Wie man einen bösartigen Drachen zähmt – Und was danach passiert

Große Teile meines Lebens war ich gewalttätig, sprunghaft, süchtig nach verschiedensten Dingen, selbstgerecht, wehleidig, verurteilend und noch vieles andere mehr…

Auch heute noch „passiert mir das“ immer mal wieder.

Mein Bild für die wirklich bösartigen unter den eigenen schlechten Angewohnheiten ist das eines Drachen. Eines Drachen, der ein Teil von mir ist. – Im GfK-Modell Marshall Rosenbergs spricht man ganz ähnlich vom „Wolf“ und von der „Wolfssprache“. Aus verschiedenen Gründen erscheint das Bild eines klassischen, gemeinen Drachen für mich stimmiger. Vielleicht sind mir auch einfach „Wölfe“ noch viel zu sozial und „zu lieb“.

Neben dem bösartigen Drachen gibt es auch „gute, positive, kraftvolle Drachen“, die mehr den chinesischen Drachen ähnlich sehen als unseren klassisch-alteuropäisch-biblischen Monstern. – Im Chinesischen steht „der Drache“ manchmal für „Yang in seiner vollen Entfaltung“ also für Aktivität und auch eine gewisse Strahlkraft. Wenn man sich für Horoskope und Typologien interessiert: Der chinesische Drache scheint dort eher mit dem abendländischen Löwen vergleichbar zu sein und dem, wofür er steht. Nicht in allen Aspekten, aber doch in einigen.

Ein Autor, der für den bösartigen und den gutartigen Drachen ein sehr feines Gespür hatte und die Dynamik und die Unterschiede zwischen beiden sehr ausführlich thematisiert, ist Michael Ende. So kommt in der „Unendlichen Geschichte“ nicht nur der löwenmänige, weiße „Glücksdrache“ Fuchur vor, sondern in einer Episode („Ein Drache für Held Hynrek“) auch der bösartige Drache Smärg, der ein Drache ist „wie wir ihn kennen“ und der alle Kriterien eines klassischen Monsters erfüllt.

BTW: Kennen Sie die technische Definition eines „Monsters“? – Das ist etwas, das uns nach dem Leben trachtet und mit dem wir NICHT dealen oder anderweitig verhandeln können.

Wir können einem Monster nichts anbieten, was es davon abhalten könnte, uns töten und/oder fressen zu wollen. Die einzige Möglichkeit, einem „Monster“ zu begegnen, ist: Es zu töten, bevor es einen oder andere töten kann. – In diesem Sinne begegnen uns in den Geschichten Hollywoods viele Monster, auch menschliche Monster.

Wann immer sich aber ein Deal abzeichnet, „vermenschlicht“ etwas, das zunächst wie ein Monster aussah. Die Lage entspannt sich dann und meist entspannen wir uns dann als Zuschauer eben so unmittelbar. „Alien“ oder „der Terminator“ sind in diesem Sinne sehr klassische Monster. „King Kong“ in der Version von Peter Jackson (2005) verliert in genau DEM Moment einen Teil seiner Monsterhaftigkeit, in dem die weibliche Heldin (Naomi Watts) entdeckt, dass sie ein Stück weit „mit ihm dealen“ kann, als sie ihm etwas vortanzt. In genau diesem Moment realisieren wir auch, dass King Kong der Heldin NICHT über kurz oder lang kompromisslos nach dem Leben trachtet.

Im den allseits bekannten Geschichten „Jim Knopf und…“ von Michael Ende kommt nun zusätzlich noch etwas anderes ins Spiel, das mich für diesen Artikel hier am meisten interessiert:

Dort heißt der Drache „Mahlzahn“ und ist die besonders bösartige Ausgabe eines Monsters, denn er liebt es Kinder zu quälen. Um diese seine rein sadistische Ader voll auszuleben, hat er die grausame Karikatur einer „Schule“ gegründet, in der er er immer neue Gründe erfindet, diejenigen Kinder zu drangsalieren und zu foltern, die er einzig zu diesem Zweck „von der Wilden 13“ rauben und entführen lässt.

Jim Knopf und sein erwachsenes Alter-Ego Lukas der Lokomotivführer besiegen Mahlzahl in einem heftigen Kampf. – Spannend ist jedoch vor allem, was DANACH passiert:

Lukas beschließt nämlich, den Drachen Mahlzahn NICHT zu töten, obwohl dies für ihn unmittelbar nach dem Sieg ein Leichtes wäre. – Auch hat der Drache bis dahin durch sein Verhalten keinerlei Anlass gegeben, ihn zu verschonen und am Leben zu lassen. So versucht etwa Jim Knopf unmittelbar VOR dem entscheidenden Kampf einen Deal mit dem Drachen, der scheitert. – Aber weil man mit echten Drachen nicht dealen kann, MUSS GEKÄMPFT WERDEN. – Es ist eben die einzige Art, wie man einem bösartigen Drachen begegnet werden kann. Deals mit Drachen sind sinnlos. Wenn sich ein Drache auf einen Deal einlässt, so ist dieser Deal stets Teil eines Plans, der am Ende dazu führen wird, dass er einen leichter töten (oder wie in diesem Fall: quälen) kann.

