Ehrgeiz – Fossiler Treibstoff in Unternehmen

Momentan betanken wir unsere Unternehmen mit einem fossilen Treibstoff, der große Rückstände in den Unternehmensleitungen zurücklässt:

Wir betanken unsere Unternehmen mit Ehrgeiz. – Viele Menschen sind von ihrer Erziehung her ehrgeizig, geformt durch die Botschaften, die sie von Eltern, Erziehern, Lehrern, Freunden und Verwandten immer und immer wieder gehört haben. – Unternehmen machen sich diesen Ehrgeiz zu nutze und feuern ihn weiter an (Und verheizen darüber oft die Menschen, die nur leider an diesem Ehrgeiz kleben und daher mit drauf gehen…).

Nun kann man fragen: Was soll verkehrt sein an etwas so Verbreitetem und Nützlichem wie Ehrgeiz? Ist es nicht normal und sogar gut, dass man etwas leisten will, dass man einen Beitrag leisten will und dass man will, dass dieser Beitrag gesehen und honoriert wird?

Hier kommt nun eine nur scheinbar subtile Unterscheidung ins Spiel. Zumindest sollte sie ins Spiel kommen, wenn es nach mir geht:

Der Unterschied zwischen dem Wunsch nach Anerkennung und eben dem Ehrgeiz.

Der Wunsch nach Anerkennung ist tatsächlich ein allgemein menschliches Bedürfnis. Es gibt keinen Menschen, der diesen Wunsch nicht hat. Er besteht darin, dass man gesehen wird, wie man ist, und das heißt: auch mit den eigenen vorhandenen guten Seiten, die jeder von uns hat. Jeder braucht Streicheleinheiten verschiedener Art, wie unabhängig, autistisch oder grob und „schmerzbefreit“ sich jemand auch geben mag. Jeder von uns sehnt sich nach „Du bist okay“ oder sogar „Du bist wertvoll“-Botschaften aus seinem Umfeld, v.a. von bestimmten anderen Menschen.

Aber Ehrgeiz ist eben kein allgemeinmenschlicher Wunsch nach Anerkennung. Das Wort „…geiz“ kommt nicht von ungefähr in ihm vor (wie überhaupt das Deutsche in vieler Hinsicht eine sehr kluge, eine sehr informative Sprache ist…). Nicht jeder Mensch ist ehrgeizig. Vor allem sind nicht alle aktiven und anhaltend erfolgreichen Menschen ehrgeizig, wie man meinen könnte.

Ehrgeiz rührt aus einer tiefen, oft subtilen Verletztheit, aus einem Gefühl der Unzulänglichkeit, einem dringenden Bedarf nach Bestätigung von Außen, um sich zu vergewissern, dass man ganz grundsätzlich in Ordnung ist. Ehrgeiz wird aktualisiert sich in der Illusion, innerlich zu implodieren, einem Gefühl von Leere, wenn man im Außen keinen Erfolg hat. Viele Menschen reagieren auf anhaltende „Du-bist-nicht-okay-so-wie-Du-bist“-Botschaften aus ihrer Kindheit und ihrem aktuellen Umfeld so, dass sie aber mal so richtig Gas geben. Weniger noch um es dem aktuellen Umfeld oder dem lieblosen Vater von annodazumals zu beweisen. Sondern mehr, um es sich selbst zu beweisen, dass sie im Grunde eben doch ganz in Ordnung sind.

Mit diesem Treibstoff befüllen wir unsere Unternehmen derzeit noch allzu häufig und allzu viel.

Und DIESER Treibstoff, diese Energiequelle, dieses schadstoffreiche Motiv guter Leistung hinterlässt eben hartnäckige Rückstände in unseren Unternehmen, die um so schwerer zu beseitigen sind, um so länger wir schon mit diesem unsauberen Fusel fahren.

Fest eingefressener Frust, regelmäßige Missverständnisse, Selbstverständliche Egoismen, seltene oder chronische Rechtsverletzungen, dramatische Fehlentscheidungen, fehlende Absprachen, ja generell fehlende echte Kommunikation unter den Mitunternehmern: All das sind Folgen davon, wenn wir uns entschieden haben, unser Unternehmen „mit Ehrgeiz“ laufen zu lassen.

Ich schlage dem gegenüber vor, auf einen neuen, auf einen nachwachsenden Treibstoff umzustellen: Auf die Geteilte Mission und auf den Wunsch, zu den Bedürfnissen anderer Menschen beizutragen ( = der Kunden).

Aber auch hieraus kann „Ehrgeiz“ entstehen. Oder genauer: Auch eine geteilte Mission kann mit Ehrgeiz verschmutzt werden. – In der Regel wird das daran am leichtesten erkennbar, dass sich die Mitunternehmer gegenüber der Mission geradezu aufopfern – unter Vernachlässigung ihrer anderen Bedürfnisse, die eher in ihrer Familie oder bei ihren Freunden oder im Alleinsein gut aufgehoben sind. Ihr Beteiligung gerade an einem sinnvollen Unternehmen bringt sie aus ihrem Gleichgewicht, weil sie eben für sich noch nicht im Gleichgewicht sind. – Dem Gleichgewicht der Gleichwertigkeit eigener Bedürfnisse und der Bedürfnisse anderer Menschen nämlich.

Unternehmen, die einen absoluten Kundenfokus haben, brauchen es um so mehr, dass die Mitunternehmer „aufeinander gut aufpassen“ und dass es eine Kultur oder Üblichkeit im Unternehmen gibt, einander darauf aufmerksam zu machen, wenn einer von uns gerade schon länger seine Balance verloren hat.

Nicht um ihn abzusägen (das macht in solchen Unternehmen wenig Sinn, da ich keine Konkurrenz beseitige, sondern mich dadurch nur einer Ressource beraube), nicht um eine „Du-bist-nicht-okay“-Botschaft rüber zu schieben, nicht um mich im anderen selbst zu heilen, sondern einfach, weil ich den anderen brauche und schätze und will, dass er sich weiterhin dauerhaft für unser gemeinsames Unternehmen einbringen kann.

All das ist heikel. – Aber es ist auch offensichtlich, dass wir hier nicht über die Selbstverständlichkeiten sprechen, die in Unternehmen herrschen, die noch völlig selbstvergessen auf interne Konkurrenz und das Konzept der Karriere setzen. Dort ist solche Ansprache tatsächlich schräg und völlig unmöglich. Sie MUSS dort immer nach hinten losgehen.

In Unternehmen mit gemeinsamem Ziel gibt es aber genau in diesem Punkt andere Möglichkeiten.

Das heißt: Nur gute Unternehmen können ohne Ehrgeiz fahren. – Die Verkrustungen des schlechten Treibstoffes sind in schlechten Unternehmen unvermeidlich. Und genau aus diesem Grund werden sie dort auch als ganz selbstverständlich hingenommen oder sogar gar nicht mehr bemerkt…

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