Lob des Unternehmertums

Unternehmen sind eine großartige Sache. – Ein Unternehmen zu betreiben, ist im Kern gleichbedeutend mit der Haltung: „Ich bin mir meiner Ressourcen bewusst und sehe einen Weg, sie so einzubringen, dass sie für andere Menschen von Nutzen sind.“

Besonders deutlich ist das sichtbar bei bestimmten Fällen des Unternehmertums, die vermeintlich Sonderfälle darstellen: Bei den sogenannten „Solounternehmern“, die ihr Business ohne Angestellte betreiben; vor allem bei denjenigen Solounternehmern, die nicht aus reiner Not Unternehmer werden – wir kommen unten noch darauf zurück.

Dauerhaft erfolgreiche Solounternehmer, die also keine reine Selbstausbeutung betreiben, bringen das auf die Straße, was man allen Unternehmen und allen Mituntehmern in Unternehmen wünschen kann: Eine Liebe zu dem, was sie machen, verbunden mit einer Liebe zu den Kunden, mit denen sie arbeiten, verbunden mit einer Liebe zum eigenen Netzwerk (das dem Solounternehmer seine „Kollegen“ erstetzt), verbunden mit einer immer wieder aktualisierten Liebe zu sich selbst.

Fehlt auch nur einer dieser Aspekte, wird es für einen Solunternehmer schwierig, sich dauerhaft „auf dem Markt zu halten“. – Den Solounternehmer können sich seltener als große Unternehmen unzufriedene Kunden, unzufriedene Lebenspartner und eigene Unzufriedenheit leisten. Bei ihnen schlägt all diese Unzufriedenheit viel, viel unmittelbarer auf die Zahlen durch als in Unternehmen mit sagen wir mal mehr als 200 Mitarbeitern.

Das heißt aber nicht, dass in größeren Unternehmen solche Unzufriedenheit NICHT auf die Zahlen durchschlägt. – Nur ist dieser Zusammenhang dort viel mittelbarer, viel schwerer zu greifen, viel leichter zu übersehen, viel leichter zu verdrängen.

Auch Menschen, „die eine neue Arbeit suchen“, sei es aus einem „Anstellungsverhältnis heraus“ oder aus „der Arbeitslosigkeit heraus“ sind im Kern solche Solounternehmer:

Sie tragen ihre Ressourcen, Fähigkeiten und ihre Arbeitskraft aber eben nur ganz besonderen Kunden an, die auf sehr besondere Weise davon Gebrauch machen.

Da ich selbst beinahe täglich mit Menschen zu tun habe, die sich „beruflich verändern“ wollen oder müssen, erscheint es mir so, dass der Unterschied zwischen denjenigen, „die sich selbständig machen wollen“ und denjenigen, „die eine Arbeit suchen“ nur minimal ist, was den unternehmerischen Ansatz angeht, den diese beiden Gruppen verfolgen können, um zu ihren Kunden zu kommen.

Und auch die, die beschlossen haben, ihre Arbeitskraft in Unternehmen zu stecken, die es schon gibt, können das AUS NOT tun oder eben nicht. – Nur werden DIESE Daten weitaus seltener in dieser Form vom Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) oder vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erhoben. – Denn diese Daten, also die Zahlen, wie viele Menschen „aus reiner Not“ bei bestehenden Unternehmen anheuern, interessieren leider viel weniger Menschen, weil sie unseren üblichen Denkrahmen „über Arbeit / über Unternehmertum“ zu sprengen scheinen. Dabei sind solche Zahlen genau so interessant und wichtig für uns alle, wie die Zahl der Solounternehmer, die ihr Unternehmen aus reiner Not gründen.

Auch wenn das natürlich in keiner Weise repräsentativ ist: Bei den Menschen, die mir beruflich begegnen, ist der Anteil des „reine Not-Modus“ höher unter denjenigen Menschen, die „eine Arbeitsstelle suchen“ und niedriger unter denjenigen, „die sich selbständig machen wollen“.

Vergleichende Studien, die diesen Zusammenhang mal großflächig untersuchen und dabei „Arbeitsannehmende“ und „Solounternehmensgründer“ in Bezug auf ihr Not-Denken systematisch vergleichen, fände ich daher mal so richtig spannend.