Nun passiert aber relativ unverhofft etwas mit dem Drachen, da er NICHT getötet wurde. – Er verwandelt sich. – Dazu schläft er ein ganzes Jahr. – Und erwacht als ein „Goldener Drache der Weisheit“, der wiederum sehr „chinesisch“ daherkommt.

Wohlgemerkt verschonen Jim und Lukas den Drachen Mahlzahn nicht, damit er sich verwandelt. Davon wissen sie nicht einmal etwas. – Sie verschonen ihn einfach, weil er gerade keinen Schaden mehr anrichten kann (sie haben ihn gefesselt) und es keine Notwendigkeit mehr dafür gibt, ihn zu töten.

Überträgt man diese Geschichte auf unsere eigenen „bösartigen“ Neigungen und Gewohnheiten, so ergibt sich ein Zusammenhang, der mich fasziniert:

Die Geschichte lässt sich interpretieren als ein Hinweis, dass es sinnvoll sein könnte, die eigene Bösartigkeit zwar entschieden bekämpfen, aber nicht töten zu wollen. Sie zu binden, aber nicht ihre Vernichtung anzustreben.

Oft versuchen wir ja, uns von eigenen Anteilen „für immer“ trennen zu wollen, um „ein besserer Mensch zu werden“. – Mir selbst hat man in einer meiner Ausbildungen nahegelegt, dass innere Anteile IMMER „unkündbar“ sind, dass man sich also gar nicht von ihnen trennen kann. – Versuche, sich von ihnen zu trennen, treiben sie einfach nur in den Untergrund und die Nicht-mehr-Sichtbarkeit, Nicht-mehr-Bewusstheit, von wo aus sie mit besonderer Macht in unser Lenkrad greifen können (ohne dass wir es überhaupt merken oder so dass wir nicht mehr rechtzeitig gegensteuern können).

Interessant an Endes Geschichte ist auch der Kommentar des „durch seine Besiegtheit geläuterten Drachen“ zu dem, was ihm da widerfahren ist: Er gibt nämlich an, all seine Schandtaten ALLEIN DESWEGEN begangen zu haben, weil er sich danach gesehnt habe, das jemand kommen solle, ihn zu besiegen, aber eben nicht zu töten. – Das sei ihm in seinem alten Zustand (als Drache Mahlzahn) aber keineswegs bewusst gewesen.

Diese Angabe erinnnert mich stark an Ausführungen, die z.B. Steve Biddulph zu Jungen mit „zerstörerischen Verhaltensweisen“ macht, die eben damit nach ihren Vätern rufen, von denen sie vernachlässigt werden. Zwar sind die allerallerallergrößte Anzahl von Jungen sicher keine „Monster“ und die Aufmerksamkeit, die sie DARAUFHIN bekommen ist nicht unbedingt die Form von Aufmerksamkeit ihrer Väter, nach der sie sich in Wahrheit sehnen, aber das Muster „wicked to be tamed“ scheint doch übereinzustimmen.

Es fällt mir schwer, ein eindeutiges Fazit aus all diesem Nebulös-Poetisch-Psychologischem zu ziehen. – Für den Moment beschäftigen mich vor allem folgende pragmatische Implikationen der Geschichte von der Verwandlung des Drachen:

* Manchmal müssen wir wirklich kämpfen – Es gibt keinen „smarten“ Weg. Deals bringen es nicht.

* „Der Drache“ ist stets ein Teil von uns. Er ist in unserem Inneren, er ist nicht im Außen zu suchen. – Wenn wir also „mit dem Drachen kämpfen“, ist dies stets ein Ausdruck davon, dass wir mit uns selbst ringen.

* Es kann nicht unser Ziel sein, schlechte Angewohnheiten oder richtiggehende Bösartigkeiten für alle Zeiten abzustreifen. – Unsere inneren „Monster“ werden in der Regel stärker, wenn wir sie vernichten (= „ein für alle mal erledigen“) wollen.

* In einem Zustand, der mir persönlich fremd ist, scheint in Michael Endes Konstruktion so etwas wie eine großartige Hoffnung aufzuscheinen: Dass aus dem Bösartigsten in uns das Beste in uns hervorgehen kann. – Allerdings nicht, bevor wir wirklich ernsthaft gekämpft haben, es vor dem Kampf ernsthaft mit allen möglichen Deals versucht haben. Und nicht bevor wir uns von der Absicht getrennt haben, vollkommen Gutartig werden zu können, in dem wir das Bösartige in uns abtöten.

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