Ein greifbares Sinn-Angebot des Unternehmens an „seine Menschen“

„Warum wollen Sie für uns arbeiten?“ fragen manche Unternehmen Bewerber, um etwas darüber herauszufinden, was diese motiviert.

Eine sinnvolle Antwort auf diese Frage ist: „Sagen Sie es mir: Warum könnte ich für Sie arbeiten wollen?“

Denn umgekehrt wird ein Schuh draus: Unternehmen müssen ihren zukünftigen wie gegenwärtigen Mitunternehmern ein greifbares Sinn-Angebot machen.

Es den Mitunternehmern selbst zu überlassen, „einen Sinn in ihrer Tätigkeit für unser Unternehmen zu finden“ ist nur vordergründig eine Würdigung ihrer Freiheit und Selbstbestimmung. In Wirklichkeit zeugt dies von einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegenüber der Sinn-Dimension von Unternehmen. Denn der Sinn des GEMEINSAMEN Unternehmens kann nur gemeinsam definiert werden, nicht individuell. Natürlich findet jeder auch etwas Besonders für sich im gemeinsamen Unternehmen. Aber vorher muss erst einmal klar sein, um was es bei dem Gemeinsamen überhaupt geht. Das wird aber in vielen Unternehmen niemals wirklich geklärt. Stattdessen arbeitet man sinnlos vor sich hin und aneinander vorbei.

Diese Komplett-Individualisierung der Sinn-Dimension ist daher zugleich auch ein kapitaler unternehmerischer Fehler. Denn REIN TECHNISCH ist in einem Unternehmen, das kein einheitliches Sinn-Angebot macht, Orientierung nicht möglich. Diese fehlende Orientierung kann durch nichts kompensiert werden. Auch nicht durch „Führung“. Dass PERSONEN Orientierung stiften könnten, wenn es keinen echten Unternehmens-Zweck gibt, ist einer der immer noch am weitesten verbreiteten Irrtümer unserer Tage.

Ist nicht geklärt, was der Sinn eines Unternehmens ist, wird es für selbsterklärend oder einfach für unnötig gehalten, ist es – wiederum – REIN TECHNISCH nicht möglich, das im Unternehmen ein Zustand enstehen kann, in dem alle in die gleiche oder auch nur eine ähnliche Richtung ziehen.

Machtkämpfe und Egoismen im Unternehmen werden auf diese Weise vorprogrammiert. Nicht weil „Menschen halt nun mal egoistisch sind“, sondern weil das Unternehmen es versäumt hat, sich um ein Sinn-Angebot zu kümmern, das Mitunternehmer nun mal brauchen, um ihre immer vorhandene Selbstsorge an eine gemeinsame Aktivität anzukoppeln und mit ihr abzustimmen.

Mitunternehmer können in einem Unternehmen keinen Sinn finden, das sich keinen Sinn gegeben hat, sondern nur „existiert“ (genauer: auf hoher Betriebsamkeitsstufe, in nacktem Aktionismus dahinvegetiert).

In einem Unternehmen, das dagegen völlig klar zum Ausdruck bringt, warum das Unternehmen existiert, wofür es da ist, aus welchem Grund, zu welchem Zweck man hier zusammen arbeitet:
In so einem Unternehmen wird ein Dialog auf Augenhöhe möglich. Auch schon und gerade im Bewerbungsgespräch. Denn erst dann macht es Sinn über Sinn zu sprechen: „Was wir der Welt geben wollen“ trifft dann auf „Was Sie der Welt geben wollen“. Und man kann DANN gemeinsam schauen, ob auch DAS zusammen passt.

Die einseitige Frage an einen Bewerber nach seiner intrinsischen Motivation ohne echtes Gegenangebot („unsere intrinsische Motivation“) ist eine Farce und entlarvt das Unternehmen als innerlich hohl, orientierungslos. Eine reine Gelderzeugungsmaschine eben, an der sich alle gleichermaßen auf Kosten von Kunden und/oder Investoren und/oder anderen Bestandteilen der Unternehmensumwelt bereichern wollen. Nach der Devise: „Schnapp Dir ein möglichst großes Stück vom Kuchen – Und dann renn, so schnell Du kannst!“

Das kann für Menschen völlig passend sein, die noch in einem Bewusstseinsstadium sind, in dem Erfolg „möglichst geschickte Ausbeutung“ bedeutet. – Allen anderen Menschen ist allerdings von einer Tätigkeit für solche Unternehmen abzuraten. Sie vergeuden dort ihr Potential, ganz egal wie interessant die Aufgaben scheinen mögen, wie nett die Kollegen scheinen mögen und wie hoch der Zugewinn an Einnahmen und Status ist.

Denn in einem Unternehm ohne Sinn-Angebot ist es unmöglich, der Welt etwas zu geben, was man ihr gerne geben kann und möchte. Die eigene Motivation geht unter, sie wird von einer leeren Maschinerie geschluckt, die allein der Anhäufung von Zahlenkolonnen dient.