„Not“ ist – das muss allen solchen Studiendurchführern klar sein – keine „objektive Kategorie“, sondern hängt von den subjektiven, aber aufrichtigen Bewertungen derjenigen ab, die „Not empfinden“ oder eben „keine Not empfinden“, d.h. aus empfundener Fülle heraus tun, was sie eben tun.

Ich persönlich kenne z.B. Reinigungskräfte aus Berufung, auch wenn ich mir, da ich die katastrophalen Gegebenheiten der Branche recht gut kenne, niemals hätte vorstellen können, dass es solche Menschen wirklich gibt, bevor ich diesen konkreten Menschen tatsächlich begegnet bin. – Was ist aber bei solchen Menschen der Fall?: Sie sind unter diesen katastrophalen Bedingungen „unternehmerisch tätig“; und das heißt auch: Es ist ihnen gelungen, sich ihr Arbeitsumeld so zu formen, dass es ihnen entgegenkommt und sie NACH IHREN EIGENEN MASSSTÄBEN gute Arbeit machen können. „Gute Arbeit“ heißt hier kategorisch gleichzeitig gut für sie selbst und gut für ihre Kunden.

Das ist bitte nicht als Absolution von mir für die Zustände im Reinigungsgeschäft zu verstehen, dass ich wahrnehme, dass es einigen wenigen Menschen gelingt, sich „selbst dort wohlzufühlen“ und „selbst dort wirklich unternehmerisch zu handeln“.

Aber es verdeutlicht stark, wie subjektiv die Kategorie „Not“ ist. Und es verdeutlicht, dass nicht-subjektive Objektivierungen von „Arbeit“ durch wissenschaftliche Studien zwar jederzeit möglich sind, dass solche Objektivierungen aber im Grunde völlig uninteressant sind, weil sie an den Menschen, die es betrifft, völlig vorbei gehen (also z.B. was ist der Durchschnittsverdienst, oder wie sind die Arbeitszeiten, Urlaubsregelungen, wie sehen die Verträge aus, usw. usf.).

Menschen sind nur unter großen Verlusten als Objekte zu sehen, wie man wissen kann, wenn man auch nur eine kurzen Augenschein auf das Geschreibs von Leuten wie Kant, Hegel oder Sartre geworfen hat, die inflationär mit der Subjekt/Objekt-Unterscheidung um sich werfen und sie damit für die Zweitverwertung durch uns maßgeblich geprägt haben…

Daher lohnt es sich auch in diesem Fall deutlich mehr, MIT diesen Menschen zu reden, als ÜBER sie. – „Studien“ sind aber meist Gerede über Menschen, Studienmacher erarbeiten ihre Fragen gewöhnlich im stillen Kämmerlein, im Mindfuck-Modus, es handelt sich bei Studien also meist mehr um „Monologe, die Fragen einsetzen“, weniger um Dialoge, bei denen man sich „von dem Objekt seiner Studie“ überraschen lässt, wo dieser Dialog nach und nach die eigenen Studienkategorien zu verändern beginnt.

„Streng objektive“ Studien töten systematisch ihren Gegenstand, indem die „Studienmacher“ sich „über ihr Forschungsobjekt“ stellen. Das heißt: Man zimmert irgendwelche Schubladen (relativ beliebig und ohne innere Orientierung) und sortiert dann „Wirklichkeit“ in diese vorfabrizierten Schubladen. – Umbau der Schubladen während dem Einsortieren ist nicht vorgesehen, denn DAS „würde die Ergebnisse verzerren und den Kriterien für Wissenschaftlichkeit nicht gerecht werden.“ Die Berührbarkeit, die selbstverständlich auch Menschen haben, die Wissenschaft betreiben, müssen sie bei diesem Tun unterdrücken und ausblenden. Genau diese Berührbarkeit „durch das Objekt der Forschung“ würde aber diejenige Orientierung stiften, die im stillen Kämmerlein (in dem man sich die Kategorien ausgedacht hat) niemals vorhanden sein kann.

Solche Wissenschaft ist also nichts anderes als „sich im Denken unverletzlich machen“.

Und daher ist solche Wissenschaft in meinen Augen weitgehend uninteressant für ihre Leser und potentiell schädlich für diejenigen Menschen, die sie betreiben.

