Der kalte Krieg in unseren Unternehmen – 60 glückliche Beilegungen

Mehr als 25 Jahre nach dem Ende des kalten Krieges in der Politik herrscht in unseren Unternehmen immer noch ein Krieg, der ebenfalls diese Bezeichnung verdient hätte: Der kalte Krieg zwischen Investoren/Besitzern/Management einerseits und „einfachen Mitarbeitern“/Kunden andererseits. Irgendwo dazwischen „im Sandwich“ stehen die „1st-Level-Führungskräfte“ und werden ihres Lebens nicht mehr froh.

Dieser Krieg ist etwas asymmetrischer als der, den es damals zwischen den USA und der Sowjetunion gab: Man hortet nicht auf beiden Seiten Atomsprengköpfe, geeignet beide Seiten gleich mehrfach auszulöschen. Man bedroht sich auf verschiedene Weise, aber kaum weniger existentiell:

Auf der Seite des Managements hortet man die Bedrohung durch Betriebsbedingte Kündigungen, Mobbing, Fusionierungen, Ausgliederungen, Outsourcing von Arbeit an Zeitarbeit und Arbeitnehmerüberlassungen im großen Stil, Verweigerung von interessanten Aufgaben oder größerer Beteiligung am Gewinn des Unternehmens („Gehaltserhöhungen“), Mitarbeiter-Bewertungen, und einiges andere mehr.

Auf der Seite der Mitarbeiter hortet man das ganze Arsenal der Betriebsrätlichen Blockademöglichkeiten, gewerkschaftlichen Streikrechte und individuellen Leistungsentzug („innere Kündigung“), sowie die ganze Bandbreite an Möglichkeiten, im Unternehmen trotz allem sein eigenes Süppchen zu kochen, sich „unentbehrlich zu machen“, mit Angeboten der Konkurrenz zu wedeln, sich klammheimlich im Unternehmen zu bedienen, den persönlichen Vorteil immer fest im Blick, „da das Unternehmen sich ja auch nicht um mein Wohlergehen kümmert“.

Wie in jedem Krieg gibt es auch in diesem kalten Krieg in den Unternehmen viele Menschen, die sich dem Krieg verweigern, die nicht mitmachen, sondern einfach kooperieren – und die daher die ersten Opfer sind, wenn die andere Seite einfach für sich weiter kämpft. Jeder von uns kennt solche bitter enttäuschten Menschen. Man erkennt sie oft an ihrem besonders ausgeprägten Zynismus und ihrer tief-depressiven Haltung allem gegenüber, was Arbeit und Unternehmen betrifft.

Und wie in jedem Krieg rechtfertigen BEIDE Seiten die Notwendigkeit der eigenen kriegerischen Aktivitäten damit, was die andere Seite macht. Das Management muss ja „solche“ Arbeitnehmer durch Bedrohungen zwingen, schieben, ziehen, schubsen, „weil sonst der ganze Laden auseinander fliegt“. Und die Mitarbeiter müssen ja „bei solchen Chefs“ Maßnahmen ergreifen, um nicht krank zu werden, keinen Schaden zu nehmen, dauerhaft für die eigene Familie zu sorgen und überhaupt ein halbwegs erträgliches Leben zu haben.

Bekanntlich ist die Sowjetunion an den zu hohen Kosten für Militärausgaben zu Grunde gegangen.

Nun gibt es viele Menschen, die glauben, „das müsste alles so sein“ und „dazu gibt es eben keine Alternative“. Menschen, für die es genauso unvorstellbar ist, dass der Kalte Krieg in unseren Unternehmen irgendwann ad acta gelegt ist, wie es für die meisten von uns vor über 25 Jahren unvorstellbar war, dass der Kalte Krieg in der Politik mittlerweile Geschichte ist (Wer glaubt, der aktuelle Russland-Konflikt um die Ukraine sei eine Neuauflage des damaligen Kalten Krieges, hat aus meiner Sicht ein äußerst kurzes Gedächtnis. Wir müssen heute nicht fürchten als Folge dieses Konflikts irgendwann als Spezies völlig ausgelöscht zu werden. Damals war das für uns sehr real, auch wenn wir uns Mühe gaben, es im Alltag zu verdrängen).

Nun gibt es aber ganz real einen Haufen von Unternehmen, in Deutschland wie weltweit, die „ihren kalten Krieg“ für sich jeweils erfolgreich beendet haben. Der Berater Gustave Käller, der sich seit vielen Jahren mit solchen Unternehmen beschäftigt, listet insgesamt 60 Unternehmen auf, die diesen kostspieligen kalten Krieg nicht mehr haben oder erkennbar auf dem Weg dorthin sind.

An sich müsste uns das aufhorchen lassen. Aber wir sind das, was in unseren Unternehmen läuft an täglichem Bedrohen und Bedroht-Werden, mittlerweile so sehr gewohnt, es ist so selbstverständlich für uns, und wir haben auch oft einen so hohen Preis gezahlt, uns damit zu arrangieren und daran anzupassen, dass das Interesse an diesen glücklichen Kriegsenden deutlich geringer ist, „als es eigentlich sein müsste“.

So zahlen wir den Preis für unsere tägliche Kriegsführung gegeneinander weiterhin. – Und träumen stattdessen weiter „von Unternehmen, wo alle an einem Strang ziehen“. Während es diese Unternehmen andernorts vereinzelt bereits gibt. In viel zu kleiner Zahl als dass wir berechtigt hoffen könnten, „heute oder morgen zu einem solchen Unternehmen zu wechseln“. – Aber wir kommen eben auch nicht auf die Idee, dass unser eigenes Unternehmen, in dem wir den kalten Krieg gewöhnt sind, ebenfalls seinen kalten Krieg beilegen könnte. – Denn das steht nicht in unserer Macht. Legen wir nur unsere individuellen kriegerischen Maßnahmen bei, sind wir die Verlierer im laufenden Spiel, das seine Regeln beibehält. Wir werden „Märtyrer des Unternehmertums“ – und der Kalte Krieg in unserem Unternehmen geht dennoch einfach weiter, nur eben ohne uns.

Erschwerend kommt hinzu: Nur weil der Kalte Krieg beendet ist, wird nicht einfach alles eitel Sonnenschein. Nach meiner Auffassung nehmen – ganz wie in der Weltpolitik – die lokalen Konflikte dadurch eher zu als ab.

Um mit diesen ganz normalen Konfliken im Unternehmen umzugehen, gibt es zwar ein Instrumentarium, aber seine Anwendung ist eben durchaus nicht immer angenehm. Es ist manchmal erfüllend, aber manchmal auch einfach harte tägliche Arbeit. Beziehungsarbeit.

Und auf die haben viele von uns keine Lust. – Da leben wir lieber weiter im Kalten Krieg, den wir kennen und den wir gelegentlich auch erfolgreich zu führen verstehen.

Und verlieren dabei alle. Denn Militärausgaben sind keine produktiven Investitionen. Militärausgaben sind nur Investitionen in Schadensbegrenzung, die selbst den Schaden hervorbringen, den sie begrenzen sollen. – Wird dieser „Posten“ frei, hat ein Unternehmen und haben auch die individuellen Mitunternehmer Kräfte frei, die andere, die weiter kalte Kriege führen müssen, um nicht unter die Räder zu kommen, für Unproduktives vergeuden müssen.

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