Das tötet die Seele. Es tötet die die Seele über kurz oder lang, völlig unvermeidlich. Denn Unternehmen ohne Sinn-Angebot sind Gebilde, die man als „kollektiver Nihilismus“ bezeichnen kann.

Das kann man auch beobachten: Menschen, die in solche Unternehmen einsteigen, sind anfangs oft hoch motiviert. Kann man sie über mehrere Jahre begleiten und ihre Veränderung beobachten, bemerkt man ohne Ausnahme, dass Ihnen ihre intrinsische Motivation, ihre Eigenmotivation über einen persönlichen Sinn durch ihre Zeit in solchen Unternehmen abhanden kommt. – An deren Stelle tritt eine gewisse Bequemlichkeit, Ablenkungen und die Motivation durch extrinsische Anreize: Sie werden zu impotenten Ochsen, die sich von ebenso orientierungslosen Ochsenführern am Nasenring mal hierhin, mal dorthin ziehen lassen.

Aus meiner Sicht kommt das einer Verletzung der Menschenwürde gleich. Da die Sklaverei aber formal abgeschafft ist, muss man sagen: Hier lassen Menschen es zu, dass ihre Würde verletzt wird. – Letztenendes muss ihre Entscheidung, für solche sinnbefreiten Unternehmen zu arbeiten, daher als Selbstverletzung verstanden werden: Mit der Unterschrift unter den Arbeitsvertrag mit einem solchen Unternehmen geben sie ihre berufliche Würde auf. – Die Folge ist eine falsch verstandene „Professionalität“: Von nun an lassen diese Menschen jeden Morgen, wenn sie das Unternehmensgebäude betreten, einen Teil ihrer Seele am Eingang zurück. Tag für Tag. Und irgendwann vergessen sie, dass es diesen Teil ihrer Seele gibt. Und wenn sie sich doch einmal daran erinnern, dann tun sie sich selber offen gewalt an und entwerten diesen Teil ihres Selbst als „mein jugendlicher Idealismus“ an dessen Stelle heute „ein klarerer Blick auf die Realitäten des Berufslebens“ getreten sei.

Die Wahrheit ist aber: Sie haben sich ihre Würde abkaufen lassen von wertlosen, leeren Gebilden, die ihre Lebenszeit, ihre Arbeitskraft und ihre menschliche Findigkeit niemals verdient hatten.

Aber es ist in der Regel extrem schmerzhaft, daran erinnert zu werden, v.a. wenn man schon viel Zeit seines Lebens derart sinnlos verbracht hat. Daher lasst uns darüber lieber nicht weiter reden. Man meint es ja nur gut. Man will ja keinem weh tun… 😉

P.S. „Sinn“ hat immer die Form einer „Beziehung“. Mein Plädoyer im wirtschaftlichen Kontext ist, dort „sinnvolle Beziehungen“ so zu verstehen, dass es um das geht, was man „gerne gibt“. Sinnvolle Unternehmen sind also Unternehmen, in denen man zusammenkommt, um gemeinsam zu geben. D.h. mit Blick auf einen gemeinsamen, auf die Kunden gerichteten Zweck zusammen zu arbeiten. Daher tut jedes Unternehmen, das seinen Mitunternehmern ein „Sinn-Angebot“ machen will, gut daran, immer wieder mal neu zu klären, „was wir hier eigentlich gemeinsam geben wollen“. Also auch: Was uns alle glücklich macht, wenn wir DAS für unsere Kunden erreichen.

Das ist sinnhaftes, wirklich unternehmerisches Handeln. Ohne die Ausrichtung auf einen echten Kundennutzen ist Unternehmertum unmöglich.

Man kann natürlich auch „sich bereichern“ als Unternehmenszweck verstehen. Aber dann wird der eigentliche Unternehmenszweck selber nur Mittel zum Zweck: „Wir befriedigen Kundenbedürfnisse, um uns durch eine möglichst geschickte Befriedigung dieser Kundenbedürfnisse zu bereichern.“ Aus meiner Sicht handelt es sich hier um einen Pseudo-Sinn, dem in Wahrheit der Beziehungsaspekt völlig abgeht. An die Stelle echter Beziehung tritt die Ausrichtung auf Zahlentürme, die immer noch höher werden sollen, aus reinem Selbstzweck, ohne Sinn und Verstand. Aus diesem Grund stürzen auch so viele Menschen (eigentlich „ganz gesund“) in eine persönliche Sinn-Krise, wenn sie lange solchen Zwecken gedient haben: Sie können einfach keine Motivation mehr daraus ziehen, dass der Zahlenturm, an dem sie mitbauen, „noch ein bisschen höher wird“.

 

[Dieser Artikel ist die leicht gekürzte Version eines Beitrags, der erstmals am 16.02.2013 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing erschienen ist.]

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