Was „die Philosophie“ heutigen Unternehmen geben kann und geben sollte

Der folgende Artikel ist Alfons Reckermann gewidmet, dem einzigen echten Philosophen, dem ich in meinem bisherigen Leben begegnen durfte.

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge“- Niemand wusste das besser zu beschreiben als der erste Historiker des Abendlandes, Thukydides, der Verfasser des „Peloponnesischen Krieges“.

Dort, wo ich zufällig studiert habe, wurde dieses Buch aber weniger als Geschichtsbuch über ein eher provinzielles Ereignis der Weltgeschichte gelesen, sondern als Buch mit einer Philosophischen Theorie, die in dieser „Historie“ von Thukydides nur zwischen den Zeilen aufgebaut und vertreten wird.

Diese Theorie des Thukydides ist eine „Verfallstheorie“. Sie besagt im typisch antik-griechischen Pessimissmus: Das Beste, was wir im Leben erreichen könne, ist, das Drama, den Verfall, den Krieg und sein wechselseitiges Morden für eine gewisse Zeit an gewissen Orten aufzuhalten. – Und auch das nur als Ergebnis einer Verkettung von sehr glücklichen Umständen, die manchmal mancherorts anzutreffen, aber alles andere als die Regel sind.

Etwas flapsig könnte man sagen: Thukydides hatte wie viele andere altgriechischen Schriftsteller einen recht guten Sinn für den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.

In der besagten philosophischen Lehre, in die ich eine Zeitlang gehen durfte, lasen wir einen großen Teil der Philosophien von der Antike bis heute  als „Antworten auf Thukydides und seine ultra-pessimistische Theorie“.

Belegt ist intensive Thukydides-Kenntnis und Auseinandersetzung bei Platon, bei Thomas Hobbes, bei Hegel und bei Nietzsche. Spuren davon meine ich davon auch noch zu finden in Luhmanns „Politik der Gesellschaft“. – Auch die christliche Philosophie – v.a. in ihren vielen Versionen bei Aurelius Augustinus – kann man auffassen als „Antwort auf die Frage, die Thukydides stellt und die er vollkommen pessimistisch beantwortet“.

Erstaunlich viele Philosophen haben ihre Philosophie nämlich entwickelt als Antwort auf einen mörderischen Bürgerkrieg, der nicht nur „bis aufs Blut“ ging, sondern der auch von einem „völligen Verfall der Sitten“ und einer „Umwertung aller (zu Friedenszeiten gültigen) Werte“ begleitet war. – Diese Umwertung wird schon von Thukydides selbst sehr plastisch und nachvollziehbar beschrieben.

Das heißt, ein wenig überspitzt: Man kann Philosophie auch sehen als Antwort auf den „Ausfall von Politik“, auf das komplette „Versagen der Gesellschaft“. Als Antwort auf das Phänomen, dass das, was uns sonst im Alltag den Boden unter den Füßen gibt (Regeln, die von uns und unseren Mitmenschen eingehalten werden, Verhaltensweisen, die wir als selbstverständlich annehmen dürfen), immer wieder völlig wegbrechen kann. – So dass im Ergebnis „Vertrauen in die Gesellschaft und in unsere Mitmenschen und in uns selbst“ als völlig naiv und ungerechtfertigt erscheinen muss…

Philosophie fängt also dort an, wo „die Gesellschaft“ und was sie leisten soll, ganz fundamental versagt. – Das bestätigt sich noch bis hin zu Philosophen wie Cicero und Macchiavelli, die genau dann vermehrt Philosophisches zu schreiben begannen, als sie persönlich „politisch erledigt“ waren.

Der Frieden die Ausnahme, der einander-zerfleischende Krieg die Regel: Es ist ein düsteres Bild, das Thukydides als Antwort auf einen grausamen Bürgerkrieg unter den alten Griechen gemalt hat. Ein Krieg, der über ca. 30 Jahre ging, in dem auch unzählige Kinder und Frauen auf grausamste Weise niedergemetzelt wurden („Griechen von Griechen“, DAS war für Thukydides und seine Zeitgenossen daran der Skandal, sonst wäre es für sie gar keiner gewesen, denn „zwischen Völkern“ war damals solches Auslöschen ganzer Städte und Dörfer vollkommen üblich…). Ein Krieg, an dem auch Thukydides selbst als (wenig erfolgreicher) Heerführer kurzzeitig beteiligt war. Und in dessen Folgen übrigens auch zwei Onkel Platons als Tyrannen über Athen zeitweise an die Macht kamen. – Neben dem „Tod des Sokrates“ ist diese „verwandtschaftliche Verkettung Platons mit der Politik“ sicherlich ein Hauptgrund, warum es die „Abendländische Philosophie“ in ihrer von Platon entscheidend geprägten Form überhaupt gibt.

