Zeitknappheit, Zeitexaktheit in Unternehmen: Die größte Plage der Menschheit – Warum terminliche „Fuzziness“ notwendiger Bestandteil eines menschengerechten Business ist

Zu meinen heißgeliebtesten Pflichten als Vater gehört das Vorlesen. – Seit einiger Zeit folge ich dort dem Prinzip, dass ich nur Bücher vorlese, die meinem Sohn und mir gleichermaßen Freude machen. – Das resultiert darin, dass wir teilweise auch vermeintlich nicht-altersgerechte Bücher lesen.

Vor kurzem war mal wieder „Momo“ von Michael Ende dran. Es war das gefühlt dritte Mal, dass ich das Buch gelesen habe. Dennoch war ich komplett erstaunt, was ich dort jetzt alles an Erstaunlichem und Bewegendem finden konnte, was ich früher einfach überlesen oder in seiner Bedeutung gar nicht bemerkt hatte:

Von der unschlagbar eindringlichen Beschreibung der hohen Kunst des Zuhörens (Schilderung von Momos „einzigartiger Fähigkeit“ am Anfang des Buches) über eine dichte Beschreibung der Funktionsweisen von Spiel und Fantasie („die Expedition“, Momo und die Puppe, Prinz Girolamo) bis hin zu einer äußerst scharfsinnigen Analyse der heutigen Businesswelt (Der graue Herr überzeugt den Friseur vom Zeitsparen).

Heute war folgende Passage dran (S. 266 in dieser Druckversion des Buches):

Und in der großen Stadt sah man, was man seit langem nicht mehr gesehen hatte: Kinder spielten mitten auf der Straße, und die Autofahrer, die warten mußten, guckten lächelnd zu, und manche stiegen aus uns spielten einfach mit. Überall standen Leute, plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. Wer zur Arbeit ging, hatte Zeit, die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel zu füttern. Und die Ärzte hatten jetzt Zeit, sich jedem ihrer Patienten ausführlich zu widmen. Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur Sache arbeiten, denn es kam nicht mehr darauf an, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertigzubringen. Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen, wie er brauchte und haben wollte, denn von nun an war ja wieder genug davon da.

Den Bezug dieser Passage von Momo zum Titel dieses Artikels kann wahrscheinlich jeder selbst herstellen, dem dieser Artikel überhaupt irgendetwas sagt.

Dennoch zwei kleine Anmerkungen dazu:

Gerade der letzte Satz, der ein geradezu „sozialistisches Zeitverhältnis“ beschreibt, kann den Verdacht nähren, dass eine solche inflationäre Zeitverfügbarkeit mit einer Entwertung der Zeit einhergehen könnte. Im Sinne des Satzes, dass die Endlichkeit des Lebens und das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit dem Leben erst Sinn verleiht.

Aus meiner Sicht ist das eine gewichtige Frage: Bekommt unsere „erlebte Zeit“ wirklich erst dadurch Bedeutung, dass ich zum Augenblick sage: „Verweile doch, Du bist so schön!“?

Oder gibt es „einen Wert der erlebten Zeit an sich“, der dadurch nicht geschmälert, sondern vielleicht sogar gesteigert wird, dass ich ein „Endlosigkeitsgefühl“ im Erleben habe? (der berühmte „Flow“ von Csíkszentmihályi, man erinnert sich…)

Zum Anderen steigt bei solchen Sätzen natürlich schnell der Satz „Zeit ist Geld“ in einem hoch (in mir zumindest tut er das). Wenn wir auf die Erfordernisse in und um Unternehmen schauen, auf den Wettbewerb, auf die Kundenbedürfnisse, dann kommen wir nicht umhin zuzugeben, dass es in Unternehmen IMMER Termine geben wird und Termine geben muss. – Termine, die „von Natur aus“ die Tendenz haben, unser Zeiterleben als Mitunternehmer zu verformen und uns weg zu bringen vom Gefühl „alle Zeit der Welt zu haben“ und „mit Liebe zur Sache zu arbeiten“.

Genau um diese „Liebe zur Sache“ (und zum Kunden, und zu sich selbst, und zum Unternehmen, und zu den Mitunternehmern, die man gottseidank an seiner Seite hat) geht es aber in diesem Blog.

Das heißt: Wir haben hier ein sehr, sehr handfestes Problem vorliegen. Nämlich die Frage, ob Liebe und Termine sich nicht kategorisch ausschließen. – Da wir in Unternehmen immer Termine haben werden, stellt sich mir damit die drängende Frage ob „in love with your company“ nicht ein Ding der Unmöglichkeit bleiben muss.

Ich glaube: Nein, das ist kein Widerspruch. – Aber im Moment kann oder möchte ich dieses „Nein“ nicht begründen. – Für diese Begründung möchte ich mir in Ruhe Zeit nehmen.

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