The dark side of empathy

Die amerikanische Unternehmensberaterin Marie Miyashiro, von der ich mit das Meiste lernen durfte, was ich über die Begleitung von Unternehmen zu wissen glaube, erzählt von Zeit zu Zeit folgende Geschichte:

Unter den Native Americans gibt es einen Brauch, wenn jemand ein Problem hat und bei mir als einem anderen Stammesmitglied Hilfe sucht:

Kommt jemand zum ersten Mal mit einem Problem zu mir, höre ich ihm einfach zu, schenke ihm meine ganze Aufmerksamkeit und alles Mitgefühl, zu dem ich gerade in der Lage bin – In der Hoffnung, dass er dadurch den Knoten bei sich lösen kann, in den er sich gerade verstrickt hat.

Kommt er ein zweites Mal zu mir mit dem gleichen Problem, so gebe ich ihm den besten Rat, den ich für eine solche Situation kenne – In der Hoffnung, dass er ihn befolgen und dass er sein Problem lösen möge.

Kommt er ein drittes Mal zu mir mit dem gleichen Problem…

…dann schicke ich ihn weg.

Als Grund gibt Marie an: Empathie ist kein Selbstzweck, er ist ein Mittel zum Zweck. Ein kraftvolles Mittel, denn in wirklich vielen Situation ist Empathie „die allerbeste Medizin“ und weitaus heilsamer und wirkungsvoller als ein Ratschlag. Wir haben alle schon einmal erlebt, dass sich eines unserer vermeintlichen unlösbaren Probleme ganz unverhofft einfach dadurch aufgelöst hat, dass wir jemandem anderen davon erzählt haben, der nichts anderes getan hat als uns aufmerksam und innerlich anteilnehmend zuzuhören. DAS ist die KRAFT der Empathie. Diese Kraft und ihre Wirkung wird z.B. wunderbar beschrieben am Anfang von Michael Endes „Momo“, wo das einmalige Zuhör-Talent der Heldin in allen Facetten dargestellt wird. – Marie Miyashiro fasst diesen Vorgang unter anderem in die Formel: „The quality of the listening forms the quality of the speaking.“

Was die kleine Geschichte über angebliche Sitten und Gebräuche bei irgendwelchen amerikanischen Ureinwohnern aber auch verdeutlicht ist: Empathie kann süchtig, kann abhängig machen. Sie ist so wohltuend, dass wir möglicherweise immer wieder hingehen und wortreich immer einen neuen und anderen Aspekt unseres Problems ausbreiten (besser wäre vielleicht zu sagen: erfinden), nur um wieder in ihren Genuss zu kommen.

DAS ist die „DARK SIDE“ der Empathie.

Die dunkle Seite der Empathie ist dagegen nicht, dass sie etwa manipulativ eingesetzt werden könnte. – Wer dieser Ansicht ist, hat noch keinen wirklichen Begriff davon, was Empathie ist und was sie von äußerlichen Techniken wie „coping“ im NLP oder Taschenspielertricks z.B. von Vertrieblern unterscheidet. – Echte Empathie kann man nicht spielen, denn sie ist ein Prozess, der einen selbst nicht unberührt lässt. – Demgegenüber zeichnen sich „Techniken“ eben dadurch aus, dass sie ihren Anwender vermeintlich unberührt lassen und nur etwas mit „dem Objekt der Technik“ anstellen.

Die hier verlinkte 3-minütige Animation eines Vortrags der Sozialforscherin Brené Brown verdeutlicht das auf wunderbare Weise.

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