Auf das düstere, pessimisstische Bild, das Thukydides malt, haben Platon, Augustinus, Hobbes, Hegel, Nietzsche und Luhmann völlig verschiedene Antworten gegeben.

Oder genauer gesagt: Sie haben völlig verschiedene Alternativen dazu entwickelt. Sehenden Auges, denn sie kannten alle Thukydides und sie kannten wohl auch alle „das Problem des Thukydides“. – Manche von ihnen aus eigener Anschauung; so wie Thomas Hobbes, der die ähnlich grausamen Religionskriege in England als Folge der Gründung der Anglikanischen Kirche und Trennung von der Römisch-Katholischen Kirche wohl „live und hautnah“ miterleben musste. Erlebnisse, die bei ihm zur ersten Beschreibung dessen führten, was wir seitdem als „die Instutition des Staates“ kennen, in seinem 1648 erschienenen „Leviathan“.

Hobbes ist im übrigen der optimistischste aller Thukydides -Beantworter unter den bisherigen Philosophen. – Das ist darum besonders tragisch, als er aufgrund des (unvollständig zitierten) Satzes aus der Vorrede zu „De Cive“ noch heute bei Vielen irrtümlich als „pessimistischer Philosoph“ gilt. Der Satz „Homo homini lupus“ („der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“) steht dort. – Und wird fortgeführt von „Homo homini deus“ („der Mensch ist dem Menschen ein Gott“). – Mit jener Nebeneinanderstellung gibt Hobbes zu verstehen, dass er keine „Anthropologie“ macht, keine Diskussion über „die gute oder schlechte Natur des Menschen“, sondern dass es rein von den Umständen abhängt, ob wir unterstützend oder tödlich füreinander sein können. – Denn das ist ein logischer Schluss aus der Annahme, dass BEIDE Sätze wahr sind.

Hobbes ist philosophischer Optimist. Denn ganz anders als Thukydides war er trotz der erlebten Grausamkeiten der Auffassung, dass wir als Menschen etwas machen können, um „unsere Umstände“ so zu gestalten, dass wir einander NICHT an die Gurgel gehen MÜSSEN. – Er untermauert das mit einer atomistisch-mechanischen Natur- und Körperphilosophie. Einerseits. Und einem Gottvertrauen, das er als durchaus gläubiger Mensch seinem christlichen Umfeld entnimmt andererseits. Dieses besagte in der Hobbes’schen Interpretation nämlich, dass a) Gott dem Menschen soweit vertraut, dass er dem Menschen die Erde und die Gestaltung seines kollektiven Schicksals auf ihr selbst in die Hand gegeben hat; und b) dass Gott gütig ist, weil er einfach gar nicht anders kann als „gut zu sein“; und dass c) folglich wir selbst schuld sind, wenn wir das vermasseln und uns „eine Hölle auf Erden“ schaffen, wie Hobbes sie selbst in seinem Leben zeitweise erleben musste.

Und der Erfolg gibt Hobbes‘ Theorie tatsächlich Recht: In Gegenden, in denen wir stabile Staaten haben, die das Gewaltmonopol erfolgreich an sich gerissen haben und flächendeckend ausüben, ist die „immer gegebene Gefahr zwischenmenschlicher, körperlich ausgeübter Gewalt“ (Luhmann) messbar gesunken. – Auf ein Ausmaß übrigens, das für ALLE Völker ALLER Kulturen vor uns unvorstellbar gewesen wäre. – Auch wenn wir Fans von Stings „History will teach us nothing“ sind, können wir immerhin anerkennen, dass ein gewisses historisches Bewusstsein einige Dinge ziemlich relativiert, bei denen wir uns sonst innerlich und äußerlich in Dramen verstricken würden. – Beschäftigung mit Geschichte KANN gelassener machen. Muss es aber nicht.

Was hat nun all dies eigentlich auf einem Blog verloren, der sich „in love with your company“ schimpft?

Neben der Gestaltbarkeit der Verhältnisse, die wir uns von Hobbes abschneiden und die wir auch leicht auf die Gestaltbarkeit von Rahmenbedingungen in Unternehmen übertragen können, gibt es noch einen zweiten philosophischen Thukydides-Kenner, der für mich persönlich interessant ist, wenn es darum geht, was Unternehmen leisten können und wie sie heute aussehen und wie sie in Zukunft aussehen könnten:

Hegel und seine „Grundlinien zur Philosophie des Rechts“.

