Leben ist von Grund auf parasitär – Warum es unsere Unternehmen dennoch nicht sein sollten

Spätestens seit dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik ist es offiziell: Unser Universum strebt von einem Zustand relativer Ordnung und höherer Organisation systematisch zu einem Zustand relativen Chaos‘ und geringerer Organisation (Mal sehr frei interpretiert…).

Auf diese „physikalische Tatsache“ bezogen sieht „das Leben“ aus wie ein ziemlich auffälliger Ausnahmefall: Es nutzt die physikalischen Zerfallsdynamiken systematisch aus, um Systeme höherer Ordnung und Komplexität aufzubauen und zu erhalten.

Und in dieser Hinsicht ist Leben von Grund auf parasitär: Es nährt sich von Stoffen und Energien, die es nicht selbst hervorbringen kann und für die es im Austausch nichts bereit stellt.

Das beginnt mit den Chlorophyl-nutzenden Pflanzen, die das Sonnenlicht als Energiequelle benutzen. Es geht weiter mit Organismen, die sich von diesen Pflanzen ernähren. Und geht noch weiter mit Tieren, die sich von diesen Organismen ernähren. Und endet alles bei uns, die wir ohne parasitäre, also rein räuberisch-ausbeuterische Nutzung von diesen Tieren und Pflanzen und Pilzen und was weiß Gott noch alles niemals die sein könnten, die wir sind und als die wir uns immer neu erschaffen und erfinden.

Wir können also davon ausgehen, dass es die Sonne nur deswegen noch gibt, weil sie…

a) …150 Mio. km entfernt ist

b) … außen ca. 6000° heiß ist

und c) … es den Pflanzen daher bisher noch nicht gelungen ist, einen Weg zu finden, ihre Energie direkter anzuzapfen, also „zur Quelle“ vorzudringen… 😉

Das tierisch-übliche ist dagegen, zu der Quelle vorzudringen und sie nach Möglichkeiten völlig auszuräubern.

Dass das Leben eine parasitäre Veranstaltung ist, ist also eher der Normalfall und eine Selbstverständlichkeit. – Kooperativität und Austausch zum wechselseitigen Nutzen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse auf beiden Seiten ist dagegen die Ausnahme – physikalisch-biologisch-kosmologisch gesehen zumindest.

Wenn wir nun den Blick schwenken, von unserem „kosmischen Trip“ runterkommen und mal das Wirtschaftsgeschehen in Augenschein nehmen, fällt uns auf: Auch hier sind viele „Entitäten“ höherer, komplexerer Ordnung unterwegs, die das mit dem Parasitären voll verstanden und verinnerlicht zu haben scheinen: Viele unserer Unternehmen nämlich, die sich dadurch bilden, dass sich ein paar komplexere Tiere zusammen getan haben, um ein paar andere komplexere Tiere, „Kunden“ genannt, nach allen Regeln der Unternehmenskunst auszubeuten.

Dazu werden Techniken genutzt, die man sich – in bester Bionik-Manier – von der Venusfliegenfalle abgeschaut zu haben scheint. Die Spezialisten für die Nutzung dieser Variante der Bionik finden sich bevorzugt in den Vertriebs-, Personal- und in den Marketingeinheiten der betroffenen Unternehmen.

Nun sind „Unternehmen“ aber historisch entstandene Gebilde (wie btw alle Lebewesen). Das heißt: Es gab nicht „zu allen Zeiten“ Unternehmen. Es gab eine Zeit, zu der es sowas wie Unternehmen nicht gab. Diese Zeit ist – je nach gewählter Definition dessen was „ein Unternehmen“ ist – zwischen 200 und 200.000 Jahre her. In jedem Fall gab es „vorher“ andere Sozialformen, die allesamt auf den biologischen Eigenheiten der versprengten Gattung des sogenannten „Homo sapiens“ aufbauten, um sich zu bilden und zu erhalten.

So machte man sich die dort vorhandenen Spiegelneuronen zunutze, bestimmte Formen der Verhaltensabstimmung über Hormonelle Reaktionen, die eingebauten Feedbackschleifen in den cerebralen Mustern und noch einiges andere mehr. – Heraus kamen Wesen, die ihre Überlebensfähigkeit erhöhen konnten, indem sie zu kooperativem und abgestimmtem Verhalten fähig waren und sich nicht immer bei der nächstbesten Gelegenheit – Ressourcenknappheit, Konflikte aller Art – zerfleischen mussten aufgrund ihrer biologischen Ausstattung.

So weisen jüngere Studien nach, dass konkurrenzorientierte Tiere große Nachteile haben, sobald eine Spezies auf den Plan tritt, die kooperationsorientiert ist, da diese gemeinsam bessere und stabilere Ergebnisse erzielt, während aus konkurrenzorientierten Tieren gebildete Einheiten permanent von Verfall bedroht sind (Nachzulesen im Kapitel 17, S. 285 des hier verlinkten Buches).

Kurz: „Unternehmen“ treten nicht irgendwann auf den Plan, sondern zu einem Zeitpunkt, an dem wir uns bereits von „den Gesetzen des Dschungels“ weit entfernt hatten und zur besseren Verhaltens- und Handlungsabstimmung fähig waren.

Demzufolge sind viele der parasitär agierenden, rein räuberischen Unternehmen, die wir heute haben, als echter Rückfall in Zeiten zu verstehen, die wir als Gattung bereits längst überwunden hatten. Ein evolutionär notwendiger Rückfall, vielleicht. Aber keinesfalls ein Rückfall für alle Zeit.

In der Tat sieht es an vielen Stellen im heutigen Wirtschaftsgeschehen so aus, als würden wir gerade beginnen, jenen darwinistischen Rückfall wieder einzugemeinden. D.h. wieder vermehrt von den biologischen Gegebenheiten Gebrauch machen, die uns befähigen, unsere Bedürfnisse aufeinander abzustimmen und kooperativ zu handeln anstatt räuberisch bis auf das der letzte Tropfen der ausgebeuteten Ressource aufgebraucht ist. (wenn man so will: das „Bonobo-Imperium“ kannibalisiert gerade das „Schimpansen-Imperium“).

Und im Grunde wissen wir: Wir sind im Bonobo-Style deutlich glücklicher als im Schimpansen-Style. – Das sagt einiges aus über „unsere Natur“. Und über „die Natur unserer Unternehmen“.

Es ist also vielleicht wirklich an der Zeit, dass wir die parasitäre Denaturierung des Unternehmertums wieder einfangen und Bedürfnisorientiertes Unternehmertum systematisch vorantreiben, fördern, ins Leben bringen und am Leben halten. – Also unsere Energie, unseren Erfindungsreichtum, unsere Arbeitskraft unsere finanziellen Ressourcen genau denjenigen Unternehmen zur Verfügung stellen, die genau deswegen existieren, weil sie ihren Kunden etwas Bestimmtes zu geben haben / geben wollen. – Nicht länger Unternehmen, die gegründet werden, um „bestimmte Märkte auszubeuten“. Also: Dass wir uns mit Blick auf unser eigenes Glück weigern, uns weiterhin rechtlich abgesicherten Räuberbanden anzuschließen. Und statt dessen Beiträge zu Unternehmen leisten, die nicht „don’t do evil“ auf ihrer Fahne stehen haben, sondern „we’re doing THIS good“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s