Hassliebe zum eigenen Unternehmen

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, weiß, dass ich gerne das Bild der (Liebes-)Paarbeziehung dazu benutze, um mit dieser Metapher auf Unternehmen und unsere Beziehungen in und mit ihnen zu schauen.

Das mag sinnig oder unsinnig sein. Da „die Wahrheit die Erfindung eines Lügners ist“ und „Metaphern per se in einer gezielten Lüge bestehen, die nur im Fall der toten Metapher eine unbewusste Lüge ist“ (es werden nicht-passende Aspekte zugunsten von ähnlichen Aspekten ausgeblendet), bin ich relativ entspannt bei der Frage, ob die Übertragung dieses Bildes ins Business möglicherweise unsinnig ist. Sie gibt einfach viel her.

Für mich ist die Beziehungs-Metapher in Bezug auf Unternehmen überaus spannend und in manchen Fällen auch überaus aufschlussreich. Durch sie zeigen sich Verhältnisse und Möglichkeiten im Business, zu denen man sonst nur umständlich vordringt. – Zudem erfüllt diese Metapher von ihrem Potential her alle Bedingungen für den Tatbestand eines klassischen „Reframings“.

Heute hat es mir ein ganz bestimmter Aspekt der dauerhaften Paarbeziehung angetan:

Dass die Gründe, aus denen wir uns für einen bestimmten Partner entscheiden und mit ihm einen bedeutsamen Teil unseres Lebens verbringen, exakt die Gründe sind, die uns irgendwann an der Partnerschaft zweifeln lassen. – Anders gesagt: Unser Partner bringt Eigenschaften mit, die wir lieben, die wir attraktiv finden, die uns zu ihm hinziehen, wegen denen wir uns „für ihn entscheiden“. – Dieselben Eigenschaften unseres Partners nerven uns aber irgendwann und stoßen uns (mindestens innerlich) von ihm weg.

Es sind eben nicht „andere Eigenschaften“ als die am Anfang der Beziehung (in der Rosarote-Brillen-Phase) wahrgenommenen, die uns an einem langjährigen Partner stören, sondern genau die gleichen, die wir zu Anfang der Beziehung so anziehend fanden und die unsere romantischen Gefühle beflügelten.

Das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel jeder guten Beziehung. – So findet sich eine Frau, die zunächst den Luxus genossen hat, den ihr ihr gutverdienender Mann bieten kann, irgendwann in der Lage wieder, dass sie entweder nervt, wie wenig ihr Mann zu Hause ist, um eben jenen guten Verdienst zu erwirtschaften oder seinen Geiz, mit dem er diesen angespart hat, oder gerade seine leichtfertige Verschwendungssucht und Freigiebigkeit oder irgendeine andere damit verbundene Eigenschaft. – Oder ein Mann hat sich in die extrovertierte, lebendige Art einer Frau verliebt, sie geheiratet und fühlt sich nun plötzlich an die Wand gedrückt und überfordert von den Plänen, Aktionen und Wünschen, die seine Frau „einfach ausmachen“. – Und man könnte unzählige weitere solche Konstellationen aufzählen…

Wie kann das sein? Und: Was gibt das für’s Business her?

1.) Wie kann das sein?

Einer der Gründe, die uns relativ zwangsläufig in solche Konstellationen führen, ist die schlichte Funktionsweise des „Eros“: Eros besteht in dem Angezogensein durch das, was ich selbst nicht bin oder selbst nicht habe. Wo dies nicht gegeben ist, kann alles mögliche sein, aber kein Eros.

Es handelt sich also um das schlichte, altbekannte „Gegensätze ziehen sich an“. – Allerdings wird seltener darüber gesprochen, was NACH der Anziehung passiert.

Da man im anderen sucht, was man selbst nicht hat, und eben das sagen wir mal „lecker“ findet, kommt man diesem, das einem selbst fremd ist, näher. – Und dadurch nimmt der Eros zwangsläufig ab. – Wie bei der Spannung eines Gummibands, die nachlässt durch die Annäherung zweier Fingerpaare, die es festhalten. – „Man verleibt sich das Fremde ein, indem man es im Anderen zum Teil des eigenen Lebens macht.“ – Dieses eher kompensatorische Liebeskonzept (Lautsprecher suchen sich leise Menschen, Unordentliche Ordnungsliebende, Lebenstüchtige suchen sich tagträumende Künstlertypen, usw. usf.) führt dazu, dass einem das ursprünglich Fremde nach und nach immer weniger fremd ist – und darum auch zwangsläufiger immer „unerotischer“, eben weniger anziehend wird.

