Lob der Neugier, Lob der Offenheit

Der grundlegende Modus, in der wir alle in diesem Leben unterwegs sind, ist der von trial and error, Versuch und Irrtum.

Man muss gleich einschränkend sagen, dass in einer dynamischen, komplexen Welt, wie der unseres Wirtschaftssystems, Versuch und Irrtum nur sehr bedingt zu „wertvollen Lernerfahrungen“ führt. Denn unter sich ständig wandelnden „Umwelt“-Bedingungen kann das, was ich „gelernt“ habe, mich schon in der nächsten Minute zu einem Handeln führen, das unter den neuen, veränderten Bedingungen „falsch“ ist.

Nichtsdestotrotz ist trial and error das Beste, was wir haben. – Alle anderen Handlungsprinzipien führen zu noch üblerem Feedback, zumindest in den meisten Situationen. – In stabilen Situationen können wir Regeln, also Schließungen bilden. Nur wissen wir oft nicht sicher, wann eine Situation wirklich „stabil“ ist, da wir ja „Situationen“ selbst konstruieren. Und da wir diese Situationen unter Rückgriff auf unsere vergangenen Erfahrungen bilden, neigen Situationen – durch unseren Arbeitsmodus verursacht – tendenziell IMMER dazu, „stabil“ aus zu sehen. – Dass das eben eine Misskonstruktion von uns war, dass wir etwas auf stabil gesetzt haben, was es „in Wahrheit“ nicht ist, entnehmen wir dem „Realitätsfeedback“, das sich bei uns durch „Irritation“ äußert. – Wenn wir also verwirrt sind, haben wir eine neue Situation vor uns.

Wenn wir nicht verwirrt sind, haben wir möglicherweise auch eine neue Situation vor uns, haben uns aber durch unsere Regelbildungen hinreichend gut gegenüber Irritationen abgeschottet, um nicht zu merken, dass wir uns in einer für uns neuen Situation befinden.

Wir versuchen nichts Neues und irren daher um so entschiedener…

Was aber bringt uns dazu, etwas „zu versuchen“, also im engeren Sinne: Etwas NEUES auszuprobieren?

Eben die Neugier. – Daher sind die Lernmaschinen unter uns, nämlich unsere Kinder, auch so wahnsinnig neugierig und müssen alles mögliche anfassen, ausprobieren, erfragen, versuchen…

„Welterschließung“ nennt man das wohl.

Wir als besorgte Eltern haben dabei Angst, dass sie die heiße Herdplatte berühren, vor ein Auto auf die Straße laufen oder an die falschen Freunde geraten… (Angst vor irreversiblen Erfahrungen, die vermeintlich mehr Schaden als Nutzen stiften…)

In der Tat ist es so, dass wir über dieses kategorische Ausprobieren, durch den Drang dazu für uns herausfinden:

„Oh, das ist ja toll, das mach ich gleich nochmal…“

Oder:

„Auweh, das war ja grade nicht ganz so super, dass lass ich besser mal…“

Es führt uns also dazu, dass wir immer „reicher an Erfahrungen“ werden, v.a. an wirklich neuen Erfahrungen (nicht: „Mehr vom Selben“).

Es führt uns aber auch leicht in gewisse Süchte. Und zwar genau dann, wenn wir zunächst eher viele unangenehme Erfahrungen gemacht haben. – Denn dann und nur dann neigen wir dazu, bei einer einmal gut gemachten Erfahrung zwanghaft zu verweilen und die entsprechenden Verhaltensweisen notorisch zu wiederholen. Anstatt uns durch das erfolgreiche tolle Ausprobieren zu weiterem Ausprobieren ermutigt zu fühlen, flüchten wir uns in diese „einmalige positive Erfahrung“ als sei sie ein rettender Hafen für uns…

Trial and error ist damit am Ende, unsere Neugier und unsere Lebendigkeit damit auch.

Manchmal sagt man ja: „Wer für alles offen ist, der ist nicht ganz dicht.“ – Das beschreibt sehr schön, dass es Erfahrungen gibt, v.a. die Gleichzeitigkeit mehrerer Erfahrungen, die uns  akut überfordern. – Es beschreibt aber auch sehr schön den Operationsmodus solcher Menschen, die relativ mutig durch ihre Leben gehen, die sich „von ihren Erfahrungen verletzten lassen“ und denen es gelingt, auch in einer „schlechten Erfahrung“ (oder zumindest danach) neugierig zu bleiben.

Das Gleiche wünsche ich mir für  uns und wünsche ich mir für unsere Unternehmen: Dass Sie „jung im Herzen bleiben“, neue Dinge ausprobieren, offen sind für neue Erfahrungen mit ihren Kunden und miteinander. – Das ist keine Frage des „Alters der Belegschaft“. Es gibt Unternehmen mit einem „gefühlten Altersschnitt von 60“, die genau eine solche Haltung an den Tag legen, die neue Wege gehen, die Lust haben und vor allem den Mut, Neues auszuprobieren.

Es ist eher eine Frage, ob sich ein Unternehmen erstickt in schlechten Plänen, Regeln, Prozessen, die es „systemisch verknöchern“ und „in sich verschließen“. In denen NUR noch auf Bewährtes (die einmalige positive Erfahrung „am Markt“) setzen und denen die natürliche Neugier abhanden gekommen ist. In denen kein Raum mehr dafür ist, sich überraschen zu lassen. – SOLCHE Unternehmen sind überaltert, „frühzeitig vergreist“. Und das können auch sehr „junge Unternehmen“ sein, sowohl was das Durchschnittsalter der Belegschaft angeht als auch was das Alter des Unternehmens selbst angeht.

Neugier und Offenheit sind unternehmerische Tugenden. – Verliert ein Unternehmen seine Tugenden, verliert es sich selbst: Es wandelt sich dann von einem Unternehmen zu einem Bürokratieapparat, es altert und stirbt.

Das ist der natürliche Weg der Dinge. Bei Unternehmen nicht anders als bei Menschen.

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