Sich selbst gut schützen – Emotionale Sicherheit in Unternehmen

Wir alle haben zahlreiche Strategien entwickelt, um unser Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit zu befriedigen. Und in unserer Zusammenarbeit mit anderen Menschen in Unternehmen werden wir alle häufig auf dieses breite Repertoire zurückgreifen, um uns auch im Unternehmens-Kontext emotionale Sicherheit zu verschaffen.

Will man den aktuellen Befriedigungsgrad seines Bedürfnisses nach emotionaler Sicherheit steigern, gibt es u.a. zwei Wege, denen man sich zuwenden könnte:

1.) Man kann schauen, ob es zusätzlich zu den etablierten weitere, zusätzliche Strategien gibt, die für einen im eigenen Unternehmen, bei der eigenen Arbeit gut funktionieren. Also das eigene Strategie-Repertoire erweitern.

Eine erste Anlaufstelle und inspirierende Quelle hierfür kann z.B. Gerlinde Ruth Fritsch‘ Buch „Praktische Selbst-Empathie“ sein. Dort werden als Möglichkeiten für die Befriedigung unseres Grundbedürfnisses nach Emotionaler Sicherheit u.a. folgende Strategien aufgelistet (S. 95f.):

„- In guter Verbindung zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen stehen – in jedem Moment.
– Loyalität gegenüber Abwesenden zeigen.
– Auf meine innere Stimme (Intuition) oder das „komische“ Gefühl achten und diese ernst nehmen.
– Mich mitteilen, wenn ich traurig oder besorgt bin.
– Mich nicht darauf verlassen, dass andere mich gut behandeln (= meine Sicherheit nicht an andere delegieren), sondern mich selbst gut behandeln, indem ich auf meine Bedürfnisse achte und für ihre Erfüllung sorge.
– Weil andere meine Gedanken nicht lesen können: Meine Bedürfnisse und Bitten mitteilen, was konkret ich möchte und was nicht, damit sie darauf eingehen können.
– Konkrete, spezifische Bitten an andere richten, so dass sie wissen, was sie für mein Bedürfnis nach Sicherheit tun können.
– Selbst eine Atmosphäre emotionaler Sicherheit kreieren: mitfühlend und menschlich auf andere reagieren.
– Langsam, Schritt für Schritt auf andere zugehen: Z.B. mich nach und nach in neuen Beziehungen offenbaren und jeweils abwarten, wie der andere auf das reagiert, was ich gerade von mir selbst erzählt habe.
[…]
– Mich an meine Werte halten, unabhängig davon, was andere von mir möchten.
– Auf ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen achten.
– So viel geben, wie für mich stimmig ist (wie ich von ganzem Herzen geben kann)
– So viel nehmen, wie für mich stimmig ist (wie ich von ganzen Herzen nehmen kann)
[…]
– Auf meine Körpersignale achten: Was sagt mein Körper, wenn ich mit jemandem zusammen bin? Bin ich entspannt und ruhig oder zieht sich etwas in mir zusammen? Womit genau hat das zu tun?
– Auf meine Nachtträume achten: Was träume ich über jemanden? Habe ich vielleicht tagsüber etwas übersehen?
– Anderen Menschen jegliche Macht entziehen, mich demütigen, anklagen oder herabsetzen zu können, indem ich alles, was sie sagen, höre als „Ich empfinde Schmerz! Eines meiner wichtigen Bedürfnisse ist unerfüllt!“ – und es in Gefühle und Bedürfnisse zu übersetze. [Anmerkung AI: Gemeint ist hier, dass die Verantwortung für die Unerfülltheit voll beim Anderen bleibt, dass ich nicht die Erfüllung übernehme, wenn ich so hinhöre, was beim anderen Unerfüllt sein könnte]
– Mich mit Menschen umgeben, die mir wohltun und von denen ich mich als nicht bedroht erlebe.
[…]“

Man muss nattürlich nicht unbedingt auf Strategien aus der Gewaltfreien Kommunikation / Non-violant communication (GfK / NVC) zurückgreifen, um sich seinem Bedürfnis nach Emotionaler Sicherheit im Unternehmen zuzuwenden. Es gibt zahlreiche andere gute und effektive Ansätze, wobei der eine Ansatz in der einen Situation effektiver ist, der andere Ansatz in einer anderen Situation. Z.B. hier findet man etwas dazu:

http://holgereckstein.de/nie-den-kontakt-zur-eigenen-seele-verlieren/

http://www.youtube.com/watch?v=2gA6BK2DyGA (Danke Daniel Draeger für den Link!)

2.) Man kann in Unternehmen diejenigen Störungen beseitigen, die es Mitarbeitern im Unternehmen schwerer machen, die für sie funktionierenden Strategien anzuwenden, also ihr ganzes, vorhandenes Repertoire auch auszuschöpfen.

Das, was Mitarbeiter davon abhält, Strategien aus ihrem Repertoire auch einzusetzen, kann vieles sein, je nachdem welche Störungen im jeweiligen Unternehmen gerade dominieren.