Erotik nutzt sich zwangsläufig ab. – Damit soll der Gott Eros keineswegs beleidigt und geschmäht sein. Ich denke auch, er selbst hat damit kaum ein Problem, denn er ist das nimmermüde „Auf zu neuen Ufern!“. D.h. es gibt IMMER anderes, das man NOCH nicht ist, NOCH nicht hat. – Er ist ein lebensbejahendes Prinzip, dass uns über unsere Grenzen hinaustreibt und eben dadurch unvernünftig werden lässt und eben dadurch zum Erhalt des Lebens beiträgt (welcher „vernünftige“ Mensch würde nach nüchterner Kalkulation wirklich Kinder bekommen? V.a. da das „was man von Kindern zurück bekommt“ zum Zeitpunkt der Kalkulation noch keinerlei Bedeutung hat, da zu jenen Kindern zu DIESEM Zeitpunkt noch keinerlei Bindung bestehen kann…?).

Für unser Thema heißt das aber auch, dass das Übermaß einer Eigenschaft des Partners, ein Übermaß um dessentwillen wir uns in unseren Partner verliebt haben, uns über kurz oder lang nerven muss. – Irgendwann denken wir: „Also muss das wirklich jetzt sein…?“ Was eben noch charmant war, entdecken wir jetzt als Marotte, als Macke, als Schrägheit, als wirklich unangenehme Ecken und Kanten unseres Partners. – Und reiben uns daran…

Es gibt aber noch einen zweiten Grund, aus dem wir das, was wir liebten, irgendwann nervtötend und ärgerlich finden:

Dieser Grund ist unsere eigene Polarität. – Wir suchen uns nämlich ZUGLEICH unseren Partner nach dem Prinzip „Gleich zu gleich gesellt sich gern“. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch, denn beide Prinzipien: Eros und Philia, können zugleich am Werk sein. – Um „Philia“, die freundschaftliche Liebe handelt es sich hier nämlich. – Wir suchen uns selbst im anderen, wir „verlieben uns im Grunde in uns selbst“. Das klingt nur an der Oberfläche narzisstisch. – Im Kern handelt es sich um den Trost des Gefühls, nicht allein zu sein mit seinen Eigenheiten und um die übergroße Freude, von jemandem unmittelbar verstanden zu sein, oft ohne Worte.

Aber auch hier kann es zu Veränderungen kommen im Laufe einer dauerhafterern Partnerschaft. – Dies ist im Fall der Philia weniger die Abnutzungs-Veränderung des Eros. Sondern oft sind es eher Anfälle „des Anderen“ in uns. Wir alle sind nämlich wunderbar wandelbare Wesen, die oft die größten Gegensätze in sich vereinen, die eben „beide Seiten der Medaille“ verkörpern.

Und so kommt es über kurz oder lang dahin, dass wir uns plötzlich oder sogar für eine längere Zeit „auf der anderen Seite von uns selbst“ wiederfinden. – Und da behindert uns genauso plötzlich unser Partner in seiner Uns-Ähnlichkeit. Er stört, er nervt, er ärgert uns. Denn uns stört, uns nervt, uns ärgert etwas in uns selbst, über das wir drüber hinaus wollen, von dem wir weg wollen.

Das muss nicht immer bewusst ablaufen. Oft denken wir tatsächlich, wir hätten hier eine „neue Eigenschaft“ an unserem Partner entdeckt, die uns vorher nicht aufgefallen sei. – In Wahrheit haben wir uns aber selbst verändert, bzw. wir leben gerade eine Seite von uns, die durchaus die ganze Zeit da, aber nicht aktiv war.

Auch hier wird „der Grund des Verliebens“ zum Anlass des Ärgernisses in der Beziehung…

2.) Was gibt nun das alles für’s Business her?

Wenn wir schon über „Liebe im bzw. zum Unternehmen“ sprechen, dann können wir davon ausgehen, dass es „auch in dieser Beziehung“ zu ähnlichen Effekten kommt:

Mitunternehmer, die wir uns in unser Unternehmen holen, wegen bestimmter Eigenschaften, werden irgendwann kritisiert, gemobbt, gefeuert wegen genau der gleichen Eigenschaften.

Und Menschen, „die sich in ein bestimmtes Unternehmen verlieben“, sind irgendwann genervt von exakt den Dingen, die ursprünglich mal bewirkten, dass sie sich für DIESES Unternehmen entschieden haben und nun schon lange Jahre für dieses Unternehmen arbeiten.

So weit so vielleicht unvermeidlich.

Was passiert aber nun in guten, privaten Partnerschaften DANACH, also nach der ersten tiefen Genervtheit über das, wovon man anfangs begeistert war?

Unterschiedliches…

…und genau SO ist es auch im Business…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s