Aber das hier nur am Rande. – Mehr „Wissenschaftspraxiskritik“ mal bei Gelegenheit als eigenes Thema.

Zurück zum eigentlichen Thema: zur Not/Fülle bei der Unternehmensgründung bzw. Unternehmensfindung – Hier ist aus meiner Sicht noch etwas offen, das hier nicht komplett unerwähnt bleiben sollte:

Es gibt über das oben Beschriebene hinaus vereinzelt immer wieder Unternehmensgründer / Mitunternehmer, die „aus reiner Not gründen / aus reiner Not bei einem bestehenden Unternehmen anheuern“, die aber DENNOCH dauerhaft erfolgreich werden in „ihrem“ Business. – Weil sie sich mit der Zeit von diesem „aus der Not“ lösen können und die Umstände ihres Tätig-Seins so mitformen können, dass sie unerwarteterweise auf den Geschmack kommen und echtes Gefallen an dem finden können, was sie da tun. – Das ist jetzt nicht übertrieben häufig der Fall. Aber es kommt vor.

Kurz gesagt bedeutet all das soweit nichts anderes, als dass ich mich dem bekannten Slogan anschließen möchte, der besagt: „JEDER MENSCH IST EIN UNTERNEHMER“, ganz egal ob dieser Mensch und seine Tätigkeiten an der Oberfläche so aussehen, wie wir uns klischeehaft einen „Unternehmer“ vorstellen oder nicht. Und ganz egal, aufgrund was für Vertragsverhältnissen er seine Tätigkeiten gestaltet.

„Unternehmer“ ist nämlich im Kern eine existentielle Kategorie, keine juristische. – Überhaupt sollte man heutzutage in möglichst wenig Bereichen des eigenen Lebens Juristen darüber bestimmen lassen, was die Dinge des Lebens uns bedeuten, wenn wir uns seelisch nicht verengen und verarmen wollen. „Das Recht“ sind ja nur die „Leitplanken auf der Lebensautobahn“ und wenn wir „gute Fahrer“ sind, werden wir daher alles tun, um Rechtsfragen so wenig wie möglich „zu streifen“.

Bleibt die Frage offen, wie man so blind sein kann, dass man es wagt, etwas, das möglicherweise für Solounternehmer gilt, auf so komplexe soziale Gebilde wie unsere heutigen mittleren und Großunternehmen zu übertragen?

Vielleicht sollte man die Übertragung hier etwas „technischer“ fassen: Es geht darum, was unser Fokus ist, während wir in solchen Unternehmen tun, was wir tun. – Worauf genau konzentrieren wir uns „bei der Arbeit“? – Konkreter: Geht unsere Aufmerksamkeit in einem Fokus auf Prozesse, To-Dos und zu ergreifenden Maßnahmen verloren, oder bleibt bei all dem ein Fokus auf das Wohl des Kunden (die Daseinsberechtigung eines JEDEN Unternehmens) und ein Fokus auf uns selbst (die Daseinsbedingung dauerhaften eigenen Wohlergehens bei der Arbeit) erhalten?

In den meisten größeren Unternehmen ist das nicht der Fall. D.h. in Unternehmen, die eine Größe überschreiten, bei der jeder jeden Mitunternehmer kennen kann und relativ regelmäßig mehr Worte wechselt als bloß ein unverbindliches „hallo“. – Dort geht der Aufmerksamkeitsfokus der einzelnen Mitunternehmer im täglichen Tätigkeitsstrudel nach und nach unter. Die Mitunternehmer verlieren sich in Unwesentlichem. D.h. nicht, dass sie nichts Wichtiges tun würden, in dem was sie da täglich tun, es kann ihnen nur schwer BEWUSST bleiben, inwiefern ihr Handeln überhaupt wichtig ist. – Kurz: Der „Sinn“ des Handelns geht solchen Mitunternehmern verloren, weswegen sie auch im Grunde nur noch „Mitarbeiter“ sind.

