Konstrukten.

Bisher waren solche menschengerechten Beziehungen aber grade im Finanzbereich eben nicht möglich. Daher stellten wir auf reine Zahlen, Prozesse und Wahrscheinlichkeiten ab. – Genau das hat sich aber durch das Online-Zeitalter dauerhaft verändert. Wir sind nun in diesem Bereich wieder beziehungsfähig.

Hinzu kommt: Das Zeitalter von „to big to fail“ ist offensichtlich vorbei. Ich kann lange ein „systemrelevantes Unternehmen“ gewesen sein: Heute kann ich teilweise gar nicht so schnell schauen, wie ich plötzlich vollkommen überflüssig bin…

Und schließlich und letztlich: Das formelle Recht ist das langsamste aller Gesellschaftssysteme (mit Luhmann gedacht). Alle anderen Bereich haben mehr Dynamik, verändern sich schneller. „Das Recht“ zieht dann irgendwann nach, nachdem es die neuen Entwicklungen lange behindert hat, weil es auf Einhegung von Schäden abstellt, die in früheren Zuständen der Gesellschaft deutlich wahrscheinlicher waren als sie es heute sind.

Um das Recht muss man sich daher nicht kümmern. Es kümmert sich um sich selbst. Juristen sind wie die Herausgeber des Dudens: Die Sprache (genauso wie das Wirtschafstleben) ist im Fluss und verändert sich. Die Dudenmitarbeiter nehmen nach und nach diese Veränderungen in den Kanon des „Richtigen“ auf. D.h.: Was gestern noch falsch war, kann schon heute richtig sein. Nichts anderes tun Juristen. Sie gestalten das Recht durchaus aktiv, aber nicht kreativ, sondern reaktiv.

Die Musik spielt derweil ganz woanders. Nämlich bei kleinen, neuartigen Unternehmen im Finanzbereich, die die heute schon bestehenden Rechtslücken und Rechtsmittel kreativ nutzen, um ganz neue Beziehungen beim Thema Investitionen ins Leben zu bringen. Die Geldgeber und Kreditnehmer auf neuartige Weisen verbinden anstatt sich selbst aufzublähen und zwischen sie zu stellen.

Heute ist es an der Zeit, beim Investieren und bei der Kreditaufnahme anders, in ganz anderem Sinne als bisher „unternehmerisch“ zu handeln. – Und das Online-Zeitalter stellt uns dazu völlig neue Möglichkeiten zur Verfügung.

Die einen werden sie früher nutzen. die anderen später. Und einige Unternehmen werden gar nicht mehr da sein, um sich überlegen zu können, ob sie vielleicht zu spät auf den Zug aufgesprungen sind…

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3 Gedanken zu “Warum Banken in Zukunft immer überflüssiger für uns werden

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen! In der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ lautet dieses Wochenende ein Aufmacher: „Absolventen drehen sich von Banken weg“ (sicher in den nächsten Tagen im Karriereteil online zu finden)! Als ich im Juni mit Führungskräften aus dem Vertrieb einer namhaften österreichischen Bank arbeitete, bekam ich auch zu hören, dass die Jungen nicht mehr zu halten seien: MitarbeiterInnen finden und binden, damit sieht es also schlecht aus für die Banken. Wen wundert’s…

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  2. Danke Dir auch für diesen Kommentar, Karin!
    Erst heute bin ich auf Xing auf ein Link zu folgender Übersicht gestoßen: http://www.germancrowdfunding.net/plattformen/

    Wir dürften uns einem Zustand nähern, in der beinahe zu jeder möglichen Unternehmensart schnell (Platt-)Formen gefunden werden können, wie wir uns an solchen Unternehmen direkt finanziell beteiligen können, wenn wir auf der Suche nach „sinnvollen Investments“ für uns sind. Bzw. umgekehrt, wenn wir selber für eins unserer Unternehmen Geldgeber finden wollen: Wir haben heute, wenn wir findig sind, eher die Wahl, wohin wir uns wenden, von wem und wie wir uns Kapital beschaffen wollen.

    Diese vielfältigen Möglichkeiten fordern sehr unsere eigene Klarheit über das, was uns wirklich wichtig ist und was uns weniger wichtig ist. Ist man sich über diese seine eigenen Bedürfnisse unklar und unsicher, wird man aus dieser Unsicherheit heraus vielleicht weiter zu herkömmlichen „Kreditinstituten“ gehen. – Und auch das wieder auf beiden Seiten: Als Kreditgeber und als Kreditnehmer.

    Wie siehst Du das?

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