Die unglaubliche Veränderlichkeit des Stoffes „Mensch“

Ich bin kein Neurowissenschaftler. Und ehrlich gesagt, verspüre ich keinen großen Drang, mich selbst laienhaft mit dem jeweils aktuellen Stand der Neurowissenschaften zu beschäftigen. Selbst Gerald Hüthers „Was wir sind und was wir sein könnten“ liegt weitgehend ungelesen bei mir zu Hause herum.

Mein „Wissen“ darüber, dass unser alltägliches Denken über bestimmte andere Menschen, über uns selbst und über „Menschen im Allgemeinen“ unsere „menschliche Plastizität“ weitgehend ausblendet, entnehme ich anderen Quellen:

1.) Introspektion: Ich weiß selbst am Besten, wie „unterschiedlich“ ich sein kann. In verschiedenen Situationen, mit verschiedenen Menschen, zu verschiedenen Zeiten meines Lebens, in verschiedenen physischen und emotionalen Zuständen.

2.) Beobachtung: Ich sehe Menschen, geliebte und ungeliebte, zu unterschiedlichen Zeitpunkten völlig unterschiedliche Dinge tun, die sich kaum in EIN Bild ihrer Persönlichkeit fügen lassen.

3.) Kulturelles und historisches Bewusstsein: Wenn es war ist, dass sich das menschliche Genom seit ein paar 10 oder 100.000 Jahren nicht wesentlich verändert hat, ist es doch ziemlich bemerkenswert, was es alles an höchst unterschiedlichen Verhaltensweisen, Mustern und Aktivitäten hervorgebracht hat, von denen uns viele zunächst als „verrückt“ erscheinen. – Und das alles auf der gleichen biologischen Grundlage.

4.) Glaubhafte Berichte anderer über das, was sie an unglaublichen Veränderungen bei sich oder anderen Menschen erlebt und beobachtet haben.

Wenn wir in unserem Alltag mit uns völlig überraschenden Veränderungen anderer Menschen konfrontiert sind, mit Verhaltensweisen, die wir ihnen aufgrund unseres Bildes von ihnen – im Guten oder im Schlechten – „niemals zugetraut hätten“, dann sprechen wir manchmal davon, dass sich nun „ihr wahres Ich“ gezeigt hätte.

Diese Redeweise, diese Einordnung halte ich für fatal. – Es ist völlig unnötig, von einem „wahren Ich“ zu sprechen, um sich solche Überraschungen zu erklären. Wir alle haben viele, viele Seiten. Was wir schon daran merken können, dass wir oft „im Privaten“ völlig anders sind als „in der Arbeit“, dass wir mit dem einen Freund völlig anders reden als mit einem anderen unserer Freunde und dass wir dann auch eben für all jene unsere unterschiedlichen Interaktionspartner jeweils ein „völlig verschiedener Mensch“ sind.

Der Philosoph Richard Rorty hat schon vor Jahren in seinem Aufsatz „Freud und die moralische Reflexion“ vorgeschlagen, daraus Konsequenzen zu ziehen und gar nicht mehr von einem „Persönlichkeitskern“ auszugehen. Auch und gerade wenn die Existenz von „Multiplen Persönlichkeiten“ im Psychopathologischen Sinne nicht als belegt gelten kann, dürfen wir davon ausgehen, dass wir selbst ALLESAMT „Multiple Persönlichkeiten“ sind.

„Ich bin unüberschaubare viele“ ist ein Satz, der diesen Sachverhalt gut trifft, und der noch weit über Konzepte wie „das innere Team“ hinausgeht.

„Der Mensch“ ist eben ein ganz besonderer Stoff.

Kommen wir nun dazu, dass unsere Unternehmerischen Handlungsweisen die Besonderheiten dieses Stoffes allzu oft übersehen oder sogar aktiv verdrängen.

Dies ist besonders deswegen fatal, weil „Unternehmen“ selbst sich so betrachten lassen, dass sie „aus Menschen gemacht sind“. – Die Besonderheiten des Stoffes Mensch zu missachten heißt dann die Besonderheiten der Aktivitätsform „Unternehmertum“ zu missachten.

Und das würde wiederum bedeuten, dass man sein eigenes Unternehmen möglicherweise gefährdet, wenn man die „menschliche Plastizität“ missachtet. Auf jeden Fall aber bedeutet das, dass man in seinem Unternehmen deutlich mehr Potentiale heben kann als man es bisher tut, wenn man von dieser Plastizität ausgeht und ihr Vorhandensein möglichst systematisch beachtet.

Der Zusammenhang betrifft also nicht etwa nur das „Recruiting“, wo auch heute noch schlechte Unternehmensberater Unternehmen „TypA/B/C“-Mitarbeiter zu verkaufen versuchen. Sondern diese Plastizität betrifft JEDE unternehmerischen Aktivität, weil an jeder unternehmerischen Aktivität solch hochgradig veränderliche Wesen zentral beteiligt sind. Mitunternehmer, Kunden, Investoren und alle anderen Stakeholder inbegriffen.

Wie kann es aber überhaupt sein, dass diese Veränderlichkeit so regelmäßig übersehen werden kann, wenn sie angeblich ein so allgegenwärtiges Faktum ist?