Auch wird es mehr oder weniger ZUFÄLLIG, ob das aktuelle Handeln eines Mitunternehmers wirklich sinnvoll ist im Sinne echten Unternehmertums. – Denn DAS kann durch Prozesse und Regeln kaum sichergestellt werden (Unternehmen, die das versuchen, regeln sich tot, werden viel zu starr, um dauerhaft am Markt zu bestehen – ich war selbst Teil von solchen Unternehmen und weiß aus eigener Anschauung und Erleben, wovon ich hier spreche). – Die TECHNISCH effektivste Form sicherzustellen, dass jeder einzelne Mitunternehmer täglich mit Blick auf das gemeinsamen Unternehmen handelt, besteht darin, genau diese Sicherung dem einzelnen Mitunternehmer zu überlassen.

Doch dazu muss der Sinn des Unternehmens („wozu sind wir da? – welchen (Kunden-)Bedürfnissen wollen wir genau dienen und welchen nicht?“) vollkommen klar sein. – Und für diese Klarheit muss es IN SOLCHEN GRÖSSEREN UNTERNEHMEN unverzichtbar einen täglichen, lebendigen Austausch über diesen gemeinsamen Sinn geben. (also keine Einmal-Maßnahme, die im stillen Kämmerlein ausbaldowert, verkündet und dann im Intranet abgelegt wird). – Geschieht dies nicht, geht der gemeinsame Fokus zwangsläufig über das tägliche Tun (Ziele, Tasks, To-Dos, Prozesse, Regeln) verloren. – Und wir geraten dann in die für ein Unternehmen überaus verzweifelte Lage, dass alles mögliche geregelt und dass „geführt“ werden muss.

Das ist der Tod des Unternehmertums im Unternehmen. – „Unternehmen“ steht dann nur noch formal, rechtlich, nur noch auf der Verpackung drauf. – Das wahre Geschehen in solchen Gebilden ist dann aber ein ganz anderes.

„Liebe im Unternehmen“ ist also eine notwendige Bedingung für dauerhaftes Unternehmertum. Wird ein Unternehmen „lieblos“ – und es gibt beinahe zahllose Möglichkeiten für ein Unternehmen in die Lieblosigkeit abzurutschen, das gilt auch für Solounternehmer – dann verliert sich „das Unternehmerische im Unternehmen“ schnell. Es wird dann mehr exekutiert. Und vor allem wird dann sehr schnell sehr viel „gesollt“ und kaum noch etwas „gewollt“. Kurz: Die Menschen dieses Unternehmens finden sich mit ihren existentiellen unternehmerischen Impulsen nicht mehr wieder in „solchen Unternehmen“.

Menschen suchen im Grunde keinen Job, keine Arbeit, keine Stelle, keine career opportunity. Sie suchen ein Unternehmen, in dem sie ihr eigenes Unternehmen betreiben können, ein Unternehmen, das sie täglich auch als ihr eigenes Unternehmen erleben.

Daher spreche ich ganz kategorisch nicht mehr von „Mitarbeitern“, sondern ausschließlich von „Mitunternehmern“. Denn alle Menschen sind Unternehmer: Wir alle haben Ressourcen und wir alle investieren sie ganz unweigerlich auf eigenes Risiko in diejenigen Unternehmen, die sich für uns am meisten zu lohnen scheinen.

Echte Unternehmen wissen und würdigen das. – Und sie stellen durch geeignete Formen der Zusammenarbeit, des Austausches und des Entscheidens sicher, „dass es das Unternehmerische möglichst schwer hat, aus unserem Unternehmen zu entweichen“.

Oder Positiver gesprochen: Solche Unternehmen geben den natürlichen unternehmerischen Impulsen aller Mitunternehmer Raum. Dauerhaft. Sie lassen die Menschen ihre unternehmerischen  Ressourcen ins Unternehmen einbringen. Und sie geben ihnen die Möglichkeit, selbst zu kontrollieren, wie sie das auf optimale Weise tun können. Durch einen für alle erkennbaren gemeinsamen Sinn des Unternehmens und durch völlige Transparenz, d.h. dadurch, dass alle Mitunternehmer es möglichst leicht haben, an alle Unternehmenszahlen ranzukommen, die sie für ihre unternehmerischen Entscheidungen gerade brauchen und dass sie in alle gemeinsamen Untenrehmens-Entscheidungen frühzeitig einbezogen sind, die ihren spezifischen Beitrag zum Unternehmen berühren könnten.

Um dieses vermeintlich heroische Unterfangen dauerhaft zu ermöglichen, setzen sie u.a. auf „Zellteilung“, wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben (slide 27).

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