In diesem schönen Machwerk, das so viele inspiriert und verärgert hat, beschreibt Hegel (neben vielem anderen), wie aus „dem Naturwesen Mensch“ das „Gesellschaftswesen Mensch“ wird und werden kann.

Er tut dies vor allem im dritten Teil der „Grundlinien“, in den „Systemen der Sittlichkeit“. – Dieser dritte Teil enthält zugleich die erste wirklich philosophische Beschreibung „der bürgerlichen Gesellschaft“, also dessen, was wir heute „die Wirtschaft“ nennen.

Das bedeutet nichts anderes als das der gute-schlechte alte Hegel der Meinung war, dass unternehmerisches Handeln uns „bildet“ und aus uns „bessere Menschen“ machen kann. Menschen, die qua Gewohnheit (Hegel ist AUCH Aristoteliker) auf Schicksalsschläge und tiefe Krisen einigermaßen moralisch zu antworten in der Lage sind.

Das ist das, was Hegel Thukydides‘ Verfalls- und Naturmord-Theorie entgegensetzt: Die Macht der guten Gewohnheit, hervorgegangen aus stabilen menschlichen Interaktionen in der Vergangenheit, die zur Erfüllung von Bedürfnissen geführt hat. Auf allen Seiten dieser Interaktionen.

Einige können sich vielleicht mein Erschrecken vorstellen, das ich als kleiner Ex-Philosophie-Student und Teilzeit-Hegel-Liebhaber erleben musste, als ich zum ersten Mal innerhalb eines Konzerns arbeitete, einem Konzern, der innerlich so beschaffen war, wie Konzerne heute eben so sind…

Was ich dort auch heute noch sehe, nicht nur aus eigenem Erleben und eigener Anschauung, sondern weil ich in meiner Tätigkeit als Coach sehr, sehr viele Menschen tiefer kennen lernen darf, Menschen, die aus Unternehmen kommen, die in Unternehmen gehen oder die sich innerhalb von Unternehmen verändern, ist:

So ungefähr das Gegenteil von dem, was Hegel in seiner Rechtsphilosophie beschreibt.

Kurzgesagt: Menschen, die sich in ihren Familien und Freundschaften zu wunderbaren, talentreichen und höchst sozialen Wesen entwickelt haben, werden in ihrer unternehmerischen Umwelt, in der sie einen Großteil ihrer Wachzeit als Erwachsene verbringen, systematisch in ihren psychischen Schlagseiten und niederen Instinkten ansgesprochen. – Unternehmen verstärken heute das Kranke in uns und sind überwiegend  alles andere als „Systeme der Sittlichkeit“, in denen wir uns menschlich weiter entwickeln können.

Viele Unternehmen betreiben heute „Humankapital-Dumping“: Sie nehmen fantastische, lebendige, charakterlich reiche Menschen auf – Und speien kaputte, völlig erschöpfte, zynische Wesen aus, die nur noch daran interessiert sein können, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen…

Nun bin ich nach all dem aber IMMER NOCH oder sogar um so mehr: Teilzeit-Hegelianier.

Das heißt: Mir steht deutlich vor Augen, dass Unternehmen nicht so sein müssen. Und mit ein bisschen Hobbes scheinen mir auch die Bedingungen halbwegs klar, die wir ändern müssen, damit Unternehmen echte „Bildungseinrichtungen“ (im Sinne von „learning on the job“) sein können, anstatt Humankapitalvernichtungsmaschinen:

1.) Alternative Herangehensweisen von uns allen an das Thema „Geldanlage“:

Nur wenn wir dazu beitragen, dass zwischen uns als Geldgebern/Eignern und uns selbst als Mitunternehmern echte Beziehungen bestehen, die diese Bezeichnung auch auf der menschlichen Ebene verdienen, nur dann haben „Manager“, „Geschäftsführer“ und co. überhaupt Spielräume, in den von ihnen verantworteten Unternehmen Strukturen zu schaffen und am Leben zu halten, die uns allen nützen und uns alle weiterbringen.

2.) Technische Lösungen für das logistische Problem von solch übergroßen Prozessketten in der industriellen Fertigung, die auf der menschlichen Ebene Entfremdung auslösen müssen.