Hier kommt aus meiner Sicht mehreres zusammen, einer dieser Punkte hat dabei aber besonderes Gewicht:

– Schubladenbildung: Es ist einfach bequem für unser Gehirn, bestimmten Menschen bestimmte Verhaltensweisen fix zuzuordnen. Da wir nicht immer alles gleichzeitig umschmeissen können und häufig mit anderem beschäftigt sind, ist es schlicht und einfach der Versuch, unsere mentalen Ressourcen optimal zu nutzen, wenn wir davon ausgehen, dass „der Kollege Meier nunmal X ist“. Und zwar immer und überall.

– Stabile Verhaltensmuster: Dass wir alle Multiple Persönlichkeiten und „der Mensch an sich“ zutiefst plastisch ist, bedeutet nicht, dass wir keine Verhaltensmuster haben. Es ist durchaus so, dass wir dazu neigen, in bestimmten Situationen reflexartig auf immer die eine gleiche Weise zu reagieren. Das geht von schlichten Gewohnheiten (mentale Bequemlichkeit bzw. optimale Hirn-Ressourcen-Allokation) bis hin zu tiefer sitzenden Reiz-Reaktions-Verkopplungen, etwa in starken Stresssituationen, mit den 3 Optionen Angriff, Flucht und Totstellen. – Da es das gibt und da das von uns beobachtet wird, stärkt das unsere Ansicht, Menschen seien „ein Stoff wie andere auch“: relativ stabil in seinen Eigenschaften und Verhaltensweisen.

– Beobachtungs-Paradoxon: Das ist nun der oben erwähnte, gewichtigste Punkt, der uns die Illusion ermöglicht, Menschen seien unplastisch und die Annahme eines Wesenskerns oder die Konstruktion von Typologien machten irgendeinen Sinn.

Denn wir beobachten bestimmte andere Menschen immer in einer bestimmten Situation, an der wir – wie direkt oder indirekt auch immer – selbst beteiligt sind. – Es ist für uns nahezu unmöglich, selbst in ausgeklügeltsten „Assessement-Center-Verfahren“, andere Menschen in Situationen zu beobachten, an denen wir nicht selbst auch beteiligt sind.

Kurz gesagt: Unsere Beobachtungen anderer erfolgen immer „in einem ganz bestimmten Beziehungssystem“.

Es ist dieses System, das weitgehend stabil ist und in dem sich uns das Verhalten eines anderen Menschen weitgehend stabil zeigt. – Unser Schluss, „dieser Mensch ist X“, ist ein Fehlschluss, der völlig irritationsfrei aus diesem Beobachtungsparadox hervorgeht. – Ein Fehlschluss ist dieser Schluss, weil er ausschließt, was er selbst eben nicht beobachten kann: Wie sich „der gleiche Mensch“ in anderen Beziehungssystemen verhält.

Ganz selten, wirklich selten, viel zu selten sind wir in der Lage, „den gleichen Menschen“ in einem anderen Beziehungssystem zu begegnen. Dies ist z.B. der Fall, wenn ein Kollege „befördert wurde“ und uns nun plötzlich „als unser Chef“ begegnet. – Oder in  einer Scheidung. – Oder wenn wir einem alten Freund auf einem Klassentreffen wieder begegnen. Oder wenn uns unsere Kinder plötzlich als erwachsene Menschen gegenübertreten, die uns nicht mehr brauchen und uns daher auch nicht mehr „als Eltern“ ansprechen, sondern von Gleich zu Gleich.

Die in diesen seltenen Situationen offensichtlichen Veränderungen und Inkongruenzen der gezeigten Verhaltensweisen des Anderen mit unserem fixierten Bild von „seiner Persönlichkeit“ blenden wir dann durch den schlimmen Satz aus: „Da zeigt sich nun sein wahres Ich“.

Deswegen halte ich diesen Satz für so fatal. – Noch fataler ist aber das Konstrukt, das diesen Satz überhaupt erst ermöglicht: Dass es überhaupt so etwas gibt wie „ein wahres Ich“, wie eine „Kernpersönlichkeit“.

Wollen wir die grundlegende Plastizität von uns und anderen Menschen wahrnehmen und nutzen, sollten wir auf diese Konstruktion daher verzichten.

„Ich bin unüberschaubar viele – Du bist unüberschaubar viele“ ist der erste halbwegs brauchbare „Gegen-Satz“, der mir dazu einfällt.

Dieser Satz kann durchaus erst einmal Angst machen. – Aber Angst ist ja angeblich die Durchgangsstation zu einem Haufen neuer Möglichkeiten.

Und „neue Möglichkeiten“ – war das nicht genau das, was wir „im Business“, was wir mit unseren Unternehmen die ganze Zeit suchen?

Nehmen wir die Plastizität unserer Selbst, unserer Kunden, unserer Mitunternehmer, unserer Investoren ernst: Nehmen wir sie in den Blick und ziehen wir unternehmerische Konsequenzen daraus, dann werden wir bestimmte Dinge nicht mehr tun, die zu schlechter unternehmerischer Angewohnheit geworden sind.

Der Kennenlernprozess zwischen unserem Unternehmen und neuen Mitunternehmern wird anders aussehen müssen.

Die Formen, wie wir in unserem Unternehmen gemeinsam Entscheidungen treffen, werden anders aussehen können.

In den Formen, wie wir offene oder vor sich hinschwehlende Konflikte mit unseren Mitunternehmern angehen und beilegen, bekommen wir völlig neue Möglichkeiten.

Und unüberschaubar vieles andere mehr.

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