Einige Anregungen, was man als / im Unternehmen tun kann, wenn man die Emotionale Sicherheit im Untenrehmen erhöhen will, finden sich hier:

https://www.xing.com/net/qualitativemarktwirtschaft/bausteine-und-ausgangspunkte-einer-qualitativen-marktwirtschaft-734388/die-vollstandige-uberwindung-der-strukturellen-gewalt-in-unseren-unternehmen-und-die-produktiv-krafte-die-dadurch-frei-werden-43506553/ (Im unteren Teil des Artikels, ab „2.) Die Form der Überwindung“)

https://www.xing.com/net/qualitativemarktwirtschaft/fact-follows-fiction-was-gibt-es-heute-noch-nicht-in-unternehmen-sollte-es-aber-geben-711193/die-entstorung-der-individuellen-beziehung-der-mitunternehmer-zur-unternehmens-mission-43383623/ (Wenn man Mut zur „großen“, systemischen Lösung hat)

https://www.xing.com/net/qualitativemarktwirtschaft/fact-follows-fiction-was-gibt-es-heute-noch-nicht-in-unternehmen-sollte-es-aber-geben-711193/die-entstorung-der-individuellen-beziehung-der-mitunternehmer-zur-unternehmens-mission-43383623/ (Abschnitt EMOTIONALE SICHERHEIT)

Wichtiger als das WIE ist in jedem Fall das WARUM ein Unternehmen versucht, das Niveau an Emotionaler Sicherheit zu erhöhen, bzw. seine Erhöhung zuzulassen und dieses Niveau in Zukunft weniger zu senken.

Denn bei einzelnen Menschen im Unternehmen ist es selbsterklärend, warum sie eine ihrer Strategien einsetzen, um sich ihrem Bedürfnis nach Emotionaler Sicherheit zuzuwenden und für seine Erfüllung zu sorgen: Ein Bedürfnis ist aktuell unerfüllt. Mehr „Begründung“ braucht es hier nicht.

Bei Unternehmen ist der Zusammenhang in den meisten Fällen leider (noch) weniger selbsterklärend. Im Grunde ist der Zusammenhang aber der Gleiche: Auch hier sind zahlreiche Unternehmensbedürfnis aktuell unerfüllt, z.B. die Produktivität ist weit unter ihren Möglichkeiten, das Commitment der Mitarbeiter ist gering, die Reaktionszeiten auf Impulse von Außen sind langsam, und die letzte echte Innovation ist auch schon länger her…

Nur ist hier das verstärkte Zulassen, dass Mitarbeiter sich ihr Bedürfnis nach Emotionaler Sicherheit leichter und besser erfüllen können, selbst eine „Strategie“. Die „Bedürfnisse“ sind andere. Allenfalls metaphorisch lässt sich sagen, „das Bedürfnis des Unternehmens nach Emotionaler Sicherheit ist aktuell nicht sonderlich gut erfüllt.“

Ein Unternehmen muss also den Zusammenhang anerkennen, der zwischen dem besteht, was für das Unternehmen wichtig ist, und den Möglichkeiten seiner Mitarbeiter, sich ihr Bedürfnis nach Emotionaler Sicherheit im Unternehmens-Kontext effektiv und zeitnah erfüllen zu können (und ohne übertriebenen Aufwand oder individuelle Folgekosten ihrer individuellen Strategien).

Diese Anerkennung fällt vielen Unternehmen offensichtlich schwer.

Investoren, Geschäftsführer und Führungskräfte (so noch vorhanden) haben einfach einen anderen Fokus. Einen Fokus, der es ihnen schwer macht, auf solche Zusammenhänge zu achten.

Man tut also alles mögliche, um die Produktivität zu steigern, das Commitment der Mitarbeiter zu erhöhen, die Reaktionszeiten auf Impulse von Kunden zu beschleunigen oder Innovationen zu erzwingen.

Aber all das, was man tut, ist a) teuer und b) wenig effektiv.

Das Unternehmen bleibt – ohne die Anerkennung des Zusammenhangs zwischen den jeweiligen Unternehmensbedürfnissen und den individuellen Bedürfnissen der Mitarbeiter – weit unter seinen Möglichkeiten.

Und es ist entscheidend, „dass die Indirektheit gewahrt bleibt“: Ein Unternehmen kann nichts „machen“, um die Emotionale Sicherheit seiner Mitarbeiter unmittelbar zu steigern. Es kann nur aktiv Dinge abschaffen, die verhindern, dass die Mitarbeiter selbst ihr immer vorhandenes Repertoire an Bedürfniserfüllungsstrategien auch nutzen.

Es geht also mehr um ein „Aufhören zu verhindern“ als um ein „Anfangen zu tun“.

Das ist für „die Macher im Unternehmen“ schwer zu schlucken. – Aber so lange sie das nicht schlucken können, bleiben ihre Unternehmen eben unter ihren Möglichkeiten.

Es geht hier um eine bisher oft willkürlich und ohne Not ausgeschlossene Unternehmensstrategie, die denjenigen Unternehmen deutliche Wettbewerbsvorteile verschafft, die in der Lage sind, diese Strategie im Unterschied zu all ihren Mitbewerbern anzuwenden.

Die „Strategie“ lautet: Den Mitarbeitern systematisch ermöglichen, für ihre Emotionale Sicherheit selbst sorgen zu können. Alles beseitigen, was Mitarbeiter davon abhalten könnte, für die eigene Emotionale Sicherheit im Unternehmen zu sorgen.

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