Genaues Benennen eigener Gefühle im Unternehmens-Kontext

Hier befinden wir uns schon im Bereich „ganz großes Kino“. Denn dass in Unternehmen überhaupt über Gefühle gesprochen wird, dürfte eher eine Seltenheit sein.

Findet es aber doch mal statt, nehmen wir uns eher selten die Zeit, die wir brauchen, um erst einmal für uns zu klären: WELCHES Gefühl habe ich eigentlich gerade?

Ich habe zu dem Thema eine Vermutung, bin mir aber nicht absolut sicher, ob ich damit richtig liege:
Weil unser psychisches System sich davor schützen will, zu stark irritiert zu werden, neigen wir dazu, bei der Benennung unserer Gefühle im Unternehmenskontext systematisch „zu verrutschen“: Wenn wir wütend sind, sprechen wir davon, dass wir traurig sind. Wenn wir traurig sind, sprechen wir von Angst. Wenn wir Angst haben, geben wir vor, wütend zu sein. Und am häufigsten heucheln wir Freude, wenn in uns gerade lauthals andere Gefühle rumoren.

Wie gesagt: Das ist legitimer Selbstschutz, wenn das so ist. Dieser Selbstschutz ist die Antwort unseres psychischen Systems auf Erfahrungen im und außerhalb des Unternehmenskontexts, die besagen: „Das Offenbaren der aktuellen eigenen Gefühle kann schmerzhafte Folgen haben – Das will ich in Zukunft vermeiden.“

Dieses unser Verhalten hat aber einen großen Nachteil: Die Anderen können uns, unseren Zustand und unsere Wünsche auf diese Weise schlecht einschätzen. Wir führen sie durch diese Form unseres Selbstschutz‘ systematisch in die Irre. Wir generieren ein falsches Bild von uns, die anderen Menschen um uns herum stellen sich dann auf dieses falsche Bild ein, nicht auf das, was bei uns gerade wirklich los ist. Für gelungene Interaktionen und eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind das denkbar schlechte Voraussetzungen. Wir dürfen uns, wenn wir uns regelmäßig verstellen, auch nicht wundern, wenn sich alles so anfühlt, als müssten wir es uns „hart erkämpfen“ oder als würden wir „missverstanden“. Wir selber haben es unserer Umwelt ja verdammt schwer gemacht zu erkennen, wer wir sind, wo wir stehen und was wir brauchen.

Umgekehrt kenne ich viele Fälle aus dem Business-Kontext, bei denen einer der Beteiligten in einer heiklen, emotional angespannten Situation plötzlich (manchmal für ihn selbst überraschend) auf ehrliche Selbstoffenbarung schaltete. Manchmal auch einfach, um den subjektiven Druck für sich aus der Situation zu nehmen.

Und in all diesen mir bekannten Beispielen war die Reaktion des oft durchaus nicht grade freundlichen Umfelds die Gleiche: Die Lage entspannte sich schlagartig, der „Selbstoffenbarer“ bekam plötzlich ganz mühelos, was er wollte, und in vielen Fällen resultierte daraus sogar unverhofft eine ab da an entspannte, freundliche und belastbarere Beziehung, die vorher wirklich unvorstellbar war.

Um das „Quick-win-tool“ Selbstoffenbarung von eigenen Gefühlen nicht nur unbewusst anzuwenden, sondern systematisch, braucht es allerdings eine ganze Menge:

* Mut, denn echte Selbstoffenbarung kostet fast immer echten Mut, „sich ein Herz fassen“, grade auch im Business-Kontext, wo wir gewohnt sind, uns durch mehrere Schichten Schutzpanzer zu schützen und bloß keine Gefühle zu zeigen.

* Ein gewisses Differenzierungs-Vermögen oder die Fähigkeit zu einem Experimentellen-Modus, inklusive „Antesten“. Denn nicht immer und überall ist direkte Selbstoffenbarung etwas, das zu Gutem führt. An der falschen Stelle eingesetzt, kann man sich damit auch selbst „noch einmal beweisen“, dass „in dieser Welt Selbstoffenbarung immer und überall von Übel ist“. Wann und wo und mit wem „falsche Stellen“ sind, wer will das schon sagen können? – Hier kann uns nur unsere Intuition helfen. Mit der eigenen Intuition kann man aber besser oder weniger gut verdrahtet sein. Regelmäßiges Meditieren oder auch nur ruhiges Spazierengehen erleben die meisten Menschen, die ich kenne, als sehr hilfreich in dieser Hinsicht.

* Schließlich die Fähigkeit, sich gerade in dem Augenblick, „in dem die Gefühle hochschwappen“, Zeit zu nehmen, um zunächst einmal selbst über die eigenen Gefühle klar zu werden. Denn nur wer für sich klar ist, kann sich Anderen klar über seine inneren Zustände mitteilen. – Wer sich ständig unter Druck setzt, immer verfügbar zu sein und immer unmittelbar antworten zu können, nimmt sich DIESE Zeit in der Regel nicht. Und „verrutscht“ dann eben auch mal leicht, wenn er dann doch einmal in den Selbstoffenbarungsmodus schaltet.

Zur besseren Verständigung in Unternehmen ist Klarheit über die jeweils eigenen Gefühle eine richtig gute Voraussetzung.

 

[Dieser Artikel war der Startbeitrag zu einem intensiven und sehr produktiven Austausch im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ zwischen dem 27.01.2013 und dem 06.02.2013. Dieser Austausch wurde nicht mitkopiert, kann aber bis auf Weiteres hier nachgelesen werden.]

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