Eine „Entfremdung“, die darin besteht, dass man „im Arbeitsalltag“ seine eigenen Bedürfnisse, die der Kunden, der Mitunternehmer und der Investoren aus dem Blick verliert. Dass dieser Verlust an Bedürfnisorientierung (und damit an „innerlicher Verbidnung zur eigenen menschlichen Substanz“) in Unternehmen als völlig normal erscheint. Man kennt es gar nicht anders, erwartet gar nichts anderes mehr. – Wer noch glaubt, wird mit dem Totschlagwort „Realismus“ als „naiv“ abgestempelt. Ende des Fühlens, Ende des Denkens, Ende des Gesprächs.

Gerade größere, komplexere, produzierende Unternehmen brauchen neue Lösungen, wie sie diejenigen Ressourcen zusammen bringen, die sie für die erfolgreiche Befriedigung von Kundenbedürfnissen genau dann genau da genau so zusammenbringen müssen. – Da diese großen, produzierenden Unternehmen „unser Bild von der Wirtschaft und vom Unternehmertum“ besonders stark prägen, scheint es mir unerlässlich, dass hier technisch neue Lösungen entwickelt werden, die es ermöglichen, dass auch in solchen Unternehmen im Auge behalten werden kann, worum es auch in solchen Unternehmen letztlich geht: Die Befriedigung bestimmter menschlicher Bedürfnisse, nämlich genau derjenigen menschlichen Bedürfnisse, auf die sich DIESES Unternehmen konzentrieren möchte und die das „innere Zentrum“ dieses Unternehmens bilden. Das, worin und warum alle Mitunternehmer dieses Unternehmens überhaupt zusammenkommen.

Kurz: Bleibt BMW BMW und Siemens Siemens, so wie wir sie heute kennen (sorry für diese Beispiele, ich bin halt Münchner), und entwickelt sich nur nebenher eine agileres, bedürfnisorientierteres Unternehmertum, sind die Chancen auf eine flächendeckende gesellschaftliche Veränderung „unseres Wirtschaftens“, wie sie mir vorschwebt, nach meiner Einschätzung eher gering.

Es ist durchaus viel verlangt von unseren geschundenen Unternehmen, die in hartem Wettbewerb mit anderen Unternehmen stehen, dass sie uns nun auch noch als Menschen „veredeln“ sollen, und das en passant, einfach dadurch, dass wir in ihnen arbeiten, und dort das machen, was es dort eben zu tun gibt, um den Unternehmenszweck zu erfüllen.

Ich denke dennoch, dass Unternehmen das Beste sind, was wir haben, wenn es darum geht, für uns als Erwachsene genau das zu leisten.

Besser als alle Hobbies, Sportvereine, Online-Foren und anderer Firlefanz der heutigen Welt.

Vielleicht nicht besser als die Familien, die wir selbst gründen. – Aber das ist ein anderes, ganz eigenes Thema, das wirklich nicht auf DIESEN Blog gehört.

Dass wir als Unternehmer hier bisher anhaltend versagen, halte ich für den größten Skandal unserer Zeit. Und das schönste Problem, das wir zu lösen haben.

Ein Problem, an dem heute bereits viele, viele Menschen, mit vielen, vielen verschiedenen Ansätzen arbeiten. Viele davon sehr erfolgreich.

Mich selbst stimmt dieser Ausschnitt aus „der Realität“ sehr optimistisch. Und zeigt klar, dass diejenigen, die sich für „Realisten“ halten und darüber in ihrem Herzen verbittern, einfach nur zu lange zu starr auf die falschen Dinge schauen.

Um den „philosophischen Bogen“ des Anfangs dieses Artikels zu Ende zu spannen: Dies hier ist die philosophische Position, bei der ich „am Ende“ gelandet bin, nachdem ich mich in ungefähr 20 Philosophien hineingefräst hatte. Philosophien, die alle in sich selbst so komplex waren und so eine Sogkraft entwickeln können, dass man vielleicht eher von „Welten“ sprechen müsste.

Dass ich über dieses Vorgehen, derart Widersprüchliches und Unverträgliches nacheinander und manchmal auch gleichzeitig zu schlucken, nicht völlig verrückt geworden bin (sondern nur so verrückt, wie ich heute eben bin), verdanke ich meinem philosophischen Lehrer Alfons Reckermann, dem ich auch an dieser Stelle noch einmal herzlich danken möchte für alles, was er für uns Studenten in seiner Zeit als unser Lehrer getan hat.

Ihm habe ich es zu verdanken, dass mich auch heute noch Gedanken wie der Folgende bewegen: Würde Hobbes heute leben, wäre er sicherlich ein wortreicher, kluger Gegner des Konzepts der Karriere in Unternehmen.

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